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Da, vor einem Jahre, an einem ebenso nebeligen
Herbsttage, wo der Wind mit gleicher Kraft die gelben
Blätter von den Bänmen jagte, war Friedrich Golz
in das Zimmer zu Marie getreten und hatte sie mit
vor Bewegung rauher Stimme gefragt: „Willst Du
mein Weib werden, geliebte Marie?"
Ihr überraschtes Herz setzte einen Moment aus vor
Bestürzung, Thränen netzten ihre Wimpern.
Da nahm er sie in seine Arme. „Liebe Marie!"
sagte er leise. Dabei tropfte es auch von seinen Wim-
pern auf ihre gefalteten Hände.
Vier Wochen später führte er die junge Frau in
sein vereinsamtes Haus. Mit ihr kam der lang ent-
behrte Sonnenschein wieder.
Marie belohnte seine Liebe überreich. Sie wollte
ihm schenken, was er so oft, so lange umsonst ersehnt,
was er als unerfüllbar bereits für immer aufgegeben:
einen Erben. Von Sorgfalt und Zärtlichkeit umgeben,
sah sie das Frühjahr kommen und die Spätsommer-
fäden ziehen.
Beim herbstlichen Rauschen der Bäume vernahm
sie den ersten Schrei ihres Kindes, hielt Friedrich Golz
fein Töchterchen freudig im Arm, diesen schönen An-
fang endlichen Familienglückes.
Und dann verfinsterte sich die Glückssonne jäh. Die
Fieberschauer der jungen Mutter gaben der Hoffnung
keinen Raum mehr.
Sie ahnte ihren Tod nicht. Sie wollte ja noch
lange und glücklich leben.
Er versprach ihr Alles, was sie müde lächelnd for-
derte. Ihm selbst saß der Tod dicht am Herzen, als
er es versprach.
Seine Kniee, die das Beugen nie gekannt, sanken in
maßloser Verzweiflung neben dem Lager feines sterben-
den Weibes zu Boden, und seine Lippen, die das
Schluchzen lange verlernt, drückten sich tief in die
Kissen, den Aufschrei der Seelengual zu ersticken, der
unaufhaltsam unter strömenden Thränen hervorbrach.
Marie wußte davon nichts. Ohne Besinnung, ohne
Kümmerniß schied sie aus der Welt, die ihr so viel
Verheißen und so wenig erfüllt hatte.
Und heute, an diesem grauen Herbsttage, der seine
feuchten Nebel durch die geöffneten Fenster streichen
ließ bis an den Sarg, worin die Todte ruhte, sollte
das Leichenbegängniß stattfindeu.
Friedrich Golz, der sich nur mühsam aufrecht hielt,
und eine entfernte Verwandte, die Gattin des Ober-
försters Lichtweg, waren die einzigen Hauptleidtragen-
den bei der Trauerfeierlichkeit.
Der Abend kam. Der Vater hielt sein schlafendes
Töchterlein im Arm. Marie sollte es heißen nach der
Verstorbenen.
Die Oberförsterin, eine runde, gntmüthige Frau,
erbot sich, die Kleine für die ersten Jahre zu sich zu
nehmen, obwohl ihr Sohn bereits das Gymnasium mit
gutem Erfolge besuche. Aber Friedrich Golz, einen
Blick auf das geliebte Antlitz seines Kindes werfend,
erklärte, eher von seinem Leben, als Von diesem letzten
Pfände seines Glückes lassen zu wollen.
Doch zwei Jahre später fühlte Friedrich Golz, daß
der Gram nicht umsonst an seinem Herzen genagt hatte.
Er fügte seinem Testamente folgende Bestimmung bei:
„Ich übergebe meine Tochter Marie dem Ober-
förster Lichtweg und de en Gattin zur Pflege, wofür
dieselben, wenn sie ihre Pflicht redlich an der eltern-
losen Waise erfüllen, ein jährliches Erziehungsgeld im
Betrage von fünftausend Mark ausgezahlt erhalten
sollen."
Kaum drei Monate später ward der Erblasser aus
diesem Leben abgcrufen, nachdem er sein Kind gesegnet.
Die Frau des Oberförsters erschien abermals in
dem jetzt völlig verödeten Hause, küßte die Kleine unter
Mitleidsthränen, ordnete deren Hinterlassenschaft, so-
weit ihre Befugnisse dies gestatteten, packte das Not-
wendige zusammen, miethete eine Kinderpflegerin und
fuhr mit dieser und der kleinen Marie schleunigst da-
von, da sie ihren Sohn zu den Osterferien daheim er-
wartete.
