Weyden, Rogier van; Beenken, Hermann
Rogier van der Weyden — München: Bruckmann, 1951

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kam er immer wieder zurück. So treibt es ihn, ganz am Ende seines Schaffens, nachdem er in dem letzten
Jahrzehnt zwischen 1450 und 1460 mehr durch andere Themen beschäftigt gewesen zu sein scheint, noch
einmal den Gekreuzigten allein zwischen der Mutter und dem Jünger zu malen. Wir sagen: es treibt ihn,
denn die Kreuzigung für Scheut ist ja offenbar nicht ein dem Maler in Auftrag gegebenes, sondern ein
von ihm selber gestiftetes Werk, nicht den Großen und Reichen des Landes, sondern Gott allein zur Ehre
geschaffen. So sind wir wohl berechtigt, in dieser seiner mächtigsten Schöpfung Rogiers Vermächtnis zu sehen.

DIE PERSÖNLICHKEIT ROGIERS
Man tut seiner großen Künstlerpersönlichkeit Unrecht, wenn man Rogier einzig nach dem äußeren
Glanz seiner Bilder beurteilt, oder wenn man nach seinem Beitrag an der Entdeckung von Natur und
Wirklichkeit fragt, wie sie sich im 15. Jahrhundert dem Auge der Maler zum ersten Male erschlossen.
Man tut nicht nur Rogier Unrecht, sondern dem Jahrhundert im ganzen, wenn man an die Kunst der Zeit
einseitig einen Maßstab anlegt, der zwar vielleicht der Kunst der van Eycks noch halbwegs angemessen
sein mag, derjenigen anderer Meister der Zeit aber durchaus nicht.
Auch Rogier war ein Entdecker; er aber nun ein Entdecker im Bereiche der Seele, der seelischen Durch-
dringung des Menschlichen und des Religiösen. Nichts ist einseitiger und unsinniger, als den Eycks als
den fortschrittlichen Geistern des Jahrhunderts ihn als den Vertreter einer Reaktionsbewegung gegen-
überzustellen, als den Rückkehrer zu einer eigentlich nicht mehr zeitgemäßen Tradition und Kirchen-
gesinnung. Es ist dies ebenso falsch wie das andere Verdikt, er habe seine Phantasie von den Gebilden der
älteren Schwesterkunst, der Plastik, genährt, seine Malerei sei infolgedessen konservativ und retrospektiv
gewesen. Im Gegenteil, Rogier hat gerade den Malern seines Jahrhunderts und daneben auch noch man-
chen Bildhauern und Bildschnitzern durchaus neue Wege gewiesen, und er war damit in formaler wie in
geistiger Hinsicht »fortschrittlich«, um dieses ominöse Wort zu verwenden, wie nur irgendein anderer
Meister in seiner Zeit.
Wenn dies nicht gesehen wird, so liegt das an uns, an unserer falschen Blickeinstellung, die daher rührt,
daß wir das Spätmittelalter einseitig zu etikettieren gewohnt sind, als ein Zeitalter des »Naturalismus«
zum Beispiel. Gewiß, es ist ein Zeitalter der Entdeckung der Welt gewesen, der Welt und ihrer Gesetz-
lichkeit; genauer ist es jedoch, an eine Kapitelüberschrift Jakob Burckhardts anknüpfend, zu sagen: der
Entdeckung der Welt und des Menschen. Daß das Bewußtsein seiner führenden Geister sich nicht nur
emes neuen äußeren, sondern auch eines neuen inneren Bereiches bemächtigte, ist wahrscheinlich das
für die Zeitgenossen selber sehr viel aufwühlendere Ereignis gewesen. Die Geschichte der inneren Be-
legungen dieses der Reformation vorausgegangenen Zeitalters ist bisher nur ausschnittweise geschrieben
'vordem In diesen inneren Bewegungen steht Rogiers Gestalt mitteninne.
Man hat sich bisher namentlich mit der Erscheinung der spätmittelalterlichen Mystik befaßt, und aus
ihr heraus hat auch die Kunstgeschichte Phänomene wie das Aufkommen des Andachtsbildes, der Pietä-
darstellung z. B., zu verstehen gelernt. Die Zuwendung spätmittelalterlicher Männer und Frauen zu dem
Bilde des leidenden, von seiner heiligen Mutter beweinten Christus, zu der Welt der Passion überhaupt,
"rurde aus dem Bedürfnis individuellen religiösen Empfindens nach mystischer Vergegenwärtigung und
Versenkung erklärt. In der Religiosität des älteren Mittelalters hatte das persönliche Gefühlsleben des
einzelnen als solchen noch wenig Geltung gehabt. Natürlich ist auch Rogier, wenn das Passionsgeschehen

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