Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 15.1880

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1880

Projeisor Nils Adolph Erik p. Rordcupjöld.
Noch einer Photographie gezeichnet von C. Kolb. (S. 2t7.)

Liebe zu Gott
Braut darauf,
deut Ehebunde,
Die Traurcde war zu Ende, die eigentliche Trainings-
ceremonie begann. Der Geistliche wandte sich zu dem
Bräutigam und stellte ernst und feierlich, jedes Wort
Lorenzo Bernini, willst Du Deine hier neben Dir
und ehren und ihr alle Pflichten eines guten Ehemannes
erweisen?"
Mit einem lauten „Ja" beantwortete Renzo die
Anrede des Priesters nnd dieser legte Annunziata die
gleiche Frage dar. Wahrend er die vorgeschriebcncn
Worte sprach, fiel durch das dem Altar gegenüber lie-,
gcnde Fenster ein Strahl der Morgensonne, spielte auf
denn sein kahles Haupt umgebenden Kranz von Silber-
locken, ans seinem silberweißen Bart und verklärte die

Verlöre n.
Ronia n
von
dwig a l> i ch t.
lFollschiingp (Nachdruck verboten.)
ie Frühmesse war noch nicht beendet, in
stummem Gebet knieten Renzo nnd Annun-
ziata nebst Patronclla nnd zwei alte, allein-
stehende Nachbarn, die als Zeugen von
Letzterer geladen waren, nieder, dann setzten
sie sich in die Nähe des Hanptaltares,° an
dem die Trauung stattfinden sollte.
Tie Orgel ertönte, die Chorknaben schwangen die
Ünsucherfässer, Weihranchwolken erfüllten die Luft. Cin
üinldrsrnHalbdunkcl herrschte in der Kirche; dichter und
dichter wob sich der wache Tranm nm Annnnziata's
Haupt. Mechanisch blätterte sie in ihrem
Gebetbnehe, da plötzlich fiel ein getrocknetes
Sträußchen in ihre Hände.
Es war cin Gebetbuch, das sie sonst
nicht zu benutzen Pflegte; die Mutter hatte
es heute aus den: Kasten genommen und
ihr in die Hand gegeben, ohne daß es ihr
in ihrer Zerstreutheit ausgefallen war. Die
Blumen mußten schon lange zwischen den
Blättern gelegen haben; sie hatten Duft
und Farbe verloren. Für Annunziata aber
waren sie frisch und lebendig, als waren
sie soeben erst gepflückt. — Bor ihr stand
in voller Klarheit jener Herbsttag im
Wälde der Cascinen, wo der junge Deutsche
ihr den Strauß gereicht nnd dafür die
Anemone von ihr empfangen hatte. Leuch-
tend in seiner ganzen männlichen Schön-
heit stieg sein Bild vor ihren Augen auf,
nnd wie durch die Berührung mit einem
Zauberstabe fiel die Apathie von ihr ab,
die sich ihrer bemächtigt hatte. Nicht eine
Andere, sic selbst war es, die in diesem
Augenblick zwischen der Mutter nnd Renzo
dem Altäre znschritt, an welchem sie cin
älter, ehrwürdiger Priester erwartete. Sie
selbst war es, die einem Manne Treue
schwören sollte für das ganze Leben, die
geloben sollte, ihn zu lieben, zu ehren,
während sic bei der Berührung seiner Hand
schauderte, während das Bild eines Anderen
in ihrem Herzen lebte, dessen Andenken sic
wie einen Talisman fest in der Hand hielt.
Zum vollen Bewußtsein kam ihr der
ungeheure Frevel, den sie begehen wollte.
Nicht Dankbarkeit, nicht kindliche Liebe
durfte sie verleiten, einen Meineid vor
Gottes Angesicht zu schwören. Aber wie
denn Furchtbaren entgehen?
Während Pater Antonio dem Verlobten
Paare die Seligkeiten einer liebereichen
Ehe ausmalte nnd sie ermahnte, in allen
Anfechtungen stark zu sein durch die

edlen milden Züge mit einem überirdischen Glanze.
Annunziata blickte wie anbetend zu ihm empor und
über sie kam es wie eine Erleuchtung. Da stand er ja
vor ihr, der Retter ans der ihr drohenden Gefahr. Er
fragte sie uni ihren Willen, er konnte, durfte sie nicht
diesem Manne überliefern, den sic nie geliebt nnd vor
dem ihr jetzt graute!
Noch zögerte sie einen Augenblick mit der Antwort.
Erwartend sah sic Pater Antonio, gebietend blickte sie
Renzo an, dann kam leise aber fest ein „Nein" über
ihre Lippen.
Pater Antonio war im ersten Moment sprachlos
vor Staunen; er glaubte nicht recht gehört zu haben.
Renzo's wüthendcs Auffahren belehrte ihn, daß er nicht
allein das ablehnende Wort vernommen habe. Mit
hvheitsvollcr Handbewegnng gebot er Renzo Schweigen,
bedeutete er Petronella, die herznstürzen nnd Annunziata
beim Arni ergreifen wollte, daß sie znrückznbleiben habe.
Sich zu dem jungen Mädchen nicderbengcnd,
fragte er mit milder Stimme:
„Was sagst Tn, meine Tochter? Habe
ich Dich recht verstanden? Du willst Lo-
renzo Bernini nicht zum Manne?"
„Nein, nein!" schluchzte das arme Kind
nnd hob flehend die Hände.
Jetzt konnte sich Signora Petronella
nicht mehr halten. „Höret nicht ans die
alberne Dirne, hochwürdiger Bnter!" rief
sie, sich an den Altar drängend, „sie weiß
nicht, was sie spricht. Ob sie Ja oder Nein
sagt, ist ganz gleich. Trauet sie; ich, ihre
Mutter, gebiete cs!"
„Zurück, Fran!" gebot der Priester
nnd sein mildes Antlitz flammte ans in
heiligen, Zorn, „zurück! Entweiht nicht
den Altar des Herrn; an dieser Stelle hat
Niemand zu reden als sein geweihter Prie-
ster, Niemand zn gebieten als er."
„Trant nnS!" schrie Renzo mit dem
Fuße stampfend, „macht keine Unistände."
Pater Antonio maß ihn mit einen,
Blicke nntleidiger Berachtnng. Er stieg
die Altarstufen hinunter, nahm Annun-
ziata bei der Hand und führte sie einige
Schritte abseits.
„Sprich ohne Scheu, meine Tochter,"
ermähnte er gütig. „Ist cs cine angen-
blicklichc Eingebung kindlicher Befangenheit,
die Dich das Nein sprechen ließ? Willst
Du, daß ich die Ceremonie noch einmal
beginne, damit Du eine andere Antwort
geben kannst?"
Annunziata ergriff beide Hände des
Paters und klammerte sich daraus als wäre
er der einzige Rettungsanker in ihrer
grenzenlosen Noth.
„Nein, nein," flehte sie. „Trant mich
nicht mit ihm, laßt mich nicht vor Gottes
Altar einen Meineid schwören! Ich liebe
Renzo nicht; mir graut vor ihm!"
„Du bist ihm aber doch zum Altäre

und die Liebe zn einander, sann die
wie sie sich noch in der letzten Minute
den er einsegncn wollte, entziehen könne.
Der Geistliche wandte sich zn dem
betonend, die inhaltsschwere Frage:
„Lorenzo Bernini, willst Du Deine hier neben Dir
stehende Berlvbte zur Ehefrau nehmen, sie lieben, achten

erweisen?
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