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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt — 1923 (Januar bis Juni)

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Nr. 90 - 118 (1. April 1923 - 30. April 1923)
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https://doi.org/10.11588/diglit.15611#0721

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ZchW«g - Ar. lir

1nter«,„,V^" i rlchcinl wöchcntl liebcnmal. Bci a cn: Dibaskalia «Sonntl —
^vcriam!« "^ölatt IMontagri - Literaturbtatt —Sochschuzbeilagc imonatIich>.
-— Dc!«»Xf,» Berantworiung. Riickicndnna nur, wcun Porlo beiiicgt.

Heidelberger ZeiLung

(Gegründct 1853)

und

LarrdÄsblatt


Smntag, de» 2S. April 1S2Z

.__ „ S»ristleita7der.«adii»°n Po't-Scidelbera,Sauotitr. 28,Fernspr.

Nr. ^182^ Bertiner Bertretnng: Berlin 8V «8. Üimmerftraß-9. Fernwr Zentr- 415
Münchncr Vertrctung Miinchen, Georgenstr. ln7, Fern pr. !ll><>7.

Post

_Dostscheik.Konto: Sranrsurt a. M. S141»

^b!»^Esitgspreis der „Bad. Post' Mk.4l>l« - laurschl. Zustcllgcbiihrl. SelbftaLhol. Mtt. Lgllll.—. AuKland Mk. 89>l9.-

sahlcn bis zum 2. scd.Mls angenomm II. Am I u.2. noch gelicf.Zeitunkieii sind nach d. Einzelverlaufspreir zu bc-

^^^^IH^EinrelnummerMk 17».-. Jftd eZeitung am Lrscheinenverhindert,b,steht kein Anlprnch aufEntschädignna

lvostsch«ck.»outo: gsranksnrt a. M. S141S

An'eiaenvreike: die4l mm brcite No„var°ill-i°il° kostet: loka!. -tellenge uch: M--E
?am» ° mnteiaen Nk 8» - <Seichäktsanzciaen Mk.175 -,FInanz- »nd IndustrieanzeigenMk. 25l,.-.m.t Plahvor chrttt nnd
Mo^!°q-Mk Mkhr. Die 98 mm brkite Reklame .ei ° koste. Mk.MI.-. Nnzei ren uns R-klamcn von aus-v-rts La°/° hoher

Kommvnistischer Kochverrat.

Aerung Oberschlcflcns an Polen. — Peinliche Enide^nng siir
Hcrrn Severing.

Don unjerer Berliner Redaktisn.

^chsro - wichtigen anhenpolitischen Entjchcidiingen, die die

Z» tressen hat, sind auch diesmal vor Absondung
Vorschläge an die alliicrten Mächte die

Berlin. 28. April.

-ihxx'^-^rpräsidenten dpr einzelnen -entschen LLnder zu
Aiinn? "^--"8 nach Verlin geladcn. Die Aussprache
Ü^rinitt ^ "^-°^^nten mit dem Reichskanzler ist für Montag,

n^oi-dcr"^ -i Uir, sestgesetzt. Die Konserenz ist dies nal von
,, "„Vedeutung, weil nicht nnr die gesamte antz-ilpolitische

N>: .. . .. .. . ,.

^r "sl-r-prästdenten im Verein mit der bedrohliche» Zuspitzung
Aejst Bayern derart gewordcn, dast cine solchc Knnfcrenz
°i>Ne h^^'^nzlers mit den ein-elstaatlichen Ministerprästdent.'n ailch
^-dey .^8-benen auhcnpolitischen Anla-i °«r Nntwendi'krit gc-
°?8e° Auch die Nachrichten, die soeben von der Entde-lung

^"-«nistischen Berschwsrung in Oberschlesien dekanni
v deg im Zusammenhang mit dem Vorgehen Severings

