Weyden, Rogier van; Beenken, Hermann
Rogier van der Weyden — München: Bruckmann, 1951

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ungefähr mit der des Hospitalfriedhofs, fand die Einsegnung — nicht Weihe — der Kapelle statt, deren
Altar Rogiers großes Retabel zu schmücken hatte. Auf dessen Außenseite ist noch der hl. Antonius dar-
gestellt, unter dessen Patronat das Hospital bei seiner Gründung durch Rolin gestellt worden war, an
dessen Stelle jedoch am 1. Januar 1452, d. h. einen Tag nach der Einsegnung der Kapelle und gleichzeitig
mit dem Beginn der Krankenpflege, Johannes der Täufer trat. Ein bereits in Beaune bestehender Anto-
niterkonvent hatte begonnen, sich in die Angelegenheiten des seinem Ordenspatron unterstellten Hospitals
einzumischen. Um dem entgegenzutreten, hatte Rolin in Rom auf eine Änderung im Patronat seiner
Stiftung gedrungen47.
Von dieser Änderung wußte Rogier, als er das Altarwerk mit der Gestalt des hl. Antonius malte, noch
nichts. Dagegen ist es wahrscheinlich, daß die Aufstellung des Werkes ungefähr gleichzeitig mit der Ein-
segnung der Kapelle erfolgte. Da in Rogiers Schaffen die Komposition des Jüngsten Gerichtes, wie gleich
zu zeigen sein wird, seine Begegnung mit italienischer Kunst bereits voraussetzt, so muß das große Werk
1450/51 gemalt worden sein, d. h. entweder während der Rückreise des Malers von Italien oder, wenn man
für eine so umfangreiche Arbeit doch lieber die gewohnte Brüsseler W erkstatt als Herstellungsplatz annehmen
möchte, unmittelbar danach. In diesem — wohl wahrscheinlicheren — Falle ist anzunehmen, daß Rogier
auf der Reise das auf halbem Wege gelegene Beaune zumindest besucht hat, um den Entwurf zu zeichnen
und die Abreden für das Werk in allen Einzelheiten zu treffen.
Falsch würde die Annahme sein, die umfangreiche Arbeit habe lange Jahre erfordert. Das Werk ist
vielmehr rasch und offenbar unter Beteiligung auch von Gehilfenhänden gemalt, wofür einige fremd-
artige Züge sprechen, etwa gewisse Köpfe, die runder und breiter sind, als wir es sonst bei Rogier gewöhnt
sind. Friedländer macht darauf aufmerksam, daß der Erhaltungszustand des Werkes bedenklich sei. In der
Tat sind einige der großen Tafeln von Holz auf Leinwand übertragen worden47 a; aber völlig erneuert
sind nur größere Teile von den Seitentafeln der Innenseite, besonders die obere Hälfte des Höllenbildes.
Die figürliche Komposition dagegen ist, von größeren oder kleineren Ausbesserungen abgesehen, völlig
ursprünglich. Halten wir uns an sie, so dürfen wir sicher sein: dies alles ist authentisch rogierisch, zu-
mindest in der Erfindung, obwohl auch hier weder eine Signatur noch alte Nachrichten des Meisters
Autorschaft künden.
Die neunteilige Innenseite des geöffneten Retabels (Abb. 72) zeigt nur die eine einzige große Darstellung
des Jüngsten Gerichtes, wohl die monumentalste, die die Tafelmalerei jemals geschaffen. Das Bild ist mit
einer Länge von 5,60m bei nur 1,35m bzw. im überhöhten Mittelteil 2,15m Höhe sehr in die Breite
gezogen. Ikonographisch steht es ganz in der niederländisch-niederrheinischen Tradition. Mit Recht hat
man an das ein bis zwei Jahrzehnte ältere Jüngste Gericht Stephan Lochners in Köln erinnert oder an die
große aus Diest stammende Tafel im Brüsseler Museum, die ein Zeitgenosse der Eycks gemalt hat.
Die strenge Symmetrie der Bildanlage mit der Gestalt des Erzengels Michael achsengenau unter dem
richtenden Christus war im Gegensätze zu diesen beiden Bildern schon den oberen Teilen der
kleineren steilrechteckigen Tafel Hubert van Eycks im New Yorker Metropolitan Museum eigentümlich
gewesen. «
Ohne die frischen Eindrücke, die Rogier in Italien in sich aufgenommen hatte, wäre er zu der Monu-
mentalität der Beauner Komposition nie gelangt. Ein bestimmtes Vorbild für das Ganze läßt sich nicht
nennen, und es ist auch wenig wahrscheinlich, daß der Maler an ein solches angeknüpft hat. Italienisch
ist jedoch das große räumliche Gliedern, das Rechnen mit den räumlichen Intervallen und den perspek-
tivischen Verkleinerungen zwischen Figur und Figur bei den Heiligen, welche die zentralen Gestalten
Christi und des Erzengels mit der Seelenwaage als die Beisitzer des Gerichtes flankieren.

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