338
Anbeginn an. Nachdem ich also das kleine Heim
gegründet hatte, konnte ich keine würdigere Person in
dasselbe einsetzcn, als des herzlieben Andreas Wittib.
Da wird sie wieder etwas ausleben, und unglücklich
genug ist sie gewesen, um ihr das Beste zu gönnen.
Denn ihre Kinder hat sie hingeben müssen, und das
ist ein härteres Loos, als Hunger und Kälte, wovon
sie freilich nicht zu leiden hatte. Auch böse Menschen
haben ihr viel Leid zugefügt, und da wollt' ich Dich
bitten, wenn wir jetzt zu ihr kommen, ihr recht herz-
lich zu begegnen —"
„Du kennst mich, Kapitain Eisenfinger," fiel Pris-
cilla mit lieblichem Eifer ein, „ich müßte nicht so
lange unter Deinen: und des hochwürdigen Nathanael
Dach gelebt haben, um anders zu denken, als Einer
von Euch."
„Ja, ich kenne Dich. Du stammst, streng genom-
men, wie ich selber, vom Salzwasser her, und da ist's
nicht zum Erstaunen, wenn uns häufiger, als manchem
Anderen, weich um's Herz wird. Bei dem hochwür-
digcn Nathanael bringt's das Metier mit sich, wogegen
bei uns die großartige Meeresnatur ein Wort d'rein-
redet. Ich sage Dir, Kind, auf dem Meere, mag's
nun kochen und zischen oder schlafen, liegt's jederzeit
wie ein frommes Gebet und Jedem verständlich, der es
nur verstehen will. Man braucht selber nicht einmal
zu reden, und doch schwillt Einem vor Freude und
Wehmuth die Brust, daß sie bersten möchte wie ein
leckes Schiff, wenn die eingeengte Luft sich selber be-
freit. Auch lernt man, wenn überhaupt die Anlage
dazu vorhanden ist, milde über andere Menschen ur-
theilen und Bedürftigen mit rechter Theilnahme be-
gegnen.
„Doch da stimme ich Dich mit meinen Auseinander-
setzungen ernst und nachdenklich, reden wir also lieber
von anderen Dingen, zum Beispiel von den Vögeln da
im Wege; es sind freilich nur elende Sperlingsgassen-
jungen, aber im Sturm ist jeder Hafen willkommen,
und da mögen sie zum Gleichnis; dienen. Die wissen
nämlich nichts von Hochmuth oder Stolz, nichts von
Dünkel und Entrüstung über Andersdenkende und
sonstigen sträflichen Leidenschaften. Sitzt da solch'
junges, noch nicht flügges Sperlingsding in seinem
Nest, und kommen bunte Papageien, Kolibris oder gar
prächtige Pfauen gemeinschaftlich mit seiner Alten, so
nimmt's lieber ein Krümchen aus dem Schnabel der
häßlichen Sperlingsmutter, als Zuckerbrod von dem
schillernden bunten Gesindel, und so ist's unter den
Menschen, soll es wenigstens sein. Was zu einander
gehört, muß getreulich zusammen halten, unbeküimnert
um die Farbe der Federn; denn die wahre Anhäng-
lichkeit und Treue steckt nicht in Kleidern, und glänzten
sie wie Diamanten, sondern tief verborgen im Herzen."
Eine Pause entstand, und diese benützte Priscilla
zu der freundlichen Bemerkung: „Wer Dich so reden
hört, den befremdet es nicht, daß Du aus einem be-
rühmten Predigergeschlecht stammst. Der hochwürdige
Nathanael könnte keine schöneren Gleichnisse wählen."
„Meinst Du?" fragte Barnabas Rostig geschmei-
chelt, „so könnten wir ja wohlgemuth in diesem Kurse
noch ein wenig weiter steuern und das Beispiel von
den Sperlingen auf Dich anwendeu. Ich bin nämlich
überzeugt, wenn Du eines Tages Deine Mutter fän-
dest — unmöglich ist es ja nicht — und sie steckte in
Sammet und Seide und drehte sich wie Eine vom
Theater, so würde sie Dir nicht besser gefallen, als ein
einfaches von Sorgen gebeugtes altes Weiblein, wenn
es Dich mit ,Tochter' anredete und an sein Herz
drückte."
„Wenn ich das noch einmal erleben sollte," ver-
setzte Priscilla tief aufathmend, „dann bliebe mir ja
gar nichts mehr zu wünschen übrig. Je ärmer und
einfacher, um so lieber sollte sie mir sein. Geriethe
ich dadurch doch in die Lage, ihr eine Stütze zu
Werden."
