Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 37.1902

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Das Buch für Alle.

Hrst 16-

„Ja, er ist sechsnndzwanzig. Finden Sie dabei
etwas Schlimmes?"
„Wenn er Sie liebt — nein."
Dann stocherte er mit seinem Stock, einem merk-
würdigen Stock aus Ebenholz mit eingehämmerten,
allerlei Arabesken bildenden winzigen Silbernägeln,
den er aus einer seiner Reisen aus der Türkei mit-
gebracht hatte, in deni niedrigen, von den Schafen
abgeweideten Rasen zu seinen Füßen herum. Sie
saßen beide auf einer der grün angestrichenen lehnen-
losen Bänke, die längs der Felsenkante der Insel
angebracht waren. Tief unter ihnen lag im glitzern-
den Schein der späten Nachmittagssonne die un-
bewegte blaue See. Lydia hatte ihren grauen
Sonnenschirm aufgespannt — grau, weil sie auf der
Reise schon Halbtrauer tragen durfte. Sie saßen
beide hier ganz einsam. Niemand konnte ihre Unter-
haltung belauschen.
„Nun, an was denken Sie?" fragte sie nervös,
als er schwieg.
Er spielte noch immer mit seinem Stock. „Es
ist nur eine Vision, die ich habe."
„Was heißt das?"
Er zögerte ein wenig. „Liebe Gräfin," sagte
er dann, „ich glaube, Sie sind überzeugt, daß ich
Ihr Freund bin. Darum gestatte» Sie mir eiue
Warnung. Ich sehe die Zukunft nicht in so rosigem
Lichte wie Sie. Außer dem Altersunterschied zwischen
Ihnen und Ihrem Verlobten macht mir die Ver-
schiedenheit der Charaktere Sorge. Niemand kennt
Sie so genau wie ich, und das bringt mich auf eine
Frage. Ich frage mich, was Sie wohl anstellen
würden, wenn Sie der Mann, den Sie lieben, und
der Sie wieder liebt - wenn Sie dieser Mann
täuschen, wenn er eines Tages eine andere lieben
würde. Sie sind von Natur aus leidenschaftlich,
leicht fortznreißen, ich halte Sie sogar für roman-
tisch. Zu Tode grämen, wie manche andere Frauen,
würden Sie sich darüber nicht. Das ist für mich
sicher. Aber was würden Sie thnn?"
Mit einem veränderten Ausdruck in ihrem Ge-
sicht sah sie ihn an. „Wie kommen Sie auf diese
Frage?"
„Sie fällt mir nur so ein," erwiderte er ganz
gleichmütig, die Augen auf ein Pflänzchen, das er
eben ausgegraben hatte, gerichtet.
Ein hartes, düsteres Lächeln umspielte ihren
Mund. Sie starrte hinaus aufs Meer, als erblickte
sie dort ein in der Ferne schwebendes Stück ihrer
Zukunft.
„Was ich thun würde?" kam es von ihren
Lippen, als spräche sie mit sich selbst. „Mich rächen!"
„Das glaube ich auch," antwortete er nach
einigem Besinnen.
Eine laute Gesellschaft von Badegästen kam
heran, gerade auf den Felsenvorsprung zu, aus dem
sie saßen, da dieser einen beliebten Aussichtspunkt
bildete.
Ossegg stand auf. „Wahrhaftig," lachte er, „nun
zaubere ich am Hellen Tage Gespenster vor Sie
hin. Am Ende bin ich noch neidisch, am Ende
gönn' ich Sie anderen Männern nicht. Ich habe
aber schon eine Strafe für mich bereit. Ich werde
mich um Herrn Elzes Freundschaft bewerben.-
Nun habe ich Ihnen aber die Laune verdorben,"
fügte er mit einem Blick auf ihr Gesicht hinzu.
„Nein," erwiderte sie hastig, als wollte sie damit
eine Erinnerung verscheuchen, einen dunklen ge-
spenstischen Schatten, der vorhin bei seinen Worten
vor sie hingetreten war.
