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Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 24.1889

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https://doi.org/10.11588/diglit.51129#0459
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nachdem der Schlag aufgestoßen worden war, noch
halb aus dem Innern des Wagens. „Wie steht es
oben? Schlimm, wie ich furchte, he?"
Im Nu hatte sich der Gesichtsausdruck des Au-
gesprochenen geändert. Er starrte den Aussteigenden
mit einer Miene an, in der die unangenehme Ueber-
raschung nicht zu verkennen war. „Ja, sehr schlimm,"
versetzte er endlich kühl.
Der Andere wendete sich wieder dem Wagen zu.
„Komm," sagte er, seiner Gefährtin die Hand entgegen
haltend, um ihr beim Aussteigen behilflich zu sein.
Dann zum Kutscher: „He, Postillon, ich weiß nicht,
ob hier Platz ist; cs wird wohl besser sein. Sie stellen
im Torfe ein." Er bot seiner Begleiterin den Arm

und schritt am Diener vorbei.

„Also schlecht? Wer
ist bei ihm?"
„Meine Frau."
„Sonst Niemand?"
Der Befragte schüt-
telte den Kopf, während
er langsam vor den
Beiden die Treppe hin-
aufstieg.
Man gelangte in eine
Art Halle, die durch eine
Wandlampe beleuchtet
war. In einem großen
Kachelofen prasselte und
knatterte das Feuer und
erfüllte den Raum mit
einer sehr wohlthätigen
Wärme. Die Reisenden
wickelten sich ans ihren
dicken Mänteln heraus
und hingen dieselben an
den Kleiderständer,
während sich der Diener
beim Lfen zu schaffen
machte und durchaus
keinen Eifer zeigte,
ihnen beim Ablegen der
Hüllen behilflich zu sein.
Der Fremde schien
das sehr gut zu be-
merken, denn er warf
seiner Gefährtin einen
bezeichnenden Blick zu
uud schritt daun aus den
Anderen los: „Es ist
ein reiner Zufall, daß
wir von der schweren
Erkrankung unseres
Vetters Kenntniß er-
langt haben; hier hat
es Niemand der Mühe
werth gefunden, uns zu
benachrichtigen; recht
eigcnthümlich das! —
Na, schon gut," wehrte
er die Erwiederung des

Gebr ff n d m a r k t.
Roman
von
A. G. v. Suttner.
lNachdrnck verboten.)
er Regen klatschte in schweren Tropsen ans ,
das morsche Lederdach des Wagens, der sich !
bei der herrschenden Finsterniß nur langsam
vorwärts bewegte. Jedesmal, wenn eines
der Räder über einen Stein holperte —
und es gab deren viele auf der vernach-
lässigtcnStraße klirr-
ten die Fenster in ihren
hölzernen Rahmen, und
die altersschwache Fe-
der gab einen Hellen
Ton von sich. Hin und
wieder Pfiff ein heftiger
Windstoß über die
Haide und rüttelte an
dein Fuhrwerke, daß
Alles zitterte und bebte.
„Verwünschtes
Hundewetters ließ sich
ein Gebrumm verneh-
men. „Es ist rein, als
ob sich die Elemente
verabredet hätten, uns
ihre schönsten Liebens-
würdigkeiten kosten zu
lassen."
„Wenn wir nur uicht
zu spät kommen," ant-
wortete eine Frauen-
stimme; dann wurde es
wieder still.
Endlich schien das
schlechteste Stück über-
standen zu sein, denn
die Pferde setzten zu
einem schwachen Trab
an, und die Fenster
rasselten so ununter-
brochen, daß sich keines
der beiden Insassen be-
wogen fühlte, seine Kehle
durch Ueberschreien des
Getöses anzustrengen.
Plötzlich huschte ein
trübes Licht am Wa-
genfenster vorüber, dann
ein röthlicher Schein,
der von einem Herd-
feuer kommen mochte,
und schließlich ließ das
dumpfe Rumpeln erken-

nen, daß man über eine Brücke fuhr; die Pferdehufe
klapperten auf Steinpflaster, der Wagen rollte unter
ein gewölbtes Einfahrtsthor und hielt vor einer matt-
erleuchteten Freitreppe.
„Wenn wir nur nicht zu spät kommen," wieder-
holte die Frauenstimme ihre Befürchtung.
Ein ältlicher Mann in der einfachen Kleidung eines
Dieners war durch das Gepolter des Wagens herbei-
gezogen worden. Er stand auf dem untersten Treppen-
absatze, ein Licht vor sich hinhaltend, das er mit der
freien Hand vor dem Luftzuge schützte. Sein Gesicht,
auf das der Helle Schein fiel, hatte einen Ausdruck von
erwartungsvoller Spannung, als ob er hoffe, eine will-
kommene Person dem Gefährt entsteigen zu sehen.
„Grüß Gott, Keller," tönte die Männerstimme,

Wer klopft? Nach einem Gemälde von C. H. Arnold. (S.45lp
 
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