Bernoulli, Johann Jacob
Römische Ikonographie (Band 2,1): Die Bildnisse der römischen Kaiser: Das julisch-claudische Kaiserhaus — Berlin, 1886

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Statue von Otricoli.

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Hauses, welcher Annahme wenigstens der Schnitt des Haares ent-
spricht. Die Toga ist nach der auf die Brust hängenden Bulla und im
Einklang mit dem Alter des Dargestellten als die praetexta der
Knaben zu fassen. Das Gesicht wohlerhalten, nur ein Teil des Hinter-
kopfes neu. Da das Gesicht durch die etwas zusammengezogenen
Brauen an die vergilische Beschreibung erinnert, so glaubten Vis-
conti und nach ihm die meisten Erklärer1, die Statue für Marcellus
nehmen zu dürfen. Wenn man indes auf jene mit Vellejus im Wider-
spruch stehende Schilderung überhaupt etwas geben will, so ist
zu bemerken, dass der düstere Zug der Brauen und der fest ge-
schlossene Mund des vorliegenden Bildnisses doch eigentlich nicht

Fig. IT. Kopf'der sog. Marcellusstatue im Vatiean.

das ausdrücken, was der Dichter andeuten wollte, sondern vielmehr
auf ein hartes Gemüt schliessen lassen. In Wirklichkeit spricht also
bloss die Fundgeschichte einigermassen für Marcellus, und zwar für
ihn nicht stärker, als für einen der Enkel des Augustus, Cajus oder
Lucius, die Söhne des düster blickenden Agrippa. Ich bin aber ge-
neigt, zu glauben, dass keiner von diesen dreien gemeint ist, sondern
dass es sich um einen Knaben handelt, der schon im 15. oder 16.
Altersjahr, d. h. bevor er die Bulla abgelegt hatte, gestorben ist.
Jedenfalls kann die Statue keinem der genannten Glieder des augu-

1 Wir nennen u. A. Em. Braun Ruinen u. Mus. Roms p. 499.
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