Bernoulli, Johann Jacob
Griechische Ikonographie mit Ausschluss Alexanders und der Diadochen (Band 1): Die Bildnisse berühmter Griechen von der Vorzeit bis an das Ende des V. Jahrh. v. Chr. — München, 1901

Seite: 181
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DIE NEAPLER DOPPELHERME U. DIE HOLKHAMER BÜSTE 181

0OYKYAIAHC, diesmal ohne Versehen. An ihrer Echtheit zu zweifeln,
ist so wenig ein Grund wie bei Herodot; der Schriftcharakter ist
beidemal ganz der gleiche. Schon die kurzen schrägen Striche am
K sprechen gegen eine Fälschung.1 Immerhin ist es sonderbar, dass
hier der Name ein wenig aufwärts gehend am untersten Rand der
Herme angebracht ist, während der des Herodot passender und stil-
gemässer weiter oben. — Es ist das Bildnis eines Mannes von ca.
50 Jahren mit schon fast kahlem Scheitel (zumal nach dem Wirbel zu),
schmalen Augen und kurzem, wie in Stufen geschnittenem Bart, an
dem zwei kleine divergierende Büschel unter der Unterlippe sich be-
merkbar machen; die Stirn von drei starken Horizontalfalten durch-
furcht. Die Arbeit aller Feinheit entbehrend, aber die Erhaltung
gut; nur die Nasenspitze neu.

Eine bessere Wiederholung dieses Kopfes entdeckte Michaelis
in den siebziger Jahren in Holkham Hall, Mich. Anc. Marbl. p.310
No. 26 [abgeb. Taf. XX]2; auf ungebrochener Büste mit Gewand
über der linken Schulter, der Kopf ein wenig nach rechts gewandt.
Die Übereinstimmung mit dem vorigen erstreckt sich bis ins Einzelne,
so dass beide auf das gleiche Original zurückzuführen. Nur ist die
Glatze hier etwas umfangreicher und bilden Stirn- und Scheitellinie
einen schärferen Winkel. Die Arbeit ist feiner und verständnisvoller,
der Ausdruck lebendiger und bedeutender.

Eine dritte Replik von weichlicherer Modellierung soll nach
Winter3 der sog. Isokrates im Museo Torionia No. 33 (abgeb.
Gall. Giustiniani II. 37) sein.4

Nach dem, was uns über die Wertschätzung des Thukydides
im Altertum bekannt ist, könnten wir uns schon denken, dass sein
Bildnis erst in der alexandrinischen Periode und dann natürlich nach
freier Erfindung geschaffen worden wäre. Allein die Behandlung
der Gesichtsformen und der Haare, sowohl bei der Doppelherme
als bei der Holkhamer Büste — über die torionische Replik kann ich
nicht mehr urteilen —, ist durchaus die der älteren vorlysippischen
Zeit. Daher kann auch die Büstenform, in der uns das sonst mass-

1 Michaelis p. 2.

- Michaelis Taf. 1 u. 2; danach die Vorderansicht bei Baumeister 111. p. 1809 und

bei uns.

3 Jahrb. des Inst. V. p. 157.

1 Wenn es nicht etwa eine Verwechslung mit No. 29 daselbst (abgeb. Momim.

Tori. VIII. 29), welches Bildnis ich mir bei einem früheren Besuch der Sammlung

als verwandt mit Thukydides notiert habe.
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