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Eins aufgcbunden habe! Das ist es — darum war sie
so zurückhaltend! Sie hat ihren Kopf für sich! Ganz
gewiß! Es ist ein Teufelsmädel!"
Dann ging er um den Zaun herum, um sich nach
der Vorderfront des Hauses zu begeben, wo der alte
Lustig rauchend auf seiner Bank saß.
Schwelm schlug energisch seine Hacken zusammen
und legte die Hand militärisch salutirend an sein Jä-
gcrhütchen: „Guten Tag, Herr Lieutenant! Darf ich
mir erlauben, mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen?"
„Ah, Herr Förster! Guten Tag! Danke bestens,
Sie auch wohl? Wollen Sie nicht Platz nehmen?"
Schwelm setzte sich respektvoll auf die Bank und
dabei kam ihm plötzlich ein ganz sonderbarer Gedanke,
nämlich der: die Werbung, mit welcher er am Garten-
zaun bei der Tochter verunglückt war, hier an der
Vorderfront des Hauses bei dem Vater auzubringcn.
Mit dein Vater mußte er ja doch sprechen, selbst wenn
er des Jaworts der Tochter bereits sicher gewesen wäre.
Er überlegte daher augenblicklich, wie er Wohl am
besten die Sache einlciten und cinkleiden könne, aber er
Wurde darin durch die Frage Lustig's gestört.
„Was gibt's Neues, Herr Förster?"
Dieser Appell störte nicht nur die Gedankenreihe des
Weidmanns, sondern rief auch alle die schlimmen
Geister, die in seinem Inneren schlummerten, wach.
Ohne daran zu denken, was er eigentlich that, begann
er sofort seine neueste Jagdgeschichte einzulciten, die er
erst seit gestern auf dein Repertoire hatte.
„Was es Neues gibt, Herr Lieutenant? Das Neueste
Wäre Wohl die merkwürdige Geschichte, die vorgestern
meinem Kollegen Karster Passirt ist. Haben Sie viel-
leicht seinen Dachshund, die Waldine gekannt?"
„Den schwarzen Dachshund mit den gelben Ab-
zeichen?" frug der alte Lustig. „Ja, den kenne ich !"
„Na, mit dem Kennen ist es aus! Das Thier ist
nämlich eingegangen und zwar auf eine höchst eigen-
tümliche Weise, die sich Niemand erklären kann."
„Sie machen mich neugierig!"
„Die Sache ist ganz dunkel und Wohl noch Nie-
mandem vorgekommen. Es mögen sechs Wochen her-
sein, als das Thier anfing, die Annahme jeder Nah-
rung zu verweigern, selbst Wasser nahm es nicht mehr
zu sich. Der College Karster wendete alle nur denk-
baren Mittel an, und auch der Kreisthierarzt zerbrach
sich den Kopf, es war umsonst und der armen Wal-
dine konnte nicht mehr geholfen werden. Vorgestern
ist sie endlich gestorben, und der Thierarzt hat sie so-
fort sezirt. Was glauben Sie nun, was sich in dem
Magen des Thieres vorgefunden hat? Es ist wirklich
nicht zu glauben!"
„Nun?" frug der alte Lustig ganz gespannt.
Schwelm starrte ihn an, ohne zu antworten.
„Was sand sich denn in dem Magen vor? He?"
wiederholte der alte Herr.
Aber Schwelm sah ihn immer noch wie geistes-
abwesend an, dann sprang er Plötzlich auf, rief ein
kurzes „Guten Abend" und ging, gefolgt von Dia, mit
großen Schritten quer über die Chaussee auf das hohe
Holz zu, wo er unmittelbar darauf verschwand.
Lustig hatte sogar zu rauchen aufgehört, so betroffen
war er über das plötzliche Benehmen Schwelm's, er
schüttelte den Kopf und murmelte halblaut - „Mein Gott,
mein Gott, was ist denn dem Menschen geschehen?
Auf einmal ist er wie verwandelt, als ob ihn der
Verstand verlassen hätte! Was hat er denn nur? Der
Mann ist doch, so viel ich weiß, kein Trinker, bei dem
man solche Zufälle allerdings vermuthen könnte. Was
mag ihm nur geschehen sein?"
