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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt (61): Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt — 1919 (September bis Dezember)

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Nr. 228-254 (1. Oktober 1919 - 31. Oktober 1919)
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https://doi.org/10.11588/diglit.3728#0262
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rE H-'narrs LSer de,r Kttis. dem es ursprunal.Ä ann^rte V r
Vielcn Lieüern ist ja die Schlukwenduna ^ r-ndeu «^r s
uns dkes Liedlein san«? llnd es stnd: »Drel ^wn^auLrn . .^jwe
Mann Soldaten". .Lwei Husaren aui der Wacht u. derkl.

Das Volkslie- offenbart »roke Schät;e reliaiösen Empfindens rm
geistlichen Dolkslied. wo es als Wallfalirts-. Marien-. Heiügen- uiw
Dittlied auftritt. Sehr viele dieser L'.edermelodien smd in die
Kirche herübergenommen worden. wo sie seit .^ahrhunderten die we-
meinde durch ihre innige SchUchtheit immer wieder erschüttern.

Das Motiv der meisten Volkslieder aber ist die Liebe. Von
Liebcsfreud und -Leid. Liebesschnsucht. Abschiedsschmerz, vom Wie-
derschen und Nimmerwiedersehen. Trmierklagen um die
Crüge an das Femsliebchen. vow Treue und Untreue. Es aibt nichts
Ergreifenderes, als dte schl.chten Wschiedslieder. wie D. ..2nns-
bruck, ich mutz dich lassen" nüt ihren so einfachen Melodien Und welchr
Macht solchc Dolkslieder und Volksmelodien besthen. das hat man
an Holtei's Mantellied gesehen. das mit der Melodie des alten
Dolksliedes: „Es war'n einmal.drei Grafen gefangen" aus dem 16.
Zahrhundert. sofort wieder einschlug und «ntzündete.

Ein weiterer reicher Ansporn für Volksliederdichtung ist die Ge-
selligkeit und das Wandern. Trinkli.eder voll reinster
Lust, aufsprudelnder Fröhlichkeit und heiterer Unbesorgtheit sind ebenso
wahr und wertvoll. als Lolksballaden und LiLbeslicder.

Beispiele anzugeben. ist hier nicht der Ort. Zch verweise anf den
„Deutschen Liederhort" von Erk-Böhme. oder auf neuere. hand-
lichere Volksliederausgaben. wie der .Lupfgeigenhans!" oder das
„Neue Wunderhorn" u. a. m.

Wic das Volkslied auf logische Cestaltung keinen grosten Wert
legt. so ist es auch reich an scharfen Ecken und Kanten und derben Na-
türlichkeiten, aber roh ist — jedensalls unter den älteren Volkssie-
dern — rvohl keines.

Aus dem unergründlichen Vorn des Volksliedes schöpfen Tausende
und.Abertausende. denen es Erquickung bietet. Wo wir hintreten,
begegnet es uns. In der Kirche. in der Schule. im Haus, auf der
Straste, überall.erfrischt und labt es uns. Es wird gspslegt durch die
Eitarve Mustk. in der Schule und durch die Männerchöre. Und haupt-
sächlich dresen beiden lehteren tst dadurch die Müglichkeit gegeben. es
hcchzuhatten «nd zu veredeln. stch selbst zur Freude. dem ganzen Dolk
zur.i Segerr.

Iosef Kohlers Erinnerungen an
Heidelberg und Mannheim

2os«ph Kohler. der vor kllwr Zeit der Wissenschaft ent-
risfen wurde, war nicht nur ein glän.zender Zurist. sonbern ein yiel-
seittg begabler Denker. Äessen Interessen von den Deheimnissen des
Patentrechts zu der Vedantaphilosophie stch erftreckten. Als Persön-
lichkeit u>ird er Allen, die ihn zu HÜren das Glüä hatten. unoergestlich
sein. Dor ungefähr zwanzig Iahven veröfsentlichte er in einer süd-
deutschen Halbmonatsschrist, die nach einigem Vestehen zu erscheinen
aufhörte, Erinnerungen. denen wir einen Äbschnitt über Kohlers Hei-
delberger und Mannheimer Tage entnehmen.

Altheidelberg du feine!

