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Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 50.1915

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Heft 11
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https://doi.org/10.11588/diglit.47351#0246
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Var Luch sül-fM
sllustnettesismilienreitung
11. kiest. 1Y15.
_ LiveriliLn. OopxriZkt 191t I)V Union NsiUkiede Vorl-i^sAsseNsvIinft, Ftutt^Ärt.


mngen Von der deutschen
nbe ihr die größte Wert-
ein-
Deutsch-
Damals, bei dem großen Familienrat, hatte aller-
dings Frau Oberst v. Schilling den Kopf geschüttelt.
„Zu geistreich und zu welterfahren für eine Er-
zieherin!"
Aber der Oberst erwiderte lächelnd: „Ich glaube
nicht, daß ein geistig beschränkter Gesichtskreis zu den

voranschreitenden Mädchen und brauchte nur wenige
Minuten im Empfangszimmer zu warten, bis dieses
zurückkam und sie zur Herrschaft führte.
In dem großen Wohnzimmer empfingen sie der
Legationsrat und seine Gattin.
Vor etwa drei Wochen hatte der Oberst im
„Figaro" inseriert, daß er eine französische Erzieherin
suche für seine Nichte und seine beiden Enkelkinder.
Kenntnis der deutschen Sprache sei nicht erforderlich.
Darauf hatte er etwa ein Dutzend Briefe, zum großen
Teil mit Photographien, erhalten. Die Wahl war
auf Madeleine Vernon gefallen. In ihrer Be-
werbung stand, sie sei sechsundzwanzig Jahre alt,
habe schon ein Stück Welt, England, die Schweiz und
Belgien, kennen gelernt und beherrsche außer dem
Französischen, ihrer Muttersprache, noch Englisch
und Italienisch. Von der deutschen Sprache verstehe
sie allerdings leider noch kein Wort, aber sie hoffe,
das Versäumte in Deutschland nachzuholen. Was
sie bisher in guten sibersetz:
Literatur kennen gelernt, hl ,
schätzung für das Land der Denker und Dichter ei
geflößt. Deshalb brenne sie vor Begierde, Deutsc
land und die Deutschen kennen zu lernen.

wünschenswerten Eigenschaften einer Erzieherin ge-
hört, liebe Emmi."
„Aber Bescheidenheit, lieber Achim. Das Fräu-
lein da erscheint mir etwas anspruchsvoll, mehr große
Dame, mehr Weltdame als Erzieherin."
„Nun, wenn sie die Welt kennt," entgegnete ihr
älterer Sohu, der Legationsrat, „so ist das für Erika
und auch für die beiden Kinder entschieden kein
Fehler."
Und auch sein Bruder, der Offizier, stimmte zu,
während die Frau Oberst halb belustigt, halb ärger-
lich bei ihrer Meinung blieb.
„Ich sehe schon," erklärte sie, „jedes Wort ist
vergebens. Ihr drei Herren seid schon fetzt entzückt
von der Französin. Wie wird das erst später werden!
— Nun, was sagst du denn, Ilse?"
Die junge Schwiegertochter antwortete mit leich-
tem Lächeln: „Du verzeihst, Mama, aber ich kann
den Herren nur beipflichten."
Man setzte sich also in Verbindung mit Fräulein
Vernon, über die der Legationsrat bei der deutschen
Botschaft in Paris sich erkundigte. Die Auskunft
war durchaus befriedigend: Madeleine Vernon war
die Tochter eines Präfekturrats in Paris und ihr
einziger Bruder Arzt. Tadellose Familie also.
Daraufhin wurde der Dame geschrieben, man ver-
pflichte sie vorläufig auf ein Jahr.
Und nun — am 4. Januar 1914 — war sie da.
Schon nach den ersten zehn Minuten der Unter-
haltung beglückwünschten sich der Legationsrat und
seine Gattin im stillen zu der Wahl. Die
Erzieherin benahm sich in der Tat wie eine
Dame von Welt; ihrem ganzen Verhalten
merkte man au, daß sie in der guten Ge-
sellschaft groß geworden war. Ohne eine
Spur von Befangenheit plauderte sie leb-
haft und anregend über ihre Reise, und
dabei sprach sie das eleganteste Pariser
Französisch, wie der Legationsrat, der vor
Jahren einmal einige Zeit der Pariser Bot-
schaft als Attache angehört hatte, bei sich
feststellte.
Eine halbe Stunde schwand angenehm
dahin.
Da erhob sich Frau Ilse. „Ich denke,
wir gehen hinauf," sagte sie zu ihrem
Gatten. Und zu der Französin gewandt
fügte sie hinzu: „Wir sind nämlich ein für
allemal bei unseren Eltern in: oberen Stock-
werk des Sonntags zu Gast."
Madeleine Vernon wollte sich empfehlen.
„Nein, nein," wehrte der Legationsrat
lebhaft ab. „Sie kommen natürlich mit.
Meine Eltern, werden sich sehr freuen, die
neue Hausgenossin kennen zu lernen."
Frau Ilse rief die Kinder, einen Knaben
von elf und ein Mädchen von neun Jahren.
Die Französin reichte beiden die wohlge-
pflegtc schmale Hand und lächelte sie freund-
lich, ermunternd an.
„Ich darf wohl um Ihre Freundschaft
bitten?" sagte sie herzlich.
„Habt ihr verstanden?" fragte der Vater.
Helmut, der Quartaner, begnügte sich,
selbstbewußt mit dem Kopf zu nicken; er
hatte nicht nur iu der Schule, er hatte auch
schon zu Hause von den Eltern tüchtig
Französisch gelernt. Gerda aber plapperte
fogleich darauf los, worauf der Papa ihr
zufrieden zunickte, während Madeleine Ver-
non sich zu ihr hinabneigte und sie auf die
Stirn küßte.
Gemeinschaftlich begab man sich in das
obere Stockwerk hinauf.
König Ludwig Hl. von Lagern; rum fiebrigsten Seburtstag. (5. 240) Der Oberst zwirbelte rasch noch einmal

