Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 31.1896

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Heft 24.
1

Illuſtrirte Familien-Zeitung.





M -els

Iahrg. 1896.







den Vonſit in derſelben eingegangen ſei.

bar wäre er indeſſen -

Das beilige Recht.

von

Friedrich Jarobſen.

(Nachdruck verboten.)
1 er Staatsanwalt Wilde kam langsam über
den großen, sonnigen Platz gegangen, und
trat tief aufathmend in den Schatten des
Landgerichtsgebäudes.
Es war eben zehn Uhr Vornittags,
und er ſtand im Begriff, sich in sein
UL Bureau zu begeben, um die Eingänge
der Morgenpoſt zu erledigen. Unter dem
kühlen steinernen Vorbau des alten Gebäudes



„Der hat es eilig," brummte Wilde mißvergnügt,
„vielleicht iſt das unser Fall.“
Und dann riß er das übergebene Papier ausein-

ander, während Held langsam die Stufen hinangtieg.

Da stand es in dem Lapidarſtil geſchrieben, mit
welchem folgenſchwere Begebenheiten gemeldet zu werden
pflegen, bevor ſich über ſie ein Meer von Tinte r-
gießt. olzknecht Binder in Steinberg verflossene Nacht
ermordet. Thäter Schäfer Rottmann verhaftet. Obduk-
tion heute Nachmittag drei Uhr.“

Wilde riß ein Blatt aus seiner Brieftaſche, ſchrieb
ttf bgſjelbe. die noch k z;ere Antthort. „Komu: zum
§ermm s tatzauwalt und übergab die Antwort

Dann kehrte er vor dem Gericht um und begab
ſich geradeswegs nach dem Bahnhof. Er wußte, daß

um elf Uhr ein Zug in's Gebirge abging, und beeilte



währte in seiner nüchternen Faſſung nicht die Aussicht
auf eine besonders interesſſante Unterſuchung.
Es lag vielleicht nichts weiter vor, als der unglück-
liche Ausgang einer Schlägerei, wie ſie unter den
rauhen Bergbewohnern auf der Tagesordnung ſteht,

und die lebhafte Phantasie des jugendlichen Amtsrichters

hatte dann aus dem einfachen Thatbestande jenes Wort
geformt, das mit seinen wenigen Buchstaben so ſchwer-
wiegend in die Wagſchale der Gerechtigkeit fällt.

Erst als Wilde in den Polstern des Wagens ſaß,
und die reizloſe Gegend seine Gedanken nach Innen

wandte, begann er sich des einen der beiden Namen

zu entſinnen, die in dem Telegramm genannt worden
waren.

Franz Binder ~ der Staatsanwalt wußte jett
plöglich auch den Vornamen = hatte bereits einmal
vor den Schranken des Gerichts geſtanden, und zwar
in einer Anklageſache wegen Meineids. Es war auch

der Verdacht gegen ihn erhoben worden, daß
er den Nachtwächter von Steinberg durch





traf er mit dem Landgerichtsdirektor Held
zusammen, und die beiden Männer wechselten
einige Worte miteinander, die auf das
Herannahen der Gerichtsferien Bezug hatten.
Vor den Beginn derselben fiel noch eine
Schwurgerichtsperiode, und der Staatsan-
walt frug, ob schon eine Beſtimmung über

„Gestern Abend,“ entgegnete Held ge-
meſſen. „Es hat faſt den Anschein, als ob
man höheren Ortes geneigt sei, die zahl-
reichen bedenklichen Freiſprechungen der letzten
Sitzung auf meine Prozeßleitung zurückzu-
führen, denn ich bin diesmal nicht mit dem
Vorsitz betraut worden.“

Wilde zuckte leicht die Schultern. „Ich
bedaure das um so mehr,“ sagte er höflich,
„als dieſe Auffaſſung auf unrichtigen Vor-
aussetzungen beruhen würde. Im Interesse
der Staatsanwaltſchaft iſt Ihr Vorſit immer
erwünſcht, Herr Direktor. Uebrigens stehen
diesmal keine bedeutenden Sachen an."

„Auch nicht in Aussicht?" frug Held raſch,
und der Andere lächelte über den ehrgeizigen
Eifer des eingefleiſchten Kriminaliſten.

„Verbrechen kommen über Nacht, Ver-
ehrteſter. Indeſſen –~ wenn auch in dieſem
Augenblick eines begangen ſein sollte, dann
j ]t yr rer tau lete beglecic art ten
Schwurgerichtsperiode noch den Anschluß er-
reichen wollen...

„Iſt Ihnen ein solcher Fall aus Jhrer
Praxis bekannt ?“

„Nein, Herr Direktor, das geht im Allge-
meinen gegen die menſchliche Natur. Denk-

11







(S. 575)

BYiklor Tilgner +.

einen Stoß in's Waſſer umgebracht habe,
allein die einzig belaſtende Aussage ſeines
Schwiegervaters – nun kam Wilde auch auf
den Namen des Letzteren, und das mußte
eben der Schäfer Rottmann sein + diese
Aussage hatte nicht zu einer Verurtheilung
hingereicht, und Binder war nur wegen
eines gleichzeitig begangenen Meineids mit
zweijähriger Zuchthausſtrafe belegt worden.
Er hatte dieſe Strafe auch in der Anſtalt
zu Waldheim verbüßt, und mußte dann wohl
in ſein Heimathsdorf entlassen worden sein....
„Station Waldheim !“
Der Staatsanwalt verließ den Zug und
blickte sich um.
Vor ihm hob ſich das Gebirge in dunkeln
_ Unmyrissen aus der Ebene; der Schienensſtrang
lief am Fuße desſelben weiter, und die
_ Station beſtand nur aus wenigen Gebäuden.
Rechts von der kleinen Empfangshalle lag
ein Wirthshaus, links von derselben in einiger
Entfernung ein großer würfelförmiger Bau
aus rothen Backſteinen, der mit einer gleich-
sarbigen hohen Mauer umgeben war. Das
war das Zuchthaus, welches dem Ort seinen
Namen gab; die fenſterloſe Rückwand des-
selben war dem Gebirge zugewandt, die
zahlreichen vergitterten Fenſter der mächtigen
Front gingen auf den Hof, und gewährten
in ihrer oberen Lage einen Blick in das reiz-
loſe, flache Land.
Es hatte wohl bei der Anlage die Er-
nut tuell. teh ute Aegean:
blick einer großartigen Natur zu erfreuen,
aber man hatte vergeſſen, den Direktor der







Anstalt von dieser Maßregel auszunehmen.



Wilde antwortete zerstreut und ſah, seinen

Klemmer aufseßzend, über den freien Plat.

Es kam ein Telegraphenbote eiligen Schrittes durch
die Sonnengluth; der Mann ſchien den Staatsanwalt
schon von Weitem zu erkennen, denn er winkte mit

einem Telegramm.



ſich daher keineswegs; auch sonst zeigte er keinerlei
Spuren von Spannung oder Gemüthsaufregung, denn
ein Mord war in ſeiner langjährigen Beamtenlaufbahn

| keine Seltenheit, und das überſandte Telegramm ge-

Waldheim galt in der Gegend auch als eine

îSttrafe für den Leiter des Zuchthauſe.

Der Staatsanwalt begab ſich zunächst in das Wirths-

haus und bestellte einen Wagen nach Steinberg; dann

ging er, bis die Fütterung der Pferde beendigt war,
in die Anstalt hinüber. U
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