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Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 61.1929

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Heft 14
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https://doi.org/10.11588/diglit.52835#0368
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VOI^ WM88KO

enn wirklich — wie behauptet worden ist - Zahlen entscheiden,
so steht fest, datz seit einigen Jahrhunderten jede neue Generation
ihren Nahrungsbedarf teurer bezahlen mutz als die vorangegangene. Ver-
gleicht man etwa ein Berliner Haushaltungsbuch aus den siebziger Jahren
des vorigen Jahrhunderts mit einem solchen aus der Vorkriegszeit, so er-
geben die Eintragungen eine Preissteigerung aller Lebensmittel mit Aus-
nahme der Kartoffeln, die zwischen fünfunddreitzig Prozent für Butter und
hundert Prozent für Tauben und Enten sich bewegt. Indessen glaube nur
niemand, die Hausfrauen des neubegründeten Kaiserreichs hätten weniger
über Teurung geklagt als ihre Enkelinnen; denn ihnen dienten wiederum
die wesentlich niedrigeren Preise der vierziger Jahre als Matzstab für die
schlechten Zeiten der Geldentwertung
nach dem „Milliardensegen" mit seinen
wohlbekannten wirtschaftlichen Folgen.
In der Tat hatte sich damals beispiels-
weise der Hamburger Milchpreis in
dreitzig Jahren verdoppelt, der vorher
ein halbes Jahrhundert hindurch aus
gleicher Höhe verharrt war: im Jahre
1795 galt die Kanne Milch zwei Schil-,
linge (etwa vierundzwanzig Pfennig),
gegen Ende der vierziger Jahre erhielt
man sie noch für den gleichen Preis.
Über die Lebensmittelpreise Ostpreu-
ssens vor etwa hundert Jahren unter-
richtet die Selbstbiographie der Schrift-
stellerin Fanny Lewald, die im Jahre
1811 zu Königsberg geboren wurde.
Hier kostete der Scheffel Kartoffeln in
Teuerungszeiten vierzehn, in guten Jah-
ren zehn Silbergroschen, das Pfund
Butter fünf Groschen (für Berlin gibt
die „Vossische Zeitung" vom November
1820 den Preis von sechzehn Groschen
Münze an), fettes Kalbfleisch zweiein-
drittel bis zweieinhalb Groschen; ein
Huhn galt fünf bis sieben Groschen, eine
Gans deren vierzehn. Teuer war nur
Zucker, der bekanntlich vor Einführung
d er einh eimisch en Rüb enzuckerg ewinnung
als seltene Kolonialware nur ein Genutz-
mittel der Reichen war und von der
sparsamen Hausfrau in verschlossener
Zuckerdose ängstlich behütet wurde.
Beträchtlichen Schwankungen unter-
lagen in den früheren Zeiten des noch
unentwickelten Transportwesens in unmittelbarem Zusammenhänge mit
dem Ausfall der Ernte die Getreidepreise; auch wechselte im Einklang
mit ihnen das Gewicht des für einen bestimmten Preis erhältlichen Brotes.
Nach Aufzeichnungen Friedrichs des Grotzen durfte unter seiner Regierung
der Scheffel Korn nicht über einen Taler steigen, auf dem Lande nicht
unter den von der Kammer angesetzten Preis (zwischen zwölf und sechzehn
Groschen) sinken. In den sechziger Jahren seines Jahrhunderts mutzten
aus einem Scheffel Weizenmehl sechzig Pfund ausgebackene Semmel, aus
einem Scheffel Roggen sechsunddreitzig Pfund „feine Scharren" und ein-
undvierzig Pfund gut hausbackenes Brot geliefert werden. Bei steigenden
Weizen- und Roggenpreisen minderte sich das Gewicht der Semmeln und
des Roggenbrotes.
Zur Beurteilung von Preissteigerungen, die aus alten Urkunden er-
sichtlich sind, wäre es nötig, zu ermitteln, ob der Wert der betreffenden
Münze der gleiche geblieben oder geändert worden war, wie dies in früheren
Zeiten nicht selten geschah. Und nicht nur zeitlich, sondern auch von Gebiet
zu Gebiet hatten Münzen gleicher Benennung im Deutschen Reiche ver-
schiedenartige Geltung, so datz sich vermutlich unsere Vorfahren selbst in
demWirrwarr ihrer Zahlungsmittel nicht ganz leichtzurechtgefundenhaben.
Noch schwieriger ist es unter solchen Umständen für die Nachwelt, eine
zutreffende Vorstellung von der Kaufkraft deutschen Geldes in früheren

