Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 31.1896

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Das Buch für Alle.

Heft 24.



Dieselbe stand unter seiner Oberaufsicht, aber er

wollte nicht die kurze Friſt zu einer Besichtigung be-
nutzen, sondern lediglich seinem alten Freund und
stzvicugenoſien. Direktor Weber, einen flüchtigen Be-
uch abſtatten.
f 'Als er über den Hof ging, ſchien die Mehrzahl
der dort beſchäftigten Sträflinge ihn zu erkennen; die
gleichförmig gekleideten Männer richteten ſich stumm
von ihrer Arbeit auf und ſahen aus bleichen, finsteren
Gesichtern zu dem vornehmen, graubärtigen Beamten
hinüber; hier und da krampfte ſich ganz heimlich und
verſtohlen eine harte Hand an der Hoſennaht zur Fauſt,
aber die Finger lösten ſich sofort, sobald das Auge
eines Aufsehers darüber hinſtreifte.

Wilde bemerkte es nicht, oder er gab sich zum
Mindesten den Anschein, als ob dieſe dunkeln Gestalten
nur Schatten seien, in denen unmöglich ein Gedanke
aufkeimen könne, es sei denn die Empfindung der
Demuth, der Reue und der Scham.

Sie standen ja unter dem eisernen Bann der Zucht
und litten ihre Strafe durch das heilige Recht. . . .

Und dann trat ihm in der Privatwohnung des
Direktors ein Mann entgegen, der nach den oberfläch-
lichen und am Aeußeren haftenden Vorstellungen des
Volkes in keinem seiner Züge das Gepräge ſeines harten
Amtes trug. Direktor Weber zählte gleich dem Staats-
anwalt etwa sechzig Jahre, aber er ſah weit älter aus,
denn das kurz geſchnittene Haar und der kleine Schnurr-
bart waren vollſtändig weiß, die hohe, ſchlanke Gestalt
neigte ſich nach vorne, und die Züge des Gesichts erſchie-
nen unsäglich müde.

Er reichte dem Freunde die Hand und ſsagte: „Ich
darf wohl kaum hoffen, Dich auf längere Zeit bei mir
zu sehen, lieber Wilde, denn Du biſt vermuthlich auf
einer Dienſtreiſe nach Steinberg begriffen; oder täuſche
ich mich in dieser Voraussetzung?“

„Nein,“ entgegnete der Staatsanwalt, ,es iſt ſo,
wie Du vermuthesſt. Aber ich wundere mich, daß die
Nachricht von jener Unthat ſchon in Deine ſtillen
Mauern gedrungen iſt.“

Werner lächelte wehmüthig. „Sie ſind freilich sehr
stumm, aber etwas mehr erfahre ich doch immerhin

von der Welt, als meine Sträflinge. Und ſeltſam
genug, wenn irgendwo in der Nähe ein Verbrechen

begangen ist, dann scheinen auch jene Unglücklichen von
einer dumpfen Ahnung beſschlichen zu werden, denn ich
bemerkte heute früh unter ihnen eine ungewöhnliche
ſluttesuns: So etwas flattert gleichham durch die

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„Unsinn, alter Freund, das ſind Phantaſien! Du
grübelſt zu viel, und das iſt ungeſund. Dein Aus-
ſehen gefällt mir auch gar nicht besonders. Haſt Du
denn noch immer an den Folgen jener unglücklichen
Begebenheit zu leiden?"

Die beiden Männer setzten sich nebeneinander auf
das Sopha, und Werner legte mit leichtem Hüſteln die
Hand auf ſeine Bruſt.

„Du meinſt von dem Stich, welchen mir damals
ein Sträfling in die Bruſt versetzte?"

„Und für den er leider nur zwei weitere Jahre
Zuchthaus bekam !“

„Es war wohl genug," entgegnete der Direktor leise,
„denn ich glaube nicht, daß mein Leiden als eine Folge
jener That angeſehen werden kann. Aber wenn auch
~ der Unglückliche hat ja nun die Strafe des Schick-
sals erleiden müssen."

„Wieso + ich verſtehe nicht ~“

„Dann haſt Du den Namen des Sträflings ver-
geſce hs iſt te:lele. den man in der verfloſſenen

acht erſchlagen hat.

