Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 27.1892

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IUrrstvrvte Familien-Deitung

Iahrg. 1892.

Prin: Ferdinand von Hohenzollern, präinintiver Thronfolger von Rumänien. (S. 574)



aus, als in Gesellschaftstoilette; die Einfachheit klei-
dete sie.
„Es ist ja sehr freundlich von Ihnen," sagte sie
mit ihrer ruhigen Gelassenheit, „daß Sie eigens zu
mir kommen, um sich zu entschuldigen. Es wäre gar
nicht nöthig gewesen. Ich glaube nämlich gar nicht,
daß es Ihnen leid thut, was geschehen ist. Seien Sie
ehrlich thut es Ihnen leid?"
„Natürlich," sagte er, „ja — es ist sehr ärgerlich!"
„Ja — ärgerlich," entgegnete sie nicht ohne Spott,
„das ist das rechte Wort! Aergerlich ist es Ihnen -
weiter nichts! Der Zwischenfall stört Sie in Ihrem
Behagen — das ist Alles!"
„Sie haben ganz Recht," erklärte er offen, „er
stört mich — weiter nichts! Der Mensch thut mir
nicht leid. Ein unangenehmer Kerl — und so frech,
daß er eine Lektion verdiente! Ich finde es lächerlich,
daß inan in solchem Falle auf die gesellschaftlichen
Formen achten soll! llebrigens wird ja Herr Marr
nach seiner Genesung wissen, was er zu thun hat. Er

soll mich nur fordern — ich werde dem Burschen schon
Heimleuchten — habe ja meine Universitätszcit doch
nicht so ganz verloren!"
„Und Sie meinen, ein Duell, gleichviel wie cs aus-
geht, könne ihn schadlos halten?" fragte sie mit durch-
dringendem Blick.
„Er soll meinetwegen auch in barem Gelde ent-
schädigt werden!"
Sie sah ihn noch immer groß und vorwurfsvoll
au. „Ziehen Sie denn gar nicht in Betracht, daß es
auch für ihn eine große Unannehmlichkeit ist? Er ist
ja ein gebildeter Mann. Aber Sie denken eben nur
au sich. Ich gebe zu, er hat abstoßende Manieren,
aber er ist ein Mensch von tadelloser Lebensführung.
Glauben Sie, er habe keine Empfindung dafür, von
Ihnen die Treppe hinabgeworfen zu werden?"
Er hatte in der That noch nicht daran gedacht.
Wie kam er dazu, an Andere zu denken? Einen Augen-
blick neigte er dahin, ihr dies zu gestehen, aber sein
aristokratisches Selbstgefühl sträubte sich dagegen. Er
zuckte die Achseln und meinte kühl: „Ich kann
mir nicht vorstellen, daß Herr Marx so zart
besaitet ist. Geld wird die Sache wieder gut
machen."
„Mit anderen Worten: Ihnen scheinen Die-
jenigen, welche nicht zu auserlesenen Genüssen
vorherbestimmt sind, keine Menschen!"
„O, das sage ich nicht! Aber Herrn Marx
halte ich wirklich nicht für einen Menschen
meiner Art."
„Vielleicht hat er nichts Gemeinsames mit
Ihnen," sagte Irina ernst, „wohl aber mit
mir. Ich versorge nämlich meine Mutter,
und er sogar seine beiden Eltern. Das wird
uns immerhin ziemlich sauer; wir helfen ein-
ander aber, soviel wir können, denn wir haben
ein gemeinsames Lebensziel."
Ein wenig betroffen versetzte er: „Gewiß,
ich will ihn darin nicht stören! Im Gegen-
theil, die ganze Geschichte soll, materiell wenig-
stens, zu seinem Vorthcil ausgehen."
„Sie glauben mir vielleicht nicht glau-
ben vielleicht nicht, daß ein Mensch wie Marr
ein guter Sohn sein kann? Und es ist doch
so! Diese jungen Herren — denn er ist jung,
obgleich er nicht so aussieht - legen sich irgend
eine Manier zurecht, durch welche sie anffnllen
wollen, aus der großen Menge sich hervor-
heben. Bei dem Einen sind's die wallenden
Locken, bei dem Anderen eine wilde Frisur,
beim Dritten exccntrische Kleidung; bei Marx
ist's die Frechheit in Styl und Betragen. Aber
es ist eben nur Manier! Inwendig ist er weder
ein Genie noch ein Ideal, sondern ein guter
Kerl."
Irina bewirkte das Gegentheil dessen, was
sie beabsichtigte: Eugen ärgerte sich über ihr
Lob. Er erwiederte verstimmt: „Mir ist er ein-
fach widerwärtig, ich nehme ihn nicht ernst!"
„Rein," sagte sie, nunmehr auch gereizt,
„das sehe ich. Sie schieben ihn mit dem Fuß
bei Seite, denn — Eie sind ja reich!"
„Sie werden bitter."