Lustig zerbrach sich vergeblich den Kopf über die
Losung des Räthsels, die doch sehr einfach war. Als
Schwelm bis an die Pointe seiner Erzählung gekommen
war, hörte er ein leichtes Klirren des Fensters über der
Bank, auf der er mit seinem Zukunftsschwiegervater
saß, und als er einen Achtelsblick über die Schulter
nach dem Fenster warf, sah er dort soeben zwei blonde
Zöpfe verschwinden.
Diese Zöpfe gehörten natürlich zu Lottchen Lustig,
die ihn erst vor wenigen Augenblicken mit ihrer schwersten
Ungnade bedroht hatte, wenn er ihren Papa wieder
anlügen würde, und die den Unverbesserlichen nun schon
jetzt wieder dabei ertappte, als er es soeben abermals
thun wollte.
Man wird es begreiflich finden, daß Schwelm sich
in keineswegs rosiger Stimmung befand. Er überlegte
ängstlich, wie sich Wohl nach diesem neuesten Vorfall
sein Verhältniß zu dem zürnenden Lottchen gestalten
würde, und das Resultat, zu dem er gelangte, schien
ihm selbst kein besonders günstiges zu sein.
Er war in seine traurigen Gedanken so vertieft,
daß er fast erschrak, als eine Stimme unmittelbar vor
ihm rief: „Heda Waidmann! Aufgeschant! Sie rennen
ja die Leute im eigenen Revier über den Haufen!"
„Ach, Sie sind es, Herr Doktor!" versetzte er auf-
fahrend. „Entschuldigen Sie nur, ich war so in Ge-
danken!"
„Das merkt man ziemlich deutlich! Sie sind Wohl
verliebt oder haben unglücklich spekulirt?"
Das Buch für Alle.
„Füllt mir nicht ein!" entgegnete Schwelm, „aber
man hat auch manchmal seinen Kopf voll; und was
machen Sie, Herr Doktor, noch hier? Wollen Sie
einen Patienten besuchen?"
„Nein, ich beabsichtige etwas Anderes! Ich habe
ein Fläschchen Chloroform bei mir, und mit dem will
ich mir ein paar von Ihren Hasen erjagen!"
„Sie sind immer zu Scherzen aufgelegt, Herr
Doktor!"
„Was wollen Sie, lieber Schwelm, wenn man
jung in der Praxis und in ein Werklazareth mitten
im Walde gebannt ist, kann man des Lebens Weh-
inuth nur mit Unverstand genießen, indem man Witze
macht!"
„Gefällt es Ihnen denn hier bei uns nicht, Herr
Doktor?"
„Das will ich nicht behaupten, aber gestatten Sie
mir die bescheidene Bemerkung, daß es Orte gibt, die
interessanter find und dem denkenden und gebildeten
Menschen mehr bieten, als die Gertrud-Grube im
obcrschlcsischcn Kohlenrevier. Wollen Sie mich übrigens
ein Stück begleiten? Ich will einmal bei Treumanns
nachsehen, wie es steht. Sie wissen Wohl auch einen
näheren Weg?"
„Mit größtem Vergnügen, Herr Doktor, werde ich
Sie führen, Sie sparen dann ein Stück Weges. Ist
bei der Frau Schichtmeisterin eine Verschlimmerung
eingetreten?"
„Das nicht! Von einer Verschlimmerung kann da
keine Rede mehr sein. Höchstens fühlt sich die Frau
'mal — wie gerade jetzt — noch weniger Wohl als
sonst. Da sie aber eigentlich zu den aufgegebenen
Kranken gehört, die jeden Augenblick weg sein können,
Wie ein Licht, muß man schon zu eigener Beruhigung
öfters nachsehen!"
„Kommen Sie vielleicht heut' Abend nach der Wald-
kneipe, Herr Doktor, zum Skat?"
„Ihr Maurer braucht Wohl wieder einen, der sich
hineinlegen läßt? Nein, heut' ist das unmöglich. Ich
habe im Lazareth einen schwer Kranken, mit dem
ich mich heut' Abend noch speziell beschäftigen muß.
Es ist eine Ehrensache für mich, den Mann durchzu-
bringen."
„Wer ist's denn? Etwa der Verwandte vom Schicht-
meister Treumann, der bei dem letzten Grubenunglück
den dreißig Leuten das Leben gerettet hat, indem er
fich bis an die Wetterthiire wagte?"
„Derselbe."
