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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt — 1923 (Januar bis Juni)

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Nr. 1 - 30 (2. Januar 1923 - 31. Januar 1923)
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https://doi.org/10.11588/diglit.15611#0098

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der Ansprrrch Frankreichs auf Dorherrschaft zufchanden, da erLrachten
die jetzt in der Abwehr endlich geelnten Deutschen dcn Beweis,
datz siö ein Volk sr'en, das seinc Esschicke selbst zu bestimmen die

> Macht unb also auch das Recht hätte, und Frankreich, das imperia-
!Iistische Frantrcich, unterlag, es unterlag auch die Republik, die sich
Lintcr dem gestürzten Kaisertum erhob; keiner der andern Staaten
Europas sprana dem aedemütigten lleberstolzcn bei, denn sie a"e
fürchtcten den Ehrgeiz ^ranlreichs und gönnten ihm die Lehre. Als
Thiers auf sciner Rundreise, die er währsnd der Belagerung von
Paris antrat, um „Europa zu suchen", nach Wien kam und hier zu-
sällrg in einer Eesellschast Len großen Eeschichtsschreibcr Leo-old
ron 'Ranle tras und er diesen sragte, gegen wen die Deutschen nach
Sedan und dem Fall des Kaisertums eigentlich noch kämpften, da
antwortete ihm Ranke: „Eegen Ludwig XIV.", und er ent-
hiilüe mit diesem eincn Worte den eigentlichen Sinn des historischen
Ecschehcns: Er nannte Ludroig XIV. als die Inlarnation des
gswalttätigcn, auf Weltgeltung und Welthsrrschaft bedachten Fran-
zosentums an sich, als den chollendetstcn Ausdruck des unverlier-
Larcn u.nd unzerstörbarcn hisiorischen Erbteils des romanisierten
Keltcntums, das die Wslt n'cht zur Ruhe kommen läsit, wenn es in
dieser Welt n'.cht Krüfte gibt, die ihm eine Erenze setzen.

Das war 1870 und 1871 geschehen, das ist her welthistorische
Sinn des Geschehens vom 18. Ianuar 1871: Die Kräfte, die dieses
Werk volllracht hatten, sie schlossen sich jetzt- für die weitere 'und für
alle Zukunft, so meinte man, zusammen, und hierdurch war das be-
ständig belrohte Eleichgewicht Euro-as endlich stabil geworden: Der
18. Ianuar war nicht nur eine deutsche. er war auch eine europäische
Entscheiduno. denn das Land der europäischen Mitte war jetzt endlich
nicht mehr Oljekt, sondern Subjekt geworden, es war nicht mehr der
Tummelvlatz des Ehrgeizes der Nachlarn und vor allem des west-
lichen Nachbarn, es ivar ein fester Block, der die Kräite schied
; und Land, der die Strömungen hemmte und zwang nach autzen sich
zu wcnden, der durch se:n bloßes Dasein Euro a Rlche gab.

Dieses ganze ungeheure Eeschehen, das an dem 18. Ianuar 1871
i feine weithin sichtbare Krönung fand, diese neue Weltordnung, dieses
^ Ei-antewerk, das für die Ewigkeit gebaut schien, es liegt hrute in
i Trümmern. es ist in Trümmer geworfen worden durch eine Ent-
schei-dung. die sich vollzog in demselben Spiegelsaale von Versailles,

> der die Kaiservroklamation gesehen hatte, durch die Unterzeichnung
! des Friedens ron Versailles, die am 28. Juni lSIS hier stattsandl

Es war ein anderes Vild, das der Saal damals bot.