Die graue Alauer.
Novelle
A v. Napss-Llsentljer.
(Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
atürlich wohnte Irina im vierten Stock.
'M „Das thun diese Art Leute immer,"
dachte Eugen. Daß der Miethspreis in
demselben Verhältnis) sinkt, als man
Treppen hinaussteigt, kam ihm gar nicht
in den Sinn.
Irina Wallow, mit ihren: wahren
Namen Helene Wallner, hatte eine ganz
kleine Wohnung inne, zwei Stuben und ein Schlaf-
kabinet, aber sehr freundlich, lichtdurchfluthet, mit
der Aussicht über einige Dächer nach den Wipfel-
kronen des Thiergartens. Es sah Alles nach
beschränkten Verhältnissen aus, aber mit dem
Bestreben nach Anmuth und Wohlgesülligkeit.
Nichts von den: geschmacklosen Kram des Phi-
listerhauses — keine Kanevasstickerei, keine Pa-
pierblumen, keine gehäkelte Tischdecke, kein
Prachtwerk auf dem Tische; aber Photographien
klassischer Bilderwerke, schöne Blattpflanzen,
einige Büsten von Terracotta. Der Nähtisch
war für die Mutter, der Schreibtisch für die
Tochter. Die Mutter besorgte die Wirthschaft,
die Tochter schriftstellerte; so fehlte es dem
Hause nicht an Behagen.
Eugen sah sich verwundert um. Er hatte
ja keine Vorstellung von dieser Art Mittelstand,
in dem man ein beschränktes und zugleich in-
nerlich vertieftes Leben führen kann.
Irina empfing ihn freundlich, aber merk-
lich kühl; der nächtliche Vorfall hatte, das sah
er, ihre Sympathie für ihn im Keime erstickt.
Er sah es sofort an ihrem gemessenen Wesen.
Er mußte versuchen, den häßlichen Eindruck zu
verwischen.
Nun saßen sie einander gegenüber. Irina
an ihrem Pult, wo jeder Gegenstand seine be-
sondere Bedeutung hatte, die paar Bilder,
Alles besondere Lieblinge Jrina's, der Epheu
von ihr gepflegt. Alles von persönlichen:, in-
timem Reiz. Und er dachte an die Fülle von
Prachtgegenstünden in seiner Wohnung, die
ihm ja gefielen, ihm aber doch recht fremd
waren. Und wie sie mit einem gewissen Stolze
ihre kleinen Schätze zeigte, verstummte er. Er
erschien sich arm in seiner luxuriösen Wohnung
an: Königsplatz für fünftausend Mark Jahres-
miethe.
Er kam jetzt auf den Zweck seines Besuches;
er entschuldigte sich, förmlich, trockenen Tones.
Sie sah ihn ans ihren großen, hellblauen
Augen an, ohne ihn mit einer Silbe, mit
einer Bewegung zu unterbrechen. In ihren:
einfachen Hauskleide sah sie eigentlich besser
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