Bernoulli, Johann Jacob
Römische Ikonographie (Band 2,1): Die Bildnisse der römischen Kaiser: Das julisch-claudische Kaiserhaus — Berlin, 1886

Page: 299
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Berliner Onyxge

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in dem des Caligula oder Claudius. Caligula war der Sohn, Clau-
dius der Bruder des Verherrlichten, und Beide cultivierten sein An-
denken mit Ostentation. Allerdings war Tiberius in diesem Cultus
nicht mit eingeschlossen, aber da seine Person einmal solidarisch
mit der Idee des Bildes verknüpft war, so musste man ihm wohl den
Mitgenuss lassen. — Der Hawkins'sche Cameo, dessen Wert kein so
ausserordentlicher, konnte einer Privatliebhaberei seinen Ursprung
verdanken. Ob er vor oder nach dem Pariser gearbeitet wurde,
wird nicht auszumachen sein. Wieseler setzt ihn, der leichteren und
schnelleren Ausführung wegen, vorher.

Auffallend bleibt bei diesen Zeitbestimmungen die Verschiedenheit
der Arbeit und des Stils sowohl zwischen den beiden Gemmen als
namentlich zwischen dem Pariser Cameo und der Gemma Augustea
zu Wien. Der Pariser Cameo zeigt ein flaches Relief und harte,
plötzlich und tief abfallende Contouren, der Wiener (wie auch
der Hawkins'sche) im Gegenteil eine gerundete, weiche Behand-
lung; jener eine zwar charaktervolle, aber flüchtige und keines-
wegs fehlerfreie, dieser eine gleichmässig sorgfältige, ihrer Gleich-
niässigkeit wegen fast manierierte Zeichnung1. Sollte man es
glauben, dass die beiden bloss (oder nicht einmal) durch die Re-
gierungszeit eines Kaisers von einander getrennt seien'? Einige unter
den Differenzen lassen sich durch die verschiedene Natur der Steine
erklären, einige vielleicht auch durch die Annahme eines verschiedenen
Ausführungsortes (Rom und Alexandria). Aber am Ende müssen wir
doch zu den vielen ungelösten Fragen, die sich an den Pariser Cameo
knüpfen, schliesslich auch noch die Stilfrage reihen.

5. Das Berliner Onyxgefäss.

Eine auf das julisch-claudische Kaiserhaus bezügliche Darstellung
enthält auch aller Wahrscheinlichkeit nach das Beuth'sche Onyxgefäss
in Berlin (publiciert von Thiersch in d. Abhh. d. bayr, Akad. d.
Wiss. II. Taf. 1, vgl. p. 63 ff.)2. Doch ist der Gegenstand unklar und
haben die etwa darauf vorkommenden historischen Figuren keinen
ikonographischen Wert.

1 Augenlider, Mund und Enger sind auf dem Pariser Cameo überall durch
.schwarze Striche bezeichnet, was indeswuM als spätere Znthat angesehen werden

111USS.

2 0. Müller Handb. d. Kunstarch. § 315. 5.
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