Ein grotzer Tisch war in dem Saal ausgestellt. An seiner Mitte
fatz Llemenceau. Jhm zur Rechten satz Wilson, ihm zur
Linlen Lloyd George, wester rechts und links die Vertreter
aller der anderen „alliierten und assoziierten Mächte", gegen die sich
Deutschland vier Jahre lanz in einem Kampf ohne gle'chen be-
hauptet hatte: die Vertreter Italiens. Velgiens, Eriechenlands,
Polens, Portugals, Rumänicns, der Tschechoslowakei, di« Vertreter
auch der englischen Dominions, Südafrika, Kanada, Australien, Neu-
i seeland, endlich die Bevollmächtigten von Japan, Lhina, Siam,
Hedschas usw,, im ganzen 30. Und vor diesem Tische erschienen die
Dertreter Deutschlands: der Sozialdemokrat Hermann Müller als
Minister des Auswärtigen, und Dr. Bell, der Kolonialminister, ein
Slngehöriger der Zentrumspartei, und sie beide unterschrieben das

> Frie^ensinstrument. das ihnen vorgelegt wurde. — ein Dokument von
! 440 Artit'eln, ein Werk der raffiniertesten Rachsucht und übermütig-
i ster Zerstörungslust, ersonnen zu dem Zwecke, Deutschland für ewige

Zeiten in schmachvolle Ketten zu legen.

Wie war das möglich geworden?

i Wir waren schlietzlich im Kampfe unterlegen, gewiß! Wir hat-
tcn, von unseren Bundesgenoffen schlecht unterstützt und schliehlich
i rerlassen, die Kavitulation anmelden müffen, aber datz wir auf
! Enade und llngnad« und unter ehrloser Waffenstreckung kapitulieren
mußten, das war doch nur möglich geworden, weil sich zu dem Er-
lahmen im Felde und zu dem Zusammenbruch in der Etappe auch
der Zufammenbruch im Innern gesellt haite! Es war in Deutschland
eiwas geschehen, was ähnlich war dem, was sich einst in Frankreich
nach Cedan zuqetragen hat'e: es war kn Deutschland eine Nevolu-
! tion ausgebrochen, die das Kaisertum gestürzt hatte, aber diese Revo-
lution i'at nicht. wie die Revolution in Frankreich vom 4. September
1870. die sinkenden Kräfte neu belebt, sie hat nicht apvelliert an die
erhalenen Veispiele, die srühere Eeschlechter gegeben hatten, sie hat
n:Lt eine Regierung der nationalen Verteidigung geschaffen, sie hat
vielmehr eine Regierung der nationalen Sclbsiaufgabe
gcschasfen, eine Regierung, die gonz im Banne pazifistischen Jrr-
-wahns, ganz hingenommen von dem Sirenengesange der Völker-
verbrüderung, meinte, die Gegner durch grenzenloses Entgegenkom-
men, durch Verzicht auf eigenen Willen zu entwaffnen, ejne Regie-
rung von ganz einseitig eingestellten Parteiführern, von politischen
Tröumern, die keine Slhnung hatten von den Krästen, die die Ee-
sch'cke der Völker in Wahrheit bestimmen, die ohne den sicheren
Rückhalt oenügenden Eeschrchtswiffens, den glatten Phrasen nnserer
Ecgner blindlings vertrauten, die in ihren Entschlüffen nicht von
eiacr Erkenntnis Ler Wirklichkeiten, sondern von grauen Theorien
und Parteivrogrammen geleitet wurden und die in ihrem unverant-
wortl'chen Tun es dahin brachten, und wohl auch br'-ngen wollten,
Latz die Quellen, die in dem alten Preußen, dem ihr Haß vor allem
! galt, bis dah'n so reichlich gefloffen waren. mehr und mehr verschüt-
tet wurden, daß das, was am 18i Januar geschaffen worden ist,
seincm eigentlichen Wesen nach zerstört wurde,

Wohl Lesteht das Reich noch als Reichszusammenhang, allein es
ist verstümmelt in seiaem territorialen Vestande, es ist wehrlos ge-

Die heilige Scholle.

Ein deutscher Vauernroman aus dem.letztsn Jahrhundert.

Von Paul Burg.

