Weyden, Rogier van; Beenken, Hermann
Rogier van der Weyden — München: Bruckmann, 1951

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zu dürfen gemeint hat. Die Frömmigkeit Rogiers hat dagegen den Blick des Meisters ganz und gar nicht
verengt, sie hat als lebendige geistige Kraft, so wie dies bei keinem anderen Künstler wieder der Fall ist,
seiner ganzen Bild- und Gestaltenwelt das Gepräge gegeben.
Diese Gestaltenwelt entbehrt freilich der Heiterkeit. Rogiers Madonnen scheinen das Lächeln, die
Freude fast nicht zu kennen. Die Menschen in seinen Bildern sind ernst und bedrückt, die Stirnen der
älteren Männer von Sorge gefaltet. Man bewegt sich nicht sicheren Trittes in dieser Welt, sondern ehr-
fürchtig-scheu, oft zaghaft und immer des Wunders gewärtig. Rogiers Frömmigkeit flüchtet jedoch nie-
mals ins Jenseitige. Sie bleibt weltzugewandt, der Erscheinungsreichtum gerade der irdischen Welt erfüllt
den Maler mit Staunen und Andacht.
Diese Welt ist Gottes Welt, sie ist nicht Herrschaftsbereich des Menschen. Die menschliche Gestalt ist
nie völlig sicher in ihr, der Mensch hat sich immer bewußt zu sein, daß er des göttlichen Haltes bedarf.
Rogier zeigt ihn nicht, wie seit Masaccio die gleichzeitigen Italiener, in seiner Autonomie, sondern in
seiner Abhängigkeit. Daher das nicht ganz Standfeste seiner Gestalten, ihre fehlende Freiheit dem Raum
gegenüber. Daher das oft Zaghafte, Umständliche, Unsichere ihrer Bewegungen und Gebärden. Ob man
es recht macht, darüber gibt es nie jene letzte Gewißheit, die nur ein unbeirrbares Selbstvertrauen, wie es
Rogiers Gestalten und zweifellos auch ihm selber ganz abging, zu gewähren vermag. Nicht im Mensch-
lichen, sondern nur im Göttlichen finden wir - dies war offenbar seine tiefe Überzeugung — diese Gewiß-
heit. Von sich aus ist der Mensch hilflos wie die stolpernden, strauchelnden Akte der Auferstehenden des
Beauner Altars.
Ein solcher Künstler konnte gar nicht in demselben Sinne wie die Brüder van Eyck und wie vielleicht
auch Campin Entdecker einer neuen sichtbaren Welt sein. Nicht um die äußeren, sondern um die
inneren Wirklichkeiten ging es zuvörderst. Die sichtbare Form ist Sprache des Seelischen. Sprache aber
entdeckt man nicht, man bedient sich ihrer, indem man an das Überlieferte anknüpft. Auch Rogiers Ver-
hältnis zur Überlieferung, zu seinem Lehrer Campin ist aus seiner seelischen Haltung heraus zu ver-
stehen. Er übernimmt das fremde Formgut so wie das die Sprache seiner Eltern lernende Kind deren
Worte; aber er beseelt es, so wie der Dichter die Sprache beseelt, prägt es um, bis es, ungeachtet des frem-
den Ursprunges, ganz sein eigenes geworden ist. Wozu den Blick immer aufs neue selber auf die äußeren
Dinge der Erscheinungswelt richten, wenn diese nicht Selbstzweck sind, wenn eine ganz andere Offen-
barung als die der vergänglichen Mannigfaltigkeit der Welt als das Wesentliche und Eigentliche anzu-
sehen ist ?
Dennoch verpflichtet auch diese äußere Welt. Sie ist die beseelte Schöpfung Gottes und verlangt daher
Andacht bis in das kleinste. Jedes winzige Gewächs ist nicht minder einmalig, individuell und seelenhaft
als die Menschengestalt. Daher darf der Künstler sich in ein und demselben Bilde nicht wiederholen. Es
gibt nichts äußerlich Festgelegtes in dieser Welt, genau wie auch in der Menschenseele im letzten nichts
festgelegt ist. Vielleicht war es dies auch, was es Rogier verwehrte, sich der mathematisch den Bildraum
und damit die sichtbare Welt festlegenden Zentralperspektive der Italiener zu bedienen, die er von
Masaccios Werken her zweifellos kannte. Als Vermessenheit mag es ihm erschienen sein, dieser Welt vom
fixierten Auge des Individuums her ihr Gesetz auferlegen zu wollen. Das Gesetz und die letzte Ordnung
der Dinge werden nicht vom Menschen gesetzt, sie stehen einzig bei Gott. Dem göttlichen Weltordner,
das, was er sich selber vorbehalten hat, vorwegnehmen, vorwegberechnen zu wollen, widersprach Rogiers
Frömmigkeit.
Der Mensch hat sich dem Göttlichen zuzuwenden mit seinen Gefühlen, seinem menschlichen Streben,
seinen guten Werken, deren Rogier viele getan hat. Es gibt einen Born der göttlichen Gnade, dem man
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