Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 13.1878

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einer Gou-

liebe, ist ein

Der, den ich

Karl August SchuccganS, Reichstags-Abgeordneter.
Nach einer Photographie gezeichnet von C. Kolb, (S.

scheide von hier lilit schwerem Herzen, aber die uner-
bittliche Nothwendigkeit treibt mich Volt dannen. Es ist
nicht allein die Furcht, vielleicht moralisch gezwungen zu
werden, zu meinem Vater zurück zu kehren, auch nicht die
Besorgniß, von dem wilden Reichsgrasen, wie damals,
noch fernerhin belästigt zu werden, es ist ein anderes Ge-
fühl, Klärchen, was mich gehen heißt. Du hast mir
Dein volles Vertrauen geschenkt, hast mir das Geheim-
ltiß Deines Herzens offenbart — ich würde mich selbst
der Undankbarkeit zeihen müssen, wenn ich nicht für-
alle Liebe, die Du mir entgegen gebracht, bevor ich gehe,
Vertrauen mit Vertrauen erwicdcrt hätte. Du hast
mich stolz genannt — ich bitt es anch. Ja, dieser Stolz
ist es, der mich zwingt, die Stadt zu verlassen. So
wisse denn, liebste Freundin, daß auch ich liebe, wahr
und tief, daß ich aber nie dem Manne meiner Liebe an-
gehören will und kann.

Mann der Wissenschaft, mit einem berühmten Namen,
abstammend von einer berühmten Familie — ich bin
die Tochter eines Vagäbonden, ja, eines Verbrechers!
Dars ich die Veranlassung werden, daß die Schande
meiner Familie auch die seinige trifft? Können nicht
zu jeder Stunde die Verbrechen meines Vaters an den
Tag kommen, und wäre ich, das Kind dieses Vaters,
dann nicht ebenfalls eine Geächtete?"
Hermine drückte Klara's Hand fester und fuhr fort:
„Und wenn nun durch mich Unehre aus sein Haupt
gehäuft würde und ich gewahren müßte, daß er be-
reute, mich zum Weibe genommen zu haben — ha,
eher sterben, als diese furchtbare Demüthigung!"
„Du fandest Gegenliebe, Hermine?"
„Ja."
„Und er weiß, daß Du ihn liebst?"
„Er wußte es. Bei unserem letzten Zusammen-
treffen habe ich ihm gesagt, daß ich ihn
nicht mehr liebe."
„Warum?"
„Um ihn zu heilen, er wird darin den
besten Trost finden."
„Es mag groß und erhaben sein, Her-
mine, so zu denken, aber, das fühle ich,
ich würde mich nie zu dieser Größe empor-
schwingen können. Selbst wenn ich wüßte,
daß mein Vater ein Verbrecher sei —
wenn mein Willibald sich deshalb nicht
von mir Zurückzöge, ich würde mich aus
diesem Grunde gewiß nicht von ihm zu-
rückziehen; ich liebe ihn so heiß, so namen-
los, so innig, daß ich mir gar keinen Um-
stand denken kann, der in: Stande wäre,
mich zu bewegen, freiwillig zurückzutreten.
Der Gedanke, ihn verlieren zu müssen,
könnte mich wahnsinnig machen."
„Jeder liebt in seiner Weise, Klärchen,
auch ich liebe heiß und innig, aber alle
diese Gefühle werden von einem anderen
Gefühl geführt und geleitet, und dies Ge-
fühl kann nichts Anderes sein, als Stolz,
Stolz im Elend. Es ist dies ein Gefühl,
das man sich nicht geben und nicht nehmen
kann, es ist eben angeboren. Wäre letz-
teres nicht der Fall, wie dürfte es Wohl
sonst die Berechtigung haben, in meiner
Brust zu weilen, denn ich bin von niederer
Herkunft, bin von fremder Gnade erzogen,
habe vier Jahre lang eine dienende Stel-
lung inne gehabt und bin jetzt die Tochter
eines verlorenen Mannes. Was mich
treibt und bewegt, ist nicht der Stolz, der
sein Haupt hoch aufgerichtet trägt, nein,
es ist der verletzte Stolz, und verletzter
Stolz ist die S ch am. Das Schamgefühl
verbietet mir, in eine ehrbare Familie
einzutreten, die durch mich in ihrem ge-
sellschaftlichen Ansehen nur erniedrigt
werden würde, denn das Urtheil der
Welt ist ein strenger Richter; dieses
Schamgefühl läßt mich aber anch noch

zu können."
„Nach Berlin? Was willst Du denn dort?" fragte
Klara erstaunt.
„Ich will mich daselbst um die Stelle
vernante bewerben."
„So willst Du uns wirklich verlassen,
Hermine? Kann Dich denn nichts be-
wegen, bei uns zu bleiben? Sind denn
meine Bitten, meine flehenden Bitten
nicht im Stande, Deinen Entschluß zu
ändern? Ich hatte bis dahin noch keine
Freundin gefunden, die ich so recht von
Herzen hätte lieb gewinnen können, da
sah ich Dich — das Mitleid mit Deinem
traurigen Geschick, die große Aehnlichkeit
mit Dem, der mir über Alles theuer ist,
öffneten mir in wenigen Minuten das
Herz, daß es Dir sofort in Freundschaft
und Liebe entgegenflog. Die Sorge um
Dich während Deiner Krankheit ver-
mehrte nur noch diese Gefühle. Ich war
glücklich, ach so glücklich, Dich zu besitzen,
ein weibliches Wesen zu haben, dem ich
mein ganzes Inneres aufdecken konnte,
und nur zu bald erfuhrst Du alle meine
Geheimnisse. Ich wiegte mich in den
süßen Traum ein, däß Du bei uns bleiben
würdest, da Du ja doch nicht wieder zu
Deinem Vater zurück konntest und wolltest
— und nun willst Du dennoch fort, ja
sogar fort nach einer anderen weit ent-
fernten Stadt!"
„Liebes, herziges Klärchen —"
„Ich weiß, was Du sagen willst, Dein
Stolz erträgt es nicht, für Kost und
Logis, um mich so prosaisch wie möglich
auszudrücken, keinen anderen Gegendienst
zu leisten, als meine treue Freundin und
Rathgeberin zu sein. Aber Du kannst
ja hier dieselbe Stellung einnehmen, um
die Du Dich in Berlin erst bewerben
willst — werde meine Gouvernante!
Meine Ausbildung ist in vielen Stücken
noch lange nicht vollendet, und Du sollst
sehen, welch eine folgsame Schülerin ich
sein werde."
„Glaube mir, liebe Klara," sagte Her-
mine mit tiefem Ernst, indem sie die
Hand des jungen Mädchens ergriff, „ich

Oie wilde Prinzeß.
Roman
von
Kart Karlmann-Mo».
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
crmine Stolzer holte tief Athem und sagte:
„Ach, die Lust thut Wohl, sie stärkt
Geist und Körper, hoffentlich werde ich
in einigen Tagen so weit gekräftigt sein,
um meine Reise nach Berlin antreten



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