Becker, Hanna Luise; Altdorfer, Albrecht [Ill.]
Die Handzeichnungen Albrecht Altdorfers — München, 1938

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Dieses besondere Raumgefühl isl der Nalur und ihrem lebendigen
Sein eng verbunden.

Das kleine Gemälde auf Pergament in München (Alte Pinako-
thek) gibt das Bild einer Landschaft an der Donau, die der
Künstler in der nächsten Umgebung Regensburgs vor Augen hatte;
es ist in der besonderen Stimmung mehr als nur ein Abbild der Na-
tur gegeben und die Frage nach der Örtlichkeit 19 steht eigentlich
nicht im Vordergrund der Betrachtung. So werden auch die Land-
schaften der Radierungen unmittelbare Natureindrücke zum Vor-
bild haben, die dann zu einer bildmäßigen Komposition umgebil-
det wurden. Die Bevorzugung des breiten Formates kommt der
Darstellung des ausgedehnten Raumes entgegen und bei aller
äußeren Abrenzung durch Bäume als Randstützen sind sie von
großer Weiträumigkeit. Im Vergleich mit früheren Landschaf-
ten — Zeichnungen der Donaulandschaft oder den Landschaften
auf den Gemälden: Kreuzigung Christi (Kassel); Die beiden Jo-
hannes (Stadtamhof, jetzt München) — ist die Abfolge des Land-
schaftsraumes nach der Höhe und zur Tiefe hin folgerichtig
durchgeführt. Hinter einer vorderen dunkel abgegrenzten Boden-
schwelle steigt in einigem Abstand die entferntere Landschaft auf
mit bewaldeten und burgbekrönten Höhen; oder es breitet sich
eine flache Ebene bis zu den Bergen im Hintergrund aus (vgl.
Schm. io3, io4, 108, 109, 110). Am freiesten entwickelt sich die
Ansicht einer Stadt vor einer gebirgigen Ferne (Schm. m). In
feinem, zittrigem Kontur liegen die Begrenzungslinien auf der
Fläche. Die Bäume — Weiden mit breiten Kronen, knorrige Fich-
tenstämme oder Tannen mit fließend herabhängendem Gezweig—
lassen ihr Geäst in freien phantastischen Formen über der Land-
schaft spielen. Alle Zufälligkeiten einer gegebenen Landschaft
sind in dieser Art der Gestaltung soweit gebunden, daß die Land-
schaftsbilder etwas Allgemeingültiges haben.

Für die Komposition der Landschaftsaquarelle Altdorfers, die
gleichzeitig mit den Radierungen im Beginn des 2. Jahrzehnts ent-
standen, wird nicht die Linie sondern die Farbe bestimmend. So

19 s. Amtliclver Kat. der Alten Pimakothek, München 1936. H. G. 30. S. 4.

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