„Der Mann ist, wie man mir erzählte, auf eine
geradezu wunderbare Weise mit dem Leben davon
gekommen!"
„Ja! Man sollte es nicht für möglich halten.
Seine eigenen Kameraden und Vorgesetzten hielten ihn
bereits für verloren, und erst nach Stunden gelang
es, bis zu ihm an die Wetterthiire, die er mit letzter
Kraft eingeschlagen hatte, vorzndringen. Jeder Andere
wäre durch die ausziehenden brandigen Wetter, die
über ihn wegströmten, unrettbar verloren gewesen. Es
handelt sich eben hier um einen abnormen Fall, wie
er unter Tausenden kaum einmal vorkommt!"
„Und Sie hoffen, daß der Kranke sich erholt?"
„Ich glaube es eigentlich bestimmt, trotzdem er
noch immer in großer Gefahr schwebt und noch nicht
einmal zum Bewußtsein gekommen ist!"
„Es war doch eine heroische Leistung von dem
Manne!"
„Was wollen Sie, lieber Schwelm! Hier im
Bergwerksrevier, wo dem Beamten und Arbeiter, dem
Bergwerk und dem ganzen Betriebe beständig von allen
Seiten Gefahren drohen, werden täglich Heldenthaten
verübt, die nur deshalb nicht besonders gefeiert werden,
weil nichts davon in die Oeffentlichkeit dringt, und
weil man schließlich bei diesem Berufe es für selbst-
verständlich hält, daß Jedermann jeder Zeit bereit ist,
sein Leben und seine Gesundheit zu wagen. Ich will
aber deshalb das Verdienst des Mannes durchaus nicht
schmälern! Es war eine brave, höchst anerkennens-
werthe That von ihm!"
„Wer ist der Mann eigentlich? Ich höre, er soll
ein sehr gebildeter Mensch sein, der zum Arbeiter ur-
sprünglich sicherlich nicht bestimmt war."
„Wahrscheinlich ein verlorener Sohn, wie man
deren leider in jeder anständigen Familie zu finden
pflegt. Auch unsere Familie weiß ein Lied davon zu
singen. Sie wissen ja, in anderen Theilen unseres
lieben Vaterlandes steckt man derlei Thunichtgute
unter's Militär oder schickt sie zur See; hier zu Lande
schickt man sie in's Bergwerk. Mir soll es aber gleich
sein, wer der Mann ist, für mich ist er ein Patient. —
Trennen sich hier unsere Wege?"
„Ja, hier links ab führt Sie der Fußsteig bis zur
Hinterthüre der Treumann'schen Wohnung; Sie können
gar nicht mehr fehl gehen!"
„Und wohin gehen Sie?"
„Ich will noch einmal nach der russischen Grenze
hinüber, ich habe da einen starken Hirsch stehen und
will revidiren, ob Alles in Ordnung ist, oder ob die
Wilddiebe auch dort wieder Unfug treiben. Vielleicht
_ M 22.
kann ich in der Dunkclstunde einen der Kerle abfasscn.
Guten Abend Herr Doktor! Komm, Diana!"
„Guten Abend!"
Der Arzt und der Förster trennten sich hier und
verfolgten Jeder den eigenen Weg durch den Wald.
„Ich glaube, der Doktor geht nicht ungern zu
Treumanns," dachte Schwelm, als er weiter schritt.
„Er interessirt sich mehr für die Krankenpflegerin, als
für die Kranke. Na, eine schlechte Parthie ist die
Magda nicht. Das Mädel ist hübsch und bekommt
gewiß einen Klumpen Geld mit. Nun, der Doktor
kann's auch brauchen. Ach ja — die Weiber, die
Weiber!"
Der letzte Jammerrnf Schwelm's entstand wieder
durch den Gedanken an fein eigenes Verhältniß, das
ihm bisher nichts als Kopfzerbrechen und Unannehm-
lichkeiten verursacht hatte.
Trotz seiner trüben Gedanken schritt er indeß munter
Vorwärts, und erst als er nach einer halben Stunde
in die Nähe der Grenze kam, mäßigte er seine Schritte
und drang nur vorsichtig weiter vor.