»7. Fortteduns. Nachdruck verboten

Komm, M-itter, wir wollen für den IungeN bet-n, datz Gott
mit ihm ein Einfehen latc Und sein« Tauben wollen wir >hm
pflcgen, das ist dann alles, was man noch tun kann,"

Tränen in den Augen langte er die Bibel vom Brett und
zog die Funzel auf dem Tisch näher an sich.

Rei dem Buche Nuth lag ein Zeichcn, war ein Tintenstrich an
allen 23 Verscn des zweiten Kapitels entlang gezogen, Von Jürzens
Hand, Der Alte las die Verse unter Tränen nach.

*

Saai und Ernte, lauter Arbeit des Landmanns Jahrs'nteilnng.
Was in seincr Brust keimt und sprößt, was in den Herzcn oer
Seincn aufblüht über Nacht und zum Reifen Lrängt, er wird es
kaum gewahr über der Arbeit in Hof und Feld. Eines Tages cr-
blickt er es ror sich lerchten und prangen und steht erstaunt, an-
betend: Auch dies hat Eott gemacht!

So sah Andreas Weberling seiNen Sohn in Liebe entbranrt zu
— Ruth, An jenem frühen Tag am Wiefenbache, wo sie Flachc-
wuschen, war der Keim in den jungen Hcrzen aufgegangen. -n
stand es — grad zum Erntefest — vor ihm groß und übcr v'tlti-

pend, denn al> st'ne ° ..n ' --- "'n reas W - r-

lings Hsrzen auf, Er hielt wie einst Marias Hand, Sie waren
rcn dcm tanzendcn Völkchen weg unfcr di» L'Nde getrelln uno
batten sich''an der Füllc und Breite ?cs razcndcn Bi>nmcs crfreut,
selig unter Ler schattenden Kronc gestanden und am Stamme das
vernvrbte Herz mit den oier verquollenen Vuchstab>n des Iü'rgcn
imd der Ruth still beläcbelt. wie man eine alte Weospur grüßt,
die von der qeraden Fährte in die Irre abwich, Andreas und
Maria woren dann ausrubend auf die Eartenschwslle qetr-'.en und
batten nach der schattigen Laube Ausschau qehalten. Lort ein
Stiindlein mitsammen zu rasten, während das junqe Volk im Hoze
«nermlldlich sang und tanzte. Frohe Feste sind für die Iungen.

ALer in der Laube sahen Andreas und Maria ihren Sohn An-
dreas und ihrc Pflegetochter Ruth Schnlter an Cchulter qelehnt,
hörten flllstcrn, vernahmen kein deutliches Wort, doch den Sinn
aller Wor-e, dcnn der Iünglinq schlanq seinen Arm um das Mäd-
Ken rmd zog es volleiVs an se'n Herz, neigte sich über ras er-
glühenLe Antlitz und lüßte das Mädchen auf den Mund. Lange.

Vater Andrcas auf der Eartenkank fühlte Marias Hand in
seine: Hand erzittern. Tr nickte ihr lächelnd zu.

I »Wie gut, datz beide nicht Druder und Schwester heitzen,"

macht worden, es ist nichi mehr ein Eebilde der Macht, sandern der i
Ohnmacht, die Deutschen scheinen Freiwild geworden zu sein, deutscher
Boden herrenloses Gebiet, auf dem Lie übermütigen Nachdarn ^
West und Ost unbekllmmert ihren Machtgelüsten nachgehen können,
und diese einst so lriegsgewaltige deutsche Naiion, sie ist gezwungen,
auch die ärgsten Vergewaltigungea tatlos hinzunehmen, ste kann ihren
Willen zum Widerstande gegen Untraglares nicht anders mehr Le-
tätigen, als durch den Willen und den Mut des Leidens.

