Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 27.1892

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Das Räthsel der Bergnacbt.

in dem Wesen
nicht verstand,

Geheimer Negierungsnilh A. WcrnuUH, Neichskonimijsar für die Weltausstellung
in vhieago 18!v!.
Nach einer Photographie von W, Flehner in Berlin, (2, 47U)

besaßen, daß sie sich fremd gegenüber standen: der
lustigen Frau klang ein Sachen, Earlotta ein Weinen
durch die Welt,
Aber lvenn sie dem jungen Mädchen den Hang zur
Schwermuth, ihre Vorliebe für die düstersten Poeten
verzieh, wenn sie sich über deren mangelhaften Erfolg
in der Gesellschaft tröstete, so gab sic plötzlich einem
fast feindseligen Gefühle Raum, als sie bemerkte, daß
ein paar Männeraugen, die bisher nur für sic Be-
wunderung gehabt hatten, sich mit begeistertem Wohl-
gefallen den jugendlichen Zügen Earlvtta's zuwendeten.
Der hübschen, heiteren Gräfin war von jeher viel
der Hof gemacht worden. Aber sic war eine zu kluge,
zu praktische Frau, nm sich in die Gefahren einer Leiden-
schaft verstricken zu lassen. So hatten sich denn all-
mälig die Verehrer, die sich nm ihre Gunst bemüht,
zerstreut, um sich Anderen zuzuwenden bis auf Einen,
Major Rolfs, ein deutscher Offizier, der wegen einer
unvorsichtigen Aeußerung, die einen Vorgesetzten ver-
letzt, den Dienst hatte verlassen müssen und sich nun
mit Malerei beschäftigte, hatte die Gräfin vielleicht
wärmer, aufrichtiger verehrt, als irgend ein Anderer,

Auch seine Huldigungen waren zurückgcwicsen worden,
lachend, in liebenSwürdig-scherzender Weise, dabei sehr
bestimmt. Auch er hatte eine Zeitlang geschmollt und
sich fern gehalten, aber er Ivar wiedcrgekommen, um
sich mit der Freundschaft, die ihm gewahrt wurde, zu
begnügen. Er war für Tina allmälig unentbehrlich
geworden. Er hatte Zeit, um ihre Interessen zu theilcn,
die ihrem Gatten höchst gleichgültig waren: er mußte
ihr rathen, ob sie nun eine neue Toilette oder ein
neues Bild zu kaufen beabsichtigte. Er arrangirtc mit
ihr die Gesellschaften in ihrem Hause, vermittelte Be-
kanntschaften mit berühmten Persönlichkeiten, die sic
heranziehen wollte: sein trockener Witz, seine drastischen
Bemerkungen über die Menschen ihres Kreises waren
ihr die beste Würze eines Diners oder Soupers,
Und nun, da sie ganz nahe an die gefürchteten
vierziger Jahre hcranrückte, da die Zeit vorüber Ivar,
in der sie auf neue Bewunderung, neue Huldigungen
hoffen konnte, sollte sie mit anschen müssen, wie der
letzte Freund ihr fortrückte und vor ihren Augen einen
neuen Liebesfrühling ersehnte - er, der alternde Alaun,
auf dessen unverbrüchliche Freundschaft sie gebaut hatte!
Er war befangen, wenn Earlotta in's
Zimmer trat, er war zerstreut, wenn sie
in der Reihe weilte: er war schüchtern,
Wenn er mit dem Mädchen sprach: eine
späte Leidenschaft drohte seine alte Ver-
ehrung für die Freundin völlig in den
Hintergrund zu drängen,
Earlotta mußte verhcirathet werden!
Mit irgend Einem - so bald als mög?
lieh! Das war der Gedanke, der mit un-
gewohntem Ernst Kops und Herz der
Sie lud mehr junge
sic arrangirtc