Die Grenze gegen Rußland wird hier durch ein
Flüßchen gebildet, das in mannigfachen Krümmungen
sich durch kahle Wiesen hinzieht, und an seinen Ufern
hier und da dichtes Buschwerk aufwcist. Die ganze
Breite dieses Flüßchens beträgt vielleicht zwanzig Fuß
und seine Tiefe vielleicht fünf Fuß.
Der Abendnebel lagerte auf den feuchten Wiesen
diesseits und jenseits der Grenze, wie ein leichter
Schleier, den hin und wieder ein Windstoß zerriß.
In ziemlicher Entfernung von der Waldecke aus sah
man drüben auf russischem Gebiet eine Kosakeu-
Patroiulle reiten, welche zu einer der gegen den
Schmuggel an der Grenze stationirten russischen Wachen
gehörte.
Das ganze landschaftliche Bild war ein höchst
trauriges und konnte ein Gemnth, das für solche Ein
drücke empfänglicher als Schwelm war, wohl melan-
cholisch machen.
Diana's Unruhe machte den Förster darauf auf-
merksam, daß sich etwas Verdächtiges in der Nähe
befinde. Ihr Herr befahl ihr, sich ruhig zu Verhalten,
und bemerkte nach aufmerksamem Horchen, daß in
einiger Entfernung ein lautes Gespräch geführt wurde.
Dem Schall nachgehend, stieß er, während er selbst
ungesehen ini Hochwalde stehen blieb, auf eine eigen-
thninliche Gruppe. An dem preußischen Ufer stand
ein anständig gekleideter Mann, in dem er bei ge-
nauerem Hinblicken den Schichtmeister Treumann er-
kannte; an dem russischen Ufer stand ein in seinen
Kaftan gehüllter polnischer Jude, der dem Beobachten-
den ebenfalls nicht unbekannt war. Es war Schlaume,
der Lieferant der Fourage für die Grubenpferde.
Die beiden Personen unterhielten sich über den
Fluß hinweg, was sie thun konnten, ohne ihre Stim-
men sonderlich anzustrengen.
„Ich muß es haben, Schlaume, und Ihr müßt cs
mir schaffen, auf jeden Fall, und zwar bis Donnerstag,
es geht nicht anders!"
„Gnädigster Herr Schichtmeister!" klang es vom
russischen Ufer herüber, „woher soll ich nehmen soviel?
Was verlangen Sie? Wie soll ich armer Jüd' so
was beschaffen?"
„Schlaume, ich beschwöre Euch! Ihr wißt genau,
daß es Euer Schaden nicht ist! Ich muß es haben!
Es wird Euch auch diesmal gelingen, wenn Ihr nur
wollt! Ich verspreche Euch, Ihr sollt diesmal noch
mehr davon haben als sonst, aber ich muß mich auf
Euch gastZ bestimmt verlassen können!"
„Gnädigster Herr Schichtmeister, ich werde mir
geben aste Mühe, Gott soll mich strafen und nicht
gesnnd sein lassen, wenn ich's nicht thue. Aber-
Wenn es.sticht möglich ist, müssen der gnädige Herr
Schichtmeister gütigst mich entschuldigen. Aber ich
werde thun, was ich kann. Lassen Sie mich gehen,
da drüben kommen die Straschnicks (russische Grenz-
soldaten), die werden gleich wieder haben wollen ein
Trinkgeld von einem armen Juden! Gute Nacht, gnä-
diger Herr!"
„Gute Nacht! Ich verlasse mich also bestimmt
darauf Lis Donnerstag! Ja?"
„Verlassen Sie sich darauf, gnädiger Herr!"
Schlaume verschwand hinter einem Busche; der
Schichtmeister sah sich prüfend um und trat dann in
den Wald zurück.
Schwelm ließ ihn ruhig in nächster Nähe an sich
vorübergehen und drückte Dia's Kopf nieder, damit
diese ihn nicht durch Knurren verrathe.
Der Schichtmeister ließ sich in einiger Entfernung
auf einen Baumstumpf nieder. Er schien sich in un-
geheurer Aufregung zu befinden. Schwelm sah ihn
die Hände ringen und dann dieselben vor das Gesicht
schlagen, während ein konvulsivisches Schluchzen seinen
ganzen Körper erschütterte.
Schwelm stand kopfschüttelnd in seinem Versteck,
bis sich der Schichtmeister wieder einigermaßen erholt
hatte und seinen Weg fortsetzte, dann ging auch er
kopfschüttelnd davon.