!'?>> s-vs,^^?" innenpolitischen Erörteruna qezogen werden. Hicr
?-->pst o^-pslitische Borqänge mit innerpoliti-chen anfs enqste ver-
p-r,v.'. " .- " ' ' ' ^ " '

politische Poli?ei in E> leiwitz hat nämlich eine weit-
i I rH. to-nmunistische Dcrschwörunq aufgedeckt, die ans-hcin'nd
Ha „ n °?ischem Eeldunterstübt wird nnd drs Kand
^v-ri "'t den Polen arbcitet. Bekanntlich hat Minifier
Ll^ttchkei^ ^tdst bei den kürzlichen Landtagsdebattcn von der
,?ch, t kriegerischer Verwicklungen in Obersckleston oesprockien.
?"rsch .----wcdcckte Verschwörung verfol-t den Zweck. bei einem Ein-
den deutschen Widerstand von innen
^"e" drechen. In der Druckerei dcr ehemaligen „Roten
^leiwitz ist eine grotze Mcnqe von kommunistischcn
beschlaonahmt worden, worin dic Anaeliöriqcn der
d ' --üfgefordert wtrden. stch bei einem Einmarsch

"-- kamp^los zurückzuziehrn. (!?t .«ossnunq
> .-----nistcn ging dahin, bei cintretenden politischen Verwick-

die Obersiblcsten eine Rätcberrschalt ai,f-„>!^fen.

.'tttärischen Vorbcreitungen der Kommuniften.in Eleiwitz
Lcst/'/ ""diehen stpd. o>:ht aus einem aeheimen Rundschre'licn
>7-> n der kommu'nistischen Ra'tei in Eleiwitz hcrvor, w


ibcn

,i-?^cy ^'Üt: „Wir müstcn bis spLte--ens Mittwo-tz in nanz Ober-
di "Nq ed ^^"tter verteilen aegen die Or„esch iiir den Bst«-iebs-
°u- 2». April. 'Wciter müssen bis Mittwoch, 25. April,
^ E--ehg^° t a r i s ch e n Hundertschasten gebild--t sein. Das
»,'°8csetz muh durch die Hundcrtschast"» aestck'ert n crden.

Sonntag, de« 29. April. Die Iugend »st ebcnsalls

homerkt der .,Taq" zu der Auft>scki'nq des Ele-wktzer
--"'nis!' baben bisher stets aus dem Murche des nr"ils!is'l'>>n

rc-blb pehört, datz er im gecienwärtinen Aimenblick die Ee-
l>>i Dcrr M- als die dr-ngcndere anf-cht. Vielleicht 'lbcrzeu,zt stch

8« -->r Kreise einen Um-ann an"enawmen bat. be, dem

, ^7^aa^sncherheit verantwortlichen Stellen nicht länger un-

dürsen, ohne sich selber zu M i t s ch u l d> i g e n

z--

'Sevz

Lockspitzelmtlhoden.

"-Üge Erössnungen Lber das angebliche Attentat aus Auer.
unserer Münchener Redaktkon.

ülz^v der q. München, 28. April.

tz u ° r -°^k°--b«it des anaeblichen Atientatsiersuchs auf den
^»t- °'l dcw amtlich solgen>es: Abg. Auer hat am

7°>it°i'--isvz>,-,k^'"-^er des Innern^Mitteilung gemacht, datz

sin


leilivst veri e v e t. s>esi. ^ie vLinveriivyine

» ^dvbii» .Bild: Der Nationaliozialist war m-t dem Kassterer
«°- bie P?--.-!chdn Reichsbundes Kohlhofer befreun^et, ohne
M, "hungen des Kohlhoier zum Abg. Auer »nd

nixs, ichvn ,". r--iilchen Partei lannte. KohIhofer hat. w!e fest-
i->> n- dew R^"^U Derichte iiber Voraänge in rechtsaer'chteten
Aibi7.°bIprj!,s?--4, Auer weitcrgeliefert, Er iührte stch bei Weber
eq?-- --us Hjtler und seine Partei nnd mit De-
8-i,--uint n> u--d desten Parteigenossin ein: Auer gehörs