Das leere Haus bezog alsbald der von Friedrich
Golz ernannte und vom Vormuudschaftsgericht bestätigte
Verwalter der Annengrube. —
An einem sonnenhellen Frühlingstag hielt Marie
auf den Armen ihrer Wärterin ihren Einzug in die
Oberförsterei. Dieselbe lag mitten im Walde. So
nahe drängten sich die Zweige um das schmucke Ge-
bäude, daß sie fast in Mariens Kinderstube hineinnickten.
Der Oberförster, ein ernster, kurz angebundener
Mann mit bereits stark ergrauteni Haar und Voll-
bart, stand in der Hausthür, als der Wagen mit seiner
Gattin und dem neuen Familienzuwachs vor dem-
selben hielt.
Seine Frau, welche den letzten Theil des Weges
nach ihrer Gewohnheit mit Aufspringen, Hinsetzen und
Umsehen zugebracht, sprang trotz ihrer Fülle wie ein
Gummiball vom Tritt herab.
„Guten Tag, Emmerich! Da sind wir! Wie geht
es Dir? Was macht das Kälbchen von der Roth^
scheele? Hier ist die Kleine! Was schreibt Rudolph?

Das Buch für Alle.
Es ist doch ein Brief von ihm da? — Nein? Wo ist
er? Hast Du ihn bei Dir?"
„Hole Athen,, nnd wenn's Dir möglich ist, recht
tief," sagte der Oberförster flüchtig lächelnd.
„Aber Du antwortest mir ja gar nicht!" rief sie,
ihn rasch küssend.
„Auf was zuerst? Kalb, Brief, Rudolph? — Na,
sei willkommen! Laß mich die Kleine sehen."
Die Oberförsterin nahm das Kind, welches sich
neugierig und furchtsam zugleich umschaute, der Wär-
terin ab und hielt es ihrem Gatten entgegen. „Sieh,
Marie, sieh, dies ist Dein Onkel. Sage Onkel! Willst
Du nicht? — Gefällt sie Dir, Emmerich?"
Der Oberförster sah schweigend auf das hilflose
kleine Wesen, welches noch vor Kurzem das höchste
Glück eines Menschen ausgemacht hatte und jetzt auf
fremdes Mitleid angewiesen war.
„Gefällt sie Dir nicht, Emmerich? Lache 'mal,
Marie!"
Statt dessen warf das Kind, eingeschüchtert von
dem fremden bärtigen Antlitz, heftig das Köpfchen zur
Seite und fing an laut zu weinen.
„Bringe sie fort!" sagte der Oberförster ruhig.
„Armes kleines Ding!"
Seine Gattin, welche auf einen anderen Erfolg ge-
rechnet hatte, befahl der Kinderfrau mißmuthig, ihr
zu folgen, und geleitete Beide in ein trauliches Giebel-
stübchen, wo die grünen Buchenzweige leise gegen die
Fensterscheiben pochten.
Dann kehrte sie zu ihrem Gatten in das Wohn-
gemach zurück.
Er ging langsam darin auf und nieder, von seinem
Lieblingshunde treulich gefolgt.
„Nun, Emmerich," fragte Frau Klara besorgt, „ist
Dir's nicht recht?"
Der Oberförster blieb stehen. „Was soll ich sagen?
Nein, recht ist mir's nicht!"
„Aber bedenke doch das Geld, die fünftausend Mark
jährlich!"
„Nun ja, das Geld," wiederholte er kopfnickend.
„Du hast ja genug darüber gepredigt, nun kriegen
wir's ja."
„Aber Rudolph, unser guter Rolph —" fiel sie
hastig ein. „Er soll und kann davon studiren."
„Nun, seinethalben gab ich ja auch nach, aber
brauchen thut er's ebenso wenig, als wir es nöthig
haben; es hätte auch so gereicht. Ich sehe nicht ein,
weshalb der Bursche es besser haben soll, als sein
Vater. Habe mich auch einschränken und durch's Leben
schlagen müssen und es doch zu etwas gebracht."