„Das sagst Du so leichthin, Priscilla, und ich will's
auch glauben; allein wir Menschen gleichen gar oft
einem Schiff, dessen Steuer zerbrach, ich meine, wir
möchten wohl, aber wir können nicht, weil uns die
Kraft fehlt, unsere Empfindungen in stetigem Kurs zu
halten. Da habe ich erlebt, daß solch' junger Find-
ling, wie Du, einst seiner Mutter zugeführt wurde.
Da war freilich zuerst große Freude; sobald die Mutter
aber eine Weile geredet hatte und die Tochter merkte,
daß sie die Worte nicht nach gebildeter Leute Art stellte,
und als sie dann die schwieligen Hände und den steifen,
arbeitsgebeugten Rücken sah, da machte sich doch eine
gewisse peinliche Enttäuschung geltend. Sie verheim-
lichte es zwar gut genug, aber solch' armes Mutter-
herz sieht durch eichene Planken, und anstatt recht innig
beglückt zu sein, benutzte das arme Weib jede Minute
des Alleinseins, um sich ordentlich auszuweinen. Aber
was half's? Die Entfremdung war da, und die konnte
nicht fortgeweint, nicht fortgelacht werden, und so gut
ist ja nichts in der Welt, daß es nicht besser sein
könnte."
„So kann nur eine unnatürliche Tochter gehandelt,
gedacht und gefühlt haben," erklärte Priscilla entrüstet,
Das Buch für Alle.
Hrft 13.
und das bewegliche Blut färbte ihre frischen Wangen
noch etwas tiefer, „nein, Kapitain Eisenfinger, das
kann ich nicht glauben. Du mußt Dich getäuscht haben.
Sollte es indessen nur ein Gleichniß sein, so war es —
Verzeihung, lieber Kapitain Eisenfinger — so war es
nicht glücklich gewählt, oder vielmehr, der hochwürdige
Nathanael hätte ein freundlicheres gefunden."
Barnabas Rostig lachte in sich hinein, indem er
dem Hanfknäuel auf halbem Wege entgegen kam. Dann
rief er mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung aus:
„Wirklich, Priscilla, es war nur ein Gleichniß und
ein miserables obenein. Aber schau' da hinüber. Er-
kennst Du zwischen den hohen grünen Bäumen das
kleine braune Dach mit dem weißen Schornstein? Nun
ja, das ist mein neues Wittwenheim."
„Wie es einladend aus seinen: Versteck hervorlugt,"
versetzte Priscilla, durch den Anblick sichtbar wohl-
thuend berührt, „gewiß, wer da nach vielen Jahren
der Sorge Aufnahme findet, den möchte ich mit einem
Schiff vergleichen, welches nach langer stürmischer Fahrt
in einen sicheren Hafen eingelaufen ist."
„Ein wahres Wort," erwiederte Barnabas Rostig
begeistert, und indem sie ihren Weg langsam weiter-
verfolgten, zählte er eifrig alle kleinen Vorzüge auf,
welche das von ihm gegründete Heimwesen auszeich-
neten.
Etwa zehn Minuten wandelten sie noch einher, als
das Häuschen, welches ihre Aufmerksamkeit ausschließ-
lich fesselte, endlich vor ihnen lag. Ein kleiner, mit
Blumenteppichen geschmückter Vorgarten und ein weiß-
gestrichener Lattenzaun trennten dasselbe vom Wege.
Weiß übertüncht waren auch die Mauern, deren vordere
durch eine nahe dem Giebel befindliche Thüre und zwei
Fenster unterbrochen wurde. Blühende Topfgewächse
standen auf den Fensterbrettern und vervollständigten
gemeinschaftlich mit an den Mauern emporkletternden
Weinranken und mehreren hohen Birnenbäumen in:
Hintergründe ein Bild heiteren Friedens.
„Wie freundlich Alles sich ausnimmt," meinte Pris-
cilla, ahnungslos, daß sie von dem einen Fenster aus
mit Todesangst und dennoch aufjauchzenden Herzens
beobachtet wurde.
„Sehr freundlich," bestätigte Barnabas Rostig
heiser, „und doch ist nichts so gut, daß es nicht besser-
sein könnte. Da sieh zu::: Beispiel das Porzellanschild-
chen an dem Pfosten. Das hätte etwas höher ange-
bracht werden müssen," und die Augen verschwanden
beinahe unter den buschigen Brauen, so scharf über-
wachte er Priscilla's Bewegungen.
Diese hatte sich dem Schild zugeneigt.
