Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 31.1896

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erfahren, mußten wohl trefflich zu seinen eigenen
Wünſchen gestimmt haben. Ç
„Wenn Sie nicht mehr als das Leben von mir

fordern, Fräulein v. Marschall," erwiederte er heiteren

Tones, ,so iſt Ihre Bitte im Voraus gewährt."

„O, es iſt nicht so leicht, wie Sie vielleicht glauben.
Aber ich darf es Ihnen nicht hier auf dem Gange
sagen, wo wir in jedem Augenblick gestört werden
können. Laſſen Sie uns in jenes Zimmer dort ein-
treten, Herr v. Plothow!“

Er folgte ihr bereitwillig, ein wenig überraſcht von
ihrer ſcheuen Befangenheit und dem gepreßten Klang
ihrer Stimme. Drinnen, wo das helle Lampenlicht auf
ihr marmorweißes Geſichtchen fiel, verwandelte ſich ſein
Befremden dann ſogleich in äußerſte Besſtirzu ne.

„Um des Himmels willen, Fräulein Eliſabeth, wie
verſtört Sie ausſehen! Ist Ihnen denn etwas Schlimmes
bcgcgguter seine Frage zu antworten, ſagte sie, indem
ſie ihm feſt in's Gesicht s! „Sie müssen mir bei Ihrer
Chre verſprechen, Herr Lieutenant, daß kein menſchliches
Wesen aus Ihrem Munde erfahren wird, was ich
Ihnen jetzt anvertraue.“

Sixtus v. Plothow zauderte nicht einen Augenblick,
ihrem Verlangen zu willfahren. „Was immer es ſein
mag, Fräulein v. I)arfchall ich gelobe bei meiner Ehre,
unverbrüchliches Schweigen zu bewahren.“

„Sie kennen meinen Vetter Franz von der Röcknitz ?“

Die Stirn des Offiziers bewölkte ſich leicht. „Ich
bin dem jungen Herrn ein paarmal begegnet,“ sagte er
ausweichend, „doch blieb unsere Bekanntschaft immer
sehr oberflächlicher Natur.“ .

„Genug, daß er Ihnen nicht fremd iſt. Sie werden
dann um so eher Mitleid mit der ſchrecklichen Lage
empfinden, in die er ohne seine Schuld gerieth. Mein
unglücklicher Vetter hat sich hierher geflüchtet vor den
Hsſchery, die ihn greifen und in's Gefängniß abführen
wollen.“

„In's Gefängniß? ~ Herrn von der Röcknitz? Ja,
mein Gott, was hat er denn Sträfliches gethan?“

„Er hat im Streit einen von den franzöſiſchen
Komödianten erſtochen, wie er sagt, einen beſonderen
Liebling des Königs. Und er fürchtet, zum Zuchthaus
oder gar zum Galgen verurtheilt zu werden, wenn man
sich seiner bemächtigt."

Nun war freilich nichts mehr von Heiterkeit und
Glücksſtimmung in Sixtus v. Plothow's Zügen. Traurig
und voll innigen Mitgefühls blickte er auf das zitternde
junge Mädchen. .

„Welch' ein ſchreckliches Ereignißk! Und Ihr Herr

Vater ~ er weiß noch nichts ?"

„Er weiß nichts, und er darf auch nicht früher
etwas erfahren, als bis wir dem Armen zur Flucht
verholfen haben. Das iſt es, um was ich Sie bitten
wollte, Herr v. Plothow.“

„Mich ? Verſtehe ich Sie recht, Fräulein Elisabeth ? ~
Um was wollten Sie mich bitten?"

„Um Ihren Beistand für einen Verzweifelten. Franz
glaubt, daß er gerettet sei, wenn es ihm gelingt, die

Thorwache unangefochten zu paſſiren. Denn mit Unter-

stützung eines zuverläſſigen Freundes gedenkt er ſich
draußen weiter zu helfen bis über die ſächſiſche Grenze.
Aber er bedarf vor Allem einer Verkleidung. Und wenn
Sie — wenn Sie ihm vielleicht eine Jhrer Uniformen
leihen wollten –

Der Lieutenant öffnete die Augen weit in betroffenem
Erſtaunen. „Das iſt unmöglich, gnädiges Fräulein!
Und es ist auch nicht Ihr Ernſt. Ich würde mich damit
ja in aller Form zu seinem Mitſchuldigen machen.“

„Wenn das ein Verbrechen iſt, ſo ſehen Sie, daß

auch ich entſchloſſen bin, es zu begehen. Aber mein
Gewissen macht mir darum keine Vorwürfe. Einen Ver-
folgten gegen den ungerechten Zorn der Mächtigen zu
ſchüten, kann nimmermehr eine Sünde ſein.“