Wahrlich, untragbat ist es, was uns gerads in diesen Tägen
zugemutet wird. Der Feind scheint ein Ende mit uns machen zu
wollen. Er will d-ie Hand auf die Herzkammer der deutschen Wirt-
schaft legen und sich in die Lage bringen, für alle Zeiten entweder
ihren Pulsschlag zu regulieien oder ihr das Leben überhaupt
zu nehmen, er scheut vor ärgster Eewalttat nicht zurück, schon hat
Blut flietzen müssen und es sieht so aus, als ob er auch in Las
Heiligtum des Prirateigentums einkrechen wolle. Eleichzeitig ist
das deutsche Memclland ebenfalls von friedenschiindenden Ein-
dringlingen besetzt worden, es scheint, als ob hier ein zwischen War-
schaü und Paris abgekartetes Spiel getrieben würde, zu dem Zwecke
crdacht, den Polen einen Vorwand zu liefern, um den von ihnen
heitz begehrten Memelhasen ihrerseits zu beletzen und auf disse Weise,
Ostpreutzen vollends zu umklammern.

Preußen — Deutschland in Not, in Todesnot aber allein.
ohne Aussicht wirlsame Hilfe zu erlangen, ganz und gar auf sich
sclber angewiesen, auf die eigenen Kräfte, und zwar, da es sich
materiell« Kraftentsaltung durch die Bereitwilligkeit zur Ma-sen-
abgabe unmöglich gemacht hat auf seine geistigen Kräfte. Wir
haben auf nichts mehr zu hoffen als auf die e-nmütige Entschloffen-
heit zur Selbstbehauptung. Aber wir dürfen vielleicht hoffen:
ein Volk, das nicht sterben will, kann nicht sterben, und wenn
die Zeichen nicht trügen, so ist der Wille des Nicht-Sterben-Wollens
in der Entwicklung begrissen, wo aber ein Wille ist, La ist gewöhnlich
auch ein Weg!

Wie sagt Schiller? „Es ist der Geist, der sich den
Körper baut." rs.

Sir Verlegung des Kvhl-nshndikats.

Die «naussällige Erdroffekung -er deutfchen Wirtschaft verhindert.

BLrlin, 17. Januar.

Von unterriKteter Seite w:rd uns foloen'es miigeie'It: Die
Verlegung des Eitzes des Rheinisch-Westfälischen Kohlenfyndi»
kats von Essen nach Hamburg bedeutete für die Syndikatsorgane
einen sLweren Entschlutz. Der'Eindruck dieses innerhalb fünf Stun-
den fn oie Tat umgesetzten Deschluffes ist nicht nur in Deutschland,
sondern namentlich auch im Ausland stark gewesen. Man verkennt
die Bedeutung dieses Schrittes, wenn man ihn lediglich als Demon-
stration einer grotzen Jndustriegrupre eines zwar machtlosen, aber
doch nicht knechtisch gewor enen Volkes bewrrtet. Schwcr-
wiegende rechtliche und praktische Erwägungsn drängten die Zechen-
befftzer dazu, ihren rechtlich und geschäftstschnisch stark ausgebauten
Apxarat nicht tatenlos dem eimnarschierenden Feinde in die Hand
zu geben. Man mutz sich vergegenwärtigen, datz das Syndikat das
Verfügungsrecht uber die gssamte Produktion des Ruhrbergbaues
mit Ausnahme des Selbstverbrauches hat.

Alle Zechcn find gesehkich «nd oertraglich verpflichtet, Lie Kohleu
dahin zu liesern, wohin Las Syndikat ste beftimmt.

Die Verkaufsabteilungen des Syndikats haben in ihren Büchern und
Nachweisungen den klarsten Ueberblick über den Koblenbedarf fast
der ganzen deutschen Jndustrie, da nach dem Ausscheioen des Saar-
gebiets und von drei Vierteln Oberschlesiens aus der deutfchen
Kohlenvcrsorgung, etwa 80 Prozent des Steinkohlenverbrauchs auf
die Ruhr angewiefen stnd. Dieser ganze sachliche Aprarat mutzte
verschwinden und mit den Eeschäftspapieren auch der Vorstand und
die Veamten. Wäre dieser ganze wohlaufgezogene Apparat des
Syndikats mit seinen 600 Angestellten und Eeschäftsxapieren in die
Hand der Franzosen gefallen, so hätte eine Kommiffion von wenigen
Personen genügt, um das Syndikat zu Aufträgen an alle Zechen zu
verwenden, zu deren Aussührung die Zechen gegenüber dem Syndikat
verpflichtet wären.

