beider Lis heute so feiudlicher und doch aufeinander so eng anze-
wiesener Länder ermöglichen sollte. Das ist gewitz das höchste, was
man dem Gegner bieten, das mindeste, was man für sich fordern
konnte. Ja, man mutz fchon noch weiter gehen und fragen: Haben
wir denn wirtlich das mindeste für uns gefordert?
W!r stnd bereit zu opfern und von neuem zu opfern, ohne auch nur
mit einem Worte desten zu aedenken, was wir alles schon hingegeöen
haben. Wir^sind bereit, Pflichten und immer wieder neue Pfl'chten
zu Lbernehmen, ohne auch nur einen Augenblick daran zu denken,
datz wir, die „Bestegten" und Mitzhandelten. Rechte habsn, die
aus der glsichen Quelle sich herleiten, wie die der „Sisger". Wir
»immer noch nicht hat sehen wollen. FLr uns rst diese Ablehnung
I nur der Deweis von der Wahrheit unserer Ueberzeugung und der
Richtigkeit unseres Handelns. Diese Ueberzeugung hat unser
nationales Bewutztsetn in einem ungeahnten Matze bis
jetzt erstarken lassen. Und sie wird auch in Zukunft immer der
ständige Nährboden bleiben, fllr alles, was im Euten gestaltend auf
das Schicksal Deutschlands «inwirken wird. Wir sind — das ist für
uns das Entscheidende — mit der klaren Einsicht in Frankreichs
wahre Absichten zu uns selbst erwacht und stehen damit an
einer Wende, die, was auch immer nun kommen mag, über alle
Schacherpolitik, über alle Träume „internationaler Verständigung".
hinweg unsere Geschichte in eine eindeutig deutsche Richtung
lenken mutz. 0. v.
bruch mutwilliz zerstört worden ist. Die Rückgabe des
geraubten Eigentums, der Wiederaufbau des verwüststen Ruhr-
gebietes, die Wiederinbetriebsetzung stillgelegter Werke, die Deutsch-
lands wirtschaftliche Lebensquelle 'waren, die Entschädigung aller
Mitzhandelten, Bcstohlenen und Vertriebenen — alles das. was uns
nach dem Wortlaut desselben Versailler Vertrags zustehen mühte
als unser unbcstreitbares Recht — alles das wird noch mit keinem
Worte gestreist! Nein und tausendmal nein, wir haben nicht das
mindeste für uns gefordert. Wir sind noch weit hinter dem zurück-
geblieben, was wir von Rechts wegen fordern dürfen und
sordern müssen!, Wir haben in unseren Forderungen noch nicht
einmal die unterste Erenze unseres Rechtes «rreicht. Wir haben
wahrlich so schon an Selbstverleugnung genug geleistet. Eine
Unterwerfung mutzte abgelehnt wcrden, nachdem der Schand-
vertrag von Versailles schon das äutzerste von uns verlangt hatte.
Eine Unterwerfung verbot uns diesmal das elementarste Existenz-
gefühl. Aus dieser Tendenz der Selbstbehauvtung heraus,
die das Urmotiv alles geschichtlichen Seins und Werdens bildet,
aus dieser gerechten Forderung, die wir von uns aus, so-
weit wir überhaupt noch ein Volk sind und sein wollen,
stehen müssen, aus diesem natürlichen Wunsche nacki aner-
rannter Ebenbürtigkeit aus diefem Willen zu uns selbst,
«rwuchs im „pafsiven Widerstand' unsere erste wirklich nationale
Tat. Hier gab stch zum ersten Male wieder ein Volk, das
waffenlos doch nicht sich selbst preisgeben konnte und durfte, einen
machtvollen Ausdruck seines Lebenswillens. hier fand zum
ersten Male wieder nach mannigfaltigen Irrungen em schweifender
Geisi in den sicheren Bereich dss natürlichen S t a m m e s aefühls
zurück, und hier schuf sich zum ersten Male wieder nach schrecklichen,
unsteten Zeiten in dem beglücksnden Gefiihl des Fn-sich-selbst-znrück-
aefunden-Habens ein zielbewutzter Wille, das ewig unantastbare
Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung.
Und das gerade ist es, was die jetzt vorliegende Note bedeutungs-
voller macht als alle vorhergehenden. Aus jedem einzelnen ihrer
Worte klingt bei allem Entgegenkommen unsererseits die tröstliche
Gewitzheit heraus: wir sind nicht mehr wehrlos, wir sind nicht mehr
ohne Aussicht dem'unerbittlichen Gegner preisgcgeben. wir sind nicht
mehr nur ein toter Stein, den er im knifflichen Brettsviel ssiner
diplomatischen Winkelzüge willenlos hin- und herschieben kann.
Wir sind heute dank seiner eigenen Methoden ein Faktor, den Herr
PoincarS künftig mit anderen Augen wird ansehsn müssen.
vorausgesetzt, datz er sich nicht in seiner politischen Berechnung
bald gründlich täuschen will. Alle Manöver seiner gehorsamen Presie
könne'n heute nicht mehr darüber hinwegtäuschen, datz wir Herrn
Poincars eine ganz empfindliche Niederlage an Rhein und Ruhr
bersitet haben, und es ist jehr wohl verständlich, wenn er mit so
autzerordentlicher durch Bramarbasieren nur allzu schlecht verhüllter
Empfindlichkeit uns das Aufgeben dieses Widerstandes und damit
die Auslieferung unserer letzten und mächtigsien Wafie nahelegte,
> die uns die Eeltung in der Welt noch aufrecht erhielt. Denn gerade
dieser Punkt ist es, der für uns und vielleicht auch für die Welt
berufen ssin kann. ein Wendepunkt zu werden. Hier i st
der Machtraujch F r a n k r e i ch s. der wie «in Alpdruck schwer
auf Europa lastete, zuschanden qeworden. Hier zeigte sich.
datz auch die brutalste Eewalt ihre Grenzen hat dort, wo ein Eeist
in geschlosiener Abwehr ihr ein gebieterisches „Halt!" zurust, hier
erwies sich, datz das stumme verbitterte Leiden eines Volkes eine
Situation zu schajfen vermag, an der die stärkste Waffe zersplittern
muß. Wer die unterirdischen Phasen der Verhandlungsfrags auf-
merksam verfolgt, dem mutz die nervöse Unsicherheit auffallen, mit
der Poincarö mit allen Mitteln versucht, cinen Ausweg zu finden.
Loucheurs Reise ist in dieser Hinsicht nicht minder ausfallend
wie die Sendung des ehemaligen Ministers Klotz. Die Laze, in
die sich Frankreich durch sein Ruhrabenteuer gebracht sieht, drängt
zu «iner Löjung der ganzen Frage. Die französische Industrie ist
mitzgestimmt. die Eifenbahner werden dringend. die Kosten der Be-
setzung immer unerschwinglicher, die Belgier immer ungeduldiger.
dazu die immer bedrohlicher werdende Orientfrage, und nicht zuletzt
die Rücksicht auf Äie kommenden Wahlen; alles das eriordert eine
möglichst schleunige Erledigunz desdeutschenGegners.
