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.-., - DasBuchfüvAlls tzest 1

„Gut! Sprich vor allem mit den Kindern, und zwar bald
und ohne langes Drumherum. Kurz und bündig, klar und un-
mißverständlich: Das sind die Tatsachen, dies euer Verhalten.
Und präge es ganz besonders nachdrücklich Haide ein, daß ich
mir auf das entschiedenste jede vorlaute Neugier durchaus und
strengstens verbitte. Mit meiner Mutter werde ich selbst sprechen."
„Aber Onkel Balduin," seufzte die Oberforstmeisterin be-
klommen, „was wird er sagen?"
„Ein Mann von so außerordentlichem Takt und Weltgewandt-
heit wird wie alle anderen so ruhig wie möglich darüber hinweg-
gehen. Die Hauptsache ist und bleibt, daß wir Haltung bewahren
und nicht etwa verlegen werden, wenn irgendwo zufällig oder
absichtlich zufällig die Rede darauf kommt. Alles übrige findet
sich dann von selbst." Und Herr von Beeren ging aus der Tür.
Die Oberforstmeisterin rief in den Flur hinaus nach ihren
Töchtern.
„Wo ist Otmar?"
„Parfümiert sich," sagte Haide. „Man riecht ihn schon von
weitem, ehe man ihn sieht."
„Rufe ihn."
Als Otmar eintrat, spielte um Frau Agathes Dippen ein
Mutterlächeln des befriedigten Stolzes und der Freude.
Der Sohn, dem sie zuerst das Leben gegeben, war hoch und
schlank gewachsen. Was in seinem ebenmäßig gebildeten schönen
Gesicht im ersten Augenblick nicht sofort ausfiel, war ein hoch-
fahrender Zug, der besonders beim Sprechen um Mund und Nase
hervortrat. Unbegrenzte Hoffnungen für die außergewöhnliche
Zukunft dieses Lieblingskindes erfüllten das ganze Denken der
Mutter.
Nach einigem Hüsteln und Räuspern richtete die Oberforst-
meisterin aus, was auszurichten ihr aufgetragen war.
„Solch ein grenzenloses, unglaubliches Pech können auch nur
wir haben," rief Otmar heftig. „Das ist doch ganz danach an-
getan, um gleich sein Bündel zu schnüren und auf und davon
zu gehen! Nein. Ich werde mich hier wegen dieser Verwandt-
schaft foppen lassen und jeden Tag von neuem Ungeheuerlich-
keiten erleben! Fehlte mir gerade! Das ist ja eine recht nette
Bescherung. Danke dafür."
„Rege dich doch nicht vergeblich und unnötig auf. Papa
wird alles ordnen," erwiderte die ängstlich besorgte Mutter-
besänftigend.
„Für die Familie selber wird es meiner Überzeugung nach
doch wohl am peinlichsten sein," warf Hanna ruhig dazwischen.
„Es dürfte den Leuten wenig Vergnügen bereiten, uns hier-
zu finden."
„Na, da wirst du dich getäuscht haben. Wie ich mir denke,
werden sie sich an uns hängen wie die Kletten," spöttelte Otmar.
„An dich schon gar nicht, darauf kannst du dich sicher ver-
lassen," sagte Haide übermütig.
„Du bist ein naseweiser Balg, der in die Kinderstube gehört.
Verstanden?"
„Kinder," fiel die Mutter beschwichtigend ein, „die Geschichte ist
für uns wirklich schon schlimm genug; laßt doch das Gezänk. Unglück
soll die Familienmitglieder zusammenführen, nicht entzweien."
„Schade," sagte Haide, „schade um die schönen Bonbons.
Davon hätte ich jetzt sicher ganz umsonst bekommen."
„Unterstehe dich nicht!" rief Frau von Beeren. „Ich warne
dich. Für dich hat Vater ein besonderes Verbot ergehen lassen.
— Und was die — die Mika Zippelmann betrifft, kein Wort!
Wir gehen darüber wie über die Familie Florian Beeren hin-
weg — überall!"
„Ich glaube nicht," erklärte Hanna, und ihre ruhige Stimme
stach vorteilhaft ab gegen die überhastete Sprechweise der Mutter,
„ich glaube durchaus nicht, daß jemand, der bisher in keiner
Weise Ansprüche auf Verwandtschaft mit uns gemacht hat,
sich jetzt auf einmal so lebhaft, wie man zu vermuten scheint,
danach drängen sollte, sich uns zu nähern."
„Du bist ein gesegnetes Mädchen!" rief Haide, ihre Schwester-
umarmend.
„Na, für mich ist diese Geschichte jetzt schon so gut wie erledigt,"

rief Otmar. „Ich werde mir die Leute vom Leibe zu halten
wissen. Sage mal, Mama, könntet ihr heute im Lesekränzchen
mit der Jungfrau nicht allein fertig werden — ohne nUch?"
„Drückeberger!" rief Haide, aus dem Zimmer rennend.
„Ach, Otmar, nein, das geht doch nicht," sagte Frau Agathe
bittend, „was würden Großmama und Tanle Amalie dazu
sagen. Es ist ja immer eine so hübsche Überraschung, wenn
Tante das Verzeichnis vorliest."
„Na also! Weil das Kränzchen bei dir ist. Das nächste Mal
aber lieber nicht."