Es war inr Oktobrr 1668. als ich zum ersten Male Heidelberg
sah. Das Herbstlaub auf den herrlichen Hügeln um die Stadt hatte
sich gefärbt und umrahmte das Schlost mit feinem rötlich salben Clanze,-
ein heiterer Sonntag wars, die Stimmung etwas gedrüät, neroös.
doch der Claube an das Leben voll und reich. Noch allerdings lag die
Zulmist vor mir wie ein dunkler Schatten. und die mir angöborene
Scheu vor allem llnstcheren und Zweifolhasten bedrängte mich sehr.
Von der Welt hatte ich noch nicht viel gesehen. Etwas war ich in
den Schweizrr Iura gekommen und hatte dort Leute kennen geleriit,
die der heimischen Welt gar nicht entsprachen: die Vauern warcn in
ihrer Lebensweise ttef unter, die höheren Stände über dem. roas ich
gewohnt war. zn schauen — im Ganzen war S ü d w estd e u t s ch-
land der GefichtswinLel. unter dem ich die Welt betrachtete. während
doch schon ein unbestimmter Tatendrang das Gemüt durchbebte. Das
war ein Widerspruch. und dieser Widerspruch liest in meiner Iugend
alles andere. als Heiterkeit unh Frohsinn aufkommen.

Die eigentlich glänzenden Zeiten der Heidelbergcr Universttüt
waren im Nerblühen. Der alte Vangerow lehrte troh seiner tör-
perlichen Hinsälligkeit noch immer mit ungeschwächtem Eifer: er war
euiLr derjenigen. die im Leben nichts lernen und nichts vergesten: wohl
hatte er in den Pandekten erschrecklich viel hinzugelernt. allein von
dem auftauchenden modernen Leben und seinen Ansorderungen hatte
fr keme Ahnung, und eine Frage des veralteten römischen Erbrechts
interestierte ihn mehr. als eine schuldrechtliche Frage. mij welcher die
ganze deutsche Industrie und die ganze deutsche Arbeiterwelt in Zu-
sammenhang stand. Es war. als wäre die Welt seit Iusttnians Zei-
ten stille gestanden.

Freier dachte Achillcs Renaud. ein eifriger und verstän-
^iger Lehrer. auch der erste. der ein wistenschatfliches Spstem des Ak-
ttenrechtes schrieb: allerdings ein Mann ohne orig'nale Schönseraabe
ein rrumzose von ALkunft un- Wefen. desten Deutsch einen schrecklich'

frcTn-lairNjchen AccenL der in semen Wer^ wrsenllich

Rechtsprechung. er hatte aber keine Kraft zu konstruieren und die utts
senschaftlichen Probleme zu lösen.

Bei diesen beiden hörte ich am liebsten. Zöpfl
gen seiner Derbheit und wegen jeden Mangels wistenschastlicher Ln-
tiefung zuwider; Vluntschli war in seinen Dorlesungen nrÄ»
sehr anzichend unü man bekam hier kaum einen Degriff von den
^nensten dcs Mannes. der das Züricher Eesetzbuch verfastt und vie
Wstsenschaft des Völkerrechts, wie wenige. gefördert hat. Liel nreyr
Irat seine geistige Krast und das gesunde praktische Utteil des ^hwer-
zers in öffcntlickien Versammlungen hervor, wo er nicht selten wrach.

Helmholt; siedelte während nveines Anfenthaltes nach Ber-
lin über; ich ahnte nicht. dast ich ihn dort zwanzig Iahre spater als
Kollegen begrützen würde: Kirckshoff, der Physiker. war lnrmals
noch in Heidelberg. und man dachte nicht, dast er fich ie von ieinen'
Inseparable Vunsen trennen werde. Zch denke noch gern an die wi-
ncn durchgeistigten Züge des Mannes. der bereits tot Mar, als
nach Berlin tam.

Im übrigen war Heidelberg Prosessorenstadt und nur Wrofesto-
renftadt. Es galt als selbstverständlich. dast fich alle Jntelligenz rn
der Universität konzentttere. und auch bei politischen Anlästen war es
stets die llniversität. die hervortrat und das Wort in die Wagschale
legte; kaum daß noch einige Rechtsanwälte inittaten.