Das ist jetzt nicht möglrch. Soweit die Zechen nicht
besetzt sind, sind sie von den Eingriffen des Fe'ndes frei. Auch
die Zechen im besetzten Eebiet können nicht durch M-ttel des Syndikats
gezwungen werden. Wenn ste sichablehnend verhalten, so bleibt
dem Feinde nur der Weg übrig, auf jeder Zeche gewalt-
same Eingriffe in Prrvateigentum zu machen. Praktisch
fehlt den neuen Machthabern jede Möglichkert, den geschäfts-tech-
nischen Apparat des Syndikats anzuwenden. Er mutz auf jeder
einzelnen Zeche besonders verfügen und in jedem Einzelsall
Farbe bekennen, inwieweit erPrivatrechtverletzt. Cs tritt
dann auch klar in die Erscheinung, ob und in welchem Umfanqe er
über den behaupteten Igweck, nur für Lieferung der Reparat'ons-
mengen sorgen zu wollen, hinausgeht und die deutsche Kohlenwirt-
schaft beeinflutzt und beeinträchtigt. Die Befürchtungen, die auf
Seiten der Verbraucher mitsprecheu, finden ihre Begründung in der
allgemeinen Faffung der Note. Hieraus kann man bei der belannten
Auslegungskunst der Franzosen das Schlimmste herauslesen. Wäre
ihncn durch Personen und Äktenmaterial eine vollkommene Ueber-
sicht Lber die Kohlenbelieferung Deutschlands in allen ihren Einzel-
heiten zugänglich gemacht worden, so wäre ihnen geradezu der syste-
matische Wsg gewiesen worden, die deutsche Jndustrie, wö und wie

flüsterte er „Freilich. eine bittere Stunde wird es noch für >re
beids geben. Und Lann: eincs von beiden mutz bis zur Heirat vom
Elterndache weg."

Maria stand wortlos rn tiefaufwühlender Vewegung. Sie sah
rhrcn Aeltesten das liebe Mädchen im Arme halten, das in ihrem
Herzen längst w:e eine rechte Tochter gewesen war. Sie sah ihre
eigene Jugend, ihr Liebsn wieder. Andreas neben ihr vor man-
chen Iahren, cr hatte diesem An^reas La in der Laube. welcher sein
Liebstes in den Armen hielt, so ganz und gar geglichen. Fcster
satzte sie des Mannes Hand und zoa ihn mit sich von Les Bartens
Schwelle in den Host Beide Arm« schlang sie ihm um den Hals und
kütztc ihn auf den Mund.

Wieder jung — wieder wie «inst! sang das Blut in ihnen
beiden. Der reise Mann sah mit verklärtem Blick am die Schönheit
seiner braunen Kamcradin, und Maria fühlte sich so gliicklich und
gc'coroen in Andreas Armen.

Hand in Hand traten sie unter die Tanzenden. Zelige FreuLe
üb-ersonnte ihre Züge und gotz auf alle Fröhlich.'n cin.'i, Widcr-
schein, datz sic ersiannten.

„He! Nun spielt uns beiden den >chönstsn Ländler auf!"

,Heh! Dsr Bauer, die Bäuerin wil! >anr-:ni "

Vater Andreas tanzte, sang nnd ::ank jeinen Weib, seinem
srohen Böllchen zu. ,

Im Gartcn hatte untdrdes der Sohn Andreas sein Lieb ,w:ichen
den Deeten h-ndnrch ins Freie gesllhrt.,

D'ie Linde winkte, das vernar'bte Herz — >

Ruth schrak vor diesem Anblick znrück. Ein säbes Erkennerr
ritz ihr alles selige Elück in Stücke. Sie tanmelte und fühlte ihr
Blnt hinaufrafen. Sie verlor ihr Tuch. Verschwunden war Ruth.
Auch Ändrcas mankte unter dem jähen Erlennen. Ihm war, al-
stündc er nackt unter tausend Menschen und brannte am ganzcn
Leib loh und licht.

