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Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 24.1889

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https://doi.org/10.11588/diglit.51129#0507
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Gebrandm a r k t.
Roman
von
V. Et. v. Suttner.
^Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
othar fühlte sich in Rottenhausen bald wie
ein gefangener Adler im goldenen Käfig.
.Er, der sonst frei in den Bergen umherge-
streift, heute in einer Sennhütte, morgen in
einem Heuschober genäch-
tigt, der gewohnt war, mit
allen Leuten, die ihm in den Weg
kamen, wie mit seines Gleichen zu 0er- §
kehren, er fand an dieser Existenz nur
wenig Reiz, ja Manches war thatsäch-
lich dazu angethan, in ihm geradezu
Erbitterung wachzurufen.
Um sich zu zerstreuen, hatte Lothar
im Schlosse eine Arbeit in Angriff ge-
nommen, die durchaus nicht nach dem
Geschmacke seines Vaters war. Da es
sich Letzterer einmal in den Kopf gesetzt
hatte, den großen Saal im Rococosthl
ausschmücken zu lassen, so war Lothar
zu dem Entschlüsse gekommen, ein pas-
sendes Deckengemälde anzufertigen. Er
ließ sich durch die Einwürfe seines Va-
ters nicht beeinflussen, sondern ging mit
Eifer an sein Werk, wissend, daß diese
Beschäftigung ein ausgezeichnetes Mittel
war, seine Gedankenvoll all'den Dingen
abzuwenden, welche ihm die Laune ver-
darben.
Dieser Arbeit widmete er mehrere
Stunden des Vor- und Nachmittags,
den Rest des Tages verbrachte er mit
Spaziergängen in der Umgebung von
Rottenhausen, die au hübschen Aus-
sichtspunkten und Waldparthien ziem-
lich reich war. Der Baron war zwar
bestrebt, den Sohn für „standesgemäße"
Beschäftigungen zu interessiren, aber das
wollte durchaus nicht gelingen.
lieber das und anderes noch gab es
wiederholte Auseinandersetzungen, die
schließlich zur unangenehmen Gewohn-
heit wurden. Vater und Sohn konnten
sich absolut nicht verstehen und einigen.
Da gab es dann oft Funken, wenn die
Beiden aneinander geriethen, und Jeder
fühlte sich in der Gesellschaft des An-
deren von Tag zu Tag unbehaglicher.
Adelina bot dem Bruder auch keinen
Ersatz. Sie nahm immer mehr und
mehr die Ideen des Vaters an und
fand viel Gefallen am Umgänge mit

stift, um dann schwarz gekleidet einher zu gehen und
„gnädige Frau" titulirt zu werden.
Somit blieb nur Lothar's Mutter, mit der er auch
in der That am meisten verkehrte. Sie verstand ihn,
sie theilte in vielen Fällen seine Ansichten, sie eiferte
ihn zur weiteren Ausbildung in seiner Kunst an, und
sie begriff vollkommen, daß er in Rottenhausen nicht
das Ideal seines Daseins fand.

Die Arbeiten im Schlosse gingen schnell von Statten,
so daß Baron Rotten die Befriedigung hatte, Alles
pünktlich zur bestimmten Zeit vollendet zu sehen.
Selbstverständlich mußte die Ein-
weihung der neu hergerichteten Räume
in festlicher Weise gefeiert werden, und
zu diesem Zwecke waren schon iin Voraus
Einladungen an die Nachbarschaft er-
gangen. Da in einzelnen Schlössern
bereits Sommergäste erschienen waren,
so wurde um die Erlaübniß gebeten,
dieselben mitzubringen, ein Ansuchen,
dem der Baron natürlich mit Freuden
entsprach.
Lothar hätte gern diese Feier ge-
mieden und sich aus dem Staube ge-
macht, aber das wäre einem ernstlichen
Bruche mit dem Vater gleichgekommen,
und da ihn auch die Mutter eindring-
lich bat, so blieb er.
Dem Baron war es gelungen, sich
mit seinem nächsten Nachbar, dem Grafen
Altenberg, auf intimen Fuß zu stellen.
Dem Grafen, einem leidenschaftlichen
Jäger, war das Recht eingcräuint wor-
den, in den zu Rottenhausen gehörenden
Waldungen nach Belieben seinem Ver-
gnügen nachzugchen, und dafür zeigte
er sich in so ferne erkenntlich, als er
dem Nachbar das freundschaftliche „Du"
antrug und ihm hin und wieder mit
nützlichen Rathschlägen zur Seite stand.
Nach seinen Angaben war auch der kleine
Hofstaat, mit dem sich der Herrscher von
Rottenhausen umgeben hatte-^gusge-
stattet worden.
Seinem Versprechen gemäß erschien'
Graf Altenberg am festgesetzten Tage
etwas früher, als die anderen Gäste.
Er fuhr in eleganter Equipage vor, an
seiner Seite saß ein junger Mann, der
dem Baron unbekannt war.
„Verzeihung, lieber Freund," sagte
der Graf, aus dem Wagen springend,
„daß ich da noch Jemanden mitbringe:
mein Neffe, Graf Rodenfels, der mich
ciu paar Stunden vor meiner Abfahrt
mit seinem Besuche überrascht hat. Ich
wollte ihn nun doch nicht allein zu
Hause lassen und —"

ihren Altersgenossinnen aus der aristokratischen Nachbar-
schaft. Anfangs hätte sie gern den Bruder in den Wirbel
mitgczogen) war er doch ein hübscher, fröhlicher Junge,
der in diesen Kreisen gewiß sein Glück gemacht hätte,
allein er zeigte sich so zurückhaltend und einsilbig in
jener Gesellschaft, daß sie es bald aufgäb, den „Duck-
mäuser" nach ihrer Idee umzuformen.
Tante Martha, mit der er früher nicht ungern ver-
kehrt, war urplötzlich eine Frömmlerin geworden, die
zwar den weltlichen Freuden und Genüssen durchaus
nicht entsagte, aber mit einer gewissen Selbstgefällig-
keit ihre Frömmigkeit zur Schau trug. Auch erwartete
sie mit Ungeduld ihre Aufnahme in das adelige Damen-

Friihstiicksgiiste. Nach einem Gemälde von F. Schlesinger. lS. 507)
 
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