„Frau Kramer," las sie laut. „Wie wunderbar —
meinen Namen führt sie" — einige Sekunden sah sie
starr in Barnabas Rostig's seltsam funkelnde Augen;
zugleich wich die frische Farbe von ihren: Antlitz.
Dann ergriff sie, wie um sich zu stützen, eine der
Pfortenlatten, und Erstaunen, Furcht und Hoffnung
offenbarten sich in ihrer Stimme, als sie gedämpft
ausrief: „Kapitain Eisenfinger — Deine Andeutungen —
sprich, meine eigene Mutter wohnt hier!"
Aber da hätte sie lange fragen können, bevor sie
von dem sonst so unverfrorenen Kapitain Eisenfinger
eine Antwort erhalten Hütte. Denn in seiner Kehle
hatte sich ein faustgroßes Knäuel Kalfaterhanf fest-
gefahren, daß es mit keiner Gewalt weder vorwärts,
noch rückwärts zu bringen war. Nur zustimmend zu
neigen vermochte er sein Haupt; das aber hatte eine
Wirkung, daß Priscilla's Augen Helle Thränen ent-
stürzten und sie jetzt an seiner Hand sich hielt, wie
eben an der Pforte.
„Wo ist sie — komm', komm' zu ihr — meiner
Mutter," flüsterte sie. Dann versagte ihr die Sprache,
wie kurz zuvor Barnabas Rostig, der unterdessen die
Pforte geöffnet hatte und nunmehr, ihren Arm unter
den seinigen ziehend, auf die Hausthüre zuschritt.
Sie traten auf einen schmalen Flnrgang. Die in
die Wohnräume führende Thüre stand offen. Bevor
sie dieselbe erreichten, wich das Hanfknäuel in Bar-
nabas Rostig's Kehle gerade weit genug zur Seite, um
den Ruf: „Frau Kramer, hier bringe ich Jemand!"
vorbeizulassen und alsbald wieder seine ungehörige
Stellung einzunehmen.
In dem Zimmer rührte sich nichts. Als Priscilla
aber, von Barnabas Rostig geführt, auf die Schwelle
trat, da mußte sie innehalten, um die vor ihr liegende
Scene mit einem einzigen Blick zu umfangen.
In ein sauberes, mit alten und neuen Möbeln be-
haglich eingerichtetes Zimmer sah sie hinein, welches
durch bläulich geblümte Gardinen ein wohlthuend ge-
dämpftes Licht erhielt. Neben dem Tisch saß auf einem
altmodischen, aus nacktem Holz bestehenden Armstuhl
eine betagte Frau. Deren Haltung bewies, daß sie
sich hatte erheben wollen, jedoch, von Schwäche über-
mannt, zurückgesunken war. Ein dunkelfarbiges Kleid —
Trauer hatte Barnabas Rostig sich ernstlich verbeten —
umhüllte die bei schwerer Arbeit und endlosem Gram
vor der Zeit bis zur Hinfälligkeit gealterte Gestalt.
Eine Weiße Haube bedeckte das stark ergraute Haar,
welches zu beiden Seiten des hageren bleichen Antlitzes
sich glatt und dünn anschmiegte. Die farblosen Lippen
waren fest geschlossen, als hätte ein Ausruf zurück-
gehalten werden sollen. Aus den Augen sprach dagegen
um so verständlicher eine solche Welt der Angst und
des Entzückens, des Hoffens und der Scheu, daß Pris-
cilla sich dadurch bis in's Herz hinein erschüttert fühlte.
Wenn aber Barnabas Rostig die letzten Wochen in
Sorgen und bösen Ahnungen verlebte, wenn er meinte,
um peinlichen Eindrücken zuvorzukommen, Wohl über-
legte Vorbereitungen vorausschicken zu müssen, so hätte
er sich Beides ersparen können. Denn über die Em-
pfindungen, wie sie in der Brust der hinfälligen Frau
und in dein Herzen der in Jugendanmuth und Jugend-
kraft prangenden Tochter lebten, hatten menschliches
Wollen und Können keine Gewalt. Sie mußten sich
offenbaren, wie es durch die Natur Beider bedingt
wurde.
Nicht im stürmischen Aufbrausen begrüßte Priscilla
ein Ereigniß, welches bisher für sie so weit außerhalb
jeder Möglichkeit, sogar aller Betrachtungen gelegen
hatte; aber ihr Herz krampfte sich zusammen vor tiefem
Weh Angesichts eines Bildes, welches von so vielen:
überstandenen Leid und herben: Kummer zeugte.
Endlich trat sie vor die alte Frau hin. Ein süßes
Lächeln der Befangenheit thronte auf ihren holden
Zügen; über die tief erglühenden Wangen rollte Thräne
auf Thräne.
