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ERLÄUTERUNG.
Die samaritanische Sprache, die ein stark gesunkenes, mit vielen Aramaismen ver-
setztes und eigentümlich ausgesprochenes Hebräisch ist, bietet wegen der vollkommenen
Nichtbeachtung aller Kehllaute dem Leser zuweilen bedeutende Schwierigkeiten, denen
man dann ohne direkte Belehrung durch die samaritanischen Priester nur mit Hilfe der
vielfach beigeschriebenen arabischen Übersetzungen begegnen kann. Wie die Samari-
taner das Hebräische wirklich aussprechen, das kann man aus PETERMANN's
Leipzig 1868
ersehen. Ein Umschreiben der samaritanischen Texte in hebräische Schriftzeichen em-
pfiehlt sich daher nicht, die Originalschrift muss erhalten werden, denn die Wortbilder
verändern sich bei dem Auslassen der im Samaritanischen unorganisch zugesetzten Kehl-
buchstaben sehr wesentlich für das Auge, und eine Regelung der Schrift nach den
Principien der hebräischen Orthographie würde zu manchen Zweifeln führen. Daher ist
den Marksteinen auch eine Probe samaritanischer Schrift beigefügt, die auch an sich von
grossem Interesse ist. Denn das kleine Volk in Sichern hat die dem palästinischen Lande
eigentümliche Schrift, die wir aus den phönicischen Inschriften kennen, niemals auf-
gegeben, sondern in gradliniger Entwicklung bis auf diese Stunde bewahrt. Die samari-
tanische Schrift ist bis in die moderne Cursivschrift hinein die normale graphische Fort-
bildung der uralten palästinischen, phönicisch genannten Schrift, welche die Juden
aufgegeben und mit einer babylonischen Schriftform vertauscht haben. Die Samaritaner
schreiben diese Umarbeitung der hebräischen Texte nach ihrer graphischen Seite hin
dem Ezra zu und verfluchen sein Werk. Sie nennen es jüdisch, sich selbst aber bezeichnen
sie als echtes Jischra'el, nicht Jisra'el, denn das Sin ist für sie neben dem Schin nicht
Von samaritanischen Litteraturwerken ist ausser dem Pentateuche und Hymnen nichts
bisher bekannt, da die zwei historischen Bücher, das Buch Josua und die Annalen des
Abu'lfath, ebenso wie die zu unsrer Kenntnis gelangten exegetischen Schriften arabisch
abgefasst sind. Die eigentümliche Produktion des kleinen Völkchens sind religiöse Dich-
tungen und Gebete, welche in ihre Festliturgie aufgenommen sind, in welcher die aramäisch
abgefassten Stücke die ältern, die hebräisch geschriebnen die jüngern zu sein scheinen.
Das als Probe mitgeteilte Stück der Passahliturgie ist aus dem elfbändigen Corpus der
samaritanischen Liturgien, das in meinem Besitz ist, entnommen. Obwohl mein Exemplar
in der Synagoge der Samaritaner zur Vorlesung gebracht ist, so ist es doch nicht fehler-
frei, wie die Anmerkungen zur Übersetzung beweisen. Ich habe das Stück gewählt um
gleichzeitig die Anlage eines solchen Buches und einen Teil der liturgischen Nomenclatur
praktisch vorzuführen, die freilich nur der richtig und genau verstehen wird, der dem
Kultus als aufmerksamer Beobachter oft beigewohnt hat, was ich leider nicht habe. ^
Die Namen der Verfasser von Hymnen werden oft mitgeteilt, die häufig genannten
Dichter Finas und Abischa gehören in den Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts, der
ungleich bedeutendere Marqa (sprich Marga) ist älter, aber sein genaues Zeitalter ist
unbekannt. Ihm wird das zweite, gnostische Anspielungen enthaltende doppelalphabetische
Lied zugeschrieben, das hier veröffentlicht ist.
Heidelberg, im Juni 1902. A. MERX.
 
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