Im sonstigen lernte man in Heidelberg alles andere kennen.
nur nicht die Welt. Die Dorlesungen bewegten stch kwmals noch ziem-
lich auf deni Stande. wie zwanzig Iahre vorher. Noch KeheimnMle
man über alle möglichen unprakt.schen Dinge: von dem prattllche»

. Leben der Deutschen war wenig zu verspüren. und auch der h-stvriiÄe
Sinn war, wenigstens in der Iurisprudenz «in toter. verlnocyerrer
und keiii lebendiger. Mein inniges Streben nach Vereinigung vori
Praxis und Theorie. nach einer Durchgeistigung des wirklickien Le-
bens. wurde in Heidelberg mehr abgestosten als erstillt. Polttir

in großen Ziigen. eine weltbeherrschende ^ndustrie. E Welthandtt.
alles das ipar in Heidelberg nicht zu finden und erstreckte stch nicht
b'.erher. wo man, wie in einer Insel der Seligen. an den llfern oes
Neckar von aller Welt abgeschlosten ein Sonderleben zu fuhren fchien
Allerdings hötte ich damals auch meinen späteren Kolleaen
Treitschke sprechen und fühlte mich entzündet durch seine Gewall
in der Sprache und sein hinreißendeo Temperament: allein die Em-
seitigkeit seiner Auffastung. die Herbheit. mit der er uns Suddeutsc^

. behandelte. und der Mangel eines richigen Deritanbnisses fur unier
Wesen stieß mich ab.

Canz anders, als ich wenige Iahre nachher nach Mannheim
kam. Mannheim ist die Weltstadt Vadeno; damals eine Stadt von.
regstem Handelstriebe,' der Getreidehandel den Rhein aufwärts. der
Tabakhandel war in heller Blüte: jeht ist es vor allem Industrieftadt.
zusammen mit dem benachbarten Ludwigshafen. das nach seiner gan-
zen Lage und Städtetechnik eigentlich dazu gehLrt: hier ist Heutzutage
eine Produktionsstelle der chemischen Industrie. welche die Welt be-
berrscht: am Rheinhafen bekommt man die gewaktigen Eindrücke d>^
Weltmarktes. von der Rheinbrücke schweift das Auge auf eine groß-
artige Industriemelt. und die Rheinanlagen sind der Corso des Reich-
tums; in der Stadt selber herrscht ein amerikanisches Iagen und Trei-
bcn, wo aewaltige Millionen-Interesten aufeinanderplaßen. Und
trotzdem teine materialistische Einseitigkeit! Das Theater. das Hei-
ligtum eines jeden Mannl^eimers. damals noch in seiner Hauptdlüte
stckend. Konzerte der Lesten Art, und noch die Erinnerungen an den
Erößten der Großen. an Richard Wagner. sür den Mannherm
eine besoi>dere Lanze gebrochen: ln der Stadt außerdem noch viel !i-
terarisck>es Intereste. — nur dis Kunstsammlung im Schloß dütttig
und nicht auf der Höhe des übrigen.

Da endlich sog ich den Duft des Lebens in vollen Zügen estv
da konnte endlich mein Westgefühl gesunden.

In Mannheim und in Frankfurt h»t sich der Südwestdeutsche
zum Westmann herangebildet und fich eine Stellung im Weltmarkt
erobert; sie zeigen ihn in seiner regen Kraft und in seiner zichen
Energie.

Der Südwestdeutsche ist nicht bloß für kleine Berhültniste an-
gelegt: in der stillen Beschaustchbeit seiNer Tüler. auf der ewigen
Luft seiner Höhen, in den schörien endlosen Waldungen seines Laades
schöpft er dic Kraft. die ibn zur Weltmacht erheben. Lkis Südwest-
deutschkand stnd jene Liebig und Hofman.n hervorgegangen. die
für alle Zeilen der deutschen chemischen Jndustrie den Sieg im Welt-
verkehr brackiten: ihr Genie vermochte es. England und Amerika zu
schlagen. Unserm Schwarzwald ist T.h o m a entsprossen. der in seiner
Universität und in seinem idealen Zug. wie in seiner schlichten Größe
und in seiner realkräftigen Bchandlung des Menschen und der Land-
schaft zum Führer in der Kunst bestimmt ist: und auch der Meister
dec M-eister. Döcklin. der eben erst in seine Insel der Toten ein-
eezogen ist, kann ein Südweftdeutscher genannt werden. ebenso wie
der Genius, der das vorige Iahrhundert und wohl uuch noch °dieses
Iahrhundert beherrscht. Coethe.

Freuen wir uns an der stillen Beschaulichleil. aber streben wir
üuf zur Macht und zum Weltgetriebe. Das hattr ich in Nkrnnheim
ersaßt, und damm fühlte ich mich dort zum ersten Mal in meinem
Leben wohl und helmisch.



