Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 13.1878

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Das Buch für Alle.

Heft 24.

„Sie müßten ihr dann gestehen, daß Sie sich durch
Geistererscheinungen haben in Schrecken jagen lassen,"
fuhr lächelnd der Geheimrath fort.
„Lassen wir uns vorläufig an der Feststellung ge-
nügen, daß es nun am Ende doch keine waren, sondern
daß ich thöricht und dumm mich habe täuschen lassen!"
sagte der Baron, sich abwendend.
„Freilich, schade darum. Es ist immer verdrießlich,
wenn man um eine gute Gespenstergeschichte durch solch
eine banale natürliche Erklärung kommt."
„Das ist es. Und im klebrigen wollen wir abwar-
ten, ob uns mit der Zeit die weitere Erklärung gegeben
wird, was dieser fremde Mensch, dieser Branco nur
wollte. Lassen Sie seine Sachen in die alte Archivkam-
mer bringen und da verschließen. Wollen Sie?"
Der Geheimrüth übernahm das zu besorgen und der
Baron ging, um im Geplauder' mit seinen Gästen zu
vergessen, was die gemachten Entdeckungen Erregendes
und Störendes für ihn haben konnten.
Fünfzehntes Kapitel.
Derschau's Brief.
Man kann störende und unbehagliche Dinge auf ver-
schiedene Weise von sich abthun, und sich vor manchen
durch ein glückliches Bergessen retten. Die meisten haben
nur die unangenehme Eigenschaft, daß sie, jung zur
Thüre hinausgeworfen, als großgewachsene zudringliche
Sorgen zum Fenster wieder hereinsteigen. Das sollte
leider in vollem Maße auch der Baron erfahren. Mit
einer seltsamen Hartnäckigkeit drangen schon in den nächsten
Tagen die Sorgen, Sorgen Peiuigendster und aufregendster
Art in sein friedliches, von störenden Dingen so lange
wie gefeites Heim, seine „Herberge der Gerechtigkeit", in
der eine so lang Reihe von Jahren hindurch er an jedem
Abend sein würdiges Haupt hatte mit dem ruhigsten
Gewissen von der Welt auf sein Kopfkissen legen können.
Es war zuerst ein dicker Brief, der ihm aus Nour
gesandt wurde, welcher diesen beneidenswerthen Zustand
der Dinge änderte.
Dieser Brief kam von Derschau.
Er enthielt Nachrichten, welche den Baron wie ein
Schlag trafen. Ein Mord war im Hause seines ehemaligen
Geschäftsführers entdeckt; der Ermordete konnte Niemand
anders sein, als ein Mann, der die Gewißheit zu haben
glaubte, daß der alte Borudors ihm seine Erbschaft zu-
gewendet habe und daß sie ihm ungerechter Weise ent-
zogen sei. Mein Gott, da war ja die vollste Aufklärung
über den räthfelhaften Menschen, mit dessen Papieren
der Baron sich vor so kurzer Zeit noch beschäftigt hatte,
dessen Zweck und Absicht bei seinem spukhaften Austau-
chen vor dem Schloßherrn von Bellersheim so dunkel
gewesen und jetzt ein so plötzliches erschreckendes Licht
erhielt!
Und ermordet — im Hause Gottfried Merk's sollte
dieser unglückliche Fremde ermordet sein? Derschau ver-
sicherte, seine Leiche sei dort gefunden — die Leiche eines
Erschlagenen! Das wußte Derschau dort, dort in Rom,
während er, der Baron, wenig Stunden von der Stätte
entfernt, von solch furchtbarer Thatsache keine Ahnung
hatte? Wie war das möglich? Ah — durch Spesser,
durch diesen dämonischen Menschen, der durch den Erd-
boden, durch die Narbe des grünen Rasens, über den er
fortschritt, hindurch darunter verborgene ungeheuerliche
Dinge und Schauerthaten zu erblicken schien — durch
diesen Spesser!
Und dann kam, was nicht weniger erschreckend:
an der That mußte Rudolph Merk wenigstens Mitschul-
diger sein, wenn nicht der Hauptschuldige; er hatte ein-
gestandenermaßen sein Vaterhaus angezündet und nieder-
brennen machen; er hatte in Rom die Tochter des Er-
schlagenen, ein Fräulein Branco, in sein Netz gezogen,
umworben, sich als ihr Bräutigam gerirt — dann aber,
als er die Ahnung bekommen, daß er von Spesser durch-
schaut sei, war er auf und davon gegangen — Spesser
aber war mit ihm verschwunden und es drängte sich nur
zu natürlich der Gedanke auf, daß er um seiner eigenen
Sicherheit willen dem Eingeweihten, dem, der sein Ver-
brechen entdeckt, ebenfalls ein gewaltsames Ende bereitet
habe.