zii>°!? -----üe !h-n da-ür e>'ne entsorelbende Belohnun-i von
^iiz^a se.- werüen, Die-se L ockIp itzelt8 t i gke i t stcllte
^ - 8 tc ;Vbrede. Der ron ihm benannie Zeuge W ! lheIm
, >, >, x:ter^. -^dock, im aNgemeinen die Angaben desWeber.
I? >b„! ° r, m>>?>!' ^ohlenhöser benannter Zerge, der LumnenhSndlLr
Oeld--o-- Webcr bei der Einvernahme bestchtigt, datz
M P„,>est„cst"^, bie Ermovdung des Hitlcr angebotcn habe. Hierzu
>°rguna bast W-ber öom Sohn des Kupfer 12 VM Mark
^el-.^bst „?,.?.>"es Eeschäfts, das dieser am israeliiischen Ruhetag

- s,..h'ern>„.,---hren wollte erbalten nn.d iintsnkckifnaen bat Nl--.

sich^l??.^,--i°-Se gebracht wur>e droht« er den Kindern
d'' °>csem -iu rächen. Diese Drahung s-beint Weber

^ ^vvk '?^er ba»-o ^-> --- be! der ; ol'zeil chen Einvernahme

^ Litle» r16—30 Millionen versrrochen. wenn er !hm
er dr.nge. Da eine Klärung Ler Frage. inwieweit

wollte. erhalten und unterschlagen hat. Als

die dre? genannten Personen sich einer Aufforderung zu schroerern
Verbreck'en schuldig gemacht haken, noch durch richterliche Verhand-
lung nötig ist, wurden die drei Veschuldigten dem Amtsgericht
überstellt.

Satzem gesen Severing.

Ausführrmgen dcs Reichstagsabgeordneten von Schöch.

Von unserer Münchener Redaktion.

München, 28. April.

Jn cinem umfasienden Artikel mit dem Titel „Einheitsfront"
in der Samstagsnummer der „München-Augsburaer ALendzeitung"
gibt der Reichs'agcabg. Karl von Schach (D. Vnt.) einen Rück-
blick über die Reichstaasperhandl'.lngen der letzten Tage und setzt
bei diessr Grlegenheit Luno, Rosenberg und Stresemann
in eine Richtunqslinie und sucht in sachlicher Weise die Ueberein-
stimmung der Ziele der drei genannten zu beweisen. D e Abgeord-
neten der Deutschen Volks' artei im Reichstage, so sährt von
Schoch fort, würdcn es für e!n nationales Unglück von unabseh-
laren Folgen halten, wenn dieses Kabinett Cuno, das Kabinett
des n a t i o n a l e n W i d e rst a n d e s. beseit-'gt werden sollte. und
sie wcrden sich auch jeglichen derarttgen Versuchen m!t allrr Kraft
entoeoensetzen. Scharf wendet sich Schoch dann noch gegen Herrn
von Kardorfs« desien Bebauptunq, d!e Identifizierung Bayern
mit einer Ordnungszelle sei ver größte Schw'ndel, er als eigen-
brödler-sch bezeichnet. e>ne Vehauvtuna, die nur das Ehaas sörder".
Schoch betont. alls se'ne Fraktionskollegen hätten diesen Unfall
auf das schärfste mihbiIligt. und aüch bcdauert. Interesiant
sind dabei folaende Worte: Weisi Herr von Kardorff, wenn er von
dcm frivolen Spiel svricht. das mit der Rcichseinbeit getrieben wird,
dabsi vielleicht nicht, dasi gerade die Nationalsoziallsten, auf d-e
er dabei doch sicherlich abzielt, den Einheitsstaat wünsck--"°
Weiß er nicht, dasi die vaterländiscken Verbönde Bayerns es stnd,
die gerade die schwarz-weitz-rote Fahns begeistert hoch halten. Weitz
er auch ntchts von dem Empfarme Hindenburgs und Cunos
in der bayerischen Hauptstadt? Vierzeh-ck Taae hintereinander habe
ich bei den letzten Preutzenwahlen über das Thema gesprochen: Ihr
Preutzen bleibt stark, Vayern bleibt deutsch, habe ich leidenschaftlich
gegen die Zerschlagr ng Preutzens gekämvft, und ich tue es auch
heüte noch. aber was ich heute erkläre. ist, der Rus „Los von
Preutzen und Verli n" richtet sich nickit gegen das alte
schassensfreudtgc Preutzen, das selbst diejenigen bewun--
dcrn, die es nicht wiedereannten, er richtet sich vielmehr
gegendasrote Preußen, an welchem Herr Severing usw.
sich als Alleinherrscher glckärden, in dcm man die Sedan-
feiern verbietet, und sckreibt .N'cder mit der schwarz-weitz-roten
Mörderfahne", kurzum allcs systematisch vernichtet, was irgendwie
an die stolze Vergangenheit erinnert, und wenn jetzt die aanze
Stäicke Preutzens darin besteht. datz man einseitig nach rechts wütet,
die Kommunisten aber als unschuldige K-nder hlnstcllt, dann fehlt
uns aller-nnas dasür jegliches Verständnis. Der Ruf
„Los von Munchen ' verstummte im ganzen Reiche mit dem Augen-
blick, als Vayern aller Meinung zum Trotze die Ordnungs-
zelle wnrde, der Ruf . Los von Preutzen" wird ebenso
verstummen. wenn Preutzen sich wirklich wicder als
stark erweist.