„Meine Mutter, meine liebe eigene Mutter," sprach
sie unendlich sanft, und als Frau Kramer sich erheben
wollte, legte sie ihr beide Hände liebreich auf die
Schulter, und noch inniger fuhr sie fort: „Du sollst
nicht länger mehr sorgen, nicht länger nach Jemand
suchen, der Dich von Herzen liebt."
Da schluchzte Frau Kramer laut auf, und wie vor-
her Bangigkeit ihr die Sprache raubte, so gab jetzt
unsägliches Glück ihr dieselbe wieder zurück.
„Mein Kind, mein Kind, mein letztes Kind!" ent-
wand es sich ergreifend ihren bebenden Lippen, und sie
streckte beide Hände nach dem lieblichen Antlitz aus.
„Meine Tochter — mein Kind," wiederholte sie noch
einmal halb erstickt; dann sank Priscilla vor ihr aus
die Kniee, und von ihren Empfindungen überwältigt
duldete sie, unter heißen Thränen lächelnd, daß die
harten hageren Hände immer wieder leise, wie in Be-
sorgniß, ein Traumbild zu zerstören, über ihre Wangen
hinglitten, die schmalen Lippen sich immer wieder-
schüchtern auf ihre Stirn und ihren Mund Preßten.
Barnabas Rostig stand regungslos auf der Schwelle.
Der sonst so unverfrorene Kapitain Eisenfingcr schien
Plötzlich sein letztes bischen Muth verloren zu haben.
Bald sah er nach einem leeren Stuhl neben den: Tisch
hinüber, der ihn gleichsam zur Rast einlud, bald Wieder-
Aber den kleinen Flurgang in's Freie hinaus, als Hütte
er sich einen Weg zur Flucht offen halten wollen. Denn
bei der vor seinen Blicken sich abspinnenden Scene war
es ihm, als hörte er des getreuen Maates Andreas
Stimme, der ihm in's Ohr raunte: ,Barnabas Rostig,
das hast Du gut gemacht, und ein ganzer Mann bist
Du. Jetzt will ich mich auf dem Meeresboden noch
etwas länger ausstrecken, die Hände auf meiner Brust
falten und behaglich schlafen, bis wir dereinst mitsam-
§ men an Bord einer Kraft gepfiffen werden, auf der ein
. Kapitain kommandirt, in dessen Händen ein Ocean noch
weniger als ein Wassertropfen ist. Doch jetzt muntere
Dich auf, Barnabas Rostig. Laß die Beiden, damit
sie mit einander sich ausweinen und befreunden. Denn
um die schweben gute sanftmüthige Engel herum, und
das ist keine Gesellschaft für den Kapitain Eisensinger.
Auch wäre es noch zu früh für Dich, an einen: elenden
Hanfknäuel, das Dir in die unrechte Kehle gefahren,
zu ersticken, wie ein gestrandeter Walfisch. Geh' lieber
hinaus in den Garten, Barnabas Rostig, und betrachte
Dir die Blumen. Bilde Dir ein, jedes bunte Stern-
lein sei ein Himmelsauge, welches Dir freundschaftlich
zulache, jeder Kelch ein Sprachrohr, aus welchen: es
Dir in die Ohren tönt: Barnabas Rostig, Du bist
ein ganzer Mann, und was Du an dem Geringsten
Deiner Mitmenschen gethan hast, das wird Dir ver-
golten werden?
Und dem Rath des todten Freundes Folge gebend,
trat Barnabas Rostig leise, daß Niemand es merkte,
in den Vorgarten hinaus. Aus dem Vorgarten wan-
derte er nach dem Hofe hinter dem Hause herum.
Ein freundliches junges Mädchen, selbstverständlich ein
Matrosenkind, war eben damit beschäftigt, der in dem
kleinen Stalle untergebrachten Ziege die Nachtkost zu
verabfolgen. Des Mädchens ehrerbietigen Gruß beant-
wortete er mit einem Scherzwort, woran er die Be-
merkung schloß, daß auch eine Ziege Verstand und
Gefühl habe und demgemäß behandelt werden müsse.
Er zeigte dem gelehrigen Kinde, wie es den Strick an:
Halse seines Pfleglings mittelst eines doppelten See-
mannsknotens zu befestigen habe, um die Ziege nicht eines
guten Morgens als todten Selbstmörder vorzufinden.
Von der Ziege ging es nach dem Hühnerstall. Auch
hier erfolgten einige gute Lehren. Ein Geldstück für
die Mutter verlieh solchen Lehren erhöhte Wirksamkeit.