„Wenn man's aber haben kann —"
„Nimmt man sich eben die Unruhe in's Haus, den
Aerger und die Verantwortung," unterbrach er sie
ruhig. „Denn wenn ich einmal Ja zu etwas gesagt
habe, weißt Du wohl, dann biege ich die Sache auch
durch. In diesem Falle ganz so, als ob es mein eigen
Fleisch und Blut sei. Verstanden?"
„Das Testament, Emmerich —"
„Ei was! Eine fremde Prinzessin im Hause, die
uns unsere Mühe bezahlt und thun kann, was ihr ge-
fällt — danke schön! Gehorchen wird das reiche Fräu-
lein, und wenn sie zehn Millionen hätte und aüe Leute,
die Söhne haben — wie zum Beispiel Du selbst —
Zeter darüber schrien. Das merke Dir, mein Schatz,
der Oberförster Lichtweg fackelt nicht!"
„Wenn nur der Junge sich willig in diesen An-
hang finden möchte!" fiel Frau Klara besorgt ein.
„Das möchte ich erleben. Gern oder ungern. Du
hast's ja gewollt, hast alle diese unnöthigen Erörte-
rungen mit Gewalt in's Haus gebracht. Nun sind sie
glücklich d'rin. Aber den Jungen holt der Kukuk, wenn
er zu mucksen wagt über unsere Beschlüsse."
„Nun gut," sagte die Oberförsterin ergeben, wäh-
rend sie den Entschluß faßte, die Kleine so viel als
möglich aus ihres Eheherrn Nähe fernzuhalten. „Das
arme Geschöpf! Ihr werdet es Alle mir schon noch
einmal danken."
„Weib," rief der Oberförster halb ernst, halb scher-
zend, „gib doch der Wahrheit wenigstens einmal die
Ehre! Sage, daß Du an das Wohl des armen Wur-
mes nicht entfernt gedacht hast bei Deinem sogenannten
Samariterwerk, sondern daß Du nur die fünftausend
Mark jährlich auf Zinsen legen und außerdem Deinem
Sohne eine glänzende Parthie in Sicherheit bringen
wolltest. — Karo," fuhr er fort, feinem Jagdhund die
gebräunte Hand auf den Kopf legend, „ist's nicht so?"
Der Hund bellte als Erwiederung laut auf.
Der Oberförster lachte. „Da hörst Du's! Nun,
laß es gut sein — Du allein hast ja die Mühe da-
von. — Und jetzt lies diesen Brief; Rolph kommt
morgen Mittag."
Frau Klara, deren ganzes Glück in ihrem einzigen
Sohn wurzelte, lief entzückt aus der Thür, die nöthigen
Vorbereitungen zu seinem Empfange zu treffen. —
Am anderen Tage erschien Rolph Lichtweg pünkt-
lich im Elternhause. Er nahm sich kaum Zeit, vom
Wagen zu springen, als er auch schon an der Brust
der Mutter lag, ihr Gesicht mit Küssen bedeckend.

Heft 1.
„Na, guten Tag, mein Bürschchen," sagte der Ober-
förster. „Wollen wir nicht auch einmal hierher sehen?"
Der Knabe fuhr hastig mit der Hand über seine
feuchten Augen und nahm eine feste Haltung an.
„Flennen wir wieder ein bischen?" sagte der Ober-
förster, indem er, ohne die kurze Pfeife aus dem Munde
zu nehmen, feinem Sohne die Rechte entgegen streckte.
Dieser ergriff sie und drückte seine frischen Lippen
darauf. „Guten Tag, Vater!"
Der Alte nickte. „Komm 'mal her. Junge. Sieh
'mal, was wir hier haben!"
Die Oberförsterin war rasch in's Haus getreten
und erschien jetzt wieder mit der kleinen Marie auf
dem Arme.
Rolph Licht veg öffnete vor Staunen den Mund.
„Na, was meinst Du Wohl, Junge, wer das
hier ist?"
„Bleibt sie hier bei uns?" fragte Rolph, noch immer
athemlos vor Ueberraschung.
Der Oberförster nickte, während die Mutter be-
sorgten Blickes das Antlitz ihres Sohnes beobachtete.
„Deine Schwester ist es," sagte er dann kurz. „Wir
haben das Waisenkind ausgenommen. Du wirst sie
behandeln wie Deine Schwester."