Eins aufgcbunden habe! Das ist es — darum war sie
so zurückhaltend! Sie hat ihren Kopf für sich! Ganz
gewiß! Es ist ein Teufelsmädel!"
Dann ging er um den Zaun herum, um sich nach
der Vorderfront des Hauses zu begeben, wo der alte
Lustig rauchend auf seiner Bank saß.
Schwelm schlug energisch seine Hacken zusammen
und legte die Hand militärisch salutirend an sein Jä-
gcrhütchen: „Guten Tag, Herr Lieutenant! Darf ich
mir erlauben, mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen?"
„Ah, Herr Förster! Guten Tag! Danke bestens,
Sie auch wohl? Wollen Sie nicht Platz nehmen?"
Schwelm setzte sich respektvoll auf die Bank und
dabei kam ihm plötzlich ein ganz sonderbarer Gedanke,
nämlich der: die Werbung, mit welcher er am Garten-
zaun bei der Tochter verunglückt war, hier an der
Vorderfront des Hauses bei dem Vater auzubringcn.
Mit dein Vater mußte er ja doch sprechen, selbst wenn
er des Jaworts der Tochter bereits sicher gewesen wäre.
Er überlegte daher augenblicklich, wie er Wohl am
besten die Sache einlciten und cinkleiden könne, aber er
Wurde darin durch die Frage Lustig's gestört.
„Was gibt's Neues, Herr Förster?"
Dieser Appell störte nicht nur die Gedankenreihe des
Weidmanns, sondern rief auch alle die schlimmen
Geister, die in seinem Inneren schlummerten, wach.
Ohne daran zu denken, was er eigentlich that, begann
er sofort seine neueste Jagdgeschichte einzulciten, die er
erst seit gestern auf dein Repertoire hatte.
„Was es Neues gibt, Herr Lieutenant? Das Neueste
Wäre Wohl die merkwürdige Geschichte, die vorgestern
meinem Kollegen Karster Passirt ist. Haben Sie viel-
leicht seinen Dachshund, die Waldine gekannt?"
„Den schwarzen Dachshund mit den gelben Ab-
zeichen?" frug der alte Lustig. „Ja, den kenne ich !"
„Na, mit dem Kennen ist es aus! Das Thier ist
nämlich eingegangen und zwar auf eine höchst eigen-
tümliche Weise, die sich Niemand erklären kann."
„Sie machen mich neugierig!"
„Die Sache ist ganz dunkel und Wohl noch Nie-
mandem vorgekommen. Es mögen sechs Wochen her-
sein, als das Thier anfing, die Annahme jeder Nah-
rung zu verweigern, selbst Wasser nahm es nicht mehr
zu sich. Der College Karster wendete alle nur denk-
baren Mittel an, und auch der Kreisthierarzt zerbrach
sich den Kopf, es war umsonst und der armen Wal-
dine konnte nicht mehr geholfen werden. Vorgestern
ist sie endlich gestorben, und der Thierarzt hat sie so-
fort sezirt. Was glauben Sie nun, was sich in dem
Magen des Thieres vorgefunden hat? Es ist wirklich
nicht zu glauben!"
„Nun?" frug der alte Lustig ganz gespannt.
Schwelm starrte ihn an, ohne zu antworten.
„Was sand sich denn in dem Magen vor? He?"
wiederholte der alte Herr.
Aber Schwelm sah ihn immer noch wie geistes-
abwesend an, dann sprang er Plötzlich auf, rief ein
kurzes „Guten Abend" und ging, gefolgt von Dia, mit
großen Schritten quer über die Chaussee auf das hohe
Holz zu, wo er unmittelbar darauf verschwand.
Lustig hatte sogar zu rauchen aufgehört, so betroffen
war er über das plötzliche Benehmen Schwelm's, er
schüttelte den Kopf und murmelte halblaut - „Mein Gott,
mein Gott, was ist denn dem Menschen geschehen?
Auf einmal ist er wie verwandelt, als ob ihn der
Verstand verlassen hätte! Was hat er denn nur? Der
Mann ist doch, so viel ich weiß, kein Trinker, bei dem
man solche Zufälle allerdings vermuthen könnte. Was
mag ihm nur geschehen sein?"