Denn darauf allein kommt es Frankreich an und nichtauf
Frieden! Das zeigt zur Ecnüge die einmütige Ablehnung, die
man in Paris heute durch den französifchen Ministerrat dem deut-
fchen Dorschlag hat offiziell zuteil werden lasien.
Uns Lberrascht diefe Ablehnung ganz gewitz nicht mehr. Wir
waren darauf vorbereitet und wir quittieren sie als das ruck-
haltslose Eingeständnis imPerialistisch e r Ab-
i sichten die eine durch Neid und Gewinnsucht verblendete Welt
Die Saliung der Miierten.
Brüsiel, London nnd Rom znr deutschen Note.
Don unserem bl-K orrespondenten.
Paris, 3. Mai.
Die Korrespondenten des „Temps" in Vrüjsel, London
und Rom teilen Lber die in den genatznten drei Städten herrschende
Anschauung folgendes mit: Jn belgischen Regierungskreijen wurde
heute diePrüfung derdeutschen Note fortzesetzt. Die
deutschen Vorschläge erscheinen als unannehmbar. Eine hohe
Perfönlichkeit erklärte dem Korrespondenten die Angebote für
lächerlich (!) und provokatorifchf!). Die belgische Regie-
rung pflegt einen Gedankenaustaufch mit der französtschen Regierung.
Theunis und Iaspar erklären die deutsche Note sür unannehm-
bar. Die Antwort wird raschestens redigiert werden. Man glaubt,
datz der Vesuch von Poincars in Brüssel am Montag statt-
finven werde. Aus London wird dem „Temps" gemeldet: Dis
Haltung des englifchen Kabinetts gegenüber der deutschen
Reparationsnote steht noch nicht endgültig fest. Wahrschcinlich
werden aber die Grundfätze weiter bestehen bleiben, welche bisher
jür die englische Politik matzgebend waren, nämlich der fran-
zösifch-Lelgischen Aktion im Ruhrgeviet kein«
Verlegenheit zu bereiten und provisorisch die Pläne
BonarLaws auf der Pariser Januar-Konferenz aufrechtzuerhclten
und den Augenblick abzuwarten, wo eine englische Jntervention
nützlicherweise erfolgcn könnte. Hauptsächlich wird man sich in offi-
ziellen Kreijen nunmehr fragen, ob dieser Augenblick bereits ge-
kommen sei. Man weitz noch nicht. ob das englische Kabinett auf
die deutfche Note antworten wird, weil man glaubt, datz es haupt-
sächlich Frankreichs und Belgiens Angelegenheit sei, diese Antwort
zu erteilen und weil man Frankreich und Belgien keine Verlezen-
heit bereiten will. Aber die Downingstreet erinnerte in den letzten
Tagen wiederholt daran, datz England auf ssinen Reparationsanteil
noch nicht verzichte. Die Lage würde also nach ÄLlehnung der deut-
schen Anzebote durck Frankreich und Belaien wahrscheinlich zur
Wiederaufnahme der Erörterungen Lber die Revarationsfrage führen,
zwar nicht in Eestalt einer Konierenz der Ministerpräsidenten, son-
dern auf diplomatischem Wsge. England würde die Rückkehr
zum Plan Bonar Laws wllnfchcn, der auf der Ianuarkonfsrenz
nicht genüqend studiert wurde und der übrigens eine Ablehnung
erfahren könnte. Man hofft, datz im Laufe dieses Iahres durch
diplomatische Besprechunzen die grotzen Umrisse eines Einvsr-
nehmens zustande kommen könnten, durck welches das Reparations-
problem, das interallüerte Schiildenproblem und das Sicherheits-
vroblem gelöst würden. Endlich meldet dsr römische „Temvs"-
Korrespondent: Man sieht in der deutschen Rote eine Grundlage,
um die Besvrechungen wieder aufzunehmen. Die italienische Regie-
rung wünscht ernftlich den Frieden und ist bereit, dssien Abschlutz
zu erleichtern, aber nur untsr der Bedingunz datz dadurch keine
Interesien einzelner Alliierter verletzt werden und datz dadurch
keine deutfchen Manöver gefördert werden, um sich der Zahlung der
Reparationen zu entziehen.
Die geschetterte Vesatzungskofien-Konferenz.
Päris, 2. Mai. Nach der „Ehicago Tribune" ist der
Rruch in den Pariser Verhandlungen über die ameri -
kanischen Besetzungskosten darauf zurückzuführen, datz die
Alliierten von den Vereinigten Staaten die Herabfetzung der
amerikanischen Privatansprüche zegen Deutschland äus
dem Kriege verlangten. Die letzte Sitzung am Montäg brachte für
den amerikLnischen Vertreter eine grotze Ueberrafchung, als die
Alliierten erklärten, daß di« amerikanischen Besetzungskostsn nicht
gezahlt würden, falls die Vereinigten Staaten nicht ihre Lbrigsn
Änsprüche an Deutschland auf 780 000 Dollar herabsetzten. Diese
Fordervng sei von dem Schatzfekretär Wadsworth alatt aL-
gelehnt worden. Er erklärte, datz die amerikanisckie Regierung
ihre Zustimmung zu der Ausdehnung der Zahlunzsfrist auf zwölf
Jahre mit 25prozentiger Priorität für vier Iahre und lOOprozen-
tiger Priorität für die folgenden acht Iahre als letzte Konzession
machte. Jn Parifer amtlichen amerikanischen Kreifen nehme man
an, datz das Dorgehen der Alliierten in Washington einen
sehr u ngünstigen Eindruck gemacht habe.
Wer M in SeoMlan- Sleaern?
Eines der beliebtesten Agitationsmittel der Liuks
parteien, das leider von den Franzoscn mit viel l^Ichiaiuy-
keit aufgegriffen und verwandt worden ist, bildet die Behaup.tung,
datz fast allein die Arüeiter in Dcutschland Steuern au^ringen
müsien, während der Desitz weitgehendst verschont bleive. o
Wirklichkeit liegen die Verhaltnisse genau umgekehrt. _
Jn keinem Lande der Welt sind dem Besitz auch nur annayeni^
so viel Steuern auferlegt wie in Deutschland. Ein selbstandlger
werbetreibsnder mit zwei Kindern hat z. B. von seinem F'"komm
von 50 000 Papierniark in Deutjchland 6,2 A, in Frankreich dageg
nur 1,68 ^ an Einkommensteuer zu zahlen. Von einem gewerviim
Einkommen von einer Million Mark müsien in Deutschlam, 2i,o -
in Frankreich aber nur 7,12^ entrrchtet werden, während bei em
Einkommen von 20 Millionen in Deutschland sogar 57 A uno
Frankreich nur 45 A zu zahlen sinds in England sind die Satze
wcise sogar noch geringer. Genaue Verechnungen haben ergsbem
ein
i orotzindustrieller Betrieb in Deutschland von einem ..