Der schlank gewachsene Knabe mit den dunkeln,
krausen Haaren und den Hellen, braunen Augen nickte
gehorsam. Die Kleine kam ihm vor wie eine Wachs-
puppe im Schaufenster, die er zur Weihnachtszeit so
oft bewundert.
„Mutter," fragte er leise, „wie heißt sie?"
„Marie," sagte die Oberförsterin gerührt.
Das Kind, welches bis dahin unverwandt auf die
Erscheinung des Knaben geblickt, ward bei Nennung
seines Namens lebendig.
„Marie!" wiederholte er lächelnd.
Da lachte die Kleine mit und streckte beide Arme
nach ihm aus. Unwillkürlich trat er näher. Ehe er
sich's versah, umklammerte sie ihn mit beiden Händen
und hing fest an seinem Halse.
Rolph Lichtweg stand äußerst verlegen da. Er er-
röthete über und über.
„Nun, Junge," rief der Oberförster lachend, „ge-
brauche doch Deine Arme. — Gib sie ihm, Mutter."
Die Oberförsterin trat zurück.
Da hielt Rolph die Kleine allein auf dem Arm.
Sie hüpfte vor Vergnügen und küßte ihn nach Kinder-
art mitten auf Nase und Augen, daß er hell auflachen
mußte. „Närrisches Ding, was fällt Dir ein!"
„Nun geh'. Junge, und spiele mit ihr," sagte der
Alte. „Und wenn sie unartig ist, rnfe die Mutter.
Du selbst darfst sie nicht anrühren, nie; verstanden?"
„I bewahre!" sagte Rolph, mit ihr davoneilend.
„Sie ist ja zerbrechliche Waare." —
Und so spielten sie miteinander jahraus, jahrein.
Rol ch's Kommen war der Lichtpunkt in der kleinen
Marie einsamem Dasein. Sie wurde sorgsam gepflegt
und wohl erzogen, aber Liebe ward ihr nicht viel
zu Theil.
Das rauhe Wesen des Oberförsters, welcher gleich-
wohl mit vollkommener Unparteilichkeit ihre Kindes-
rechte in seinem Hause wahrte, hatte vom ersten Mo-
ment an abschreckend auf Marie eingewirkt. Sie fürchtete
den großen, strengen Mann, über dessen Lippen nie-
mals ein zärtliches Wort zu ihr gedrungen, der sie
bei der geringsten Widersetzlichkeit, bei jedem Thränen-
erguß stumm bei der Hanv nahm und aus der Stube
führte, bis sie endlich gelernt hatte, willenlos zu ge-
horchen.
Bei solchen Gelegenheiten suchte sie wohl zuerst
Tröstung am Herzen der Oberförstcrin, aber diese, leicht
ungeduldig und auch ohne wärmeres Gefühl für das
angenommene Pflegekind, vermied es ängstlich, ihrem
Gatten mißfällig zu werden, und wies die verlangende
Kleine daher ohne Liebkosung zurück.
So blieb sie allein mit ihren kleinen Freuden, ihren
kleinen Kümmernissen.
Es war, als habe das jammervolle Geschick ihrer
ersten Lebenstage einen Stempel auf Mariens ganzes
Wesen gedrückt. Aeußerlich immer mehr das Bild
ihrer Mutter, nahm sie von Jahr zu Jahr ein stilleres,
in sich verschlossenes Wesen an. Sie fühlte, daß ihrem
Dasein etwas fehle, daß sie in Gegenwart anderer
Kinder nicht vollberechtigt sei; sie fühlte, daß ein
Unterschied zwischen ihr und Rudolph Lichtweg, ihrem
Bruder, bestehe, ohne daß derselbe sich jedoch einer
zärtlicheren Behandlung Seitens des Oberförsters rüh-
men konnte.
Und so ward sie furchtsam, verlegen, scheu. Die
Leute nannten sie ein zurückgebliebenes Kind, geistig
und körperlich, wenn Marie sich geflissentlich aus dem
Zimmer drückte, und beneideten doch den Oberförster
glühend um die fünftausend Mark Erziehungsgelder.
Als Marie älter wurde, begann sie über sich und
ihr Verhältniß zu den Lichtwegs nachzudenken. Eines
Tages fragte sie die Oberförstcrin geradezu: „Wie
kommt es, Tante, daß ich zu Dir nicht Mutter sage,
wie Rolph es thut? Und zu dem Onkel nicht Vater?"
„Weil wir — weil Du — ich werde Dir das ein
 
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