„Deine Schwester! Du hast deine Schwester begehrt!" jchrie
sein Herz und zerritz ihm vor Scham und Schmerz in der Brust.
Schwankend griss er nach dem Lindenbaum und rankte sich daran
fest. In Herz und Stirn hümmerte das Blut, das Eewiffen: Du
hast das Heiligste geschändet. —

Wi« lange stand er so? Die Easse war leer und still, der Abend
nahte. Den fröhlichen Tanz im Hofe hörte Andreas nicht. Mit
schweren Schritten trottete er an den Scheunen hin, ins Frcie, ins
Dunkel-

In den Tod, schrie es in ihm, der kein Licht auf seinem Wcge
mehr sah und keinen Ausweg aus der Not seines Herzens, derin
die Liebe zu Ruth war sein Leben gewor'-en. Er brannte in ihr.
Begehrt batte cr sie in langen und stillen WoLen, in heitzen, rrrh»-
losen Nächten — zum Weibe begehrt mit allen Fibern seiner
Zugend, vor leidenschaftlichem Verlangen vergeffen. datz si« feine

I es ihnen gerade patzte, an Kohlenmangel erngehen zu lasfen uttd mlk
I diesem furchtbaren Druckmittel eins Zwangshsrrschaft über die In<
> dustrie auszuüben, die wir aus dem Saargeüist zur Eenügr kenne».
Öenn dort haben ste lediglich durch die Drohung, keine Kshle
zu liefern, von jedem Werk, von dem sie es wünschten, erpretzt,
datz 61 Prozent des Kapitals in französische Hände übergingen.

Wenn das Syndikat in se'.ncr Verkaufs- und Vcrteilungstätig^
keit von dett Franzoseir abhängig gewesrn wäre, so hätte die Aus*
hungerungspolitik systcmatisch und doch verhältn'smätziS
unauffällig. nämlich ohne einen jewrils nach antzen in Erfche'.nunS
tretenden Gewaltakt der Franzosen, vor sich gehen könnrn.

Zetzt aber müssen die Franzosen, wcnn ste die'e gegen die deutsche
Zndnstrie gerichtete Vernichtungspolitik betreivrn wollen, in
jedem Linzelfalle cinen Befehk geben, der ihre wirklichen Ab-
stchten entschleiert.

Wir wollen uns ksinem. den Franzosen geoeniiber Lbel anqebrachten
Optimismus hingeben, aber eines ist doL sichsr: Datz rhnrn die ver-
hältn'smätzig unanffäll-qe sysiemat sche Er'rosselung der dsu scheN
Wirtschaft durch das Kohlensyndikat lcich er aeworden wäre, als
die E i n z e l m e t h o d e n, bei denen sie, Rechtsbruch aul
R'echtsbruch häufend, ihr wahres Essicht zergen müssen.