100 Mark mindestens 91 Mark für allgemeine Zwecke hergeben '
während er nur 9 Mark für Reserven, Dividenden, Äl",wrc:^
usw. Lehalten kann. Bei den Lesonders mit arbeitenden ^osr. -
rheinisch-westfälischen IndustrieLszirks macht die Dividende "^r
den fünften Teil der für Steuern und öjfentliche ALgaben ^
qejtellten Beträge aus. Das Einkommcn, das in Eestalt von
denden aus gewerblichen Betrieben erzielt wird, ist in
uenven llus fleweroricyen DLirieoen erzrerr unro,
Kärperschaftsjteuer und Kapitalertragssteuer um mindestens
bereits verkürzt, bevor der Aktionär etwas erhält. Dazu komm^ ^
infolge der Art der Einkommens- und Vermögensberechnung cr -
scharje indirekte Besteuerung. So wird z. B. die doch nur 1^0
Wertsteigerung der Warenbestände zum Teil als Einkommen
delt und steuerlich erfatzt, und es sind im Laufe der letztcn
mindestens 80—96 ^ des Aktienbesitzes infolge der Geldentw ^
Wie scharf der Desitz in Deutschland
enteignet worden. m
wird, lätzt sich schon daraus ersehen, datz jogar bei der Brulim
ferenz der alliierten Sachverständigen die deutsche Besitzvsst^^^^
als zu übcrspannt und ihr Abbau als notwendig te'ramiei
ist. Demgegenüber ist die steuerliche Heranziehung a>-s 1.
Gehalt verhältnismätzig gering. Der ursprünglich zugrun°e »
Abzug von 10 ist jeit einiger Zeit erheblich herabgesetzt ^
bei einem verheirateten Arbeiter mit z.ve'i Kindern z. B-, aul - hie
Im Iahre 1921 entfielen 18,6 der steuerlichen Eingänge
Lohnsteucrpflichtigen, während 81,4 A von anderer Seite a»m
worden sind. Dabei lln«
Das Bild der deutschen Steuerpolitik wird leider ^ur^^xjnde*
menge der zur Erhebung gelangenden Reichs-, Staats- und sv
steuern (ungefähr 45!) künstlich verschleiert. Während m i-
nchmer im allgemeinen nur eine Stener (die Einkoinme.ni
entrichten haben, ruhen auf dem Besitz eine sehr erhebuwe,n
Steuern. von denen jede für stch die Lohnsteuer des Atw hebliw
Einzelfällen oft nicht crreicht, zusammengefatzt ste aber sehe ^hobfsi^
überschreitcn. Zurzeit werden in Deutschland nom Deii«<sie
Einkommensteuer, Vermögenssteuer, Zwangsanleihe, ^^.fissteu^
bäude- und Gewerbesteuer, Erunderwerbssteuer, iLrblw ^ vou
Kapitalverkehrssteuer, Emissionssteuer, Steuer aus demzj Ber-
Wertpapieren und Devisen, Personen- und Eüterverkebrsltc ^ sr<
sicherungssteuer, Luxussteuer. Es wäre eine reizvolle ^^foerbstrr^
rechnen, welchen Betrag aus allen diesen Steuern sin jpc zv
bender mit grötzerem Einkommen bei normalem <5^4 „ datz dis
entrichten hat. Vermutlich würde sich dann herausstsllen- -^sglge
Stevern grötzer sind als das Einkommen, und datz sis " ---
der Geldentwertuna tragbar sind. in Zeiten stabiler Ma^ ^AgjgeM
von Zeiten ihrer Höherbewcrtung ganz zu schweigen —
Vsrmöaensvcrlust führen müsien.
Seutsch tschechische Verhandlunse»-
Ausweisung vou Staätsängehörigen beider L -nksr-
B-rli". j.rung
Die Verhai^dlungen zwischen der deutstzen ^ „no
und den Regierungen von Preutzen, Bayern S " " ^ § chs'
Württe
eMberg einerseits und der Negierung der ^^ei<
ischen Republik andererseits über bm ff ve
slowakischen Republik andererseits über T
s^ung von beiderseitigen Staatsangehörigen und purckl
damit zusammenkängenden Fraasn' sind am 2, Mai "
Notenaustausch zwischen dem tschechoslowakischen Gesandtsa " ^uf
Reichsminister des Auswärtigen zum Abschlutz ZekoMw^^^^dcM
Reichsminister des Auswärtigen zum Abschlutz
Grund der Berhandlungen, die beiderseits in entgegen- ^^fgenvs
Sinne geiührt wurden, wurde ein Einverständnis Lbsr no»<
Punkte erzielt: ws»n?^
1, Künftig werden Ausweisungen nur dann verfüSb hsienu
Verbleibcn der betreffenden Person geeignet sein würde, ^„fentha'
liche Ordnung oder Sicherheit des Staates durch seinen
zu gefährden, -;g, Avrü
2. Ausweisunaen, die in der Zeit vom 1. Iuli 1932 °'^^ rück'
1923 verfügt wurden, werden auf Ansuchen der Betro'i
gängig gemacht, sofern die Nusgewiefensn sich
25 Bräute.
Ein Schelmenroman von Wilhelm Herbrrt.
U. Nortlebuna- NaSbrnck verboteu.
Mia hörte nicht mehr auf seine Worte und Lberlegte, wie sie
bis vier Uhr am Eymnasium sein und Otto abfangen könnte. Es
schien ihr dazu am geratensten. mit den Wölfen zu heulen und die
folasame Tochter zu spielen. ^
Verzeihe, Mutter!" sagte sie daher plotzlich mit schemheiliger
Reue. „Perzeihen Sie, mein Herr!" Und machte dazu einen tadel-
losen Höheretochterknix. ^ -»
O du Luderchen!" dachte Dulliahn. „sie sehen, was fur em
gutes' Kind sie ist," sagte er laut zu Frau Maria. die der Wand-
lung zwar noch nicht ganz traute, aber doch darüber ersrsut war,
und beschlotz. das Eisen zu schmieden, solange es warm schien-
Veit empsahl sich in der Nähe des Eeschäftes und flüsterte, als
die Mutter die Tllre öffnete. heimlich der Tochter zu: „Morgen!"
Sie war über fo viel Frechheit auf das tieffte empört. nahm
sich aber noch sür alle Fälle vor, die Flucht mit Otto erst für mor-
gen abcnd anzusetzen und noch einmal zu Krillparzer zu kommen,
um zu hören, was ihr der Verräter etwa zu sagen hätte. Auf dem
unteisten Grund ihrer Seele kauerte noch eine ganz kleine, kleine
Hosfrmng. Einke ihre Mutter freundlich, als sie den Laden
betreten hatten, „Ich mutz dir eines sagen, was dir vieles erklären
wird: Er will mich heiraten!"
„Nein, mich!" rief Mia mit flammender Entrüstunz und
sprang auf.
Nein, m i ch!" sagte «ine spitze, scharfe Stimme — und Frau
Mathilde stand in der Ladentüre. „Zch bin gekommen. um zu frazen,
was Sie mit dem Manne herumzulaufen haben, dem ich gestern einen
Anzug meines Seligen gab, den er — wahrscheinlich auf Jhre An-
stiftung — heute fchon nicht mehr trägt,"
Eine fürchterliche Szene zu dreien folgte, von der Veit keins
Ahnung hatte.