AfZkLi





. ^


Das neue Iapan

von Or-. F. E. A. Krause*)

Die historische Enlwicklung des alten Iapan hatte zu zwei
Resultaten gesührt. Nach innen war das Kaisertum. desten Repräsen-
canten zu allen Ze,ten mc.hr ein Prinzip als Persönlichkeiten warep.
»u völliger Bedeutungslosigleit hembgesunken. wührend düe wirkliche
Macht iii der Hand des Syügun lag, eine Würde. um deren Vesth die
Großen des Landes blutige Fehden durch alle Iahrhunderte gcführt
hatten. Nach außen hatte Iapan silli bald nach der ersten Derührung
mit europäischen Kaufleutcu und Nttssionaren vollständig abgeschlos-
sm uird war seit 1637 ein oerbotenes Lano geworden. ,

t Diese bciden Fragen der Oeffnung des Landes und der Restau-
ration des Kaisertums bildeten nun auch die ersten Probleme für das
neueIapan.

l. Oeffnurrg und Restauration

An der ^Wiedereroffnung Iapans hatten zuiiächst Rußland und
llmerita ein ^nteresse: Rußland. weil es seit 1882 als Besttzer der
Amur-Provinzcn ein Nachbar Iapans geworden war. Amerika. weil
es sur ftinen üüerseeischen Vcrkehr einen Hafen brauchte. den es zur
^.aiieraufnahme anlaufen lonnte. Eine russische Gesandtschaft unter
Krusei.'siern war erfolglos gcbl.eben. Da Iapan auch die von Amerika
veriangte Lersnung eines Hafens verweigerte. erschien 1853 eine
ülotte von 9 Schifsen unter Comnwdore Perry bei Uraga an der
-Lolyo-Buchl, um der amerikanischen Forderung Nachdruck zu ver-
leihen.

Nach dcr ersten Demvnstration ließ Perry der japanischen Re-
gierung Ze.t für ihre Entschließung. kehrte im Februar 1854 zurück
und landete beim heutigen Yokohama. Das baku-fu. die Behörde des
Shügun. wußte zunächst nicht. was es tun sollte. es folgten BeraLungen
mrt dem Kaiser und den Daimyü. Da der Kaiser und die meisten
oiursten gegcn die Oeftnung dcs Landes waren. rüstete man sich zur
Lundesverteid'gung. Perry erzwang jehoch im März 1854 einen Ler-
trag mit dem Shogun. der halb gedrungen. lMb freiwillig den Ver-
kehr mit Frem-en, zuließ und die Anbahnung nouer De.ftehu.ngen zum
Auslande unlerstüßte. Dieser Vertrag wurdo zu Kanagawa durch den
Minifter Ii als Dertreter des Shöguu abgeschlosten. Es war ke'n
eigentlicher Handelsvertrag. auf dessen Grundlage ein sreier Handel
ficks hütte entwickeln können: er gestattete nur den Warenverkehr untex
Aufsicht der japanischen Regierung in den Häfen von Nagasaki. Hako-
date und Ehtmoda. mit einer Mvistbegünstigungi für Amerika. ohne
.eigentliches Handelsrecht zu geroähren. Da der Hafen von Shnnoda
rch als gänftich ungeeignet erwies. wurde er in einem zrveiten Ver-
ttage, den Harris im Iuni 1858 abschlotz, gegen Yokohama ausge-
lauschi, wolei gleichzeitig dLe Oeffnung von 4 weiteren Häfen in A^-
fcchr gestellt -wurde, nämlich Yedo. Osaka. Hyügö und Niigata Eine
solche ettolgte aber tatsüchlich erst nach der Restauration 1868 und
1869.

Yokohama wurde im Iuli 1859 geösfnet. und zwar an Stelle
des zuerst gewühlten Kanagawa. das die Iapaner nicht freigeben woll-
ten, weil cs zu nahe am Tükai-6 lag. Erst hiermit begann freier
Außenhandel.