Lustig zerbrach sich vergeblich den Kopf über die
Losung des Räthsels, die doch sehr einfach war. Als
Schwelm bis an die Pointe seiner Erzählung gekommen
war, hörte er ein leichtes Klirren des Fensters über der
Bank, auf der er mit seinem Zukunftsschwiegervater
saß, und als er einen Achtelsblick über die Schulter
nach dem Fenster warf, sah er dort soeben zwei blonde
Zöpfe verschwinden.
Diese Zöpfe gehörten natürlich zu Lottchen Lustig,
die ihn erst vor wenigen Augenblicken mit ihrer schwersten
Ungnade bedroht hatte, wenn er ihren Papa wieder
anlügen würde, und die den Unverbesserlichen nun schon
jetzt wieder dabei ertappte, als er es soeben abermals
thun wollte.
Man wird es begreiflich finden, daß Schwelm sich
in keineswegs rosiger Stimmung befand. Er überlegte
ängstlich, wie sich Wohl nach diesem neuesten Vorfall
sein Verhältniß zu dem zürnenden Lottchen gestalten
würde, und das Resultat, zu dem er gelangte, schien
ihm selbst kein besonders günstiges zu sein.
Er war in seine traurigen Gedanken so vertieft,
daß er fast erschrak, als eine Stimme unmittelbar vor
ihm rief: „Heda Waidmann! Aufgeschant! Sie rennen
ja die Leute im eigenen Revier über den Haufen!"
„Ach, Sie sind es, Herr Doktor!" versetzte er auf-
fahrend. „Entschuldigen Sie nur, ich war so in Ge-
danken!"
„Das merkt man ziemlich deutlich! Sie sind Wohl
verliebt oder haben unglücklich spekulirt?"
Das Buch für Alle.
„Füllt mir nicht ein!" entgegnete Schwelm, „aber
man hat auch manchmal seinen Kopf voll; und was
machen Sie, Herr Doktor, noch hier? Wollen Sie
einen Patienten besuchen?"
„Nein, ich beabsichtige etwas Anderes! Ich habe
ein Fläschchen Chloroform bei mir, und mit dem will
ich mir ein paar von Ihren Hasen erjagen!"
„Sie sind immer zu Scherzen aufgelegt, Herr
Doktor!"
„Was wollen Sie, lieber Schwelm, wenn man
jung in der Praxis und in ein Werklazareth mitten
im Walde gebannt ist, kann man des Lebens Weh-
inuth nur mit Unverstand genießen, indem man Witze
macht!"
„Gefällt es Ihnen denn hier bei uns nicht, Herr
Doktor?"
„Das will ich nicht behaupten, aber gestatten Sie
mir die bescheidene Bemerkung, daß es Orte gibt, die
interessanter find und dem denkenden und gebildeten
Menschen mehr bieten, als die Gertrud-Grube im
obcrschlcsischcn Kohlenrevier. Wollen Sie mich übrigens
ein Stück begleiten? Ich will einmal bei Treumanns
nachsehen, wie es steht. Sie wissen Wohl auch einen
näheren Weg?"
„Mit größtem Vergnügen, Herr Doktor, werde ich
Sie führen, Sie sparen dann ein Stück Weges. Ist
bei der Frau Schichtmeisterin eine Verschlimmerung
eingetreten?"
„Das nicht! Von einer Verschlimmerung kann da
keine Rede mehr sein. Höchstens fühlt sich die Frau
'mal — wie gerade jetzt — noch weniger Wohl als
sonst. Da sie aber eigentlich zu den aufgegebenen
Kranken gehört, die jeden Augenblick weg sein können,
Wie ein Licht, muß man schon zu eigener Beruhigung
öfters nachsehen!"
„Kommen Sie vielleicht heut' Abend nach der Wald-
kneipe, Herr Doktor, zum Skat?"
„Ihr Maurer braucht Wohl wieder einen, der sich
hineinlegen läßt? Nein, heut' ist das unmöglich. Ich
habe im Lazareth einen schwer Kranken, mit dem
ich mich heut' Abend noch speziell beschäftigen muß.
Es ist eine Ehrensache für mich, den Mann durchzu-
bringen."
„Wer ist's denn? Etwa der Verwandte vom Schicht-
meister Treumann, der bei dem letzten Grubenunglück
den dreißig Leuten das Leben gerettet hat, indem er
fich bis an die Wetterthiire wagte?"
„Derselbe."