Aus dieser Ueberlegung ergibt sich die grotzeBedeutung-
die die Verlegung des Kohlensyndikats ron Effen nach Hamburg
für die gesamte deutschs Kohlenversoraung hat. Diese rechllichen und
praktischen Erwägungen mutzten ansschlaggebend srirr. Die da'-'aen
geäutzertcn Bedenken sind denn auch zurückgestellt worden. Na>ürl!o>
ergeben sich gewiffe ÜeLergangsschzvierrgkeiten. Diess könn-n aber
den gercgelten Eang der Produktion und des Abfatzes nrLt stören
wenn die Franzosen nicht mit rohen Matznahmen ein re fei>,
denn für den Fortqang des Eeschäftsganges war durch die in Esse»
getroffenen Anweisungen an die Zechen gesorgt worden. In'wibb i>
wurde der Eeschäftsbetr'eb in Hamburg vollkommen aufoezogen. All'
Keschäftsbllcher und Ecschäfts a-nere sind zur ^telle. Die nöt!-'e>>
Anweisunqen an die Zechen gehen heraus. D:e Befürchtunq, dak>
der geschäftliche Avparat des Kohlensyndikats o^er gar das Ko^len^
syndi>'at selbst zerjchlagen sei, ist unberecht'gt. Wenn Stör n-"N i»
der Kohlenversorgung ein reten, so liegt das vn'er kein n Unst'invs»
an den Matznahmen des Kohlensyndikats sondcrn-l d'"licb a n d e.»
feindlichen Eingriffen. Dies grlt ganz befon e--s auch fü>
Störunoen in der Probuktion. Sowcit n'Lt die franzö s "-b lg jL^
Kommiffion Eegenanoidnungcn trifft, ist für eine gla >s A wi 'l' N»
des Absatzes Sorge getragen. Es ist auL da^ür gesorgt, datz d«e
Lohngelder zur V 'rfüaung stehen. Bei den Effener Beratnnqen wnr^

. ganz besonderer Wert darauf gelegt, jede Matznahme a iL nnter
Lem Essichtspunkt der Interesscn der Arbeiter zu betraall
ten, denn jedem Beteil'gten rst es klar, datz in unscrer ver ws fe't'»
Lage die Intcreffengcgenkätze zw schen den Arbeitgeb rn uvd ? rbein
nehmern untergehen müffen in dem Eefühl, dem Fc'nde, dem w r
! Machtmittel nicht entgegenstellen können, den festen Willen zu zeige»-
cinig zusammenzustehen in echter deutscher Notgemeinschaft.

Tirols Veileid för Seuts-landS Leiden.

Lin Protest Löves gege« die Bluttate« der Franzose«.

Deutscher Reichsiag.

Eigen« Drahtmeldung-

Berli«, 17. Januar.

Am Regierunqstisck: RcickSminisier beS Jnnern Oeser. Reilbd»
wirtsrbaftsmlnifter Dr. Becker. .

Präüdent Löbe eröffnet bie Sitznna mit der Bekanntaabe elm'
Telearamms, das ans Salzbnrs «inaelause» ift und folgenöermadr»
lautet:

„Den Salzburger Landtag ersüllt die «enerlich« «ider all^
Skecht erfolgte Bergewaltignng Deutschland« und die onter nichtigt»
und henchlerischeu VorwSnden erfolgte französtsche Besetzu»»
de« Rnhrgebietes mit tieser Traner, anfrichtiger brüdek'
licher Teilnahm« nnd banger Sorg« »« die Znkunft.
diese Not das deutsche volk einmütig znsammenführr« -n, Ueb«*!
windung der schweren Zeit, «ad -emselben de« Weg zur Freihei'
weisen. Der Landtagsp.ökidcnt.*

(Lebhaster Beifall.) Der Präftbent knüvft an di« Berlesung fola«»^
Worte: Wir danken dem Salrburacr Landdaa für die Bekundung iei>>c
Teilnahme an unserer fchwcre« Lage. Jnzwischen ist nach den je«>t e>»
aelaukenen Nachrichtcn kein Zweifel daran mebr möglich. dah die
setzung dcs Nuhrgcbictes durch die Franzosen daS crkte Opfer aeforde-
hat fdle Rbgeordneten crheben ftch von ihren Pläbenf und dah wcitest
Leutsche Biirger Ichwer vrrletzt worden ftnd. Der Grund sür den
an dcm Sohne des Lokomotivführers in Bochum ist das Sinaen »»,
Lieöern, die bie Besatzungstrnvven als gegen ftch geri->>tet l'ct'-gch-er hqbe>v
(Pfuirufe.I Diese Lieder allcin baben genügt, um die Franzsien zn vera»
laüen. blindltngs in die Menschenmenge bineinzufchiehen und ibre Hä«A
mit Lem Blute der Unschuldigen zu beflecken. Dies Blut aber kommt
das Hauvt der Männer. die i n Paris Len Vormarsch der Truvvcn a»,
ein unbcwaffnetes und wehrloses Bolk veranlaßt baben. (Stürmische 3».
stimmung bei der Mehrhcit, Rufc bei den Kommunistcn, Gcgenrufe aul""
Rechten: Lumv.) 3ch richte blutendcn Herzens eine Mahnuna an unk»ll
Landsleute im Ruhraebict, rubig zu blctbcn, aber auch eine Mahnung.2
jenc Gewalthaber, die doch rtnsehen müßtcn. dah, wenn fte hier »>«,
Einbalt gebicten, sie eincm furchtbarcn Ende entgcgentreibcn, und daß
täglich erweitcrtc Besctzung keine Revarationen nicht bringt, woh! g»e
Hah und Erbitterung zur Ntcfengröhe ftcigert. fLeüba!»