Gräfin beherrschte,
Leute als bisher in's Hain
kleine Familieuabende in engerem Kreis,
da sic wohl wußte, daß in der großen
Gesellschaft sich nicht leicht ein Alaun dem
verschlossenen, scheuen Mädchen nähern
würde.
Man mnsizirtc an den Donnerstagen
iiu Salon der Gräfin, und es war eine
Auszeichnung für die jungen Landsleute,
die im Hotel des Gesandten ihre Karte ab-
gaben, zu diesen Abenden aufgefordert zu
werden,
Earlotta hatte feines, musikalisches Ver-
ständnis; und eine nicht umfangreiche,
aber sehr wohlklingende Altstimme, Ihr
eigenartig-tränmisches Wesen kam in der
Wahl ihrer Lieder, wie in der Art ihres
Vortrags, so recht zum Ausdruck,
Eines Abends lehnte sie am Flügel,
auf dem ein geschickter Musiker die Be-
gleitung spielte, und trug mit der leisen,
fremden Betonung, die sie noch für deutsche
Worte beibehalten hatte, das bekannte
Lied vor:
„Stell' auf deu Tisch die duftigen Reseden,"
Sie Ivar bereits an der letzten Strophe:
„Es blüht und funkelt heut ans jedem Grabe,
Ein Tag im Fahre ist den Tobten frei.
Komm' an mein Herz —"

ie Gräfin gab dem Heim, in dem nun
Earlotta aufwuchs, das Gepräge ihres
heiteren Naturells, Das kleine Mäd-
chen wurde nicht in die Schule ge-
schickt : eine Gouvernante und vortreff-
liche Lehrer sorgten für Erziehung und
Unterricht. Tina hatte, sobald einmal das gesellschaft-
liche Leben begonnen, wenig Zeit, sich um die Kleine
zu kümmern: aber sie veranstaltete reizende Kinder-
bälle; sie lud, wenn sie im Sommer auf die Villa
reiste, ein Paar Gespielinnen für Earlotta ein.. Hier,
wo sie nicht von ihrem Vergnügungsprogramm in
Anspruch genommen wurde, machte es
ihr die größte Freude, mit den Kindern
im Park herumzutollen und sic zu lautem
Jubeln und Lachen zu reizen,
Earlotta war ihr zu still, zu scheu,
zu ernst.
Es blieb ein Etwas
des Mädchens, das sic
das sic peinlich berührte, und diese Em-
pfindung wuchs mit den Jahren, Als die
Zeit herankam, von der sie sich viel Spaß
versprochen hatte, als sie ihren Schützling
auf Balle, in die Welt führen konnte,
bemächtigte sich der Gräfin eine hoch-
gradige Enttäuschung, Das Aeußerc des
Mädchens hatte ja gehalten, was cs ver-
sprochen, die Augen hatten ihren feuchten
Glanz, ihren bläulichen Schimmer, die
Wimpern ihren reizvollen Schwung nicht
verloren, daS etwas hagere Kindergesicht
hatte sich zu einem weichen Oval abge-
rundet, die feine, gebogene Rase stand
vielleicht eine Linie zu weit vor, aber
dieser etwas harte Zug wurde von dem
entzückend weichen Mund gemildert; auch
die bräunlich-bleiche Farbe der Wangen
wirkte unter den rosigen deutschen Mäd-
chengesichtern wie ein aparter Reiz.
Wenn die liebliche, schlanke Erscheinung
trotzdem nicht das Aufsehen erregte, das
die Gräfin erwartet hatte, so lag das
wohl an dem schmerzlichen Zug nm den
Mund, an dem Ausdruck der Augen, in
denen stets eine bange, ernste Frage zu
liegen schien, an dem leisen Schimmer der
Schwermuth, der die Gestalt überhauchte,
der so wenig in die große Welt paßte.
Wenn Earlotta sich auch mit zärtlicher
Dankbarkeit an ihre- Beschützerin an-
schmiegte, Tina fühlte doch, daß sie eigent-
lich keine innere Sympathie für einander

Voman
E. Merk.
(Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)

Jiluftvrvte Fmnilien-Deitnng.

Zahrg. 1892.

Heft 20.
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