Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 37.1902

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H-st si. JUustrievte Famrlien-Zeitung. Ä-Hrg. ms.


Zm Valükckloh.
komcin von keinkolä vrtmcinn.
»kortkhung.»
' MacU6ruck verboten.»
achdem er den Zuschauern, die sich mit ihrem
M Gebrüll und Gestampf, ihrem Hüteschwenken
I M und Tücherwehen gleich Rasenden gebärdeten,
hinlänglich Gelegenheit gegeben , sich von
der Wirkung des Schusses, den Miß Georgia so-
eben abgegeben, zu überzeugen, nahm der schwarz-
gekleidete Herr die Kopfbedeckung ab, reichte sie dem
bereitstehenden Neger und verließ die Manege, in
deren Mitte noch
immer die schöne
Miß Georgia
stand, nm sich mit
ihrem strahlendsten
Lächeln nach rechts
und links zu ver-
neigen.
Der Herr wandte
sich dem verdeck-
ten Gange zu,
der in das Stall-
und Garderobezelt
hinüberführte; da
legte sich eine Hand
auf seinen Arm,
uns eine etwas
heiser klingende
Männerstimme
sagte in deutscher
Sprache: „Nun,
lieber Meinburg —
sind wir so stolz
geworden, daß wir
unsere besten
Freunde nicht mehr
kennen?"
Der Angeredete
war zusammenge-
fahren, als wäre
ihm statt der leich-
ten Berührung ein
empfindlicher
Schlagversetztwor¬
den. Mit einem
heftigen Ruck hatte
er sich nach dem
Sprechenden umge¬
wandt und starrte
ihn ohne ein Wort
derErwiderungmit
einem Blick, in dem
sich ganz andere
Empfindungen als
die der Frende spie-
gelten, in das lä¬
chelnde Gesicht.
Der andere aber

fuhr mit gelassener Heiterkeit fort: „Gratuliere
Ihnen übrigens zu Ihrem Erfolge, mein lieber Graf!
Das mit dem Tellschuß macht Ihnen wahrhaftig
nicht so leicht jemand nach."
Dabei klopfte er ihm so vertraulich auf die
Schulter, wie es sonst nur unter sehr guten Be-
kannten Brauch ist, und sein noch jugendliches und
keineswegs unschönes, doch ziemlich verlebtes Gesicht
verzog sich zu einer Grimasse, die mehr ironisch als
verbindlich aussah.
Die bräunlichen Wangen des angeblichen Grafen
färbten sich noch nm eine Nuance dunkler, und mit
einer Gebärde des Unwillens schüttelte er die Hand
des anderen von seiner Schulter.
„Sie irren sich in der Person, mein Herr!"
sagte er mit scharf abweisender Kälte in fließen-

dem Englisch. „Ich habe nicht das Vergnügen, Sie
zu kennen."
In diesem nämlichen Augenblick betrat- Miß
Georgia Elliston den Verbindungsgang, und als sie
ihren Partner im Gespräch mit dem Fremden sah,
dessen ehedem vielleicht elegante, jetzt aber etwas
schäbige Kleidung keineswegs aus besondere Vor-
nehmheit schließen ließ, blieb sie in unmittelbarer
Nähe der beiden stehen. Von einer im gewöhnlichen
Konversationston geführten Unterhaltung hätte ihr
von diesem Moment an kein Wort mehr entgehen
können, und es geschah wohl vor allem mit Rücksicht
auf ihre Gegenwart, daß der Unbekannte seine
Stimme bis zum leisesten Flüstern dämpfte.
„Die Erinnerung an mich wird Ihnen, wie ich
hoffe, später zurückkehren, Graf Meinburg! Es wäre
jammerschade,
wenn es nicht ge-
schähe, denn ich
reise in den Ver-
einigten Staaten
umher zu keinem
anderen Zweck, als
um Ihnen eine
höchst erfreuliche
Neuigkeit zu über-
bringen. Sie fin-
den mich von zehn
Uhr ab in Hender-
sons Restaurant
an der dreizehnten
Straße, und ich
versichere Ihnen,
daß es nur zu
Ihrem eigenen
Schaden wäre,
wenn Sie nicht
kämen!"
Damit griff er,
ohne eine Antwort
abzuwarten, niit
lässiger Handbewe-
guug an die Krempe
seines grauen Filz-
hutes, verbeugte
sich chevaleresk ge-
gen Miß Elliston
und kehrte in den
Zirkus zurück, wo
soeben eine neue
Programmnummer
begonnen hatte.
In der nächsten
Sekunde war die
schöne Georgia an
der Seite ihres
Partners. „Wer
war das, Edward?"
fragte sie. „Wenn
es einerdeineralten
Freunde war, wes-
halb hast du ihn
mir nicht vorge-
stellt?"

Komm rum lllittageüen! (§. L07)
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