Schwester war. Heut konnte er sich diefe glühende Lieb« nicht incH'
aus dcm Leibe reitzen und verbrannte doch an ihr.

Am Kirchhofe taumelte er hin, lehnte an deffen verschlosse»^
Psorte und vernahm von fern den frohen Erntetanz im Lorll'

„Sie tanzen — tanzen. Und du —? Wo rst dein Tod? ^
Gott hilf!"

Andreas Letete hartnäckiq und grübelte stumpf, an das Gotte^
ackertor qeklammert- Sein Dater hatte eine englische Pistols u»"
Kugeln im Schubfach liegen.-

Eine weiche Hand legte sich auf des Verzweifelten Schult^'
eine milde Stimme sxrach im Dunkel zu ihm:

„Wek >st hier so einsam und verlaffen, wo alles im
fsiert? Wen hat die -Freude vergessen?

„Nch, Herr Pastor!" Andreas weinte laut aus und sank
alten Pfarrer. der vom Erntefest heiter heimkehrte, uuter bitterc'
Tränen an die Brust-

„Mein Irmqe, was quält dtch heut so? Hast du Unrecht
litten oder sclber zugefügt?"

Schluchzen. das dcn vollcn Lcib des Illnglings wie im Stur-»^
schüttelt

„Sprich! Nichts ist so schwer, datz es nicht verzxihlich wärc-

„Dagegen haben auch Sie kein Helfen."

„Auch Eott n'cht, Audrsas?" „Nein!"

Dcr alte Fromme stutzte

,„Sag es!" bat er leise und lind wie eine Mutter an
„V-nglings Ohr.

„Meine Cchwester Ruth! Ich liebe siell' schrie Andreas
wanktc jn des Er.'iseu Armen.

Der Pastor hat ihm ohne ein Wort lächelnd den blondO''
Kopf gcstrxichelt und hr»t ihn eine kurze Weostrecke mit ffch qesti^,
bis an die Gräber der Voreltern. die im Dunleln warteten »»
wachten.

„Andreas Webedling! Bei diescn Zengen hier. -- Du brau^
dich deiner Lirbe nicht zu schämen. denn Ruth ist nur ein ansii!
nommenes Kind deiNer Eltern. Du darfst und sollsi sie lieben.
Eott es in dich geslanzt hat. Ich will keine grotzen Worte machei
aber das eine nimm in dieser Stunde mit in dein Lebsn Z«'
immer dankbar. datz es Eoit qefüqt hat mit dir! Ruth war e!»^
armen Mannes Kind. Dein Dater nahm sie anf und deine -Putt^
begte sie wie ihre eigene Tochter. Sie hat so gut als d i »".
deine E-sckwister ihr Erbteil am Wekerlingbesitz, denn deiu V->te'
ist ein quter und gerechter Mann. an dem sich die Welt ein W'l
bild nchmen sollte. Welerl'Ng, Eott bat es gut vor mit dir. ^
wahre darum Demut und Dankkarkeit!

Ietzt geh heim! Eott segne dich und deine l-ebe Braut!"

lFortsetzunq folgt.)

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