Er verbrachte die nächste Stunde in rosiger Laune Mit Lu in
der Kinobar und versprach ihr, mit einem bekannten Dichter zu
reden, der ihr eiue glänzend« Filmrolle auf den Leib schreiben würde.
Allerdings mlltzte fie darin wahrscheinlich aus einem Flugz-eug ins
Wasier springen, weil das -die höchste Poesie sei.
Lu fror zwar bei dem blotzen Eedanken. Aber ste wutzte, datz
ein grotzer Schwa-rm ihrer Freundinnen sofort jeden Teich voll-
HLpfen würde fur einen Varon, der ihnen eine Rolle auf den Leib
schreiben lietz. Sie sagte daher begeistert zu.
Vorerst gingen ste miteinander in den Reitsaal, wo Veit auf
«in Pferd Uetterle, wetl er mit ihr ausreiten wollte und es überhaupt
im Jntsresie seiner Zukunft erachtete, auf dem Rücken dieser edlen
Tiere einigen Befcheid zu wissen.
Wie er später allein durch die Straßen ging, von der Lektion
nicht unbefriedigt, nur ein wenig lendenlahm, da Legegnete ihm
Jula, die Putzmamsell, an der sein Herz hing.
„Du brst aber sein," sagte ste mitztrauisch und Lberslog seine
Eleganz. , Wo hast du das Zeug her?"
Er wollte flunkern. Aber ste lietz ihn mcht zu Worte kommen.
„Eeb einmal mit mir!" verlangte ste.
Für ste war er zu vielem bereit. „Wohin?" frrgte er Äaher nur,
fast sckiüchtern.
„Zu Sybille," antwortete sie. „Es ist meine Wahrsazerin. Jch
will einmal wisien, wie wir miteinander daran sind, datz nicht wieder
eine Dmnmheit dabei herauskommt."
Wie viele höchst aiifgeklärte Menschen, hatte e-r eine geheime
Scheu vor allem Mystischen. Denu fast kein Mensch ist gan-z von
Aberglauben frei — am wenigsten jene, die anderen allerhand -u
glauben zumuten.
Aber Iula widsrsteben — das konnte er nicht.
So ging er mit.
Sybille wobnte unscheinbar irgendwo in einer Sefirnstratze im
dritten Stock. Sie war eine blasie pikaute Frau mit schönen zrotzen
Augen und feinen Händen.
Die Hände anderer waren ihr hauptsäibliches Arbeitsgebiet.
So lietz fle denn alsbald Jula und Deit, den ste mit einem
interessierten Blick betrachtet hatte, die rechten Hände vor sich aus-
breiten und studierte d-ie geheimnisvollen Linien, die Natur und
Schicksal darin ein-gezeichnet batten.
„Sie haben viel Gemeinjames," sagte ste.
Das freute Iula insgeheim und auch Dulljahn tat es wohl.
Dann solgte ste mit aufmerksamem Zeigefinzer gewisien Spuren
in seiner Rechten.
„Diese Verästelung-sn" — murmelte ste — ,Mese autzerordentlich
zahlreichen Verästelungen!"
„Was sind das fllr Derästeluugen?!" fragte Iula mitztrauisch.
Sybille sah aus tiefen Eedanken auf. „Das stnd Verästelungen,
die auf ein reiches, vielen Einflüssen unierworfenes Jnnsnleben
deuten."
„Stimmt!" sagt« Jula trocken. „Auch Autzenleben. Er hat sich
schon immer sehr verästelt."
„Aber hier!" Die Zukunftspriesterin nahm Deits warme Hand
und hob sie mehr gegeu das Licht.
Die beiden waren sehr gespannt. Sein Eewiffen krümmte stch.
Er wäre lieber draußen gewesen. Das Frauenzimmer war ihm
unheimlich wie ein Gerichtsakt. In beiden staken Ueberraschungen.
„Hier ist eine kräftige Linie von fremder Energie, d-ie all dieses
Meitverzweigte zu-sammensatzt und zu sinem sicheren Ende führt."
,Das bin ich," dachte Jula in stiller Freude. .. s«
Ich bin's," sann Sybille. Der Mann interessterte
lebhafter.
,Am Ende ifl es der Staatscnwalt," erwog Vulliahu,
ahuungsvoller zu Mute wurde. Ie-densalls war Symue e
mit dem man rechnen mutzte. Sie konnte Eefahren
abwenden. Man mutzte ste zu gewinnen vevsuchen- k
Er reihte sie insgeheim unter seine Fllniund-zwano
brannte danacb. mit ihr allein zu bleiben. ^ xulas-..
ürinS^
ein und
Sie legte jeins Hand auf den Tüch und ergriff die schöne
„Hier !ft alles klar und schlicht. Eine treue Hnnd. ^ Lslt»'
„yier iii aiies liar uno pyiicyr. ivine ireue
glatter Lebensweg. Hobes Alter, Ge-sundheit, Fleitz, ye
Offenheit. . ."
Si« ftockte. .Da
.Fvas ist das?"
„Da ist ein« Wendung. vor der Sie ftch huten
„Also doch er?" Lberlegte die Putzarbeiterin
miiM „orsiStkS'
Julchen
hen!" " - » ^hen
„Es steht in Ihrer freien Wahl. ob Sie den 6^??- ^„0, ubak
woll-en oder stch auf Seitenpfade begeben, di«
gesahrvoll sind."
,.Was soll ich tun?"
- Sesichij
Dre beiden Frauen schauien sich ernen Augenblick iest „nd
„Jch würde geradeaus gehen," sagte Sybrll« dann la
und natzdrücklich. ^ , -jKtig
Det
,Ick> danke." Iula iühlte sich enttäuscht. F^-^chH^-Ä
gerad« Weg war immer der bejt«. Aber es juckte sie 0 ^jrklich 3°
den Seitenpfaden. Sie hatte im Grunde genommen -vei
Sie Sitzvng war zu Ende. .
Ritterlich bezahlte er. ^ „nv
Während sie stch gemeinsam über vas Geld beugi? ,.Ks
uuwillkürlich ansahen, lud !hn der Blick Sybillen-
allein wieder!"
ntl-ch
.Zch komme schon," oersprach der seine. > ^ eigenr'":.
mützte t man iN
Auf der Stratzs meinte Jula: „Du! Jtz . -
laufen lasien. Das faqt mir mein kleincr F'-"S; < etwas sest«i
schlietzlich noch andere Beweggründe. Ich werde '
die Kandare nehmen müffen und schen, ob du p" j,hs^,srständlr^'
Jhre Teilnahme hatte Wärme. „Ich pariere !
erklärte er lachend, behieli stch aber Nusnahmen „ sie
„Am Donnerstag kommst du in die „Tulpensa
„Mit Vergnügen!" und w«rde
„Sei vorsichtig! Jch weitz, was du denk>.
beobachten." „ ....,
„Eott! Jch habe nichts zu verbergen. cmortsetzung '
„Wer's glaubt!" '
di^ I
wiesener Länder ermöglichen sollte. Das ist gewitz das höchste, was
man dem Gegner bieten, das mindeste, was man für sich fordern
konnte. Ja, man mutz fchon noch weiter gehen und fragen: Haben
wir denn wirtlich das mindeste für uns gefordert?