Vor den schlachten?)
Roman von sirthiir Zapp.
_ (Nachdruck oerbotm.;
alte Schubert eilte, als an dem kalten
Ml si D Januarmorgen des Jahres 1914 die
I s/ elektrische Klingel ertönte, so schnell ihn
seine Beine trugen, aus seinem Pförtner-
Häuschen zur hohen schmiedeeisernen Tür,
"w den Vorgarten von der Straße abschloß.
. Eine junge Dance in einfachem Mantel stand
oavor. Eine Bekannte der Herrschaft war sie nicht,
jcherhaupt, sie hatte entschieden etwas Fremdartiges,
«ah sie auch nicht gerade hervorragend elegant aus,
"laß ihr doch alles wie angegossen. Er gab deshalb
unier Miene, die im ersten Augenblick etwas Zurück-
dnltendes, ja Herablassendes gehabt, mit der er Bitt-
wllern und sonstigen unbekannten Personen be-
cheidenen Ausfehens gegenüber aufzutreten pflegte,
Mch einen höflicheren Ausdruck.
»Sic wünschen?" fragte er.
-chlousieur cke LehilliuZ—"
Schubert riß die Augen auf. Seiner schon etwas
Laugten Gestalt gab es einen förmlichen Ruck,
si'ue Französin also! Nber sein Gesicht lies ein
stündliches Grinsen. Da konnte man ja mit seinem
ö9Mizösisch, das man sich im Feldzug 1870 ungeeignet
'Ec, wieder einmal glänzen.
, ,-Oui, lllackame — Nackomoisslle," ver-
werte er sich. Die Fremde mochte ja
? Eva fünf-oder sechsundzwanzig Jahre
sein, aber wie eine verheiratete Frau
M sie doch nicht aus. „Zum Herrn Oberst
!^er zum Herrn Legationsrat?" Mit seinem
französisch war er schon zu Ende. Die
fremde zuckte verständnislos mit den Schul-
t.E und holte aus einem kostbaren Leder-
Mchchen eine Besuchskarte heraus.
, Schubert nahm das Blatt mit höflicher
,, E'euguug entgegen:, zog seinen Kneifer
E las lant: „Madeleine Vernon."
. ^etzt ging ihn: ein Licht auf. Daß er
ü - Ä.eich daran gedacht hatte! „Ah, die
fünzösische Erzieherin!" sagte er mit seinen:
i Endlichsten Lächeln, öffnete das Tor und
orderte die Fremde zum Eintreten aus.
L. Ungefähr füufzig Schritte von der
qZraße entfernt lag die große zweistöckige
jZNa, deren Obergeschoß der pensionierte
scherst n, Schilling nut seiner Gattin und
t.Eer jungen Nichte bewohnte, wäbrend
unteren Räumlichkeiten sein älterer
.. chn, der Legationsrat Gebhard v. Schil-
W, mit Frau und Kindern iunehatte.
cv Ain Seiteneingang — denn in der kalten
M, reszeit wurde die große Freitreppe an
Stirnseite der Villa nicht benützt — öff-
, te nn Hausmädchen in sauberer dunkler
.Erdung mit einem blütenweißeu Häub-
'EEeifen ^n,f dem blonden Kopf die Tür.
n Schubert händigte ihr die Karte aus:
Achsen Sie die Dame ablegen, führen Sie
iip ? Empfangszimmer und melden Sie
Mü > Herrschaft !" Dann wendete er sich
. cinem tiefen Diener und nut einem
- uenblick auf das erstaunt aufhorchende
fs"?Mädchen an die Fremde und fügte,
si oen Korridor deutend, nut Würde:
Madeleine Vernon folgte lächelnd dem
Die Fortsetzung des Romans „Das grüne
befindet sich auf Seite 241.
Isis.
 
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