Dann entfernte er sich nach einer flüchtigen Liebkosung
Anbeginn an. Nachdem ich also das kleine Heim
gegründet hatte, konnte ich keine würdigere Person in
dasselbe einsetzcn, als des herzlieben Andreas Wittib.
Da wird sie wieder etwas ausleben, und unglücklich
genug ist sie gewesen, um ihr das Beste zu gönnen.
Denn ihre Kinder hat sie hingeben müssen, und das
ist ein härteres Loos, als Hunger und Kälte, wovon
sie freilich nicht zu leiden hatte. Auch böse Menschen
haben ihr viel Leid zugefügt, und da wollt' ich Dich
bitten, wenn wir jetzt zu ihr kommen, ihr recht herz-
lich zu begegnen —"
„Du kennst mich, Kapitain Eisenfinger," fiel Pris-
cilla mit lieblichem Eifer ein, „ich müßte nicht so
lange unter Deinen: und des hochwürdigen Nathanael
Dach gelebt haben, um anders zu denken, als Einer
von Euch."
„Ja, ich kenne Dich. Du stammst, streng genom-
men, wie ich selber, vom Salzwasser her, und da ist's
nicht zum Erstaunen, wenn uns häufiger, als manchem
Anderen, weich um's Herz wird. Bei dem hochwür-
digcn Nathanael bringt's das Metier mit sich, wogegen
bei uns die großartige Meeresnatur ein Wort d'rein-
redet. Ich sage Dir, Kind, auf dem Meere, mag's
nun kochen und zischen oder schlafen, liegt's jederzeit
wie ein frommes Gebet und Jedem verständlich, der es
nur verstehen will. Man braucht selber nicht einmal
zu reden, und doch schwillt Einem vor Freude und
Wehmuth die Brust, daß sie bersten möchte wie ein
leckes Schiff, wenn die eingeengte Luft sich selber be-
freit. Auch lernt man, wenn überhaupt die Anlage
dazu vorhanden ist, milde über andere Menschen ur-
theilen und Bedürftigen mit rechter Theilnahme be-
gegnen.
„Doch da stimme ich Dich mit meinen Auseinander-
setzungen ernst und nachdenklich, reden wir also lieber
von anderen Dingen, zum Beispiel von den Vögeln da
im Wege; es sind freilich nur elende Sperlingsgassen-
jungen, aber im Sturm ist jeder Hafen willkommen,
und da mögen sie zum Gleichnis; dienen. Die wissen
nämlich nichts von Hochmuth oder Stolz, nichts von
Dünkel und Entrüstung über Andersdenkende und
sonstigen sträflichen Leidenschaften. Sitzt da solch'
junges, noch nicht flügges Sperlingsding in seinem
Nest, und kommen bunte Papageien, Kolibris oder gar
prächtige Pfauen gemeinschaftlich mit seiner Alten, so
nimmt's lieber ein Krümchen aus dem Schnabel der
häßlichen Sperlingsmutter, als Zuckerbrod von dem
schillernden bunten Gesindel, und so ist's unter den
Menschen, soll es wenigstens sein. Was zu einander
gehört, muß getreulich zusammen halten, unbeküimnert
um die Farbe der Federn; denn die wahre Anhäng-
lichkeit und Treue steckt nicht in Kleidern, und glänzten
sie wie Diamanten, sondern tief verborgen im Herzen."
Eine Pause entstand, und diese benützte Priscilla
zu der freundlichen Bemerkung: „Wer Dich so reden
hört, den befremdet es nicht, daß Du aus einem be-
rühmten Predigergeschlecht stammst. Der hochwürdige
Nathanael könnte keine schöneren Gleichnisse wählen."
„Meinst Du?" fragte Barnabas Rostig geschmei-
chelt, „so könnten wir ja wohlgemuth in diesem Kurse
noch ein wenig weiter steuern und das Beispiel von
den Sperlingen auf Dich anwendeu. Ich bin nämlich
überzeugt, wenn Du eines Tages Deine Mutter fän-
dest — unmöglich ist es ja nicht — und sie steckte in
Sammet und Seide und drehte sich wie Eine vom
Theater, so würde sie Dir nicht besser gefallen, als ein
einfaches von Sorgen gebeugtes altes Weiblein, wenn
es Dich mit ,Tochter' anredete und an sein Herz
drückte."
„Wenn ich das noch einmal erleben sollte," ver-
setzte Priscilla tief aufathmend, „dann bliebe mir ja
gar nichts mehr zu wünschen übrig. Je ärmer und
einfacher, um so lieber sollte sie mir sein. Geriethe
ich dadurch doch in die Lage, ihr eine Stütze zu
Werden."