„Der Mann ist, wie man mir erzählte, auf eine
geradezu wunderbare Weise mit dem Leben davon
gekommen!"
„Ja! Man sollte es nicht für möglich halten.
Seine eigenen Kameraden und Vorgesetzten hielten ihn
bereits für verloren, und erst nach Stunden gelang
es, bis zu ihm an die Wetterthiire, die er mit letzter
Kraft eingeschlagen hatte, vorzndringen. Jeder Andere
wäre durch die ausziehenden brandigen Wetter, die
über ihn wegströmten, unrettbar verloren gewesen. Es
handelt sich eben hier um einen abnormen Fall, wie
er unter Tausenden kaum einmal vorkommt!"
„Und Sie hoffen, daß der Kranke sich erholt?"
„Ich glaube es eigentlich bestimmt, trotzdem er
noch immer in großer Gefahr schwebt und noch nicht
einmal zum Bewußtsein gekommen ist!"
„Es war doch eine heroische Leistung von dem
Manne!"
„Was wollen Sie, lieber Schwelm! Hier im
Bergwerksrevier, wo dem Beamten und Arbeiter, dem
Bergwerk und dem ganzen Betriebe beständig von allen
Seiten Gefahren drohen, werden täglich Heldenthaten
verübt, die nur deshalb nicht besonders gefeiert werden,
weil nichts davon in die Oeffentlichkeit dringt, und
weil man schließlich bei diesem Berufe es für selbst-
verständlich hält, daß Jedermann jeder Zeit bereit ist,
sein Leben und seine Gesundheit zu wagen. Ich will
aber deshalb das Verdienst des Mannes durchaus nicht
schmälern! Es war eine brave, höchst anerkennens-
werthe That von ihm!"
„Wer ist der Mann eigentlich? Ich höre, er soll
ein sehr gebildeter Mensch sein, der zum Arbeiter ur-
sprünglich sicherlich nicht bestimmt war."
„Wahrscheinlich ein verlorener Sohn, wie man
deren leider in jeder anständigen Familie zu finden
pflegt. Auch unsere Familie weiß ein Lied davon zu
singen. Sie wissen ja, in anderen Theilen unseres
lieben Vaterlandes steckt man derlei Thunichtgute
unter's Militär oder schickt sie zur See; hier zu Lande
schickt man sie in's Bergwerk. Mir soll es aber gleich
sein, wer der Mann ist, für mich ist er ein Patient. —
Trennen sich hier unsere Wege?"
„Ja, hier links ab führt Sie der Fußsteig bis zur
Hinterthüre der Treumann'schen Wohnung; Sie können
gar nicht mehr fehl gehen!"
„Und wohin gehen Sie?"
„Ich will noch einmal nach der russischen Grenze
hinüber, ich habe da einen starken Hirsch stehen und
will revidiren, ob Alles in Ordnung ist, oder ob die
Wilddiebe auch dort wieder Unfug treiben. Vielleicht
_ M 22.
kann ich in der Dunkclstunde einen der Kerle abfasscn.
Guten Abend Herr Doktor! Komm, Diana!"
„Guten Abend!"
Der Arzt und der Förster trennten sich hier und
verfolgten Jeder den eigenen Weg durch den Wald.
„Ich glaube, der Doktor geht nicht ungern zu
Treumanns," dachte Schwelm, als er weiter schritt.
„Er interessirt sich mehr für die Krankenpflegerin, als
für die Kranke. Na, eine schlechte Parthie ist die
Magda nicht. Das Mädel ist hübsch und bekommt
gewiß einen Klumpen Geld mit. Nun, der Doktor
kann's auch brauchen. Ach ja — die Weiber, die
Weiber!"
Der letzte Jammerrnf Schwelm's entstand wieder
durch den Gedanken an fein eigenes Verhältniß, das
ihm bisher nichts als Kopfzerbrechen und Unannehm-
lichkeiten verursacht hatte.
Trotz seiner trüben Gedanken schritt er indeß munter
Vorwärts, und erst als er nach einer halben Stunde
in die Nähe der Grenze kam, mäßigte er seine Schritte
und drang nur vorsichtig weiter vor.
