Behrens, Peter; Deutscher Werkbund [Editor]
Bau und Wohnung: die Bauten der Weißenhofsiedlung in Stuttgart errichtet 1927 nach Vorschlägen des Deutschen Werkbundes im Auftrag der Stadt Stuttgart und im Rahmen der Werkbundausstellung "Die Wohnung" — Stuttgart, 1927

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MART STAM
ROTTERDAM

Wie Bauen?
Es ist notwendig, daß Begriffe, Anschauungen, Gewohnheiten von Über-
bleibseln aus vergangenen Jahrhunderten gereinigt werden; es ist
notwendig, daß man einen klaren, eindeutigen Begriff vom Wohnen
aufstellt.
Das Haus ist oft Maßstab des Wohlstandes, an dem ein Bürger den
andern mißt. Das Wohnhaus, einerlei ob Mietshaus oder Besitz,
ist dasselbe, was bis vor kurzem das große Gemälde in breitem ver-
goldetem Rahmen war, oder ein Möbel mit Schnitzwerk oder In-
tarsia: Merkmal des Wohlstandes. Für den, der redlich und klar
denkt, ist das Haus Gebrauchsgegenstand. Für neunzig vom Hundert,
für den Bürger ist es etwas anderes: es ist Repräsentation. Dahinter
verbirgt sich der Stolz, zu zeigen, was man sich leisten kann, das falsche
Bestreben, einen anderen Menschen zu überbieten, noch größer,
prunkvoller und kostbarer zu wohnen als der Nachbar. Diese Ein-
stellung dem Wohnhaus gegenüber, die in den Jahren der Kriegs-
gewinnler, den expressionistischen Spielereien, eine weite Entwicklungs-
möglichkeit gab, ist heute Ursache der Zwiespältigkeit, die unsere
Stadtviertel aufweisen. Diese Zwiespältigkeit, die an Unehrlichkeit
grenzt, weil sie einen Wohlstand vorzutäuschen versucht, der nicht
da ist, steht der modernen Architektur im Wege. Moderne Bauwerke
können nur dort entstehen, wo diese Zwiespältigkeit überwunden
ist, wo jedes Ding nur ist, was es ist, und das in seiner reinsten, voll-
kommensten Gestalt.
Das Wohnhaus hat immer, in jeder Gegend, in jeder Stadt, einen
eigenen Typus gezeigt, und zwar darum, weil die vorhandenen
Materialien, die Lebensgewohnheiten, verschieden waren. Der mo-
derne Mensch fährt immer schneller von Ort zu Ort, Lebensgewohn-
heiten und Weltanschauung gleichen sich infolge des Verkehrs immer
mehr aus, so daß die Aufgabe des Wohnungsbaues ihren lokalen,
provinziellen Charakter verliert. Es ist notwendig, den neuen Cha-
rakter dieser Aufgabe klar darzustellen. Zuerst muß dann dem Um-
stande Rechnung getragen werden, daß Wohnungsnot herrscht, daß
Tausende von Familien keine Wohnung haben und als Untermieter
eine demoralisierende Existenz führen. Für Leute mit kleinsten
Löhnen soll gesorgt werden; um dies zu ermöglichen, um für wenig
Geld kleine, gut brauchbare Häuser zu bauen, muß man zu einem
äußerst gedrängten Häusertypus kommen. Man wird dazu gezwungen,
Gewohnheiten, Traditionen aufzugeben, einer ökonomischen Lebens-
weise zuliebe. Man muß lernen, auf den repräsentativen Charakter
zu verzichten; man muß sich daran gewöhnen, Menschen nach anderen

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