Nach diesen ersten Derträgen betrugen die Zölle auf alle Waren
nur 5 v. H., auf Alkohol allem 35 v. H., die Einfulir'von Opium war
verboten. Seit 1872 unterstanden die Fremden der eigmn Konsular-
gerichtsbarkeit. die zuerlt im Vcrtrage mit Holland erwähnt war uiü)
lsis 1899 bestand. ' ,

Zür die ersten Europäer hatte der Shogun als eigentlicher Lan-
decherr pcgolten, mit dessen Regierung sie ihre Verträge abschlosten.
Gegen die erlaubte Oeffnung der Häfen aber erhob sich ein Protest
der sudlichen Daimyü, d e den Kaiser als ihr Oberhaupt anerkannten
und den nüt den Fremden in Beziehungen stehenden Shügun als
Landesoerrätcr hinstellten. Das Auftreten der Ausländer gab nur
den Anlaß zum Ausbruch einer sich zu jener Zeit im ganzen Lande
regenden rcattionäven Strömung. die die Herrschaft des batu-fu als
Usurpation cnipfand und das von den Göttern geheilipte Kaisertum
jn voller Macht wiederherstellen. überhaupt den national-japanischen
Gedanten gegenüber allen fremden Einflüssen — chinesischen wie euro-
püischen — neu beleben wollte.

Der Shügun hatte troß seiner energischen Rq;ierung und der
scharfen Kontrolle über die Landesfürsten allmählich den Bo.den ver-
loren. So erhoben der kaiserliche Hof und die großen Daimyü des Sü-
dens. besonders die oon Chüshu. Satsuma. Tosa und Hizeit. Wider-
spruch gegen den Abschluß der Handelsverträge. Diese Fürstni waren
dia Hauptgegner der Machtstellung des Shögun und Aichünger des
Kaisers, in dessen Namen sie auftraten. Im Januar 1862 vttieß Kai-
ser Komei einen Vefehl zur allgemeinen Vertreibung der Fremden:

' „son-ü, j«-i. ehrt den König und vertreibt die Varbareir!". wurde die
Parole. Die Nachteile. die den breiten Massen des jnpanischen Vol-
kes mit dcr Oefsnung der Häfen aus d'er Preissteiy^rung d"7-ch die
Nachfrage sremder Kaufleute nach japanischen WarM und die mit don
Warenpreisen in d!e Höhe gegangenen Arbeitslöhue! erwachsen waren.
schufen eine Erbitterung im Lande. die in Sat'suma 1863 zur Er-
mordung des Engländers Richardson führte. Dle Antwort war die
Beschießung von Kagoshima durch d!e Engläichdr.

*) Der hier erscheinende Attikel ist Äep erste einer Attikelreihe
über „Das Neue Japa n". die uns der Privatdozent der Heidel-
Lerger Universität, Dr. F. E. A Krausgütigft zur Dersüüung ge-
stellt hat.

Als dann im selben Iahre der Dcttmyü von EhQshä die Sttatze'
von Shimonosekl sperrte. erzwang eine iniernattonale Kriegsftotle die
Durchfahrt gewaltsam. Iapan mußje nachgeben und 1866 den oftenen
Hardel von neuem zugestehen.

Diese Leiden Ereigniste. das kriegerische Eingreifen bei Kago-
shima und Shimonosekt. soroie eine Flottenbemonftration vor Osaka,
yatten d'.e ^apaner belehrt. daß sio den Fremden den Zutritt zu ihrem
Lande nichr lünger oerwehren könnten und daß sie ettolgreich in den
Wettbeverb mtt europäischon Nationen erst würden eintreten können.
wenn sie sich deren technische und kulturelle Errungenschaften zu eigen
gemacht haben würd'en. Und diese Erl'ermtnis führte zu voller natio-
naler Einigung im Namen der höchsten Kaisergewalt.

Die Schwüche der ketzten Shögun und die Zwistigketten in der
Tokugawa-^amilte felbst waren der von den südlichen Daimyaten aus-
gegangenen Bewegung günstig. HatLe die nationake Reaktion
ore mit Gewalt durchgesetzte Oeffnung des Landes nicht verhindern
konnen, so erreichte sie Loch ihr anderes Ziel. den Sturz des Shügunats
und die Wi'ederherstellung der Kaisergewatt. Ein Staatsstreich brachte
im Ianuar 1868 die Person des jungen Kaisers Mutsu-Htto, der 1867
iSiahrig auf den Thron gekommen. in die Gewalt der Ümsturzpattei.
und ein kaiserliches Dekret schaftte das Shügunat ab. Der Kaiser er-
grift nun selbst die Regierung. wobei ihm als Ratgeber Iwakura To-
momi und die Daimyö der 4 südlichen Ekans zur Seite standen. Die
kaiserliche Residenz wurde 1871 von Kyötü nach Yedo verlegt. dcrs jetzt
Tökyü, „Oestliche Hauptstadt", genannt wurde. — im Eegensatz zu
dem auch als Saikyo. .Mestliche Hauptstadt". bezeichneten Kyoto. Der
lehte Shögun, Yoshmobu (bekaunter unter dem Namen Keiki). zog
sich nach Shizuoka zurück.

