Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 27.1892

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M ii. JUustrirte Familien-Zeitung. Ä-hrg. mr.




Die goldene Gans.
Roman
Georg Kartwig.
(Forts. it. Schluß.)
-_ (Nachdruck verboten.)
unstig stieg die Sonne empor. Wal-
lender Nebel lag ans dem Erdboden.
Er hüllte Alles in seinen Weißen
Mantel. Zwischen den Baumzweigen
hingen lange, feuchte Schleier nieder.
Man sah die Bögel
nicht, Welche ihr Mor-
genlied dahinter jubel-
ten. Erst als der Lsten in Feuerfarbe
anfglühte, und aus dem rvthen Wol-
kenbrande die Sonnenkugel mit goldi-
gem Blitzen emporstieg, fielen die Nacht-
gewänder der Natur, diese nebligen
Tücher, langsam zu Boden. Einen
Augenblick später funkelte es ringsum
auf wie von Millionen Edelsteinen,
dem Festgeschmeide des Tages, welches
er der Erde um das blumige Gewand
schlingt.
Auf der Annengrube wurde es heute
noch zeitiger lebendig als sonst. In
größeren und kleineren Gruppen eilten
die Bergleute zu dem Einfahrtsgebünde.
Man konnte zweierlei Physiogno-
mien unterscheidens ungewisse Span-
nung auf den Gesichtern der älteren,
Trotz und Leidenschaft in den Zügen der
jungen Knappschaftsmitglieder.
Biele der Streikenden hatten ihren
Muth in den Branntweinflaschen des
Schäukwirthes gefunden.
Als Dominik Sczuliz erschien, ging
es wie ein fieberndes Zucken durch die
heftig gestikulircude, aufgeregte Menge.
Er trat rasch hinzu, einen Prüfen-
den Blick über die Köpfe werfend.
„Sie haben die richtige Witterung.
Sie kommen Alle. Nur Garnig fehlt
noch. Jetzt fest! Wer nachgibt, bevor — "
Er konnte die Drohung nicht voll-
enden. Das gestimmte Beamten- und
Aufsichtspersonal der Annengrube trat
ein. Zugleich verkündete nebenan im
Maschinenhause der qualmende Schlot
und das Getöse der Dampfpfeife, daß
die Einfahrt angetreten werden könne?
Unter allgemeinem Schweigen trat
Steiger Roller vor, nach allmorgend-
lichcm Brauche die Namen der Ein-
fahrenden abzulesen.
Das Ivar das Zeichen zum Aus-
bruch des Streikes. Noch einmal ging
das fieberhafte Zucken, der Wirkung des

ersten Schusses vergleichbar, welcher die Schlacht
einleitet, durch die Reihen, daun trat Dominik Sczuliz
fest vor und sagte laut' „Es wird nicht eingefahren!"
Sofort riefen Alle tumultuarisch. „Wir fahren
nicht- ein. Wir nehmen die Arbeit nicht auf !"
Einige junge Burschen versuchten zugleich, dem
Steiger die Namenliste aus der Hand zu reißen.
„Weg mit dem Wisch! Wir brauchen ihn jetzt
nicht!"
Roller streckte abwehrend die Hand aus. „Wißt
ihr auch, daß ihr euch mit dieser Widersetzlichkeit einer
ungesetzlichen Handlungsweise schuldig macht? Ihr
müßt die Kündigungsfrist innehalten!"
„Den Teufel müssen wir!" schallte es als Antwort
niit Zischen und Hohnlachcn untermischt.

Eile mit Weile. Nach einem Gemälde von H. Hirschfelder. (S. 283)

„Ruhe! Tretet zurück!" ertönte Garnig's Stimme.
„Wir waren, wie ihr seht, darauf vorbereitet, ver-
nünftige Einwände mit Wohlwollen anznhören. Was
wollt ihr? Worüber klagt ihr? Was fordert ihr?"
Da war kein-EinzelsPrechenmehr möglich.-DieFurcht-
samen wurden widerstandslos fortgerissen von dem Bei-
spiel ihrer heißblütigen Anführer. Aller Stimmen
wirbelten ineinander. Man unterschied in diesem wüsten
Lärm nur einzelne grell hervorgestoßene Schlagworte.
„Keine Ueberschicht! Keine Sonntagsarbeit! Ver-
kürzte Arbeitszeit! Lohnerhöhung!"
Direktor Garnig ließ den ersten Sturm ruhig aus-
toben. Durch Anrufung der verständigen Elemente,
der Familienväter, glaubte er noch immer eine güt-
liche Einigung erzielen zu können.
„Eine Aufbesserung der Löhne fin-
det statt, soweit dies die wirthschaft-
liche Lage gegenüber der Konkurrenz ge-
stattet. Auch die Bestimmungen über
die Schichtdaner sollen zu euren Gun-
sten geändert werden. Ebenso sollt ihr
anderweitige Erleichterungen erfahren,
soviel die gegenwärtigen Revierverhält-
nisse gestatten. Damit werdet ihr zu-
frieden sein! Ich spreche nicht zu den
unreifen Hitzköpfen, sondern ich wende
mich an die besonnenen Familienväter,
denen ich das Elend eines längeren
Streikes gern ersparen möchte."
Garnig hatte mit Nachdruck ge-
schlossen. Ein johlendes Gelächter aus
den vorderen Reihen antwortete ihm.
Aus der Menge trat ein Häuer auf
ihn zu. „Feste Zusage wollen wir.
Solche Versprechungen sind Luark! Die
kann der Hund über Nacht fortlecken."
„Du hast acht Kinder, Mensch!"
rief Garnig, ihn bei der Schulter fas-
send und warnend schüttelnd. „Laß Dich
nicht hinreißen! Und ihr klebrigen,
nehmt die Arbeit ruhig auf, so soll
Alles vergessen sein, was jetzt hier
vorfiel. Mein Versprechen gilt trotz-
dem. Roller, verlesen Sie die Na-
men der Einfahrenden!"
Fast hätte diese ernste Mahnung
bei der Mehrzahl den Sieg davonge-
tragcn, als plötzlich Baler Earisius,
welcher in demselben Augenblick er-
schien, mit lauter Stimme einem Un-
terbeamten zuricf: „Lassen Sie zunächst
die Schänke schließen. Aus diesem
schmutzigen -Loch haben sich die Narren
ihre Weisheit geholt."
Sobald Dominik Sczuliz diese
Stimme vernahm, stieß er einen hei-
seren Wuthschrei ans, welcher alle
Umstehenden förmlich elektrisirte. Er
hatte die Wirkung eines Alarmsignals.
Und der Kampf begann. Vorerst
zwischen den Streikenden selbst. Die-
jenigen, welche noch Miene machten,
sich dem Schacht zn nähern, wurden
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