Er sah auf die Uhr. Es waren einige Minuten
nach Sechs. Um diese Zeit, so war verabredet
worden, wollte man sich unten an der Landungs-
brücke treffen, um vor dem Abendessen noch eine
kleine Segelfahrt zu machen. Herr v. Elze hatte
sich bis dahin beurlaubt, um einige wichtige Briefe,
von denen er sprach, zu erledigen, und was die
vierte Person in ihrer kleinen Gesellschaft anbetraf,
nämlich das „Fräulein" Lydias, so hatte sie dieser
den Auftrag hinterlassen, um sechs Uhr mit den für
die Fahrt nötigen Wollsachen und Decken an der
Landungsbrücke zu warten.
Helgoland war in diesem Jahre weniger besucht
als sonst. Es hieß, daß die diesjährige schlechte
Geschäftslage daran schuld sei. Um so besser be-
fanden sich die anwesenden Badegäste dabei, wenig-
stens fehlte es nicht an Wohnungen. Man stand
jetzt in der sogenannten „zweiten Saison", wo die
Leute aus dem Gebirge zurückkommen, und sonst
der Andrang am größten ist. Eines Tages, anfangs
August, las man in der Kurliste den Namen
„Gräfin^ Chacza mit Gesellschafterin aus Posen",
einige Tage später einen anderen „Georg v. Elze,
Regierungsassessor aus Hannover". Frau v. Chacza
mit ihrem Gesellschaftsfräulein war in einem Privat-
hause im Unterland abgestiegen, Herr v. Elze im
Konversationshause, dennoch bemerkte man alsbald,
daß Frau v. Chacza und Herr v. Elze gewissermaßen

zusammengehörten. Ueberall sah man die interessante
Gestalt dieser Frau, interessant schon durch ihren
slawischen Typus, mit dem blonden, etwas schmäch-
tigen Herrn aus Hannover zusammen — zu Mittag
an einem kleinen, besonderen Tische, beim Konzert,
auf den Spaziergängen, im Segelboot. Als dritte
sah man bei ihnen nur Fran v. Chaczas schönes
Gesellschaftsfräulein. Erst seit einigen Tagen hatte
sich ihnen ein vierter zugesellt, wie man erfuhr, ein
Rittmeister a. D. v. Ossegg. —
Während der Rittmeister mit Fran v. Chacza
auf dem mit roten Ziegelsteinen gepflasterten Weg,
der durch die Wiesen des Oberlandes läuft, dem
Unterlande zuging, erhob sich ein frisches Lüftchen.
Die geplante Segelpartie konnte also stattfinden.
Der Weg näherte sich den ersten Häusern und dem
hier mit einer Ziegelmauer abgeschlossenen Uferrand,
von dem aus man einen umfassenden Blick hatte
über die sauberen, meist aus Holz gebauten Häus-
chen, die wie Spielzeug aussahen, den Strand,
die Brücke, die Marineanlagen.
„Ob er schon warten wird?" sagte Lydia und
sah hinunter nach der Landungsbrücke.
Die Luft war klar, und die Sonne blendete
nicht. Dennoch konnte man aus der Entfernung
die einzelnen Personen nicht erkennen, wenigstens
nicht mit bloßem Ange. An der Ziegelmauer stand
ein Fischer mit einem Fernrohr, das er zum Ver-
leihen hatte. Ossegg sah durch das Glas hindurch.
„Nein. Nur Ihr Fräulein ist da."
Sie setzten ihren Weg fort.
„Sie haben mir noch nicht einmal gesagt, wo
Sie dieses hübsche Mädchen herhaben," begann
er wieder, „mär' ich jünger, ich könnte mich in sie
verlieben."
Lydia rümpfte die Nase. „Sie ist die Tochter
eines Freundes meines verstorbenen Mannes und
hat keine Mutter mehr. Ich habe mich aus den
Wunsch meines Gatten ihrer angenommen."
„Stascha — der Name ist polnisch. Und doch
sieht dieses Mädchen ganz deutsch aus."