. Der Staatsanwalt sprang auf und ging nachdenk-
lich durch das Zimmer. :

„Das ist seltſam,“ sagte er endlich, „es ſieht ja fast
aus wie eine höhere Gerechtigkeit. Nein, alter Freund,
Du brauchst Deine Hand nicht abwehrend zu heben,
wir kennen uns ja, und Du weißt, wie ich das meine.
Ich will jenen Mord, dessen Motive ich übrigens noch
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eines Verbrechers vollstreckt, aber dieſer Fall, der mich
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aufhalten, mein Wagen wird wohl inzwischen angespannt
sein, und die Wege nach Steinberg könnten besser sein.
Was macht Deine Tochter?“

Rosa befindet ſich seit einigen Tagen in der Stadt
bei meinem Schwager Held. Sie wurde ganz ſchwer-
müthig in dieser Umgebung, und der Arzt rieth eine
Veränderung an." .

Wilde nahm seinen Hut. „Bei dem alten Pan-
dektenhengſt wird sie auch nicht viel Freude erleben,“
ſagte er brummig, „aber besser immerhin, als in dieſer
Einöde." Und dann reichte er dem Freunde mit einem
gutmüthigen Lächeln die Hand: „Armer Kerl, die Frau
todt, die einzige Tochter fort, und dazu der tägliche
Umgang mit diesem Abschaum der Menſchheit! Wer
hätte das gedacht, als wir zuſammen im Korps waren
und bisweilen von einem Miniſterpoſten schwärmten!“



Als er gegangen war, ſetzte Weber sich an ſeinen
Schreibtiſch und blätterte in den Tagesberichten. Er
sollte einem Sträfling, der sich durch lautes Sprechen
htzcs pie ſrense hzchthauserönuug rersgugen htte:
Ut nt turm. F M'!
und es mußte dennoch gerügt werden, wenn die noth-
t;krist rte der Strafart ihren Charakter nicht ein-

ûú Das ging sſo Tag für Tag, und dafür bezog er
sein Gehalt, und darauf gründete er seine Eriſtenz!
Der Direktor hatte oft die Empfindung, als ob er ſelbſt
Zuchthausbrod esse.



Hoch oben im Gebirge lag das einſame Walddorf
Steinberg. Kirche, Pfarre und Schule waren die ein-
zigen etwas hervorragenden Gebäude, im Uebrigen
beſtand der kleine Ort nur aus ärmlichen Hütten, die
zumeist von Holzfällern bewohnt wurden.

Die geringste unter ihnen, das Hirtenhaus, lag am
einen Ende und etwas getrennt von den übrigen Woh-
nungen, und hier hatte sich um die Mittagszeit eine
Anzahl Menſchen versammelt. Es waren zumeiſt bar-
füßige Weiber, die zum Theil ihre Kinder auf dem
Yu! trugen und mit eifrigen Geberden durcheinander
redeten.

„Das ist recht,“ sagte eine stämmige Frau und
schwenkte den Arm in der Luft, „recht iſt es, daß der
Alte den Franz todtgeſchlagen hat, ſo n Stück Vieh iſt
nichts Beſser's werth.“

Diese Ansicht fand allgemeinen Beifall, aber den-
noch umstand man mit einem Anflug heimlichen Grauſens
die mordbefleckte Schwelle, und die, welche einen Blick
durch das kleine, halberblindete Fenster der Wohnſtube
erhaschen konnten, wandten gleich darauf den Kopf
nach einer andern Richtung. Es mußte ihnen indeſſen
wohl mehr die Phantasie, als die Wirklichkeit ein ſchreck-
liches Bild gezeigt haben, denn das Innere des Hirten-
hauſes bot kaum einen veränderten Anblikte..

' Dasselbe bestand nur aus Stube und Kammer, und
in der Stube schien ſich die Tragödie der letzten Nacht
abgeſpielt zu haben.

An der Innenwand des kleinen Raumes ſtand ein
Bett, und vor diesem lag der Erſchlagene auf einem
Strohſack; man hatte ein Bettlaken über die Leiche
gebreitet, ſo daß sich nur die Umrisse des starren Körpers
unter der weißen Leinwand abzeichneten; von dort ver-
lief eine ſchmale Blutsſpur unter das Bett, und an der
Wand lehnte eine Art, deren glänzende Schneide dunkle
Flecken trug; im Uebrigen war an der ärmlichen Ein-
richtung nichts Auffälliges zu bemerken, nirgends eine
Unordnung oder gar die Spur eines Kampfes.