„Fühlt Herr von der Röcknitz ſich ohne Schuld, so |

thäte er jedenfalls besser, die Gnade des Königs anzu-
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für ihn um nicht mehr und nicht weniger als um das
Leben handelt, finde ich es wohl begreiflich, daß er sein
Heil lieber in der Flucht als in dem Vertrauen auf
Friedrich's Gerechtigkeit suchen will. Auch Könige sind
nur Menschen, und mein unglücklicher Vetter wäre der
Erste nicht, der einem Juſtizmord zum Opfer fiele.
Ja, wenn der Ersſchlagene nicht gerade einer von diesen
Franzoſen wäre !“ ...:,
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Sie dringend, gnädiges Fräulein, ihm bei ſeinem toll-
kühnen Unterfangen hilfreiche Hand zu leisten. Wie
ich Ihren Herrn Vater kenne ~.
HyO, ich weiß wohl, daß er mir zuürnen würde, wenn
Pflicht der Barmherzigkeit zu erfüllen. Und warum
müßte er es denn auch erfahren? Sie werden mich
doch wohl nicht an ihn verrathen ?“

er es erführe. Aber das kann mich nicht abhalten, eine







D a s Buch für Alle.

ich schweigen werde, wahrhaſtig, ich würde ſelbſt vor

dem, was Sie einen Verrath nennen, nicht zurück-
schrecken, um Sie vor einer verhängnißvollen Unbesonnen-
heit zu bewahren."

Um Elisabeths Mundwinkel zuckte es in ſchmerz-
licher Bitterkeit. ;

„So war es also keine überflüſſige Vorſicht, daß
ich dies Gelöbniß von Ihnen begehrte. Faſt hätte ich's
unterlassen, denn noch vor Kurzem hegte ich eine beſſere
Meinung von Jhrer Freundschaft, Herr v. Plothow.“

„Könnte ich Jhnen doch nur beweisen, wie echt und
aufrichtig diese Freundſchaft iſt! Aber warum mußten
Sie tz auf diese Probe stellen, warum gerade
auf diese?“

„Das sind, wie mich dünkt, gar wohlfeile Phraſen,

Herr Lieutenant! Und ich will es besſer unausgeſprochen
laſſen, was ich darüber denke. Auch iſt zu müßigen
Wortgefechten jetzt keine Zeit. Drüben in meinem
Zimmer wartet ein Unglücklicher in Todesängſten, daß
ich ihm Rettung oder Verderben bringe. Nun, da ich
Ihre tugendhaften Grundſätze kenne, wäre es nutlose
hestlanleit: ihn noch länger in seiner Ungewißheit zu
aſſen.“
Jhr junges Antlit, war von einer ſtatuenhaften
Starrheit. Sirtus v. Plothow ſah, daß die Qualen
und Kämpfe einer einzigen Stunde das ſorgloſe Kind
hatten zum Weibe reifen laſſen. Und er ſah auch, daß
der Groll, den sie jeßt gegen ihn empfand, ein unver-
söhnlicher sein würde, wenn er sie ſo von ſich gehen
ließ. Ein wilder Zwiespalt wühlte in seinem Herzen,
der Zwieſpalt zwiſchen seinem Pflichtgefühl und seiner
Liebe, deren er sich nie zuvor ſo klar bewußt geworden
war wie in dieſem entſcheidungsſchweren Augenblick.

Schon war ſie an ihm vorüber bis zur Thür ge-

gangen, da trat er ihr mit bittender Geberde in den
Weg. ;
) ) ören Sie mich an, Fräulein Eliſabeth)i Ich
bin gewiß, daß Sie nicht einmal dunkel ahnen, einen
wie ſchweren Verſtoß gegen meine Pflichten als Offizier
und als Staatsbürger Sie von mir verlangen ~

„Ich verlangte einen Beweis Ihres Edelsſinns und
Ihres Muthes > ſonſt nichts!“ entgegnete sie kalt.
„Vielleicht wäre einige Gefahr dabei gewesen. Ich
kann es nicht recht einsehen, doch ich will es glauben.
Und ich begreife, daß Sie keine Ursache haben, ſich
meinetwegen in Gefahr zu begeben. Aber ein einfaches
Nein iſt mehr als genug. Daß ich Ihre –~ Jhre weiſe
Vorsicht auch noch bewundern werde, haben Sie doch
wohl nicht erwartet.“ f

„Für einen Feigling alſo halten Sie mich, Eliſa-
beth? Sie meinen, daß ich Ihnen nur um meiner
eigenen Sicherheit willen die Erfüllung der ersten Bitte
verſage ?"