W!r stnd bereit zu opfern und von neuem zu opfern, ohne auch nur
mit einem Worte desten zu aedenken, was wir alles schon hingegeöen
haben. Wir^sind bereit, Pflichten und immer wieder neue Pfl'chten
zu Lbernehmen, ohne auch nur einen Augenblick daran zu denken,
datz wir, die „Bestegten" und Mitzhandelten. Rechte habsn, die
aus der glsichen Quelle sich herleiten, wie die der „Sisger". Wir
»immer noch nicht hat sehen wollen. FLr uns rst diese Ablehnung
I nur der Deweis von der Wahrheit unserer Ueberzeugung und der
Richtigkeit unseres Handelns. Diese Ueberzeugung hat unser
nationales Bewutztsetn in einem ungeahnten Matze bis
jetzt erstarken lassen. Und sie wird auch in Zukunft immer der
ständige Nährboden bleiben, fllr alles, was im Euten gestaltend auf
das Schicksal Deutschlands «inwirken wird. Wir sind — das ist für
uns das Entscheidende — mit der klaren Einsicht in Frankreichs
wahre Absichten zu uns selbst erwacht und stehen damit an
einer Wende, die, was auch immer nun kommen mag, über alle
Schacherpolitik, über alle Träume „internationaler Verständigung".
hinweg unsere Geschichte in eine eindeutig deutsche Richtung
lenken mutz. 0. v.
bruch mutwilliz zerstört worden ist. Die Rückgabe des
geraubten Eigentums, der Wiederaufbau des verwüststen Ruhr-
gebietes, die Wiederinbetriebsetzung stillgelegter Werke, die Deutsch-
lands wirtschaftliche Lebensquelle 'waren, die Entschädigung aller
Mitzhandelten, Bcstohlenen und Vertriebenen — alles das. was uns
nach dem Wortlaut desselben Versailler Vertrags zustehen mühte
als unser unbcstreitbares Recht — alles das wird noch mit keinem
Worte gestreist! Nein und tausendmal nein, wir haben nicht das
mindeste für uns gefordert. Wir sind noch weit hinter dem zurück-
geblieben, was wir von Rechts wegen fordern dürfen und
sordern müssen!, Wir haben in unseren Forderungen noch nicht
einmal die unterste Erenze unseres Rechtes «rreicht. Wir haben
wahrlich so schon an Selbstverleugnung genug geleistet. Eine
Unterwerfung mutzte abgelehnt wcrden, nachdem der Schand-
vertrag von Versailles schon das äutzerste von uns verlangt hatte.
Eine Unterwerfung verbot uns diesmal das elementarste Existenz-
gefühl. Aus dieser Tendenz der Selbstbehauvtung heraus,
die das Urmotiv alles geschichtlichen Seins und Werdens bildet,
aus dieser gerechten Forderung, die wir von uns aus, so-
weit wir überhaupt noch ein Volk sind und sein wollen,
stehen müssen, aus diesem natürlichen Wunsche nacki aner-
rannter Ebenbürtigkeit aus diefem Willen zu uns selbst,
«rwuchs im „pafsiven Widerstand' unsere erste wirklich nationale
Tat. Hier gab stch zum ersten Male wieder ein Volk, das
waffenlos doch nicht sich selbst preisgeben konnte und durfte, einen
machtvollen Ausdruck seines Lebenswillens. hier fand zum
ersten Male wieder nach mannigfaltigen Irrungen em schweifender
Geisi in den sicheren Bereich dss natürlichen S t a m m e s aefühls
zurück, und hier schuf sich zum ersten Male wieder nach schrecklichen,
unsteten Zeiten in dem beglücksnden Gefiihl des Fn-sich-selbst-znrück-
aefunden-Habens ein zielbewutzter Wille, das ewig unantastbare
Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung.
Und das gerade ist es, was die jetzt vorliegende Note bedeutungs-
voller macht als alle vorhergehenden. Aus jedem einzelnen ihrer
Worte klingt bei allem Entgegenkommen unsererseits die tröstliche
Gewitzheit heraus: wir sind nicht mehr wehrlos, wir sind nicht mehr
ohne Aussicht dem'unerbittlichen Gegner preisgcgeben. wir sind nicht
mehr nur ein toter Stein, den er im knifflichen Brettsviel ssiner
diplomatischen Winkelzüge willenlos hin- und herschieben kann.
Wir sind heute dank seiner eigenen Methoden ein Faktor, den Herr
PoincarS künftig mit anderen Augen wird ansehsn müssen.
vorausgesetzt, datz er sich nicht in seiner politischen Berechnung
bald gründlich täuschen will. Alle Manöver seiner gehorsamen Presie
könne'n heute nicht mehr darüber hinwegtäuschen, datz wir Herrn
Poincars eine ganz empfindliche Niederlage an Rhein und Ruhr
bersitet haben, und es ist jehr wohl verständlich, wenn er mit so
autzerordentlicher durch Bramarbasieren nur allzu schlecht verhüllter
Empfindlichkeit uns das Aufgeben dieses Widerstandes und damit
die Auslieferung unserer letzten und mächtigsien Wafie nahelegte,
> die uns die Eeltung in der Welt noch aufrecht erhielt. Denn gerade
dieser Punkt ist es, der für uns und vielleicht auch für die Welt
berufen ssin kann. ein Wendepunkt zu werden. Hier i st
der Machtraujch F r a n k r e i ch s. der wie «in Alpdruck schwer
auf Europa lastete, zuschanden qeworden. Hier zeigte sich.
datz auch die brutalste Eewalt ihre Grenzen hat dort, wo ein Eeist
in geschlosiener Abwehr ihr ein gebieterisches „Halt!" zurust, hier
erwies sich, datz das stumme verbitterte Leiden eines Volkes eine
Situation zu schajfen vermag, an der die stärkste Waffe zersplittern
muß. Wer die unterirdischen Phasen der Verhandlungsfrags auf-
merksam verfolgt, dem mutz die nervöse Unsicherheit auffallen, mit
der Poincarö mit allen Mitteln versucht, cinen Ausweg zu finden.
Loucheurs Reise ist in dieser Hinsicht nicht minder ausfallend
wie die Sendung des ehemaligen Ministers Klotz. Die Laze, in
die sich Frankreich durch sein Ruhrabenteuer gebracht sieht, drängt
zu «iner Löjung der ganzen Frage. Die französische Industrie ist
mitzgestimmt. die Eifenbahner werden dringend. die Kosten der Be-
setzung immer unerschwinglicher, die Belgier immer ungeduldiger.
dazu die immer bedrohlicher werdende Orientfrage, und nicht zuletzt
die Rücksicht auf Äie kommenden Wahlen; alles das eriordert eine
möglichst schleunige Erledigunz desdeutschenGegners.