Es war in der That zu stark, zu viel — sollte mau
das Alles für ein Märchen, für eine Träumerei eines
boshaften Menschen halten oder für Ernst? Hätte
Spesser es geschrieben, der Baron würde versucht ge-
wesen sein, ihn auszulachen — aber Derschau? Der
kühl urtheilende, ruhige, seine Worte Wohl abwägende
Derschau?
Der Baron sank wie niedergeschmettert in seinen
Sessel zurück, als er mit der zitternden Rechten den
Brief auf seinen Schreibtisch gelegt, und bedurfte langer
Zeit, sich zu fassen. Er fühlte sich völlig hilflos bei so
schrecklichen Dingen. Was sollte er thun, um Bertha
aus einer Katastrophe zu retten, die diese unglücklichen
Merks bedrohte, um sich selber vor dem Vorwurf zu retten,
er habe den Grund zu dem- Allen durch eine unrecht-
mäßige Handlung, durch eine Unterschlagung einer Erb-
schaft gelegt? Er, der sich doch so unschuldig fühlte,
wie ein Kind. Er hätte aus und davon gehen und in

die weite Welt sich retten mögen vor dieser erschrecklichen
Geschichte. Aber was konnte ihm die Flucht helfen —
er fühlte, daß er keine ruhige Nacht mehr habeu würde,
nachdem das Schicksal, das ihn bisher so friedlich und
ungeprüpft seine Tage abspinnen lassen, ihn jetzt am
Ende seiner Laufbahn in einen solchen Wirbelsturm
schreckhafter Ereignisse gerissen!
Er ließ nach einer Weile seine beiden alten Freunde
bitten, zu ihm zu kommen; der Oberst und der Geheim-
rath traten zur selben Zeit bei ihm ein, eben von einem
Spaziergang heimkehrend, auf dem sie sich zur Abwechse-
lung einmal über Tristram Shandy gestritten hatten, den
der Geheimrath bewunderte und der Oberst die lang-
weiligste, gezierteste und unnatürlichste aller Abschilde-
rungen des Menschenlebens nannte. Sie vergaßen jedoch
Beide Tristram Shandy und alle seine Digressionen beim
ersten Blick in des Barons bleiche gespannte Züge.
„Wahrhaftig, Baron, Sie haben eben wieder einen
Geist gesehen!" rief der Oberst aus. „Was ist vorge-
fallen ?"
„Mir sind eben meine Geistererscheinnngen aufgeklärt
worden," sagte der Baron, „aber in einer Weise, daß
ich wahrhaftig einen guten Gespensterspuk zu seheu vor-
zöge! Da, lesen Sie," fuhr er fort, Derschau's Brief
dem Geheimrath reichend, „lesen Sie von Anfang bis
zu Ende, was dieser Derschau mir da schreibt!"
Der Geheimrath las und der Oberst blickte ihm über
die Schulter, um das iuhaltvolle Papier alsdann an
sich zu uehmen und noch einmal zu lesen; Beide blickten
daun den Baron niit einer Betroffenheit an, welche der
Wiederschein seiner eigenen bestürzten Miene war.
„Das ist mehr als unglaublich!" rief der Oberst aus.
„Und deshalb nichts zu thnn," sagte nach einer Pause
der Geheimrath, „als zunächst zu untersuchen, ob die
Thatsache, das Auffinden einer Leiche, die doch nicht
hätte geheim bleiben können, nicht eine reine Hallucination
dieses Spesser ist!"
„Halten Sie das für möglich?" fiel der Baron auf-
athmend und wie erleichert ein.
„Eher für möglich, als daß so entsetzliche Dinge von
Rudolph Merk begangen seien."
Damit war auch der Oberst einverstanden.
„Daß Rndolph Merk ein so schrecklicher Verbrecher,
ein so verhärteter Bösewicht sein sollte, ist ja der reine
Wahnsinn zu glauben," brach der Oberst aus. „Wenn
man lange lebt und wenn man dahin gekommen ist, über
nichts mehr zu erstaunen, mag man das Wort unmög-
lich nicht gern mehr anwenden, aber hier sage ich es
mit voller Ueberzengung."