„Das sagst Du so leichthin, Priscilla, und ich will's
auch glauben; allein wir Menschen gleichen gar oft
einem Schiff, dessen Steuer zerbrach, ich meine, wir
möchten wohl, aber wir können nicht, weil uns die
Kraft fehlt, unsere Empfindungen in stetigem Kurs zu
halten. Da habe ich erlebt, daß solch' junger Find-
ling, wie Du, einst seiner Mutter zugeführt wurde.
Da war freilich zuerst große Freude; sobald die Mutter
aber eine Weile geredet hatte und die Tochter merkte,
daß sie die Worte nicht nach gebildeter Leute Art stellte,
und als sie dann die schwieligen Hände und den steifen,
arbeitsgebeugten Rücken sah, da machte sich doch eine
gewisse peinliche Enttäuschung geltend. Sie verheim-
lichte es zwar gut genug, aber solch' armes Mutter-
herz sieht durch eichene Planken, und anstatt recht innig
beglückt zu sein, benutzte das arme Weib jede Minute
des Alleinseins, um sich ordentlich auszuweinen. Aber
was half's? Die Entfremdung war da, und die konnte
nicht fortgeweint, nicht fortgelacht werden, und so gut
ist ja nichts in der Welt, daß es nicht besser sein
könnte."
„So kann nur eine unnatürliche Tochter gehandelt,
gedacht und gefühlt haben," erklärte Priscilla entrüstet,
Das Buch für Alle.
Hrft 13.
und das bewegliche Blut färbte ihre frischen Wangen
noch etwas tiefer, „nein, Kapitain Eisenfinger, das
kann ich nicht glauben. Du mußt Dich getäuscht haben.
Sollte es indessen nur ein Gleichniß sein, so war es —
Verzeihung, lieber Kapitain Eisenfinger — so war es
nicht glücklich gewählt, oder vielmehr, der hochwürdige
Nathanael hätte ein freundlicheres gefunden."
Barnabas Rostig lachte in sich hinein, indem er
dem Hanfknäuel auf halbem Wege entgegen kam. Dann
rief er mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung aus:
„Wirklich, Priscilla, es war nur ein Gleichniß und
ein miserables obenein. Aber schau' da hinüber. Er-
kennst Du zwischen den hohen grünen Bäumen das
kleine braune Dach mit dem weißen Schornstein? Nun
ja, das ist mein neues Wittwenheim."
„Wie es einladend aus seinen: Versteck hervorlugt,"
versetzte Priscilla, durch den Anblick sichtbar wohl-
thuend berührt, „gewiß, wer da nach vielen Jahren
der Sorge Aufnahme findet, den möchte ich mit einem
Schiff vergleichen, welches nach langer stürmischer Fahrt
in einen sicheren Hafen eingelaufen ist."
„Ein wahres Wort," erwiederte Barnabas Rostig
begeistert, und indem sie ihren Weg langsam weiter-
verfolgten, zählte er eifrig alle kleinen Vorzüge auf,
welche das von ihm gegründete Heimwesen auszeich-
neten.
Etwa zehn Minuten wandelten sie noch einher, als
das Häuschen, welches ihre Aufmerksamkeit ausschließ-
lich fesselte, endlich vor ihnen lag. Ein kleiner, mit
Blumenteppichen geschmückter Vorgarten und ein weiß-
gestrichener Lattenzaun trennten dasselbe vom Wege.
Weiß übertüncht waren auch die Mauern, deren vordere
durch eine nahe dem Giebel befindliche Thüre und zwei
Fenster unterbrochen wurde. Blühende Topfgewächse
standen auf den Fensterbrettern und vervollständigten
gemeinschaftlich mit an den Mauern emporkletternden
Weinranken und mehreren hohen Birnenbäumen in:
Hintergründe ein Bild heiteren Friedens.
„Wie freundlich Alles sich ausnimmt," meinte Pris-
cilla, ahnungslos, daß sie von dem einen Fenster aus
mit Todesangst und dennoch aufjauchzenden Herzens
beobachtet wurde.
„Sehr freundlich," bestätigte Barnabas Rostig
heiser, „und doch ist nichts so gut, daß es nicht besser-
sein könnte. Da sieh zu::: Beispiel das Porzellanschild-
chen an dem Pfosten. Das hätte etwas höher ange-
bracht werden müssen," und die Augen verschwanden
beinahe unter den buschigen Brauen, so scharf über-
wachte er Priscilla's Bewegungen.
Diese hatte sich dem Schild zugeneigt.
„Frau Kramer," las sie laut. „Wie wunderbar —
meinen Namen führt sie" — einige Sekunden sah sie
starr in Barnabas Rostig's seltsam funkelnde Augen;
zugleich wich die frische Farbe von ihren: Antlitz.