Denn darauf allein kommt es Frankreich an und nichtauf
Frieden! Das zeigt zur Ecnüge die einmütige Ablehnung, die
man in Paris heute durch den französifchen Ministerrat dem deut-
fchen Dorschlag hat offiziell zuteil werden lasien.
Uns Lberrascht diefe Ablehnung ganz gewitz nicht mehr. Wir
waren darauf vorbereitet und wir quittieren sie als das ruck-
haltslose Eingeständnis imPerialistisch e r Ab-
i sichten die eine durch Neid und Gewinnsucht verblendete Welt
Die Saliung der Miierten.
Brüsiel, London nnd Rom znr deutschen Note.
Don unserem bl-K orrespondenten.
Paris, 3. Mai.
Die Korrespondenten des „Temps" in Vrüjsel, London
und Rom teilen Lber die in den genatznten drei Städten herrschende
Anschauung folgendes mit: Jn belgischen Regierungskreijen wurde
heute diePrüfung derdeutschen Note fortzesetzt. Die
deutschen Vorschläge erscheinen als unannehmbar. Eine hohe
Perfönlichkeit erklärte dem Korrespondenten die Angebote für
lächerlich (!) und provokatorifchf!). Die belgische Regie-
rung pflegt einen Gedankenaustaufch mit der französtschen Regierung.
Theunis und Iaspar erklären die deutsche Note sür unannehm-
bar. Die Antwort wird raschestens redigiert werden. Man glaubt,
datz der Vesuch von Poincars in Brüssel am Montag statt-
finven werde. Aus London wird dem „Temps" gemeldet: Dis
Haltung des englifchen Kabinetts gegenüber der deutschen
Reparationsnote steht noch nicht endgültig fest. Wahrschcinlich
werden aber die Grundfätze weiter bestehen bleiben, welche bisher
jür die englische Politik matzgebend waren, nämlich der fran-
zösifch-Lelgischen Aktion im Ruhrgeviet kein«
Verlegenheit zu bereiten und provisorisch die Pläne
BonarLaws auf der Pariser Januar-Konferenz aufrechtzuerhclten
und den Augenblick abzuwarten, wo eine englische Jntervention
nützlicherweise erfolgcn könnte. Hauptsächlich wird man sich in offi-
ziellen Kreijen nunmehr fragen, ob dieser Augenblick bereits ge-
kommen sei. Man weitz noch nicht. ob das englische Kabinett auf
die deutfche Note antworten wird, weil man glaubt, datz es haupt-
sächlich Frankreichs und Belgiens Angelegenheit sei, diese Antwort
zu erteilen und weil man Frankreich und Belgien keine Verlezen-
heit bereiten will. Aber die Downingstreet erinnerte in den letzten
Tagen wiederholt daran, datz England auf ssinen Reparationsanteil
noch nicht verzichte. Die Lage würde also nach ÄLlehnung der deut-
schen Anzebote durck Frankreich und Belaien wahrscheinlich zur
Wiederaufnahme der Erörterungen Lber die Revarationsfrage führen,
zwar nicht in Eestalt einer Konierenz der Ministerpräsidenten, son-
dern auf diplomatischem Wsge. England würde die Rückkehr
zum Plan Bonar Laws wllnfchcn, der auf der Ianuarkonfsrenz
nicht genüqend studiert wurde und der übrigens eine Ablehnung
erfahren könnte. Man hofft, datz im Laufe dieses Iahres durch
diplomatische Besprechunzen die grotzen Umrisse eines Einvsr-
nehmens zustande kommen könnten, durck welches das Reparations-
problem, das interallüerte Schiildenproblem und das Sicherheits-
vroblem gelöst würden. Endlich meldet dsr römische „Temvs"-
Korrespondent: Man sieht in der deutschen Rote eine Grundlage,
um die Besvrechungen wieder aufzunehmen. Die italienische Regie-
rung wünscht ernftlich den Frieden und ist bereit, dssien Abschlutz
zu erleichtern, aber nur untsr der Bedingunz datz dadurch keine
Interesien einzelner Alliierter verletzt werden und datz dadurch
keine deutfchen Manöver gefördert werden, um sich der Zahlung der
Reparationen zu entziehen.
Die geschetterte Vesatzungskofien-Konferenz.
Päris, 2. Mai. Nach der „Ehicago Tribune" ist der
Rruch in den Pariser Verhandlungen über die ameri -
kanischen Besetzungskosten darauf zurückzuführen, datz die
Alliierten von den Vereinigten Staaten die Herabfetzung der
amerikanischen Privatansprüche zegen Deutschland äus
dem Kriege verlangten. Die letzte Sitzung am Montäg brachte für
den amerikLnischen Vertreter eine grotze Ueberrafchung, als die
Alliierten erklärten, daß di« amerikanischen Besetzungskostsn nicht
gezahlt würden, falls die Vereinigten Staaten nicht ihre Lbrigsn
Änsprüche an Deutschland auf 780 000 Dollar herabsetzten. Diese
Fordervng sei von dem Schatzfekretär Wadsworth alatt aL-
gelehnt worden. Er erklärte, datz die amerikanisckie Regierung
ihre Zustimmung zu der Ausdehnung der Zahlunzsfrist auf zwölf
Jahre mit 25prozentiger Priorität für vier Iahre und lOOprozen-
tiger Priorität für die folgenden acht Iahre als letzte Konzession
machte. Jn Parifer amtlichen amerikanischen Kreifen nehme man
an, datz das Dorgehen der Alliierten in Washington einen
sehr u ngünstigen Eindruck gemacht habe.
Wer M in SeoMlan- Sleaern?
Eines der beliebtesten Agitationsmittel der Liuks
parteien, das leider von den Franzoscn mit viel l^Ichiaiuy-
keit aufgegriffen und verwandt worden ist, bildet die Behaup.tung,
datz fast allein die Arüeiter in Dcutschland Steuern au^ringen
müsien, während der Desitz weitgehendst verschont bleive. o
Wirklichkeit liegen die Verhaltnisse genau umgekehrt. _
Jn keinem Lande der Welt sind dem Besitz auch nur annayeni^
so viel Steuern auferlegt wie in Deutschland. Ein selbstandlger
werbetreibsnder mit zwei Kindern hat z. B. von seinem F'"komm
von 50 000 Papierniark in Deutjchland 6,2 A, in Frankreich dageg
nur 1,68 ^ an Einkommensteuer zu zahlen. Von einem gewerviim
Einkommen von einer Million Mark müsien in Deutschlam, 2i,o -
in Frankreich aber nur 7,12^ entrrchtet werden, während bei em
Einkommen von 20 Millionen in Deutschland sogar 57 A uno
Frankreich nur 45 A zu zahlen sinds in England sind die Satze
wcise sogar noch geringer. Genaue Verechnungen haben ergsbem
ein
i orotzindustrieller Betrieb in Deutschland von einem ..