Die That ſelbſt hatte auch keiner Entdeckung be-
durft; die Frau des Thäters war in der Morgenfrühe
bei dem Ortsſchulzen erschienen und hatte im Auftrage
ihres Mannes zur Anzeige gebracht, daß der Alte den
Schwiegersohn erſchlagen habe.

Kein Wort mehr oder weniger, nur diese dürre,
nackte, entsetzliche Thatsache.

Man hatte den Schäfer Abel Rottmann dann vor-
läufig festgenommen und ihn, weil der arme Ort kein
Arreſtlokal besaß, unter Obhut des Gemeindedieners
und gleichzeitigen Nachtwächters in der Wohnung be-
laſſen; es war ohnehin keine Gefahr vorhanden, daß
er entweichen werde; nur die beiden Weiber, die Frauen
des Mörders. und des Ermordeten, waren aus dem
Hauſe entfernt, und einstweilen bei dem Ortsſchulzen
untergebracht worden. Es gruſelte sie allzuſehr, wie
ſie ſagten, und man konnte auch nicht wissen, wie weit
ihre Mitbetheiligung an der That reichen mochte.

Abel Rottmann saß ganz still und gelassen seinem
Wächter gegenüber auf einem Holzſchemel. Er war
ein hoher Sechziger, und seine ſchmächtige Gestalt zeigte
keine Spuren besonderer Körperſtärke, aber die Züge
des Gesichts waren kräftig ausgearbeitet und deuteten
auf nicht gewöhnliche Thatkraft. Dabei trugen ſie jenes
eigenthümlich nachdenkliche Gepräge, das vielen Hirten
im steten Verkehr mit der Natur zu eigen wird und
auf unbeholfene Grübelei ſchließen läßt.

Man hatte ihm gesagt, daß das Erſcheinen des
Gerichts abgewartet werden müſse, bevor eine Verände-
rung des bestehenden Zuſtandes vorgenommen werden
könne, und er hatte ſtumm dazu genickt. Aber jetzt,
in der stillen Stube, in einziger Gegenwart des Todten

' und eines ihm gleichgeſtellten Menſchen, äußerte er

seine Gedanken.
„Was ſoll das mit dem Gericht,“ sagte er, ,ich

habe es ja gethan und will nichts davon leugnen. |-

Sie ſollten nicht viel Federlesens machen, sondern
ty Hass vor die Geſchworenen ſtellen, daß ich mein
echt kriege.“

Der Gemeindediener ſchnitzte mit seinem Messer an
einem Stück Holz, er machte ein wichtiges Gesicht, und
schüttelte den KR. : .

„Das verſtehſt Du nicht, Abel,“ sagte er, „davon
haſt Du nichts bei Deinen Schafen gelernt. Das muß
Alles mit seiner gehörigen Feierlichkeit begangen werden,



sonſten hat es keinen Beſtand und kein Schick. Wir
von der Polizei wiſſen das aber."

„Nichts wißt ihr," entgegnete der Alte ruhig. „Oder
kannst Du mir sagen, Hannes, wer Deinen Vorgänger,
den Schneiderjochen, in's Wasser geworfen und wie
tine ſuust ost eſszſe huts... im Amt, Abel, und
brauche es nicht zu wiſſen; aber die Leute sagen, daß
es der da gewesen ſein soll." Er deutete bei dieſen
Worten auf den verhüllten Gegenſtand an der Erdee.Ö.

„Richtig," entgegnete Abel Rottmann, ,der iſt es
gewesen. Ich hab’ nicht dabei gestanden, Hannes, aber
trgt Init jm Suſt verraten u' ce hen.
wie sich's gehört, und die Unterſuchung iſt vor ſich
gegangen mit der gebührenden Feierlichkeit, wie Du
sſagſt. Aber meinſt Du, Hannes, daß sie was heraus-
bekommen hätten? Nichts haben sie herausgekriegt,
denn sie sagten, es sei ein außergerichtliches Geständniß,
und das hätte keinen Werth.“

„Und darum eben ſollſt Du von dem Amtsrichter
vernommen werden, Abel,“ versettte der Gemeindediener,
„denn sonsten hat das da am Ende auch keinen Werth."

Er deutete abermals auf die Leiche, und es ent-
stand eine kleine Pauſe, während welcher die Fliegen
in der dumpfen Stube ſurrten.