Dann ergriff sie, wie um sich zu stützen, eine der
Pfortenlatten, und Erstaunen, Furcht und Hoffnung
offenbarten sich in ihrer Stimme, als sie gedämpft
ausrief: „Kapitain Eisenfinger — Deine Andeutungen —
sprich, meine eigene Mutter wohnt hier!"
Aber da hätte sie lange fragen können, bevor sie
von dem sonst so unverfrorenen Kapitain Eisenfinger
eine Antwort erhalten Hütte. Denn in seiner Kehle
hatte sich ein faustgroßes Knäuel Kalfaterhanf fest-
gefahren, daß es mit keiner Gewalt weder vorwärts,
noch rückwärts zu bringen war. Nur zustimmend zu
neigen vermochte er sein Haupt; das aber hatte eine
Wirkung, daß Priscilla's Augen Helle Thränen ent-
stürzten und sie jetzt an seiner Hand sich hielt, wie
eben an der Pforte.
„Wo ist sie — komm', komm' zu ihr — meiner
Mutter," flüsterte sie. Dann versagte ihr die Sprache,
wie kurz zuvor Barnabas Rostig, der unterdessen die
Pforte geöffnet hatte und nunmehr, ihren Arm unter
den seinigen ziehend, auf die Hausthüre zuschritt.
Sie traten auf einen schmalen Flnrgang. Die in
die Wohnräume führende Thüre stand offen. Bevor
sie dieselbe erreichten, wich das Hanfknäuel in Bar-
nabas Rostig's Kehle gerade weit genug zur Seite, um
den Ruf: „Frau Kramer, hier bringe ich Jemand!"
vorbeizulassen und alsbald wieder seine ungehörige
Stellung einzunehmen.
In dem Zimmer rührte sich nichts. Als Priscilla
aber, von Barnabas Rostig geführt, auf die Schwelle
trat, da mußte sie innehalten, um die vor ihr liegende
Scene mit einem einzigen Blick zu umfangen.
In ein sauberes, mit alten und neuen Möbeln be-
haglich eingerichtetes Zimmer sah sie hinein, welches
durch bläulich geblümte Gardinen ein wohlthuend ge-
dämpftes Licht erhielt. Neben dem Tisch saß auf einem
altmodischen, aus nacktem Holz bestehenden Armstuhl
eine betagte Frau. Deren Haltung bewies, daß sie
sich hatte erheben wollen, jedoch, von Schwäche über-
mannt, zurückgesunken war. Ein dunkelfarbiges Kleid —
Trauer hatte Barnabas Rostig sich ernstlich verbeten —
umhüllte die bei schwerer Arbeit und endlosem Gram
vor der Zeit bis zur Hinfälligkeit gealterte Gestalt.
Eine Weiße Haube bedeckte das stark ergraute Haar,
welches zu beiden Seiten des hageren bleichen Antlitzes
sich glatt und dünn anschmiegte. Die farblosen Lippen
waren fest geschlossen, als hätte ein Ausruf zurück-
gehalten werden sollen. Aus den Augen sprach dagegen
um so verständlicher eine solche Welt der Angst und
des Entzückens, des Hoffens und der Scheu, daß Pris-
cilla sich dadurch bis in's Herz hinein erschüttert fühlte.
Wenn aber Barnabas Rostig die letzten Wochen in
Sorgen und bösen Ahnungen verlebte, wenn er meinte,
um peinlichen Eindrücken zuvorzukommen, Wohl über-
legte Vorbereitungen vorausschicken zu müssen, so hätte
er sich Beides ersparen können. Denn über die Em-
pfindungen, wie sie in der Brust der hinfälligen Frau
und in dein Herzen der in Jugendanmuth und Jugend-
kraft prangenden Tochter lebten, hatten menschliches
Wollen und Können keine Gewalt. Sie mußten sich
offenbaren, wie es durch die Natur Beider bedingt
wurde.
Nicht im stürmischen Aufbrausen begrüßte Priscilla
ein Ereigniß, welches bisher für sie so weit außerhalb
jeder Möglichkeit, sogar aller Betrachtungen gelegen
hatte; aber ihr Herz krampfte sich zusammen vor tiefem
Weh Angesichts eines Bildes, welches von so vielen:
überstandenen Leid und herben: Kummer zeugte.
Endlich trat sie vor die alte Frau hin. Ein süßes
Lächeln der Befangenheit thronte auf ihren holden
Zügen; über die tief erglühenden Wangen rollte Thräne
auf Thräne.