Sie blieb ihm die Erwiederung ſchuldig; aber die
Bewegung, mit der sie sich von ihm abwandte, war
von grauſamerer Deutlichkeit als irgend ein geſprochenes
Wort. Sixtus v. Plothow grub die Zähne in die
Unterlippe, und seine breite Bruſt arbeitete ungeſtüm
wie nach einer ſchweren Anstrengung oder nach einem
stürmischen Ritt. Dann, in dem Augenblick, wo Eliſa-
beth ihre Hand auf den Thürdrücker legte, stieß er
nach einem letzten, furchtbaren Seelenkampfe hervor:
„Wohl – komme, was kommen mag - ich bin be-
reit, Ihren Wunſch zu erfüllen.“

Sie blieb zweifelnd, ungewiß, ob sie ein auf ſolche
Art erlangtes Zugeſtändniß annehmen oder zurückweisen
solle. Nun aber schienen mit einem Male die Rollen
zwiſchen ihnen vertauſcht, denn jetzt war es der junge
Offizier, der zu raſchem Handeln drängte.

„Warum zaudern Sie, da doch soeben noch die
Minuten ſo koſtbar waren? ~ Sie hören ja, daß ich
auf jede Gefahr hin thun will, was Sie von mir ver-
langen. Ertheilen Sie mir Ihre Befehle ~ ich werde
ihnen ohne Widerspruch gehorchen.“

Hätte es ihr eigenes Wohl und Wehe gegolten,
Cliſabeth würde seinen Beiſtand jetzt ſicherlich abgelehnt
haben. Aber es handelte sich um das Leben eines

Anderen, und sie durfte ſich nicht das Recht zugestehen,

auf Kosten ihres unglücklichen Vetters die Stolze und
Hochmüthige zu spielen. Darum kämpfte ſie alle ihre
Bedenllichkeiten nieder, und nach einem ſchüchternen
Dankeswort, das ihre Lippen kaum vernehmlich sprachen,
während ihre Augen den Boden ſuchten, ſagte sie in
ganz verändertem, demüthigem Tone: „Wie dürfte
ich Ihnen befehlen, da Sie doch hundertmal eher den
rechten Weg zur Rettung des Verfolgten finden werden,
als ich! Auf welchen Plan er selber seine Hoffnungen
setzt, habe ich Ihnen ja bereits gesagt.“

„Gut ~ und es mag dabei ſein Bewenden haben,

denn er allein ſoll die Verantwortung für das Ge-
lingen oder Mißrathen tragen. Darf ich Sie bitten,

gnädiges FFranletn, den Herrn von der Röcknitz hierher
. ru . ein zu gefährliches Beginnen. Nur
an dem Ort, wo er ſich gegenwärtig befindet, iſt er
vor einer Ueberraſchung durch meinen Vater geſichert.
Man müßte die Verkleidung, die ihn retten ſoll, dort-

„Hätte ich Ihnen nicht mein Wort verpfändet, daß | hin zu ſchaffen suchen."



Heft 17.

Sixtus v. Plothow schüttelte den Kopf. „Daran
nicht zu denken. Wenn Ihr Vetter ſich in meine



iſt
Uniform kleiden will, kann das einzig in meiner Woh-
nung geschehen. Der Weg dahin iſt nicht weit. Selbſt
wenn bereits nach ihm geſucht werden sollte, wird man
ihn in meiner Begleitung ſchwerlich anhalten, und er
kann sich zum Ueberfluß in meinen Offiziersmantel
hüllen, den ich sogleich aus dem Ordonnanzzimmer
holen werde. .. :

Der kalte und gemessene Ton, in dem er dies Alles
sagte, verrieth nur zu deutlich, wie ſchwere Ueberwin-
dung ihn die Theilnahme an dem Abenteuer koſtete.

Jedes seiner Worte gab Elisabeth einen Stich in's
Herz. Sie fühlte ſich beſchämt und unglücklich. Die
Thränen standen ihr in den Augen. Aber ſie dachte
an die entsetzlichen Augenblicke, die ſie vorhin in ihrem
Schlafzimmer durchlebt hatte, an die Todesangſt des
Verfolgten, an sein verzweifeltes, jammerndes Flehen
~ und unter dem Einfluß dieser Vorſtellungen ſchwand
ihre Empfindlichkeit dahin.

