Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 24.1889

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Die beiden Hachten.
Roman
von
Balduin Möllhanse».
(Fortsetzung^ „ ,
ldlnchdrnki verboten.)
ie oft ich die Erde in Schlangenlinien
umkreiste, ich weiß es kaum noch," fuhr
die Gräfin in ihrer Erzählung fort.
„Anfänglich folgte ich den
Spuren der Emilia, so weit
dieselben aus den Büchern der betreffenden
Rhederei festgestellt werden konnten. Doch
das Nutzlose dieses Verfahrens einschcnd,
gab ich cs sehr bald auf, um meinen Kurs
immer dahin zu wählen, wohin irgend eine
plötzlich auftauchcnde Laune mich trieb oder
der erste beste, ost unscheinbare Zufall mir
den Weg zeigte. Es hatte sich nämlich
allmählig der Verdacht in mir ausgebildet,
sinnlos, wie er vielleicht genannt zu werden
verdient, daß die Emilia überhaupt nicht
gescheitert, sondern der Kapitain Sherburn
das Opfer einer Verrätherei geworden sei.
Gründe für diesen Argwohn kannte ich nicht,
aber es entsprach meiner Gcmüthsstimmnng,
mit rastlos arbeitender Phantasie Möglich-
keiten zu schaffen, an deren Hand ich meine
Nachforschungen mit nie ermüdendem Eifer
fortzusetzcn vermochte. Jahre auf Jähre
hatte ich damit hingebracht, die Küsten bald
dieses, bald jenes Festlandes zu besuchen
und immer erfolglos, als ich endlich ans
den Gedanken geriet!), auch Archipele und
Inseln in den Bereich meiner Forschungen
zu ziehen. Sogar die ödesten Eilande, in
deren Nachbarschaft ich gelangte, unterzog
ich, wenn der Seegang es nur einigermaßen
gestattete, einer eingehenden Prüfung.
So ereignete es sich, daß ich vor beinah
Jahresfrist eine wüste Insel weit unten in
der Höhe von Kap Horn anlief. Es war
mir nämlich das Gerücht zu Ohren ge-
drungen, daß drei daselbst ausgestellte Kreuze
die Aufmerksamkeit dieses oder jenes See-
fahrers erregt hätten, eine Angabe, welche
ich in der That bestätigt fand. Ja, ich fand
sie bestätigt," wiederholte die Gräfin dumpf,
und ein Schauder durchrieselte sichtbar ihre
Gestalt, „und nicht nur diese, sondern auch
die Ahnungen, welche mich nunmehr schon
seit einer langen Reihe von Jahren rastlos
von Ort zn Ort getrieben hatten. Die drei
Kreuze sah ich vor mir, und damit die ersten
untrüglichen Spuren von ihm, den ich von
da ab erst aus vollster Ueberzeugung als
einen Todten beweinte. Unter den Krenzen

schlummerten nämlich drei treue Herzen. Auf Schiefer-
steine eingekratzte Schriftzüge nannten die Namen: Erich
Larsen, John Holiday und Kapitain Sherburn - der
Name des Mannes, in dessen Hände ich einst jubelnden
Herzens mein ganzes irdisches Dasein nicderznlegen
hoffte." — .
Hier brach die Gräfin ab. Minuten des Schwei-
gens folgten. Ergriffen und von Ehrerbietung erfüllt
sahen Simpson und Lowcastle ans sic hin. Sie achteten
nicht Wellingham's, der, wie der Lebenskraft beraubt,
sich auf seinem Stuhl zurückgelchnt hatte und regungs-
los in's Leere stierte. Die Gräfin, obwohl tief geneigt,

wendete keinen Blick von ihm. Was auch immer sie
schmerzlich bewegen mochte, neben dem sich nie ab-
schwächenden Gram regten sich üppig auf breiter Stätte
wieder die Empfindungen einer dämonischen Genug-
thuung. Während des letzten Thcils ihrer Erzählung
hatte sie kein Wort gesprochen, welches nicht berechnet
gewesen wäre. Aufjauchzen hätte sie mögen in befrie-
digtem Haß bei der Wahrnehmung, daß sie in ihren
Voraussetzungen sich nicht täuschte. Mit einer Vor-
sicht, wie sie eben nur durch unversöhnliche Feindselig-
keit rege gehalten werden konnte, vermied sie dagegen
jede Kundgebung, durch welche Wellingham unmittel-
bar betroffen worden wäre. Bedachtsam gab
sie sich den Anschein, die in seiner Seele
wühlenden Martern nicht zu ahnen. Zeit
wollte sie ihm gönnen, seine schwankende
Fassung zn befestigen. Denn die Stunde,
in welcher sic den letzten vernichtenden
Schlag nach ihm zu führen beabsichtigte,
war noch nicht gekommen. Nicht ihn allein,
den Meuterer, Mörder uud Zerstörer ihres
geträumten Familicnglückes wollte sie mit
der vor den drei Kreuzen beschworenen
furchtbaren Rache treffen, sondern doppelt
und dreifach in Denjenigen, für die allein er
sich noch eine unverfälschte Neigung be-
wahrt hatte.
Die Achtung vor dein Schmerz, welcher
in einer langen Reihe von Jahren nicht
hatte gelindert werden können, einerseits,
und sinnverwirrendes Entsetzen auf der an-
deren, fesselte die Zungen ihrer Zuhörer.
Sogar Lowcastle, gleichsam überwältigt
durch das Erstaunen über die ungeahnten
Enthüllungen, erschien es wie eine Ent-
weihung, ihren Jdcengang zn stören. End-
lich aber mochte ihr selbst das dumpfe
Schweigen Peinlich werden. Sie richtete sich
auf; einen kalt prüfenden Blick sandte sie
von Einem zum Anderen, dann bemerkte sie
anscheinend gleichmüthig:
„Ich hätte kaum geglaubt, daß dieses
Beleben alter Erinnerungen mich so tief
erschüttern würde. Fühle ich mich doch so
erschöpft, als ob ich eben erst von jenen drei
Gräbern fortgetrctcn wäre. Dabei drängt
sich fortgesetzt die Ueberzeugung in den
Vordergrund, daß die bisherigen Ent-
deckungen nicht genügen, mir den Frieden
meiner Seele zurnckzngebcn. Nachdem meine
kühnsten Erwartungen in einem so hohen,
aber auch erschütternden Grade übertroffen
wurden, ist eine neue heilige Lebensaufgabe
vor nur erstanden. Mag es kosten, was es
wolle, sogar mein Leben setze ich daran, ich
muß erfahren, wie die drei Aermsten auf
jenes schreckliche Eiland gelangten, ich muß
erfahren, was ans dem Schiff, welches an
der brasilianischen Küste gescheitert sein soll,
geworden, vor Allem aber, wo der nber-

Rache ist iiisj! Nach einem Gemälde von S. Hirschselder. (S. 339)
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