Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 24.1889

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Die beiden j) achten.
Roman
von
Balduin Mötthausen.
Nachdruck verboMW
änke spielen überall," versetzte Galbrett,
sichtbar verstört den Blick der Direktorin
meidend, „und was wollten Sie beginnen,
wenn mein eigen Fleisch und Blut eines
Tages heimlich von hier entführt würde
und eine Stunde später die Pacht mit ihm auf's hohe
Meer hinaussegelte
„Mit dem Entführen eilt's nicht," erklärte der
Direktor, und auf seinen: Lederantlitz offenbarte sich
eine gewisse Geringschätzung, „mein Wa-
gen ist meine Burg, die ich gegen hinter-
listige Angriffe nachdrücklich zu Verthei-
digen verstehe."
„Gut gesagt," warf die Odaliske ein,
die in der Hast den Turban verkehrt auf
ihr Haupt gedrückt hatte, „hier sprechen
aber andere Dinge, nämlich — ich wieder-
hole es ausdrücklich — die Rechte des
Vaters^" und gewahrend, daß Galbrett
abermals wie von einer unsichtbaren Waffe
getroffen zur Seite sah, fügte sie berechnend
hinzu: „Rechte, welche sich des Schutzes
der Behörden erfreuen. Die armen Dinger,
sie ahnen nicht, daß auf allen Seiten Ver-
rath lauert. Nach den ungewöhnlichen An-
strengungen des heutigen Abends brachte
ich sie sofort zu Bett. Ich verließ sie vor
Kurzem. Sic schlafen bereits und bieten
in der gegenseitigen Umarmung ein her-
ziges Bild. Sie sollten sie wirklich einmal
betrachten. Ihr väterliches Herz würde
vor Wonne zittern."
„Heute nicht mehr," antwortete Gal-
brett kühl ablehnend, „ungern möchte ich
sie ermuntern. Wenn sie indessen durch
ihre Leistungen die Einnahmen vergrößern
halfen, so wäre eine weitere Abschlags-
zahlung nicht mehr als recht und billig."
„Wir heißen Buonaventnra," versetzte
die Direktorin erhaben, „jeder Arbeiter ist
seines Lohnes Werth, und ich wünsche auf-
richtig, noch recht oft Gelegenheit zu finden,
mich erkenntlich zu zeigen."
Sie zählte ihn: aus der Abendkasse eine
Anzahl Silbermünzen in die Hand, wie-
derholte nochmals die Aufforderung, seinen
Kindern wenigstens einen Blick zu schenken,
und Wiederuin weigerte sich Galbrctt, sie
nach dem Wagen zu begleiten. Nachdem
er die Ucberzcugnng gewonnen hatte, daß
die Geschwister vor einer Stunde erst den
Beifall der Zuschauer errangen, und das

gespannt zu werden. Ein letzter Trunk wurde ge-
wechselt, die Laternen an den Wagen befestigt, und wie
Gespenster so flink und schweigsam schlüpften die Mit-
glieder der berühmten Künstlergefellschast auf ihre
Plätze. Die Pferde zogen an, und einige Minuten
später, da lag der bisher so lustig belebte Platz still
wie ein Friedhof.
Sechzehntes Kapitel'.
Eine Stunde hatte Januock gebraucht, um sich eines
Auftrages zu entledigen, zu welchem mit aller nur er-
denklichen List der Boden geebnet worden war. Schwei-
gend verfolgte er nach seiner Trennung von der Di-
rektorin mit den beiden Geschwistern seinen Weg durch
die sich allmählig leerenden Straßen. Wer ihm be-
gegnete, mußte ihn für einen ehrsamen Bürger und
Gewerbetreibenden halten, der mit seinen Kindern viel-
leicht den Abend auswärts verbrachte und sich nun-
mehr auf dem Heimwege befand. Und
als wären sie seine eigenen Kinder ge-
wesen, ließen die Geschwister sich von ihm
an der Hand führen, so still und folg-
sam. Wohl schwebten ihnen die Freude
verheißenden Versprechungen der Direk-
torin vor; allein fern lag ihnen auch der
kleinste Versuch, mit kindlich überschwäng-
licher Phantasie sich ein Bild von Dem zu
entwerfen, was in nächster Zukunft ihrer
harrte. Die einzige Gefahr, welche sic
kannten, und die darin bestanden hätte,
von einander getrennt zu werden, war
ja ausgeschlossen. Wohin man sie brachte:
sie mußten zusammen bleiben, das begriffen
sie! alles Andere, was über sie verhängt
werden mochte — an eine glückliche Wen-
dung konnten sie ja nicht glauben — er-
trugen sie mit stumpfer Ergebung.
Beinahe eine halbe Stunde waren sie
an der Seite Jaunock's einhergeschritten,
und sie meinten, bereits in der Nachbar-
schaft des Hafens eingetroffen zu sein, als
Jener Plötzlich in eine enge finstere Neben-
gasse einbog. Eine mäßige Strecke legten
sie in derselben noch zurück, dann blieb
Januock mit einer kurzen Wendung vor
einem Hause stehen, aus dessen Inneren:
der wüste Lärm singender und hadernder
Männer zu ihnen herausdrang. Nach den
kleinen Fenstern zu schließen, deren Um-
fang durch die Lichtstreifen der schlecht
gefugten oder schadhaften Laden bezeichnet
wurde, konnte es nur ein elender, alters-
morscher Bau sein, der vor ihnen lag, au-
genscheinlich aber trotz des auf ihn ent-
fallenden Miethszinses durch den nächt-
lichen Verkehr seinen Mann ernährte.
Januock befand sich indessen auf vertrau-
ten: Boden, denn er öffnete die knarrende
Hausthür nut sicheren: Griff, worauf er
die Geschwister vor sich her in einen schma-
len Flurgang hineinschob. Ein wenig Licht

Geld in seine Tasche geglitten war, hielt ihn nichts
mehr. Ein kräftiger,Händcdruck, welchen er nut den
beiden würdigen Gatten wechselte, legte Zeugniß von
seinem Vertrauen ab; ein aufrichtig ktingendes: „Auf
baldiges Wiedersehen!" offenbarte ernstes Wohlwollen
hier wie da, und bald darauf eilte er ebenso schnell
durch die dunklen Gassen und Straßen, wie er gekommen
war. —
Die Vorstellung war beendigt, die Zuschauer hatten
sich zerstreut. Oede lag der Platz, auf welchen: kurz
zuvor noch fütternde Gaukler nach den: Takt von Pauke
und Drehorgel ihre Bewegungen regelten. In den:
Zelt brannte ein einsames Licht. Wie von Geistern
getragen, huschten Laternen hierhin und dahin, indem
man Alles, was zu dem fliegenden Kunsttcrnpel gehörte,
sorgsam zusammcnschnürte und in die verschiedenen
Wagen schob. Das Zelt fiel zuletzt. Fast gleichzeitig
trafen acht aufgeschirrte Pferde ein, um vor die Wagen

Julian Dunajewski, österreichischer Finanzminister.
Nach einer Photographie gezeichnet von C. Kolb. (S. 215)
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