(inzwischen war der Oberforstmeister nach dem Zippelmann-
schen Hause am Marktplatz gegangen, wo ihm auf dem großen
Ladenschild der Name der Firma „Bertini" in großen Buchstaben
entgegenglänzte. Morgen würde dort vielleicht schon „Florian
Beeren" zu lesen sein.
Der Zorn stieg dem leicht erregbaren Mann wieder heiß
zum Herzen, und die Stirnadern füllten sich prall mit Blut.
Das erste Stockwerk, zu dem er rascher, als es sonst in seiner Art
lag, hinanstieg, war in zwei Wohnungen mit je vier Zimmern
geteilt. An der linken Eingangstür stand auf einem Schildchen:
„Witwe Zippelmann", an der rechten: „Luitgarde von Beeren".
Hier blieb der Oberforstmeister einen Augenblick stehen, um
Atem zu holen; dann klingelte er.
Fräulein Amalie von Lure öffnete ihm die Tür.
„Du wirst mir doch nicht absagen für heute abend," rief sie
dem Neffen entgegen, und ihre scharf blickenden Augen nahmen
einen kaum verborgenen verdrießlichen Ausdruck an. Wenn man
ihren Versicherungen glauben wollte, lebte sie von Poesie und
Luft. In Wahrheit liebte sie aber eine möglichst wohlbesetzte
gute Tafel, und zwar umso mehr, wenn sie diese Genüsse nicht
im eigenen Haushalt zu befriedigen brauchte, wenn ihr die Aus-
gaben dafür die Tasche nicht beschwerten.
„Mache dich auf Schlimmeres gefaßt," sagte der Oberforst-
meister und trat in das Zimmer seiner Mutter.
Sie saß lesend am Fenster und bot dem Sohne freundlich die
Hand.
Eine stattliche Dame war's mit vollem, grauem Scheitel
und nahezu faltenlosen Zügen, wie sie allen beschieden sind,
deren Gemüt von zehrendem Sehnen, deren Herz von unver-
schuldetem und selbstverschuldetem Leid nichts weiß.
„Du hast den ,Anzeiger' heute noch nicht gelesen, Mutter?"
„Tante Amalie wird nachher . . ."
Er wußte, daß sie Erschütterungen nicht ausgesetzt war, also
sagte er ihr kurz und bündig, welche peinliche Veränderung sich
im Hause drunten vorbereite.
Sie war doch so verblüfft, daß sie ihn eine Weile fassungslos
ansah.
„Du Ziehst aus, Mutter — und zwar sobald, wie nur irgend
möglich."
„Ich bin durch meinen Vertrag noch drei Jahre gebunden,
mein lieber Sohn. Und die Zippelmann — ach, das ist ja ein
ganz unglaublicher Verdruß! — die wird mir keinen Groschen
schenken. Daraist kannst du dich verlassen. Ich kenne sie. Gegen
Amalie ist sie gestern auf dee Treppe wieder einmal so maliziös
geworden wegen eines bißchea Wassers, das vom Blumenfenster
auf die Straße gelaufen ist. Ein Hut soll dabei zu Schaden ge-
kommen sein. Mit Gießkannen geht das manchmal so, sie schwappen
so leicht über. Tante Amalie bebte vor Verdruß. Doch darüber
wollen wir jetzt nicht reden. Was du mir da sagst, ist ja gar nicht
zu glauben."
„Meine Stellung zeichnet uns, abgesehen von euch beiden,
unser Verhalten klar und deutlich vor. Du fühlst das mit mir,
Mutter. Ich könnte sonst noch erleben, daß mich irgendwer
auf der Straße anspricht und mir sagt: Herr Florian Beeren läßt
Sie grüßen."
Die Nentmeisterin war aufgestanden. „Wenn doch nur die
Zippelmann — daß deine Frau auch gerade diese Persönlich-
keit hier aufgabeln mußte, oder richtig gesagt, von ihr aufge-
gabelt werden mußte. Ls ist doch wirklich mit ihrer Unbildung
 
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