Bernoulli, Johann Jacob
Römische Ikonographie (Band 1): Die Bildnisse berühmter Römer — Stuttgart, 1882

Seite: 193
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M, Brutus.

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andere Person zu weisen. Und da nicht abzusehen, warum ein
Bildnis aus Brutus' Jugendzeit (wenn es deren überhaupt gab)
grade nach Pompeji sollte gekommen sein, so kann ich kein grosses
Vertrauen zu der Deutung fassen l. Auf die Münzen kann man sich
hier noch weniger berufen als beim vorigen.

Ein zweiter Typus, der mit einigem Recht auf M. Brutus be-
zogen wird, aus farnesischem Besitz, befindet sich hei den Römer-
büsten desselben Museums2 (abg. Fig. 27), auf moderner Toga-

büste mit Falten-
band. Er lässt sich,
nach der Vorderan-
sicht zu schliessen,
ungefähr gleich gut
mit den Münzen
vereinigen wie die
capitolinische Büste.
Doch hat offenbar
nicht dies, sondern
der physiognomische
Ausdruck den An-
lass zum Namen ge-
geben : Ein Mann
von ca. 35 Jahren,
mit zusammengezo-
genen Brauen, be-
schattetem, fast wil-

Farnesische Marmorbüste
zu Neapel.

dem, fanatischem
Blick und dünnen zu-
sammen gekniffen en
Lippen. Damit ist
aber für Brutus um
so weniger etwas
präjudiciert, als der
Ausdruck im TJebri-
gen seinem Charak-
ter nicht zu ent-
sprechen scheint. Es
ist eher der finstere
Trotz eines Catilina
/) oder dann der ver-
bissene Hass eines
C. Cassius, die uns
aus diesem Antlitz
entgegenblicken 3.

Ob einem von diesen Typen, dem capitolinischen oder dem letzt-
genannten Neapler, und welchem von beiden der Strickland'sche Kopf
zu Boynton in Yorkshire4 angehöre, kann ich nach der mir vor-
liegenden schlechten Zeichnung6 nicht hinreichend beurteilen. In

1 Ueber den Fundort und die darauf basierte Vermutung de Petra'? siehe
oben p. 127 Anm. 3.

2 Wahrscheinlich Gerhard Nr. 323; wenn nämlich unter dem kurz ge-
schorenen Bart gar kein Bart und unter der starken Oberlippe die hohe Nasen-
lippe verstanden ist.

3 Ein dritter sog. Brutuskopf zu Neapel, der erst in den siebziger Jahren
ins Museum gekommen, aufgestellt im Corridor der Meisterwerke, entspricht im
Alter, im Stil und in der Biistenform dem jugendlichen von Pompeji (Fig. 26),
hat aber einen mehr claudischen Schädelbau und abstehende Ohren, und wird
durch nichts als Brutus empfohlen.

* Dallaway Anecdotes p. 38*5, und Statuary and sculptures among the
Ancients, Lond. 1816 p. 341.

6 Es ist eine Bause >from a drawing by Jenkins er sowie of his merit, welche
Michaelis von Murray erhielt und mir gefällig zustellte. Der Sammler, Sir

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