„Ihre Mutter war eine Deutsche, ihr Vater ein
völlig heruntergekommener polnischer Edelmann, der
zuletzt in: Parteiinteresse als Schriftsteller und Re-
dakteur von meinem Gatten beschäftigt wurde, bis
er, kurz vor dessen Tode, eine Urkundenfälschung
beging und dafür ans drei Jahre ins Zuchthaus
kam. Mein Mann, der trotzdem noch immer fin-
den verlumpten Jugendfreund ein Interesse hatte,
bestimmte in seinem Testamente, daß die Tochter
des Verbrechers in meinen: Hanse und unter meiner
Obhut verbleiben solle und setzte ihr außerdem ein an-
sehnliches Legat aus." Sie lachte nervös auf. „Sie
sehen, ich bin wider Willen und auf ganz sonderbare
Weise zn diesen: schönen Fräulein gekommen und
mußte Ihnen wohl gezwungenermaßen über die Ver-
hältnisse Auskunft geben, da Sie sonst doch vielleicht
in die Gefahr kommen könnten, sich in sie zu ver-
lieben. Ich erwarte, daß meine Mitteilungen von
Ihnen als strengstes Geheimnis bewahrt werden."
Ossegg räusperte sich und sah Lydia verstohlen von
der Seite an. Ihr scharfer, unfreundlicher Ton siel
ihm ans. „Selbstverständlich," versetzte er. „Aber
das junge Mädchen ist bedauernswert."
Sie zuckte nur geringschätzig die Achseln. Uebrigens
hatte sie jetzt Stascha, nachdem ihr Ossegg die an:
Brückenkopf stehende Gestalt bezeichnet hatte, er-
kannt. Dieser Gestalt gesellte sich soeben eine zweite
zu, ein Herr, der auf sie zukan: und den Hut vor
ihr zog.
„Ich glaube, dort kommt Herr v. Elze," äußerte
Ossegg, der den Vorgang gleichfalls bemerkt hatte.
Die Brise fing an, noch stärker zu wehen.
„Wir wollen schneller gehen." entgegnete sie mit
freudiger Erwartung, „wie hübsch das heute werden
wird!"
Die Segelfahrten waren zn einer förmlichen
Leidenschaft für sie geworden. Für Ossegg war das
nichts Neues an ihr. Es war, als müßte bei ihr
überall Leidenschaft in: Spiele sein, in großen
Dingen, wie in kleinen; und neben ihr hergehend,
beschleunigte auch er seinen Schritt.
Stascha hatte sich pünktlich, wie ihre Herrin
es ihr befohlen hatte, an der Brücke eingefünden.
Obwohl sie, schon ihrer Stellung entsprechend, so
einfach und unscheinbar wie möglich gekleidet war,
und der graue Regenmantel ihre Gestalt ganz ver-
hüllte, so genügte doch schon das reizende, wenn auch
blasse und nicht gerade mit Munterkeit und Froh-
sinn, sondern eher mit einer verhaltenen Schwermut
in die Welt blickende Gesicht, das unter dem
schwarzen, fast häßlichen Tellerhütchen hervorsah, die
Augen aller Vorübergehenden ihr zuzuwenden. Aber
Stascha ließ diese Blicke auf sich ruhen, als bemerke
sie nichts davon. Einige von den Herren wußten
wohl auch, wer das „schöne Ding" war. Ein Ge-
sellschaftsfränlein! Nach mehr sah sie in dem billigen

Regenmantel ja auch nicht aus. Aber keinem von
, diesen Herren war es bisher gelungen, sie einmal
anzureden, geschweige sich sonst auf eine Art ihr
entsprechend bemerklich zu machen.
Vom Konversationshause her näherte sich sehr
der Brücke ein junger Mann. Als Stascha einige
Sekunden später zufällig nach dieser Richtung aus-
sah, erblickte sie ihn. Auch der junge Mann hatte
sie schon erkannt und zog, sie schon von weitem
grüßend, den Hut. Ueber Staschas Wangen huschte
ein flüchtiges Rot.
Der junge Mann beschleunigte jetzt seine Schritte.
Noch einmal seine Kopfbedeckung lüftend, blieb er
vor ihr stehen. Jetzt aber, wo er ihr ganz nahe
war, schien eine gewisse Verlegenheit über ihn zu
kommen.
„Verzeihung, Fräulein v. Zawiska," begann er
endlich, wie nur um etwas zu sagen, „Frau v. Chacza
noch nicht da?"
„Nein," erwiderte sie kurz.
Die Röte war von ihren Wangen wieder ver-
schwunden. Sie sah aus, wie sonst, wie das arme,
schlichte, nicht mitzählende Ding, das trotz seines
adeligen Namens doch nur eine Dienerin ist. Auf
dem Arn: hielt sie den Umhang und die Decken für
ihre Herrin. Das bezeichnete ihre Stellung deutlich
genug!