„Meine Mutter, meine liebe eigene Mutter," sprach
sie unendlich sanft, und als Frau Kramer sich erheben
wollte, legte sie ihr beide Hände liebreich auf die
Schulter, und noch inniger fuhr sie fort: „Du sollst
nicht länger mehr sorgen, nicht länger nach Jemand
suchen, der Dich von Herzen liebt."
Da schluchzte Frau Kramer laut auf, und wie vor-
her Bangigkeit ihr die Sprache raubte, so gab jetzt
unsägliches Glück ihr dieselbe wieder zurück.
„Mein Kind, mein Kind, mein letztes Kind!" ent-
wand es sich ergreifend ihren bebenden Lippen, und sie
streckte beide Hände nach dem lieblichen Antlitz aus.
„Meine Tochter — mein Kind," wiederholte sie noch
einmal halb erstickt; dann sank Priscilla vor ihr aus
die Kniee, und von ihren Empfindungen überwältigt
duldete sie, unter heißen Thränen lächelnd, daß die
harten hageren Hände immer wieder leise, wie in Be-
sorgniß, ein Traumbild zu zerstören, über ihre Wangen
hinglitten, die schmalen Lippen sich immer wieder-
schüchtern auf ihre Stirn und ihren Mund Preßten.
Barnabas Rostig stand regungslos auf der Schwelle.
Der sonst so unverfrorene Kapitain Eisenfingcr schien
Plötzlich sein letztes bischen Muth verloren zu haben.
Bald sah er nach einem leeren Stuhl neben den: Tisch
hinüber, der ihn gleichsam zur Rast einlud, bald Wieder-
Aber den kleinen Flurgang in's Freie hinaus, als Hütte
er sich einen Weg zur Flucht offen halten wollen. Denn
bei der vor seinen Blicken sich abspinnenden Scene war
es ihm, als hörte er des getreuen Maates Andreas
Stimme, der ihm in's Ohr raunte: ,Barnabas Rostig,
das hast Du gut gemacht, und ein ganzer Mann bist
Du. Jetzt will ich mich auf dem Meeresboden noch
etwas länger ausstrecken, die Hände auf meiner Brust
falten und behaglich schlafen, bis wir dereinst mitsam-
§ men an Bord einer Kraft gepfiffen werden, auf der ein
. Kapitain kommandirt, in dessen Händen ein Ocean noch
weniger als ein Wassertropfen ist. Doch jetzt muntere
Dich auf, Barnabas Rostig. Laß die Beiden, damit
sie mit einander sich ausweinen und befreunden. Denn
um die schweben gute sanftmüthige Engel herum, und
das ist keine Gesellschaft für den Kapitain Eisensinger.
Auch wäre es noch zu früh für Dich, an einen: elenden
Hanfknäuel, das Dir in die unrechte Kehle gefahren,
zu ersticken, wie ein gestrandeter Walfisch. Geh' lieber
hinaus in den Garten, Barnabas Rostig, und betrachte
Dir die Blumen. Bilde Dir ein, jedes bunte Stern-
lein sei ein Himmelsauge, welches Dir freundschaftlich
zulache, jeder Kelch ein Sprachrohr, aus welchen: es
Dir in die Ohren tönt: Barnabas Rostig, Du bist
ein ganzer Mann, und was Du an dem Geringsten
Deiner Mitmenschen gethan hast, das wird Dir ver-
golten werden?
Und dem Rath des todten Freundes Folge gebend,
trat Barnabas Rostig leise, daß Niemand es merkte,
in den Vorgarten hinaus. Aus dem Vorgarten wan-
derte er nach dem Hofe hinter dem Hause herum.
Ein freundliches junges Mädchen, selbstverständlich ein
Matrosenkind, war eben damit beschäftigt, der in dem
kleinen Stalle untergebrachten Ziege die Nachtkost zu
verabfolgen. Des Mädchens ehrerbietigen Gruß beant-
wortete er mit einem Scherzwort, woran er die Be-
merkung schloß, daß auch eine Ziege Verstand und
Gefühl habe und demgemäß behandelt werden müsse.
Er zeigte dem gelehrigen Kinde, wie es den Strick an:
Halse seines Pfleglings mittelst eines doppelten See-
mannsknotens zu befestigen habe, um die Ziege nicht eines
guten Morgens als todten Selbstmörder vorzufinden.
Von der Ziege ging es nach dem Hühnerstall. Auch
hier erfolgten einige gute Lehren. Ein Geldstück für
die Mutter verlieh solchen Lehren erhöhte Wirksamkeit.
Dann entfernte er sich nach einer flüchtigen Liebkosung