Nicht kampflos fiel has alte Iapan, aber der Umfchwung —
Mei- - ji is - shin — vollzog fich ungemein rasch. Das Dekret vom 17.
Iuni 1869 hob alle (270- Kleinstaaten und die Vorrechte de? ^dels
auf. Die inneren Kämpfe wurden erstaunlich schnell beendet. 1871
war der letzte Widerstand der Daimyö gegen die Kaiferpartei ge-
brochen. Spätere AufstänLe, wie der Higo-Aufstand in Kumamoto
1876, der Satsuma-Aufstand des Saigä Takcrnwri 1877 und der Sai-
tama-Austtand 1884 konnten die rasche Entwicklung des neuen Ia-
pan nicht mehr hindern. Die Fürsten von Satsuma und Chöshü mü-
gen wohl ursprünglich die Abficht gehabt haben. selbst als Prätenden-
ten um das Shogunat auszutreten. aber die ernsten Zusammenstöße
mit dem Auslande (1863) hatten diese japanischen Eroßen rechtzeitig
erkennen lasfen, daß die Zukunft des Landes. die ihnen höher galt
als persönlicher Ehrgeiz, Ettügkeit und eine kräftige Zeutralregierung
erforderte.

Man nmß zugeLen. daß die Rolle, die Iapan Leim erften Ein-
greifen dec europäischen Politik spielte, klüger war als die Chinas tn
der glelchen Lage. Man erkannt« sofort richtig. daß Europa nur nttt
sttnen eigenen Waften zu bekämpfen fei und daß nmn zu diefem Zweck
stch selbst auf die moderne Vasis stellen müfss.

Mit bewundernswetter Konseguenz und Klugheit ist das Ziel,
aus Iapan eiu nach jeder Hinficht neuzeitliches Land zu machen. ver-
folgt worden. fo daß das kleine. bisher kaum gekannte InseloolL in
dem beisprellos kurzen Zeitraum von etwa 35 Iahren aus seiner ruck-.
ständigen Abgeschlosienheit zu unbestrittener Großmachtstellung ge-t
langte. Aus dcr bereitwilligen Aufnahme westttchen Kulturgutes und
nwderner Technik haben manche den ooreiligen Schluß einer wahren
Freundfchaft. Geistesverwandtschaft und Jnteresiengemeinschaft gezo-
geri. Wir dittfen nicht vergesien. daß ein inneres Verhältnis 'zwi-
schen Asiaten und Europäern überhaupt niemals denkbar ist und daß
es unter allen Dölkern der Erde kein egoistischeres und rücksichtsloseres
gibt als die Iapaner. Was sie von Europa lernten. war ihnen alles
nue ein Kampfnttttel. das sie. sobald als möglich gegeu die euro-
päische Konkurrenz anwenden wollten, und zu allen Zeiten hat nur
eine Maxime jedes japanifchs Handeln geleitet: „Nippon ichi!" In
se'ner Vaterlandsliebe, der er jedes andere Interesfs unterordnet.
in seinem tief wurzslnden nationalen Sinn. dem völlige Einigkeit aller
Bestrebungcn unter -em Gesichtspunkt des Landeswohles ein Selbst-
vcrsrändlichcs ist. muß der Iapaner ein leuchtendes Vorbild für alle
Welt sein. Wenn sonsi die Iapaner fast alles von uns gelernt haben.
h:srin. im Nai'o.-a.ftt'cht um jeden Preis. bätten wir von .hnen lei-
nen kö7.n-:n aad sollen.

Alte WeLsheilen

Nur wer sich echt begeistern kann. ein Riesenwerk bemeistern

kamr

Mit -em Meister selbst vettehren. weiser inacht als Buch und Lehren.

Ist dir Weisheit lieb. lieb' auch die weise Tat. denn Recht tun
ist Frucht erst rechten Denkens Art.

Eisen schärft sich an Eisen. der Weise an Weisen.

Des Wissens schönstes Kleid: Bescheidenheit.

Klar se! des Meifters Wort und nicht zu deutsn und vyn den
Deutlern auszubeuten.
 
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