S!e Mnchmr Mifeier.

Masienumzüge von der Regierunq verbote«.

Von unserer Münchener Redaktion.

München. 28 Avril.

Amtlich verlautet: Die von den freien Gewerkschaften geplante
Maifeier fiydet wie früher auf der Theresienwiesr statt. Der ur-
sprüngliche Plan, der vom Friedensdenkmal einen Umzug durch die
Siadt zur Theresienwiese vorsah, mutzie aus Eründen Ler össent-
lichen R-b" nnd Or/-nnng im letzten Augenolick wesentlich einge-
schrönkt werdcn. Bereits am 18. April hat das Staatsministerium
eine Entschlietzung erlasien, die das geschlossene Auftreten
kommunistischer Eruppen und die Mitführung von
Sowjetfahnen untersaqt- Jnzwijchen wuroe festgsstellt,
datz die Orts- und Vezirksleitung der Kommunisten den Beschlutz
gefatzt hatte, unter Mitfllhrung roier Sowjetsahnen und der roten
Wehr an der Maifeier teilzunehmen; autzerdem sollten mindestens
beträchtliche Teile der Zugsteilnehmer bewasfnet erscheinen.
Angesichls diejer Sachlage und des Verhaltens der Kommunisten in
der Ruhrsrage, sowie der Vorfälle der letzten Tage, die eine
grotze politijche Spannung entstehen lietzen, mutzten die Behörden
von ihrem in der Rei'chsverfasiung vorgejehenen Recht des Ver-
bots eines grotzen Massenzugs Eebrauch machen. Dagegen
ist den Eewerkschaften w!e !n srüheren Iahren gestattet worden, von
den Parteilokalen aus in kleinern Eruppen unter Vermeidung des
Bannkreijes des Landtags zur Therestenwiese zu zieherz.

AuS dm SindruWgebiet.

Besetztes Ecbiet, 28. April-

Aus Höchst a. M. wurden Freitaq m!t sofortiger Wirkung
21 Eerichts- und Finanzbeamte. sowie dcr Kreisarzt Dr. Hallen-
berger und der Direktor der Hessen-Nasiauischen Easgesellschaft,
Schnabel-Kühn. ausgcwiesen. — Aus Schwanheim a. M.
veririeb man die 70jähr!ge Wiiwc Pauline Schaffer. aus
Hosheim a. M. den Obcrförster Schmöding. D!e Familien
der Ausgcwiesenen müsien binnen vier Togen folgen. —D'ie in
der Mäinzer Eisenkahnhauvtwerkstätte beschüftigten Schlosier
Heinrich Marquardt und Johann (B L ck n e r von Mainz hatten
stch vor dem Miliiärgericht dcs Eeneralstabs der sranzösischen
Rheinarmee unter Lcr Anklage der Begünstiguna und Verlängerung
des Eisenbahnerstreiks durch Auszqhlung von 43 Millioncn Mark an
streilende Eisenbahner zu verant-worten. Die französischs Echeim-
xolizei hatte Lei einer Durchs ichung der Wohnung des crstgenann-
ten Angeklagten eine Liste gefunden. die d!e Namen der Eisenbah-
ner enthölt, an welche die Aus-ahlung erfolgte, ferner noch vcr-
steckt die Summe von 8 600 000 Mark- Das Urieil gcgen jsden der
beiden Angellagtcn lauiete auf fünf Monate Eejüngnis.
D!e vorgefundene Summe wurde beschlagnahmt.