100 Mark mindestens 91 Mark für allgemeine Zwecke hergeben '
während er nur 9 Mark für Reserven, Dividenden, Äl",wrc:^
usw. Lehalten kann. Bei den Lesonders mit arbeitenden ^osr. -
rheinisch-westfälischen IndustrieLszirks macht die Dividende "^r
den fünften Teil der für Steuern und öjfentliche ALgaben ^
qejtellten Beträge aus. Das Einkommcn, das in Eestalt von
denden aus gewerblichen Betrieben erzielt wird, ist in
uenven llus fleweroricyen DLirieoen erzrerr unro,
Kärperschaftsjteuer und Kapitalertragssteuer um mindestens
bereits verkürzt, bevor der Aktionär etwas erhält. Dazu komm^ ^
infolge der Art der Einkommens- und Vermögensberechnung cr -
scharje indirekte Besteuerung. So wird z. B. die doch nur 1^0
Wertsteigerung der Warenbestände zum Teil als Einkommen
delt und steuerlich erfatzt, und es sind im Laufe der letztcn
mindestens 80—96 ^ des Aktienbesitzes infolge der Geldentw ^
Wie scharf der Desitz in Deutschland
enteignet worden. m
wird, lätzt sich schon daraus ersehen, datz jogar bei der Brulim
ferenz der alliierten Sachverständigen die deutsche Besitzvsst^^^^
als zu übcrspannt und ihr Abbau als notwendig te'ramiei
ist. Demgegenüber ist die steuerliche Heranziehung a>-s 1.
Gehalt verhältnismätzig gering. Der ursprünglich zugrun°e »
Abzug von 10 ist jeit einiger Zeit erheblich herabgesetzt ^
bei einem verheirateten Arbeiter mit z.ve'i Kindern z. B-, aul - hie
Im Iahre 1921 entfielen 18,6 der steuerlichen Eingänge
Lohnsteucrpflichtigen, während 81,4 A von anderer Seite a»m
worden sind. Dabei lln«
Das Bild der deutschen Steuerpolitik wird leider ^ur^^xjnde*
menge der zur Erhebung gelangenden Reichs-, Staats- und sv
steuern (ungefähr 45!) künstlich verschleiert. Während m i-
nchmer im allgemeinen nur eine Stener (die Einkoinme.ni
entrichten haben, ruhen auf dem Besitz eine sehr erhebuwe,n
Steuern. von denen jede für stch die Lohnsteuer des Atw hebliw
Einzelfällen oft nicht crreicht, zusammengefatzt ste aber sehe ^hobfsi^
überschreitcn. Zurzeit werden in Deutschland nom Deii«<sie
Einkommensteuer, Vermögenssteuer, Zwangsanleihe, ^^.fissteu^
bäude- und Gewerbesteuer, Erunderwerbssteuer, iLrblw ^ vou
Kapitalverkehrssteuer, Emissionssteuer, Steuer aus demzj Ber-
Wertpapieren und Devisen, Personen- und Eüterverkebrsltc ^ sr<
sicherungssteuer, Luxussteuer. Es wäre eine reizvolle ^^foerbstrr^
rechnen, welchen Betrag aus allen diesen Steuern sin jpc zv
bender mit grötzerem Einkommen bei normalem <5^4 „ datz dis
entrichten hat. Vermutlich würde sich dann herausstsllen- -^sglge
Stevern grötzer sind als das Einkommen, und datz sis " ---
der Geldentwertuna tragbar sind. in Zeiten stabiler Ma^ ^AgjgeM
von Zeiten ihrer Höherbewcrtung ganz zu schweigen —
Vsrmöaensvcrlust führen müsien.
Seutsch tschechische Verhandlunse»-
Ausweisung vou Staätsängehörigen beider L -nksr-
B-rli". j.rung
Die Verhai^dlungen zwischen der deutstzen ^ „no
und den Regierungen von Preutzen, Bayern S " " ^ § chs'
Württe
eMberg einerseits und der Negierung der ^^ei<
ischen Republik andererseits über bm ff ve
slowakischen Republik andererseits über T
s^ung von beiderseitigen Staatsangehörigen und purckl
damit zusammenkängenden Fraasn' sind am 2, Mai "
Notenaustausch zwischen dem tschechoslowakischen Gesandtsa " ^uf
Reichsminister des Auswärtigen zum Abschlutz ZekoMw^^^^dcM
Reichsminister des Auswärtigen zum Abschlutz
Grund der Berhandlungen, die beiderseits in entgegen- ^^fgenvs
Sinne geiührt wurden, wurde ein Einverständnis Lbsr no»<
Punkte erzielt: ws»n?^
1, Künftig werden Ausweisungen nur dann verfüSb hsienu
Verbleibcn der betreffenden Person geeignet sein würde, ^„fentha'
liche Ordnung oder Sicherheit des Staates durch seinen
zu gefährden, -;g, Avrü
2. Ausweisunaen, die in der Zeit vom 1. Iuli 1932 °'^^ rück'
1923 verfügt wurden, werden auf Ansuchen der Betro'i
gängig gemacht, sofern die Nusgewiefensn sich
25 Bräute.
Ein Schelmenroman von Wilhelm Herbrrt.
U. Nortlebuna- NaSbrnck verboteu.
Mia hörte nicht mehr auf seine Worte und Lberlegte, wie sie
bis vier Uhr am Eymnasium sein und Otto abfangen könnte. Es
schien ihr dazu am geratensten. mit den Wölfen zu heulen und die
folasame Tochter zu spielen. ^
Verzeihe, Mutter!" sagte sie daher plotzlich mit schemheiliger
Reue. „Perzeihen Sie, mein Herr!" Und machte dazu einen tadel-
losen Höheretochterknix. ^ -»
O du Luderchen!" dachte Dulliahn. „sie sehen, was fur em
gutes' Kind sie ist," sagte er laut zu Frau Maria. die der Wand-
lung zwar noch nicht ganz traute, aber doch darüber ersrsut war,
und beschlotz. das Eisen zu schmieden, solange es warm schien-
Veit empsahl sich in der Nähe des Eeschäftes und flüsterte, als
die Mutter die Tllre öffnete. heimlich der Tochter zu: „Morgen!"
Sie war über fo viel Frechheit auf das tieffte empört. nahm
sich aber noch sür alle Fälle vor, die Flucht mit Otto erst für mor-
gen abcnd anzusetzen und noch einmal zu Krillparzer zu kommen,
um zu hören, was ihr der Verräter etwa zu sagen hätte. Auf dem
unteisten Grund ihrer Seele kauerte noch eine ganz kleine, kleine
Hosfrmng. Einke ihre Mutter freundlich, als sie den Laden
betreten hatten, „Ich mutz dir eines sagen, was dir vieles erklären
wird: Er will mich heiraten!"
„Nein, mich!" rief Mia mit flammender Entrüstunz und
sprang auf.
Nein, m i ch!" sagte «ine spitze, scharfe Stimme — und Frau
Mathilde stand in der Ladentüre. „Zch bin gekommen. um zu frazen,
was Sie mit dem Manne herumzulaufen haben, dem ich gestern einen
Anzug meines Seligen gab, den er — wahrscheinlich auf Jhre An-
stiftung — heute fchon nicht mehr trägt,"
Eine fürchterliche Szene zu dreien folgte, von der Veit keins
Ahnung hatte.
