Weyden, Rogier van; Beenken, Hermann
Rogier van der Weyden — München: Bruckmann, 1951

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Was Rogier an Arbeiten wie der Florentiner Grablegung und dem Jüngsten Gericht von Beaune er-
probt und gelernt hatte, das Formen des Bildraumes oder wesentlicher Teile von ihm bereits mit den auf
eben diesen Raum hin komponierten und gruppierten Gestalten, das zeigt auch der Bladelinaltar. Zu-
gleich zeigt er aber auch noch etwas gleichfalls sehr Wichtiges, nämlich eine neue formale Bezogenheit
der drei Tafeln des Triptychons unter sich. Die Hauptgestalten der Flügel sind jetzt auf das Mittelbild
hingeordnet, auf die Mitte des Mittelbildes, die kniende Gestalt der Maria. Zunächst einmal aber sind
die Figuren des linken auf die des rechten abgestimmt und mit ihnen ausponderiert. In den Bildvorder-
gründen entsprechen die beiden vom Rücken gesehenen Kniefiguren des Kaisers im linken und des vor-
deren alten Königs im rechten Flügel einander, beide schräg aufwärts bückend. Den zwei anderen Köni-
gen korrespondiert im linken Flügel die aufrechte Gestalt der Sibylle hinter dem Kaiser. Diese zuäußerst
und zugleich auch weiter bildeinwärts befindlichen Gestalten des Triptychons wirken zusammen mit den
vor ihnen Knienden raumeinfassend, raumabschließend, bereits im Hinblick auf den ganzen Altar. Im
linken Flügel stehen rechts steil am Bildrande noch drei weitere Männer, es sind Höflinge des Augustus.
Ihre formale Aufgabe ist es, den Blick des Betrachters ganz auf die Gestalt des knienden Kaisers in seinem
tief versunkenen Schauen, an dem sie selber nicht Anteil haben, zu lenken.
Auch im Mittelbilde sind es wieder Figuren von Knienden, die, mehr noch als die Architektur der ärm-
lichen Stallruine, die Raumwirkung der Darstellungkonzentrieren. Die drei großen Gestalten Josephs, Marias
und des Stifters knien, grundrißmäßig gesehen, in einem Dreieck. Ähnlich wie in den bildeinwärts knienden
Vordergrundgestalten der Flügel, und hier nun auch durch dieÜbereckstellung der architektonischen Formen,
sind die großen raumeinwärts weisenden Schrägen zu wesentlicher Wirkung gebracht. In allen drei Bildern
ist der winzigen Gestalt des heiligen Kindes die Aufmerksamkeit zugewandt. Während jedoch in denFlügeln
dessen Gestalt nur entrückt, in himmlischer Ferne gesehen wird, liegt es im Hauptbilde in der Mitte und
der gegenwärtigen Nähe der es andächtig Verehrenden nackt und bloß auf dem Boden.
Die Gnade dieser Gegenwart drückt sich aus in dem versunkenen Ausdruck aller Gestalten. Wie schon
im Beauner Jüngsten Gericht ist auch hier die größere oder geringere räumliche Nähe von besonderer
Bedeutung. Nicht zufällig kniet von den Hauptfiguren der Stifter dem Kinde um ein weniges ferner auch
als der Nährvater Joseph, während ihm näher selbst als Maria zwei selber kindhaft kleine Engelchen sind.
Unbemerkt herbeigekommen, beugen sie hinter der großen Säule gleichfalls die Knie, während drei an-
dere über dem Dache des Stalles noch im Heranschweben sind. Der kniende Kaiser und die Könige sind
der Gnade der erwartenden Schau teilhaftig geworden. Der Stifter Peter Bladelin sieht sich hingegen in
den innersten Kreis zugelassen. Seine persönliche Frömmigkeit hat ihn — das ist die Fiktion des Bildes —
dieser Gnade würdig gemacht.
Wenn in den späteren Werken Jan van Eycks der Kanzler Rolin und der Kanonikus van der Paele gleich-
falls in der nächsten Nähe der Muttergottes und des Kindes kniend dargestellt sind, so vermag nichts
darüber hinwegzutäuschen, daß sie dies nur dem Anspruch ihrer irdischen Stellung verdanken. Jan läßt den
diesseitigen Menschen jene die Distanz wahrende Scheu überwinden, die in dem wenige Jahre zuvor von
ihm selber gemalten Dresdener Altärchen noch so spürbar gewesen. Der Kanzler Rolin blickt der Ma-
donna, die ihrerseits ihre Augen senkt, geradezu ins Gesicht, er ist sich keiner Gnade bewußt, sondern
nur eines Rechtes, das er als ein Mächtiger dieser Erde wahrnehmen darf. Rogiers Bladelin dagegen kniet
nicht an seinem Betpult in einer fürstlich reichen Halle, auch nicht in einer Kirche, sondern auf dem
nackten Erdboden, so wie er eben herbeigekommen ist, mit dem dunklen breitkrempigen Hut auf dem
Rücken. Da das Kind am Boden liegt, neigt er, den Blick senkend, das Haupt, und auch seine gefalteten
Hände sind abwärts gerichtet. So gewinnt seine Flaltung etwas Fromm-Versunkenes und Demütig-Schlich-

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