„Aber Sie lesen ja," sagte der Baron kopfschüttelnd,
„daß er die Brandstiftung eingestanden hat; und wie er
der Bräutigam eines Mädchen werden mag, deren Vater
eben..."
„Von ihm ermordet sein soll? Just deshalb ist das
letztere, daß Rudolph der Mörder, unmöglich!"
„Was Rudolphs Vater — was Gottfried Merk an-
geht," sagte halblaut der Baron, „wäre es doch noch
wahnsinniger, ihn zum Mörder machen zu wollen!"
„Aber weshalb hütete Bertha Merk mit solch wunder-
lichem Starrsinn ihr Haus?" fragte beklommen der
Geheimrath.
Es war schwer, darauf eine Antwort zu geben, in
dieser Thatsache etwas Anderes zu sehen, als eine be-
ängstigende Bestätigung der Angaben und Behauptun-
gen Derschau's. Auch gab Keiner von allen Dreien eine
Antwort darauf. Der Oberst wagte sich endlich nur
mit der Meinung heraus, , es werde am besteu sein,
dies Alles nicht Bertha vorzuenthalten und sie mit der
Andeutung, es habe sich ein seltsamer Verdacht wider
ihren Bruder erhoben, geradezu nach dem eigentlichen
Grunde ihrer einstigen Motive bei dein beharrlichen Hüten
ihres Hauses zu fragen. Einmal," meinte er, „müsse
doch Licht werden über die Sache, und was man dazu
thue und anwende, um sich gründlich Licht zu verschaf-
seu, würde sich vor Bertha ohnehin nicht verbergen
lassen."
„Gewiß muß Licht werden," versetzte der Geheim-
rath, „aber der erste Schritt, auch noch bevor man
Bertha in Noth und Schrecken setzt, muß die Feststellung
der Hauptthatsache sein, welche Derschau behauptet. Ich,
in der Stelle des Barons, würde noch heute hinüber-
fahren zum Bürgermeister oder wer sonst der Polizei in
der Gegend vorsteht, und konstatiren lassen, ob es sich
wirklich um eine Leiche handelt, die in dem durch Feuer
zerstörten Hause gefunden ist, ohne daß irgend Jemand
das Geringste davon ahnt — irgend Jemand außer. ein
paar Leuten — in Rom! Das muß zuerst doch fest-
gestellt werden, und dies nun auch ohne Verzug und
ohne Rücksichten, ohne etwas der Welt verbergen zu
wollen. Wenn solche Anklagen, wie diese hier, gegen
Rudolph Merk erhoben werden, so ist das alleroffenste
Handeln geboten."
Der Oberst stimmte dem Lei und der Baron begriff
sehr wohl, daß auch er nm seiner eigenen Verflechtung
in die Sache willen eine die Öffentlichkeit nicht scheuende
Untersuchung verlangen müsse; und so wurde beschlossen,
die Fahrt nach dem Flecken zu machen, in dessen Nähe
das Merk'sche Besitzthum lag. Der Geheimrath rind der

Oberst waren sofort einverstanden, den Baron dahin zu
begleiten. Der Baron ließ deshalb einen Wagen an-
spannen und bevor eine halbe Stunde verflossen, saßen
die drei alten Herren in dem leichten offenen Gefährt
und rollten über die Brücke von Haus Bellersheim.
Als sie es dann im Rücken hatten und draußen aus
dem freien Felde waren, sahen sie einen Reiter vor sich
auftauchen, der sich beim Näherkommen als ein Bestand-
theil der bewaffneten Macht entwickelte; man sah die
Sonne in einer Pickelhaubenspitze blinken und unter ihr,
als sie näher und näher kam, entdeckte man endlich die
verschmitzte Physiognomie Kürbisser's, des Gendarmen.
Er hielt neben dem Wagen des Barons, legte die
Finger an die Pickelhaube und sagte:
„Ich bin an den Herrn Baron abqeschickt — mit
einer Meldung..."
„Sie an mich, Kürbisser? Mit einer Meldung?
Von wem?" fragte der Baron.
„Von der Gerichtskommission —"
„Gerichtskommission — welcher Gerichtskommission?"
„Einem Herrn Untersuchungsrichter aus der Stadt,"
fuhr der Geudarm.fort; „er ist am gestrigen Abend mit
einem Arzt und einem Protokollführer eiugetrosfen —
die Herren haben am Vormittag amtirt und instruirt und
wollen am heutigen Nachmittag dem Herrn Baron einen
Besuch machen; ich bin voraufgesandt, sie anzukündigen."
