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1886

Autorrechte Vorbehalten.

fälscht ist in böser Absicht, würde erst

das Auge
von der

Richard Votz.
Nach einer Photographie gezeichnet von C. Kolb. (S. 271)

... —' st der Erfolg er-
weisen. Soll ich mich auf einen Versuch einlassen?
Ich weiß es nicht. Ich bin alt, jeder Tag kann mein
letzter sein. Was soll ich Anderen eine Wohlthat er-
weisen? Ta sind die beiden Kinder — doch die Sache
will überlegt sein. Hat Rostig irgend welche Be-
dingungen gestellt?"
„Nein. Aber ich bin im Besitz eines Briefes von
ihm, den ich nur im Falle des Gelingens irgend eines
von Ihnen geleiteten Unternehmens öffnen darf."
„Sie halten sich an diese Bedingung?"
„Ich betrachte es als eine heilige Pflicht."
Gertrudis starrte wieder vor sich nieder. Demetrius
entging nicht, daß ihre bisher feindselig angespannten
Züge einen milderen Ausdruck erhielten.
„Ich müßte also auf Rostig's Großmuth, auf seine

A.
Ehrlichkeit blindlings bauen?" bemerkte sie endlich ohne
aufzuschauen.
„Wer dem Herrn Rostig vertraute, fand nie Ursache,
es zu bereuen," versetzte Demetrius überzeugend, „seine
Handlungen sprechen "für feine Treue."
„Sie haben errathen, daß Ihr Dokument, wenn
es echt ist, nur Werth durch ein anderes gewinnen
kann?"
„Meine Vermuthungen gehen jetzt noch weiter.
Ich müßte mich sehr täuschen, wäre das Dokument
Nro. 1, wie es hier heißt, nicht in Ihren Händen."
„Nein," stieß Gertrudis gehässig hervor, „besäße
ich es aber, so wäre damit nicht gesagt, daß ich es
herausgäbe. Wo es verborgen ist, weiß ich allerdings;
daß man es für vollkommen werthlos befunden hat,
ebenfalls, und ein Wunder ist's, daß es nicht längst
auf den Kehricht geworfen wurde. Frei-
lich, damit wäre zugleich ein Marter-
werkzeug aus den Händen gegeben wor-
den, denn die andere Schrift läßt nicht
errathen, daß ein zweites Dokument
angefertigt worden ist. Ich habe jetzt
nichts mehr zu sagen. Ich bedarf der
Zeit, um einen Entschluß zu fassen.
Gehen Sie zu Ihren Kameraden. Mor-
gen Abend um dieselbe Stunde kommen
Sie wieder zu mir, aber ohne das
Mädchen. Dann sollen Sie meine Ent-
scheidung erfahren. Die Schrift hüten
Sie fernerhin, als ob Ihr Leben davon
abhinge. Wollen Sie nicht, daß Sie
mich heut' zum letzten Mal sahen, so ver-
heimlichen Sie vor den Kindern Alles.
Tie sind glücklich in ihren Gedanken;
ihr Friede darf nicht gestört, ihre Be-
gierde nach großen Dingen nicht wach-
gerufen werden."
Sie erhob sich und schritt nach der
Thüre hinüber, für Demetrius ein Wink,
sich zu entfernen. Als er an ihr vorbei
in's Freie hinaustrat, schwebte ihnr eine
Betheuerung seiner Gewissenhaftigkeit auf
den Lippen. Gertrudis schnitt dieselbe
ab, indem sie die Thüre hinter ihm
verschloß.
Fünfundzwanzigstes Aapitel.
Die Deralirednng.
Als Demetrius seinen Weg aus der
finsteren Schlucht hinaus suchte, meinte
er, die jüngsten Erlebnisse geträumt zu
haben. In seinem Inneren vibrirten
noch immer die ernsten Warnungen
Rostig's, die in dem verbitterten Wesen
der seltsamen alten Frau gewissermaßen
/ ihre Bekräftigung fanden, jedoch in der
unzweideutigen Liebe zu ihren Enkelin-
nen wieder eine Abschwächung erfuhren.
Welcher Art Rostig's Beziehungen zu
ihr oder ihrer verstorbenen Tochter sein
mochten: seine Phantasie war in einer

Das Loygbuch des Aapilains Eisenfinger.
Roman
von
Balduin Möllhauscn.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
it einem unregelmäßigen Stern begann die
erste Zeile in dem geheimnißvollen Doku-
ment. Dann folgten in englischer Sprache
die Worte:
„Aus diesen Punkt stelle Dich, den Kom-
paß in der Hand. Wähle für
die genaue Richtung: vier Strich östlich
Nordlinie, und Du siehst am fernen
Himmel einen blauen Bergzacken. Nimm
einen Lasso, zwanzig Ellen lang, keinen
Zoll mehr, keinen weniger. Geh' aus
von der Mitte des hier war wieder
der Stern gezeichnet. „Schlage eine ge-
rade Linie auf den Bergzacken zu, zwei-
undzwanzigmal so lang, wie der Lasso.
Rechne hinzu vierzehn und einen halben
Fuß. Dann blicke um Dich. Stehst Du
gleich weit von drei weißen Quarz-
blocken, so befindest Du Dich aus der
rechten Stelle; sonst messe den Mittel-
punkt aus. Dort wende Dich nach dem
Kompaß genau westlich. Ziehe eine Bie-
nenlinie hundertundachtundvierzig Ellen
lang, und Du stehst aus einem Granit-
block, der nur wenig über den Erd-
boden emporragt. Scharre auf der Nord-
seite die Erde zur Seite und Du entdeckst
ein Kreuz, mit der Spitzhacke in den
Block eingemeißelt." Hier folgte die
Abbildung eines unregelmäßigen Kreu-
lss- r Dir jetzt noch zu thun bleibt,
findest Du aus dem Blatt Nro. 1 ver-
zeichnet, wenn Du von dem letzten Stern
ausgehst."
^.^"chdem Gertrudis die rathselhaften
Müthellungen zu Ende gelesen hatte
sah sic durchdringend in Demetrius'
Augen. Daß er das Papier wieder an
sich nahm, schien sie nicht zu beachten.
Aber ihre Züge waren erschlafft, als
ob Muthlosigkeit sich ihrer bemächtigt
habe.
„Kennen Sie die Bedeutung dieses
Schriftstückes?" fragte sie nach einer
Pause tiefen Sinnens.
„Ich kenne sie nicht, ahne sie aber,"
antwortete Demetrius.
„Was ist ahnen?" erwiederte Ger-
trudis träumerisch. „Ahnungen täuschen,
oder ich hätte das Vorhandensein dieses
Dokumentes geahnt, mir manchen sauren
Gang erspart. Qb es nicht dennoch ge-
 
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