„Glaubst Du wirklich, Hannes, daß es keinen Werth
hot frshr Rottmann unruhig das Geſpräch wie-

er auf.

„Daß Du ihn todtschlugſt, Abel? Na, geschadet
hat es Keinem von uns, denn er war ein Lump.“

Der Alte hob die Hand auf. „Recht war es, Hannes
~ recht und gerecht! Aber damit iſt die Sache auch
zu Ende, und nun kommt mein Recht.“

Er horchte hinaus und athmete tief auf; draußen
war ein Wagen vorgefahren, man vernahm Stimmen,
und gleich darauf trat der Staatsanwalt Wilde über
die Schwelle. Hinter ihm stand der Ortsſchulze und
scheuchte die Weiber zurück, welche sich in den Flur
nachgedrängt hatten.

Der Staatsanwalt war vor dem Gericht eingetroffen,
und mußte deſſen Ankunft abwarten, bevor die gesetz-
liche Leichenſchau beginnen konnte; es war auch nur
seine Absicht, den Angeschuldigten zuvor zu vernehmen,
und er ließ daher die sämmtlichen Anweſenden bis auf
Rottmann abtreten, setzte sich dann Letzterem gegenüber
an den Tiſch, und begann das Verhör.

„Sie ſind der Schäfer Abel Rottmann?"

„Der bin ich, Herr Staatsanwalt.“

„Sie kennen mich ?"

„Kennen Sie mich nicht mehr, Herr Staatsanwalt?
Ich habe doch damals meinen Schwiegersohn bei Ihnen
wegen Mords angezeigt.“

„Richtig, nun entsinne ich mich. Und dort unter
jenem Laken, das iſt die Leiche Ihres Schwiegersohnes,
Franz Binder?“ : 1

„Ja, Herr Staatsanwalt." z
s z Haben Sie selbſt das Tuch über den Körper ge-

reitet ?" ; ;

„Nein, das geschah auf Anordnung des Schulzen
es war wohl wegen der Fliegenn.

„Dann nehmen Sie das Tuch fort, aber vorsichtig,
damit nichts an der Lage verändert wird.“ ..!

Rottmann that, wie ihm befohlen worden war, und
sagte dabei: „Sie brauchen keine Sorge zu haben, Herr
Staatsanwalt, Alles soll vor sich gehen, wie es im
Gesetze geſchrieben steht. Wenn es meine Abſicht ge-
weſen wäre, etwas zu verbergen, dann hätte ich das ja
machen können, wie er es gemacht hat.“

Unter der entfernten Hülle kam die Leiche eines
kräftigen, etwa dreißigjährigen Mannes zum Vorſchein.
Das Gesicht mit dem wilden, ſtruppigen Bart war halb
nach oben gewandt. Im Nacken war eine breite klaffende
Wunde ſichtbar, aus der ſich reichliches Blut ergoſſen
hatte; in der rechten zuſammengekrümmten Hand ſteckte
ein offenes Taſchenmeſser.

„Was iſt das mit dem Meſſer?“ frug Wilde.

„Eine Weiberdummheit,“ entgegnete Rottmann ruhig
und mit einer verächtlichen Handbewegung. „Bevor
meine Alte auf mein Geheiß zum Schulzen ging, that
sie ihm das Messer in die Hand, und meinte, man könne
was daraus machen. Die Weiber haben manchmal ſolche
dummen Einfälle, Herr Staatsanwalt. Ich ließ ſie ge-
währen, aber ich hatte gleich die Abſicht, es den Herren
vom Gericht zu sagen, damit kein falſches Licht auf die
Sache fällt. Er hat kein Meſſer in der Hand gehabt,

als ich ihn erſchlug, aber es kommt auf Eins hinaus,

geſchehen wäre es ſo oder ſon.

„Wie iſt es denn geſchehen, Rottmann? Erzählen
Sie mir die Sache möglichſt genau,“ sagte Wilde mit
einem freundlichen Tonfall der Stimme, dessen er ſich
geständigen Verbrechern gegenüber zu bedienen pflegte.
Pte lauglährige Erfahrung hett: hu qlhet. rs aus
§zhe!liche Beſchönigungen vorkommen, denn die nackte
P KN Uſ re LV N
dieſe unbequemen Nichtigkeiten.
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