Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 13.1878

Seite: 121
DOI Heft: DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bfa1878/0134
Lizenz: Freier Zugang - alle Rechte vorbehalten Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile


D i e

ebenso das Bollheimsstift — ich


Esisabeth Christiiit, Königin vaii Preußen, Gcninhlin Friedrichs des Großen.
Nach einem alten Knpfcrstiche gezeichnet von C. Kolb. (S. 127.)

möchte Sie um die Freundlichkeit ersuchen, mir eine
kleine schriftliche Vollmacht anszustellen, diese Institute
zu jeder Zeit besuchen und in Augenschein nehmen zu
können."
„Sie stehen Jedem offen, der sie besichtigen will,"
erwiederte Bollheim, „Sie dürfen sich einfach nur bei
dem Inspektor melden."
„Verzeihen Sie, Herr v. Bollheim, ich bin darin
etwas eigenthümlicher Natur — ich möchte mir nicht
gern die Erlanbniß von den Bediensteten erbitten, son-
dern mit voller Berechtigung die Besuche machen dürfen
- Sie würden mich äußerst verbinden, wenn Sie mir
jetzt ein paar Worte anfsetzen wollten, da ich schon
gleich den heutigen Nachmittag dazu benutzen möchte."
„O, mit dem größten Vergnügen," sagte der Bankier,
erhob sich, ging zu seinem Schreibtisch, nahm einen der
Briefbogen, schrieb der Quere nach die Vollmacht darauf
uud überreichte sie, nachdem er sie zn-
sammengefaltet, dem Amerikaner.
Dieser steckte sie unbesehen in die Seiten-
tasche seines Rockes und nun regte er ein
anderes Thema der Unterhaltung an, an
der jetzt auch der Gesandte, der bisher sich
sehr schweigsam verhalten, lebhaften An-
theil nahm.
Nach einer Viertelstunde erhoben sich
die Gäste und verabschiedeten sich, Bollheim
war sehr angemuthet von dem angenehmen
Wesen des Fabrikbesitzers ans New-Pork.
Die Zeit war unterdcß verstrichen, der
Freiherr warf sich eiligst in einen Frack,
zog weiße Glacehandschuhe an, und nach-
dem er einen feinen Sommerpaletot über
den Arm geworfen, ergriff er seinen Hut
und ging in den Salon hinüber, wo be-
reits Klara in einfacher, aber geschmack-
voller, reicher Toilette den Vater schon
erwartete.
„Bist Du fertig, mein Kind?" rief er
ihr zu.
„Ja," erwiederte sie.
„Daun komm, wir müssen eilen, der
Besuch des amerikanischen Gesandten und
eines Freundes von ihm hat mich ungebühr-
lich lange aufgehalten."
Vater und Tochter gingen die Treppe
hinab und bestiegen die m der Durchfahrt
haltende, mit hellblauer Seide ausgeschla-
gene, an beiden Thüren mit dem neuen
Wappen versehene Equipage, die heute zum
ersten Male ihre Bestimmung erfüllte.
Der Kutscher, gleich den beiden Bedienten
hinten ans dem Trittbrett in glänzender,
geschmackvollster Livree, trieb die Pferde an
und fort ging es in gestrecktem Laufe zum
reichsgräflieheu Hause in der Schloßstraße.
9.
Reichsgraf Andreas hatte sich von feiner
lang anhaltenden Blutung und der dadurch
erzeugten körperlichen Erschöpfung so weit
wieder erholt, daß er sich, -venu auch nur

„Der Schreibtisch ist ein Meisterwerk," fuhr er fort,
„er ist sehr geschmackvoll, einen solchen möchte ich mir
auch unfertigen lassen. Wer hat ihn gemacht?"
„Ein Protege von mir," beantwortete Bollheim die
Frage, „ein früherer sehr fleißiger Schüler in meiner
Lehrlingsschule. Er ist, nachdem er seine Lehrzeit
vollendet, mehrere Jahre in Paris gewesen und hat
sich seit Kurzem hier als Kunsttischler etablirt."
„Wie nennt er sich?"
„Er heißt Bauer und wohnt Brunnenstraße 17."
„Die Adresse werde ich nicht vergessen. Ja, was
ich wohl noch Alles nach Amerika hinüberschleppen
werde — ich bin nun einmal der Narr, der Alles sich
anschaffen mnß, was ihm gefällt."
„Apropos, Herr Baron," sprach er nach einer Pause
weiter, „Ihre Lehrlingsschule muß ich mir uothwendig
auch einmal ansehen, ebenso das Bollheimsstift — ich

wilde r i n z c k.
N o m a n
von
Kart Kartrnamr-Hllön.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
ie Augen Mr. Johnson's spähten, wäh-
rend er sprach, fortwährend im Zimmer
umher und blieben schließlich an dem pracht-
vollen Schreibtisch haften, der in der Nähe
des Fensters stand.
Auf diesem Schreibtisch lagen verschie-
dene Briefbogen, und er konnte von seinem
Sitz ans deutlich bemerken, daß einer derselben beschrie-
ben war.
Ein leises Zittern durchlief für einen
Augenblick seinen Körper und ein Ausdruck
der Spannung und Erwartung wurde für
einen kurzen Moment auf seinem Antlitz
sichtbar.
Plötzlich erhob er sich und indem er
sagte: „Ah, Herr Baron, was haben Sie
dort für einen kunstvoll geschnitzten Schreib-
tisch," ging er geraden Wegs auf letzteren
zu, bog den Oberkörper nieder, als wenn
er die ausgelegten silbernen Figuren und
Arabesken einer genauen Musterung unter-
werfen wollte, richtete dabei seine Blicke
aber nur auf den beschriebenen Briefbogen,
und was er nun gewahrte, mußte Wohl
eine derartige Ueberrafchung ihm bereitet,
einen derartigen Schrecken ihm verursacht
haben, daß er nicht im Stande war, einen
lauten Ausruf zurückzuhalten.
Der Gesandte und Bollheim sahen ihn
verwundert an und Ersterer rief ihm zu:
„Ist Ihnen etwas Pasfirt, Freund John-
son?"
Der Angeredete hatte sich rasch gefaßt
und die Hand an die Backe legend, stieß
er einige Töne hervor, als wenn er von
Schinerzen gequält würde, und sägte:
„O, mein unglücklicher Zahn, schon seit
drei Tagen fährt es mir von Zeit zu Zeit
Plötzlich hindurch, als wenn eine glühende
Nadel hineingestochen würde."
Die beiden Anderen brachten sosort einige
Mittel in Vorschlag, die ihnen früher schon
einmal geholfen hatten.
„Ich habe schon Alles angewandt," ent-
gegnete Johnson, „auch Ihre Mittel, aber
ohne Erfolg. Das sicherste ist immer, den
Zahn ausziehen zu lassen, und das werde
ich heute noch thnn."
Er ging wieder zu seinem Lehnstuhl
zurück und sagte:
„Nun ist der Schmerz wieder vorüber,
um in der nächsten Viertelstunde vielleicht
abermals mich zu Peinigen."
loading ...