Es war das erste Mal, daß beide ganz allein
miteinander waren. Die Menschen, die an ihnen
vorübergingen, kümmerten sie ja nicht.
Er dachte daran, daß dieses Alleinsein nicht
lange dauern, daß Lydia in jeden: Augenblick kommen
konnte. Er hatte eine Frage ans den: Herzen.
Wollte er sie sich herunter sprechen, so durfte er jetzt
damit nicht zögern.
„Fräulein v. Zawiska," stieß er hervor, „warum
sind Sie so traurig?"
Wieder stieg die Röte in ihr Gesicht. Er machte
sie ganz verwirrt. Der Gegensatz ihrer beiden Er-
scheinungen trat so nur noch mehr hervor. Sie
eine kleine, graue, geduckte Maus, die am liebsten
in das nächste Versteck geschlüpft wäre. Er, in
seinen: eleganten Hellen Sommeranzug mit den tadel-
los sitzenden Handschuhen auch äußerlich ganz das
Bild eines wohlerzogenen Menschen der sogenannten
guten Gesellschaft, der seinen Platz darin fühlt und
ihn in der geordneten Laufbahn des höheren Beamten
nach Möglichkeit zu verbessern bestrebt ist.
„Ich?" gab sie stammelnd zurück, „o, ich, ich
bin nicht traurig."
„Mir verbergen Sie es nicht," murmelte er nur,
rasch, fast heftig, „Sie haben einen Kummer. Ich
weiß wohl," setzte er in einen: Tone hinzu, als
würde er sich nun bewußt, daß er in seinem Eifer,
in seinen: Interesse zu weit gegangen war, „ich weiß
wohl, daß ich kein Recht zu einer solchen Frage an
Sie habe. Aber es handelt sich dabei für mich auch
um Frau v. Chacza. Gewiß, Frau v. Chacza ist nicht
gut zu Ihnen, ich fürchte, sie ist hart gegen Sic.
Sie haben sich über sie zu beklagen."
Ein Blick des Entsetzens und zugleich eines
unterdrückten Flehens traf ihn aus ihren Augen.
Ein Blick, der die Frage enthielt: „Wer in der
Welt hat sich um mich zu bekümmern? Und nun
gerade du! Wenn ich Kummer habe — was geht
es gerade dich an!"
„Nein, nein," kam es in wirrer Angst von ihren
Lippen, denn er durfte so etwas nicht glauben,
niemand durfte so etwas glauben, „die Fran Gräfin
ist zn mir sehr gut; ich habe der Fran Gräfin nur
dankbar zn sein."
Durste er ihr glauben oder nicht? Glauben
mußte er ihr, wenn er nur auf ihre Stimme, den
Ausdruck, mit dem sie es sagte, hörte. Nicht
glauben durfte er ihr, wen:: er sich auf seine eigenen
Beobachtungen verließ. Wenn Lydia mit Stascha
sprach, so geschah es in einen: scharfen, hochfahrenden
Tone, welcher Stascha ihre abhängige, untergeordnete
Stellung fortwährend zum Bewußtsein bringen
mußte. Nicht einmal in Gegenwart anderer übte
Lydia darin Rücksicht, obwohl sie sich sagen mußte,
wie peinlich dieser Ton für andere war. Aber
dieses Mädchen — Stascha — war daran von Be-
rufs wegen vielleicht schon zu gewöhnt, oder sie
merkte es gar nicht einmal. Nur freie Meuschm
empfaudeu so etwas wohl. Im Grunde ging ihn
dieses Mädchen, dieses polnische Adelsfräulein, ja
auch nichts an. Nur Lydias wegen bekümmerte es
ihn. Er fand, daß es ein grausamer Zug au ihr
war, und je länger er ihr Wesen kennen lernte, desto
mehr derartige und ähnliche Züge traten an ihr
hervor, die ihn erst in Erstaunen, in Betroffenheit,
in Betrübnis gesetzt hatten und die ihn nun schon
seit längerem zum ernsten Nachdenken veranlaßten.
Nur von diesen: Standpunkt aus hatte ihn dieses
Mädchen zu beschäftigen angefangen. Er sah, wie
still, wie geduldig sie war, er sah in ihrem Gesicht
ein Zeichen, auf das andere nicht achteten, ein Zeichen
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