„So holen Sie den Mantel, Herr v. Plothow,“
ſagte ſie leiſe. „Ich werde . hier auf Zhre Rückkehr
warten, um Sie dann zu meinem armen Vetter zu
ühren.“
| n a nach Verlauf weniger Minuten trat er wieder
ein, den zuſammengelegten Offiziersmantel über dem
Arm. Schweigend ging Eliſabeth ihm voran bis an
die Thür ihres Zimmers, an die ſie vorsſichtig pochte,
um dann mit gedämpfter Stimme dem darin Ein-
geſchloſſenen zuzurufen: „Oeffne mir, Franz! Du haſt
nichts zu fürchten, denn ich bringe Dir einen Freund
und Retter.“ /

Behutſam wurde drinnen der Schlüſſel gedreht,
einer der Flügel that sich behutſam um ein Geringes
auf, und das geſpenſterhaft farblose Antlitz des Flücht-
lings zeigte sich in dem ſchmalen Spalt. Betrofsfen
wollte er beim Anblick des Offiziers zurückweichen, denn
seine erste Regung war naturgemäß der Gedanke an
eine Verrätherei. Eliſabeth hatte jedoch bereits ihren
Fuß auf die Schwelle geſetzt, und in raſchen, eindring-
lichen Worten theilte sie dem Zitternden mit, daß der
Lieutenant v. Plothow ſich auf ihre Bitte bereit gefunden
habe, seine Flucht zu unterſtützen, und daß er ſich rück-
haltlos seiner Führung anvertrauen dürfe.

Wie ein zum Tode Verdammter, dem am Fuße des
Schaffots seine Begnadigung verkündet wird, athmete
Franz von der Röcknit auf. Stammelnde, ſchluchzende,
überſchwengliche Worte des Dankes kamen von ſeinen
Lippen. Der junge Offizier aber, der außerhalb des
Zimmers stehen geblieben war, unterbrach in ernsſtem,
fast befehlendem Tone seine Versicherungen. .

„Dazu haben wir jetzt nicht Zeit. Auch geschieht
das, was ich thun werde, nicht um Jhretwillen, Herr
von der Röcknit ! Laſſen Sie Ihren Mantel hier zu-
rück und nehmen Sie statt deſſen den meinigen. Alles
Weitere können wir unterwegs besprechen. Sie dürfen
das gnädige Fräulein nicht länger durch Ihre An-
wesenheit gefährden.“

Ohne Widerſtreben gehorchte Franz der dringenden
Aufforderung. Doch bevor er das Gemach verließ,
wandte er sich noch einmal an ſseine regungslos da-
stehende junge Baſe.

„Lebe wohl, Eliſabetht Ein Schurke will ich sein,
wenn ich jemals vergeſſen kann, was Du in dieser
Stunde für mich gethan. Komme ich glücklich davon –"

„Geh'! Geh'!“ fiel ſie ihm haſtig in die Rede, und
als er seine Hände aussſtreckte, um zum Abschied die
ihrigen zu erfasſſen, wich ſie abwehrend um einen Schritt
zurück. Das Mitleid, das ihr vorher den Muth ge-
geben hatte, Sixtus v. Plothow gegenüber alle mädchen-
hafte Scheu und Zurückhaltung abzulegen, war jetzt
ſeltſamerweiſe in ihrem Herzen völlig erstickt von
einem Gefühl des Widerwillens gegen den unmänn-
lichen Feigling, der sie durch die Raserei seiner Ver-
zweiflung zu ſolchem Schritt getrieben hatte.

„So geh' doch!“ wiederholte ſie beinahe heftig, da
ſie ihn noch immer zaudern ſah, und sie wußte es dem
Lieutenant Dank, daß er ohne alle Umstände den Arm
seines aufgezwungenen Schützllings erfaßte, um ihn eilig
mit sich fortzuziehen. Sie lauſchte auf das verklingende
Geräuſch ihrer Schritte, bis ſie nichts mehr vernahm
als das dumpfe Pochen ihres eigenen, stürmisch erregten
Herzens. Dann eilte ſie zum Fenster und ſspähte zwi-
schen den Gardinen auf die Straße hinab, um das
Heraustreten der beiden Männer zu erwarten.

Dem ſonnigen Tage war ein trüber, regneriſcher
Abend gefolgt, und der Mond mühte sich umsonst, die
Wolken zu durchbrechen. So konnte Eliſabeth die Ge-
stalten des Lieutenants und seines Begleiters nur ein
paar dutzend Schritte weit verfolgen. Aber ſie ſah,
daß zwei Offiziere, die ihnen begegneten, mit mili-
täriſchem Gruße vorübergingen und nicht ein einziges
Mal nach den Beiden zurückſchauten. Sie hatten also
nichts Auffälliges an ihnen bemerkt, und Eliſabeth
durfte hoffen, daß der Flüchtling mit seinem tapferen
Beſchützer unangefochten bis an das Ziel des kurzen
Weges gelangen werde.
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