Me andere Frage.

Jnmre Lage der Türlci. — Frontwechscl in Lausänne.

Seit langem sind wir dvran gewöhnt, die Vorgänge auf den
kei-den Hauptplätzen des weltpolitrjchen Kräftespiels im Zusammen«
hang zu betrachten. Gerade Deutschland mutzte immer wieder
die Rechnunz bezahlen. die aus dem Ausgleich der Jnteresien
Frankreichs und Englands am Rhein und in. Vörderasien
stch ergab. Wenn in den letzten Monaten die vorderasiatische Frag«
in den Hintergrund getreten ist, so liegt das einmal daran, dag
wir unsere ganze Aufmerksamkelt auf den Ruhrkonflikt konzentriert
haben, und andererseits daran, datz das politische Krästespiel ick
Vordercisien üurch den ALbruch der Konferenz von Lausannein
den ersten -Tagen des Februar nicht mehr allen so sichEar >n die
Erscheinung trat. Es wäre aber salsch. daraus den Schlutz zu ziehsn,
als ob die Vorgänge in der Türkei sür uns an Wichtigkeit verloreir
hätten. Jnfolgedesien ist es um so nolwändiger, sich darüber klar
zu werden, welche Veränderungen in der politischea Lage im nahen
Orient inzwischen vor sich geganzen sind: das ist allein schon
wichtig sür das Verständnis der vor einigen Tagen Legonnenrit
zweiten Kanferenz von Lausanne.

Um diesc Vorgänge richtig zu würdigen, ist es nötig, sich zu-
nächst ein Bild von der innenpolitischen Lage.der Tiirkei zu machen.
Zweifellos beherrscht der turkische Nationalheld Mustafa Kemal
Pascha die Lage noch vollkommen, wenn auch seine rarlamen,
tarische Vasis an Breite etwas verloren hat. Wie ia so vielen
Staaten, zeigte es sich auch in ter Türle'-, datz die Eeschlosienheit
der Nation unter einem autzenpolitischen Druck fest gefügt ist, wird
jedoch dieser Druck von dem Lande genommen, so überwuchern leicht
innenpoUtischc Streitfragen die grotzen nationalen Aufqaben nnd
Ziele. Als Ismed Pascha zur ersten Lansanner Konferenz suhr,
l-etz er die Eroh-e Nationalversammlung von Angora in bester
Einmütiqkeit znruck. Aber dlese Einmütigkeit wurde mit sedem Tag
der Lausanner Verhandlungen brüchiger; und nach dem Abbruch der
ersten Konferenz von Lausanne war gegen Mustafa Kemal
Pascha eine festgesllgte Opposition in der Nationalversammlnng
crstanden. Jm Kriege war man sich einig, jetzt, wo es galt. den
Frieden zu machsn, wurd« man uneinig. Immer mehr kristalli«
sierten stck, zwej Eruppen in der Versammlung von Angora ber»
aus: die Regierungsparte-j unter Mustafa Kemal Pascka ' nk»
die Opposit'vn un'er Hussein Avni, dem Abgeordnetcn "on
Erzerum. Diese Oppositionspartei knüpfte idecll an jungtiirkllche
Ueberlieferungen und organifator-sch an das Komitee «,Für Einh-rit
und Fortschritt" an. Die Iungtüiken waren durch dcn Zusammen-
bruch im Herbst 1918 ihrer Fllhrer zum grötzten Teil beraubt worren,
das waren die Talaat Pascha, Enver Pascha. Djeinal
Pascha, Doktor Beha Edin Schllkri u. a. Die augen-
blicklichen Führer der Oprositian sind autzer dem scbon genanntea
Hussein A v n i der ehemalige Finanzminister Djavid. der
srühere Unterr-chtsministcr Schükri Bei und der frühere Autzen-
minister Halil Bei. Weiterhin ftanden der Opposition gegenüber
»ast alle Eeistlichen im Lan>e günstig geflnnt, das bat seinen Erund
in einem der wichtigsten Prozrammpunkte der Oppositionsvartei.
Dieses Programm enthält näml-ch die Fordcrvng e'ner teilweisen
Rückkehr zum Sultanat Das Kalifat tn Konstantinopcl
soll politische Befugnisie behalten. Der zweite wichtiqe Punkt jst,
datz die Anhänger der Oppositton sich gegen jedes Kom«
promitz mitden westeuropäischen Mächten wenden;
die Devise lautet für sie: D'e Tllrkel den Türken. Die Opposttion
vereinigt demnach alle extrem-nationalistischen Elemcnte.