Er verbrachte die nächste Stunde in rosiger Laune Mit Lu in
der Kinobar und versprach ihr, mit einem bekannten Dichter zu
reden, der ihr eiue glänzend« Filmrolle auf den Leib schreiben würde.
Allerdings mlltzte fie darin wahrscheinlich aus einem Flugz-eug ins
Wasier springen, weil das -die höchste Poesie sei.
Lu fror zwar bei dem blotzen Eedanken. Aber ste wutzte, datz
ein grotzer Schwa-rm ihrer Freundinnen sofort jeden Teich voll-
HLpfen würde fur einen Varon, der ihnen eine Rolle auf den Leib
schreiben lietz. Sie sagte daher begeistert zu.
Vorerst gingen ste miteinander in den Reitsaal, wo Veit auf
«in Pferd Uetterle, wetl er mit ihr ausreiten wollte und es überhaupt
im Jntsresie seiner Zukunft erachtete, auf dem Rücken dieser edlen
Tiere einigen Befcheid zu wissen.
Wie er später allein durch die Straßen ging, von der Lektion
nicht unbefriedigt, nur ein wenig lendenlahm, da Legegnete ihm
Jula, die Putzmamsell, an der sein Herz hing.
„Du brst aber sein," sagte ste mitztrauisch und Lberslog seine
Eleganz. , Wo hast du das Zeug her?"
Er wollte flunkern. Aber ste lietz ihn mcht zu Worte kommen.
„Eeb einmal mit mir!" verlangte ste.
Für ste war er zu vielem bereit. „Wohin?" frrgte er Äaher nur,
fast sckiüchtern.
„Zu Sybille," antwortete sie. „Es ist meine Wahrsazerin. Jch
will einmal wisien, wie wir miteinander daran sind, datz nicht wieder
eine Dmnmheit dabei herauskommt."
Wie viele höchst aiifgeklärte Menschen, hatte e-r eine geheime
Scheu vor allem Mystischen. Denu fast kein Mensch ist gan-z von
Aberglauben frei — am wenigsten jene, die anderen allerhand -u
glauben zumuten.
Aber Iula widsrsteben — das konnte er nicht.
So ging er mit.
Sybille wobnte unscheinbar irgendwo in einer Sefirnstratze im
dritten Stock. Sie war eine blasie pikaute Frau mit schönen zrotzen
Augen und feinen Händen.
Die Hände anderer waren ihr hauptsäibliches Arbeitsgebiet.
So lietz fle denn alsbald Jula und Deit, den ste mit einem
interessierten Blick betrachtet hatte, die rechten Hände vor sich aus-
breiten und studierte d-ie geheimnisvollen Linien, die Natur und
Schicksal darin ein-gezeichnet batten.
„Sie haben viel Gemeinjames," sagte ste.
Das freute Iula insgeheim und auch Dulljahn tat es wohl.
Dann solgte ste mit aufmerksamem Zeigefinzer gewisien Spuren
in seiner Rechten.
„Diese Verästelung-sn" — murmelte ste — ,Mese autzerordentlich
zahlreichen Verästelungen!"
„Was sind das fllr Derästeluugen?!" fragte Iula mitztrauisch.
Sybille sah aus tiefen Eedanken auf. „Das stnd Verästelungen,
die auf ein reiches, vielen Einflüssen unierworfenes Jnnsnleben
deuten."
„Stimmt!" sagt« Jula trocken. „Auch Autzenleben. Er hat sich
schon immer sehr verästelt."
„Aber hier!" Die Zukunftspriesterin nahm Deits warme Hand
und hob sie mehr gegeu das Licht.
Die beiden waren sehr gespannt. Sein Eewiffen krümmte stch.
Er wäre lieber draußen gewesen. Das Frauenzimmer war ihm
unheimlich wie ein Gerichtsakt. In beiden staken Ueberraschungen.
„Hier ist eine kräftige Linie von fremder Energie, d-ie all dieses
Meitverzweigte zu-sammensatzt und zu sinem sicheren Ende führt."
,Das bin ich," dachte Jula in stiller Freude. .. s«
Ich bin's," sann Sybille. Der Mann interessterte
lebhafter.
,Am Ende ifl es der Staatscnwalt," erwog Vulliahu,
ahuungsvoller zu Mute wurde. Ie-densalls war Symue e
mit dem man rechnen mutzte. Sie konnte Eefahren
abwenden. Man mutzte ste zu gewinnen vevsuchen- k
Er reihte sie insgeheim unter seine Fllniund-zwano
brannte danacb. mit ihr allein zu bleiben. ^ xulas-..
ürinS^
ein und
Sie legte jeins Hand auf den Tüch und ergriff die schöne
„Hier !ft alles klar und schlicht. Eine treue Hnnd. ^ Lslt»'
„yier iii aiies liar uno pyiicyr. ivine ireue
glatter Lebensweg. Hobes Alter, Ge-sundheit, Fleitz, ye
Offenheit. . ."
Si« ftockte. .Da
.Fvas ist das?"
„Da ist ein« Wendung. vor der Sie ftch huten
„Also doch er?" Lberlegte die Putzarbeiterin
miiM „orsiStkS'
Julchen
hen!" " - » ^hen
„Es steht in Ihrer freien Wahl. ob Sie den 6^??- ^„0, ubak
woll-en oder stch auf Seitenpfade begeben, di«
gesahrvoll sind."
,.Was soll ich tun?"
- Sesichij
Dre beiden Frauen schauien sich ernen Augenblick iest „nd
„Jch würde geradeaus gehen," sagte Sybrll« dann la
und natzdrücklich. ^ , -jKtig
Det
,Ick> danke." Iula iühlte sich enttäuscht. F^-^chH^-Ä
gerad« Weg war immer der bejt«. Aber es juckte sie 0 ^jrklich 3°
den Seitenpfaden. Sie hatte im Grunde genommen -vei
Sie Sitzvng war zu Ende. .
Ritterlich bezahlte er. ^ „nv
Während sie stch gemeinsam über vas Geld beugi? ,.Ks
uuwillkürlich ansahen, lud !hn der Blick Sybillen-
allein wieder!"
ntl-ch
.Zch komme schon," oersprach der seine. > ^ eigenr'":.
mützte t man iN
Auf der Stratzs meinte Jula: „Du! Jtz . -
laufen lasien. Das faqt mir mein kleincr F'-"S; < etwas sest«i
schlietzlich noch andere Beweggründe. Ich werde '
die Kandare nehmen müffen und schen, ob du p" j,hs^,srständlr^'
Jhre Teilnahme hatte Wärme. „Ich pariere !
erklärte er lachend, behieli stch aber Nusnahmen „ sie
„Am Donnerstag kommst du in die „Tulpensa
„Mit Vergnügen!" und w«rde
„Sei vorsichtig! Jch weitz, was du denk>.
beobachten." „ ....,
„Eott! Jch habe nichts zu verbergen. cmortsetzung '
„Wer's glaubt!" '
di^ I


