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vv» Tpamcn.

Dummkopf
ilcoth cr-

brzhcrzogin Maria khristinc Vs» Ocstcrrcich, Braut dcS Königs AlsanS XII.
Nach einer Photographie gezeichnet von C. Kolb. (S. 12a.)

„Rechnest Du unsere Gesellschaft für nichts, Mäd-
chen?" fragte Vicenzo mit rohem Lachen, „wir sind
hier und bteiben hier, bis ein Anderer kommt, uns ab-
zulösen."
„Wer ist das?" fragte sie zitternd, „wird er mich
hier gefangen hatten?"
„Wirst ihn schon kommen sehen, Täubchen," sagte
Viceuzo und sah sie mit einem verschmitzten Blicke an,
„wirst ihn kennen lernen, und es wird auf Dich an-
kommen, wie lange Du hier bleibst, darfst Dich nur
nicht zieren —"
Andreo legte ihm die Hmrd auf den Mund. „Rede
nicht Dinge, die Dich nichts angehen," herrschte er ihn
an; sich zu Annunziata wendend, fuhr er fort; „Ver-
halte Dich ruhig, thue, was wir Dich heißen und cs
geschieht Dir kein Leid. Begehst Du Unsinn, so stehe
ich für nichts."
Wie zur Bekräftigung seiner Worte, zog er unter

Verloren.
Roman
von
Ludwig K a v i ch t.
loMlÜtwng.) (Nachdruck vervoccu.z
ndrco machte eine verächtliche Geberde auf
Vicenzo's Acußerung. „Alberne Schwäche
des Grafen, nur die Todten reden nicht."
„Margherita ist ja wahnsinnig."
„Wild und boshaft ist sie, aber nicht
toll, sie stellt sich nur so."
„Nein, nein, sie ist verrückt; ich habe sie selbst im
Mondenschein auf den Dachfirsten des Schlosses herum-
spazieren sehen."
„Und hast sie nicht hinuntergestürzt?
Du; hättest uns heute viel Mühe und
spart. Wie soll ich sie denn von hier
fortbringcn, wenn ich keine Gewalt an-
wenden darf?"
Inzwischen hatte die Wahnsinnige be-
reits von freien Stücken sich dem Ausgange
genähert, sie winkte der Gefangenen noch
einmal zu, als wollte sie sagen: Sei nur
getrost, ich werde Dir bcistchen! und war
dann im nächsten Augenblicke verschwunden.
„Die verwünschte Hexe," knirschte An¬
dreo, ihr nachblickend, „sie wird uns noch
etwas anfzupassen und zu rathen aufgeben.
Ich wünschte, der Herr wäre erst da."
„Er kommt sicher morgen oder über-
morgen."
„Bis dahin wollen wir das Püppchen
gut bewahren."
Annunziata hatte dem Gespräch zwischen
den beiden Bösewichtern mit einem sich immer
steigernden Entsetzen zugchört. In welchen
Abgrund von Verworfenheit ließen sie die
Aeußcrungcn der Banditen schauen, und
welches Schicksal stand ihr bevor?!
Als sich Andreo nach dem letzten Worte,
das er zu seinem Spießgesellen gesprochen,
zu ihr herumwandte, faltete sic die Hände
und sagte mit einem Tone, der einen Stein
hätte erweichen müssen:
„Was soll ich hier? Weshalb habt
Ihr mich nach diesem furchtbaren Orte
geschleppt? Wie lange soll ich hier gefangen
gehalten werden?"
„Viel Fragen mit einem Male,"
höhnte Andreo, „Du mußt wohl ein recht
verwöhntes Püppchen sein, wenn Du das
hier einen furchtbaren -Ort nennst. Ich
dächte, die Stube, in der wir uns zuerst
sähen, wäre lange nicht so hübsch einge-
richtet gewesen wie diese hier."
Annunziata schauderte bei dem Ge-
danken an den Ueberfall des Bösewichtes.
„Dort war ich zu Hanse," schluchzte sic,
„hier bin ich allein!"

seiner Jacke ein Doppelpistol und einen langen scharf-
geschliffenen Dolch hervor und legte die Waffen auf den
Tisch.
„Ich verstehe," sagte sie schaudernd.
„Ist gut," uickte er befriedigt, „das erspart uns eine
Menge unnützer Redensarten."
Er trat an einen Wandschrank, schloß ihn auf, holte
eine Flasche, ein Glas und einen Teller Biscnit hervor,
goß das Glas voll Wein und gebot Annunziata, zu
essen und zu triukcu.
Sic weigerte sich.
„Fürchtest Du, daß wir Dich vergiften?" höhnte er.
„Hätte ich Dich kalt machen wollen, hätte ich's be-
guemer haben können und Dich nicht erst hieher zu
schleppen gebraucht. Iß und trink," gebot er mit so
fürchterlichem Blick, daß das arme Mädchen erschrocken
seinem Befehl Folge leistete, einige Bissen zu sich nahm
und von dem Glase nippte.
„Jetzt gehe zu Bett," gebot er, auf das
im Hintergründe des Gemaches stehende
Bett deutend.
„Ich bin nicht schläfrig."
„Du sollst es aber sein. Finde ich
Dich wachend, wenn Du schlafen sollst,
dann wehe Dir!"
Annunziata gehorchte und warf sich
angckleidet auf das Lager.
„Jetzt, Viceuzo, legst Tu Dich so,
daß Niemand mit ihr davonlaufen kann,
und ich lege mich so, daß Niemand cs ein-
fallen soll, mit mir davon zu laufen,"
sagte Andreo lachend.
Beide Männer trafen die Vorberei-
tungen für ihr Nachtlager. Die Pistolen
wurden in Bereitschaft gesetzt. Viceuzo
streckte sich am Kamin nieder und legte
die Waffen neben sich. Andreo löschte die
Lichter aus und rollte sich in seinen Mantel
so zusammen, daß er zwischen der Fallthürc
und der Thüre des Gemaches, die er offen
ließ, zu liegen kam, auch er hatte Dolch
und Pistolen neben sich.
Es währte nur ganz kurze Zeit, da
verkündete tiefes Schnarchen, daß die beiden
Männer eingeschlafen waren. Annunziata
wachte. Sie hatte die Angen geschlossen,
aber sie schlief nicht, und als sic vcrnahm,
daß ihre Wächter im Schlafe waren, blickte
sie vorsichtig um sich.
Im .tiainin verglühten die letzten Koh-
len, dichte Finsternis; umgab sie. Das
Zimmer, in dem sie sich befand, hatte
kein Fenster, sie wußte nicht, ob es Tag oder
Nacht Ivar; sie war in einem unterirdischen
Kerker.
Warum hatte mau sie hieher gebracht?
Was hatte man mit ihr vor? War das
Blaß ihrer Leiden bereits voll oder war
das, was sie erlitten, nur das Vorspiel zu
dem, was ihr noch bevorstand? — Diese
Fragen marterten sie und scheuchten den
 
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