Die Grenze gegen Rußland wird hier durch ein
Flüßchen gebildet, das in mannigfachen Krümmungen
sich durch kahle Wiesen hinzieht, und an seinen Ufern
hier und da dichtes Buschwerk aufwcist. Die ganze
Breite dieses Flüßchens beträgt vielleicht zwanzig Fuß
und seine Tiefe vielleicht fünf Fuß.
Der Abendnebel lagerte auf den feuchten Wiesen
diesseits und jenseits der Grenze, wie ein leichter
Schleier, den hin und wieder ein Windstoß zerriß.
In ziemlicher Entfernung von der Waldecke aus sah
man drüben auf russischem Gebiet eine Kosakeu-
Patroiulle reiten, welche zu einer der gegen den
Schmuggel an der Grenze stationirten russischen Wachen
gehörte.
Das ganze landschaftliche Bild war ein höchst
trauriges und konnte ein Gemnth, das für solche Ein
drücke empfänglicher als Schwelm war, wohl melan-
cholisch machen.
Diana's Unruhe machte den Förster darauf auf-
merksam, daß sich etwas Verdächtiges in der Nähe
befinde. Ihr Herr befahl ihr, sich ruhig zu Verhalten,
und bemerkte nach aufmerksamem Horchen, daß in
einiger Entfernung ein lautes Gespräch geführt wurde.
Dem Schall nachgehend, stieß er, während er selbst
ungesehen ini Hochwalde stehen blieb, auf eine eigen-
thninliche Gruppe. An dem preußischen Ufer stand
ein anständig gekleideter Mann, in dem er bei ge-
nauerem Hinblicken den Schichtmeister Treumann er-
kannte; an dem russischen Ufer stand ein in seinen
Kaftan gehüllter polnischer Jude, der dem Beobachten-
den ebenfalls nicht unbekannt war. Es war Schlaume,
der Lieferant der Fourage für die Grubenpferde.
Die beiden Personen unterhielten sich über den
Fluß hinweg, was sie thun konnten, ohne ihre Stim-
men sonderlich anzustrengen.
„Ich muß es haben, Schlaume, und Ihr müßt cs
mir schaffen, auf jeden Fall, und zwar bis Donnerstag,
es geht nicht anders!"
„Gnädigster Herr Schichtmeister!" klang es vom
russischen Ufer herüber, „woher soll ich nehmen soviel?
Was verlangen Sie? Wie soll ich armer Jüd' so
was beschaffen?"
„Schlaume, ich beschwöre Euch! Ihr wißt genau,
daß es Euer Schaden nicht ist! Ich muß es haben!
Es wird Euch auch diesmal gelingen, wenn Ihr nur
wollt! Ich verspreche Euch, Ihr sollt diesmal noch
mehr davon haben als sonst, aber ich muß mich auf
Euch gastZ bestimmt verlassen können!"
„Gnädigster Herr Schichtmeister, ich werde mir
geben aste Mühe, Gott soll mich strafen und nicht
gesnnd sein lassen, wenn ich's nicht thue. Aber-
Wenn es.sticht möglich ist, müssen der gnädige Herr
Schichtmeister gütigst mich entschuldigen. Aber ich
werde thun, was ich kann. Lassen Sie mich gehen,
da drüben kommen die Straschnicks (russische Grenz-
soldaten), die werden gleich wieder haben wollen ein
Trinkgeld von einem armen Juden! Gute Nacht, gnä-
diger Herr!"
„Gute Nacht! Ich verlasse mich also bestimmt
darauf Lis Donnerstag! Ja?"
„Verlassen Sie sich darauf, gnädiger Herr!"
Schlaume verschwand hinter einem Busche; der
Schichtmeister sah sich prüfend um und trat dann in
den Wald zurück.
Schwelm ließ ihn ruhig in nächster Nähe an sich
vorübergehen und drückte Dia's Kopf nieder, damit
diese ihn nicht durch Knurren verrathe.
Der Schichtmeister ließ sich in einiger Entfernung
auf einen Baumstumpf nieder. Er schien sich in un-
geheurer Aufregung zu befinden. Schwelm sah ihn
die Hände ringen und dann dieselben vor das Gesicht
schlagen, während ein konvulsivisches Schluchzen seinen
ganzen Körper erschütterte.
Schwelm stand kopfschüttelnd in seinem Versteck,
bis sich der Schichtmeister wieder einigermaßen erholt
hatte und seinen Weg fortsetzte, dann ging auch er
kopfschüttelnd davon.