Der Baron hatte bei dieser Mittheilung ein wenig
erschrocken seine Begleiter angesehen.
„Wahrhaftig, die Todten reiten schnell!" sagte er.
Der Geheimrath und der Oberst verlangten erregt
weitere Auskunft, aber Kürbisser schien auf die Fragen,
die auf ihn einstürmten, gefaßt; er mochte es dienst-
gemäß halten, so unbestimmt wie möglich darauf zu
antworten. Nur wenn der Oberst das Wort an ihn
richtete, war die Angewöhnung des militärischen Respekts
groß genug, um ihm eine direkte Antwort abzugewinnen.
Daraus erhellte aber uur, daß es war, wie Alle fürchte-
ten; die Untersuchung hatte sich an: Morgen mit dem
Merk'schen Hause beschäftigt, und sodann hatte man den
Gärtner Friedrich verhört und — in Hast genommen.
Der Baron ließ unverzüglich wenden, um nach Bel-
lersheim zurückzukehren und dort die weitere Entwicke-
lung eines Verfahrens, zu dem er die Initiative geben
wollen, und das sich nun zu seinem Schrecken schon in
bestem Gange zeigte, abzuwarten. Kürbisser folgte den:
Wagen.
„Es scheint, wir selbst sind nicht mehr unverdächtig
und bleiben unter polizeilicher Eskorte," sagte der Baron
kopfschüttelnd.
„Weshalb folgen Sie uns, Gendarm?" fragte der
Oberst.
„Der Herr Untersuchungsrichter haben es so befoh-
len, ich soll ihnen auf Haus Bellersheim zur Hand sein,
Herr Oberst," antwortete Kürbisser.
„Sehen Sie," sagte der Baron, „es fehlt nur noch
Spesser, uns Alle in die Sache auf's Gründlichste hinein-
zukombiniren!"
Sobald der Baron sein Haus wieder betreten hatte,
eilte er, mit Bertha zu sprechen. Es war anzunehmen,
daß der Untersuchungsrichter hauptsächlich sie zu ver-
hören kam, und so mußte das Eis bei ihr gebrochen
werden, um sie wenigstens vorzubereiten — es war jetzt
keine Schonung mehr möglich.
Beriha war, als der Baron ungewöhnlich rasch in
ihr sonniges Eckzimmer trat, nichts ahnend eben mit
einem Briefe an ihren Mann beschäftigt. Der Baron
legte die Hand auf ihre Schulter, warf einen Blick auf
das Blatt und sagte:
„Sie schreiben an Frank, Bertha — recht so, daß
Sie an ihn denken, ihn, dein jetzt Sie und Ihr Leben
gehören. Es mag mitunter von den Frauen als ein
Unglück empfunden werden, daß durch die Ehe ihr Lebeu
in zwei Hälften aus einander gebrochen wird, daß -sie
zwei getrennte und gesonderte Leben zu führen haben,
eines, das ihrem Vaterhause und dem, was sie als junge
Mädchen umgab, gehört; und eines, das dem Manne
und seiner ost so ganz verschiedenen Existenz mit ganz
verschiedener Denkart, verschiedenen Sitten gehört. Mit-
unter ist's aber doch ein Glück! Wie mancher Mann
sehnt sich danach, ein zweites Leben beginnen zu können.
Wie Mancher fände eine Rettung darin. Aber ihm ist's
nicht gegeben. Er kann es nicht. Seine Existenz ist
eine Kette von Tagen, von denen einer durch die Kon-
sequenzen des vorherigen bestimmt wird. Diese Kette
kann von ihm nicht zerrissen werden. Einen großen
Strich unter eine Lebensepoche machen, ein zweites Leben
beginnen, wie ein Schriftsteller ein neues Werk, statt
eines verfehlten Romanes einen zweiten besseren — wer
kann das? Wir Männer leben uns alle nur durch wei-
tere Kapitel eiues uud desselben Romans hindurch. Tie
Frauen aber..."
„Die Frauen," fiel Bertha ihm in's Wort, „sind
glücklicher, wenn sie heirathen, und nun, um einem von
den eigensinnigen herrschsüchtigen Männern zu genügen,
einen strich durch ihre Vergangenheit machen, ihre eigene
Existenz aufgeben, ihr eigenes Urtheil fahren lassen, ihren
eigenen Neigungen Adieu sagen? Wollen Sie das
Baron?"
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