Autzer dieser eben genanntcn Öp-ositionspartei findet Mustafä
Kemal Pasckia in der Nationalversammlung eigentlich keinen
nennenswerten Widerstand mit seiner Politik. D«r Verircter der
türkischen Arbeiterschaft Numan Usta ist alles andere als etwa
ein Sozialist im Sinne des internationalen Sozialismus. Tis
..Sozialdemokratische Partei der Türkei" in Konstantinopel tst sogar
nach den Wassensiegcn Kemals nationalistisch angehaucht, jedenfalls
bai sie sich für dte Durchführung des Programms Mnstafa Kemal
Paschasj,eingesetzt. Und schlietzlich mären noch ein paar ALzeord-
nete zu nennen, die sich als „Unabhäng-ige" bezeichnen und sich »m
den ehcmaligen Ernöhrungsminister Kemal Pet geschart haben.
Es ist aber viel wahrscheinlicher. datz diese kleine Eruppe sich zum
grötzten Teil wenigstens an die Partei Kemals anschließen wird.

Und, nun dte Reai'erungspartell Kemal hatte öor der Äuf-
lösung der Erotzen Nationalversammlung eine Jnspektionsreise
eifrigst dazu benutzt, sein Programm im Lande zu propagieren. Die
wesentlichen Punkte, nach denen er beabfichtigt, sp'ne Pol-tik zu
ttihren, sind folgende: Loslösuna aller politischen Vefugnisie vom
Kalifat, desien vanislamitische Richt„ng Kemal für den nationaken
Aufbau -der Tiirkei schädlich hält. Erreichung emes Friedens im
Sinne des nation-alen Paktes vom 28. Ianuar 1920, uneingesrbräukte
Souveränität des Volkes und wirtschaftlicher Aufkau des Landes.
Für dieses Programm fand Kemal drautzen in der Provin.z sehr
viele Anhänger, so daß ihn dte Auflösunq des Parlamentes in Htn-
sicht avf den kommenden Wahlkampf nicht sehr ükerraschte. Kemal
batte sich oor der Ausickireibung von Neuwahlen seinc Anhänger-
schaft in der Pariei „Mudafai Hukuk" organtsiert, nunniehr
nennt er sie-„Volkspartei".

Dte Auslösung der Erotzen Nationalversammlung erfolgte auf
Antrag von 150 Abgeordneten der Eruppe Kemal Paschas
nachdcm vorher ein von denselben Abgeordneten gestsllter Nntrag'
ouf Vertagung der Friedensdebatte, Erteilung einer Blankovollmacht
zur Herbeffllhrung des Friedens durch die Rcgierung mon der Ver-
sammlung angenommen wor-den war. Den unmittelkaren Aniatz
zu tem Auflösungsbesthlutz der Nationalvcrsammlung und gleich-
zeitiger Ausjchreibung von Neuwahlen gab die Ermordnung von

i
 
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