Zeiten zu gewinnen. Nach Roschers Annahme war diese in dem Zeitraum
von zwrihundertfünfzig bis zweihundertsiebzig Jahren vor der Gründung
des neuen Kaiserreichs auf weniger als die Hälfte gesunken; was nach 1870
zweieinviertel Taler kostete, hätte man somit bei gleicher Münze zu Be-
ginn des Dreitzigjährigen Krieges für einen Taler erstehen können. Eine
tatsächliche Verteurung der Lebensmittel würde dies jedoch nur dann be-
deuten, wenn die Entlohnung menschlicher Arbeit sich nicht im gleichen
Verhältnis verschoben hätte.
Rechnet man den ehemals geltenden Tagelohn eines erwachsenen
Mannes in die Menge der Lebensmittel oder Bedarfswaren um, die er
dafür kaufen konnte, so hat man offenbar einen brauchbaren Matzstab für
die Beurteilung der Preise früherer Zei-
ten. Wenn zum Beispiel, wie um die
Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts im
Fürstentum Bayreuth, mit dem Tagelohn
eines Landarbeiters nicht weniger als
neun Pfund besten Rindfleisches bezahlt
werden konnten, so war dieses Lebens-
mittel noch billig zu nennen; im folgen-
den Jahrhundert hatten sich die Fleisch-
preise bereits beträchtlich erhöht, und um
das Jahr 1600 war nach der gleichen,
von Damaschke angewandten Umrech-
nung das Verhältnis sehr viel späterer
Zeiten zwischen Arbeitslohn und dafür
erhältlicher Ware bereits erreicht. Es
herrschte denn auch damals eine zuneh-
mende Knappheit und Teurung des Flei-
sches, die zu allerhand gewaltsamen Ver-
suchen der hohen Obrigkeit Veranlassung
gab, die Preise zu senken: Einschränkung
des Verbrauchs auf der einen, Anreiz zu
vermehrter Viehzüchtung auf der anderen
Seite, Preisüberwachung und Marktkon-
trolle zum Schutze der Verbraucher, lauter
Matznahmen, die aus den Zeiten der
Zwangswirtschaft der jetzt lebenden Ge-
neration noch in überwiegend unerfreu-
licher Erinnerung sind, kamen schon da-
mals zur Anwendung, wenn auch ohne
wesentlichen Erfolg. Siebeweisen immer-
hin, datz die Lebensmittelpreise jener Zeit
der: Lebenden hoch erschienen und den
Trägern der Verantwortung Sorge berei-
teten — während uns Nachfahren etwa
die Marktordnung des Kurfürsten August
von Sachsen aus dem Jahre 1570 beneidenswert billig dünkt, laut welcher
eine Ente einen Groschen, eine gemästete Gans sechs Groschen kosten durfte.
Immerhin hatten es die Bürger damals insofern besser, als sie nicht so
völlig auf die Marktwaren angewiesen blieben wie in unserer Zeit. Lag
doch in ihrer eigenen Viehhaltung, die noch jahrhundertelang beibehalten
wurde, jene ausgleichende Wirkung, die wohl sicherer als alle behördlichen
Verordnungen einer Überspannung der Fleischpreise Grenzen setzte. Denn
die mit Dauerware aus eigenem hauswirtschaftlichem Betrieb stets reichlich
versehene Hausfrau konnte im Notfall — ohne die Ernährung ihrer Fa-
milienangehörigen irgendwie zu beeinträchtigen — wochenlang daraus
verzichten, den Marktleuten ihre Ware abzukaufen, wenn sie deren Forde-
rungen für ungerechtfertigt hielt. Ohnehin aber gehörte in einer zu Zwei
Dritteln landwirtschaftlichen Bevölkerung zur Verbraucherschaft feilgeha^-
tener Lebensmittel nur ein Teil der Volksgesamtheit, deren überwiegen
grötzere Hälfte als Selbstversorger sich steter, freilich durch vermehrte Arber
erkaufter Unabhängigkeit von den Marktpreisen erfreute.
In der Teuerung der Gegenwart ist es freilich ein billiger und schlecht^'
Trost, die Genugtuung zu haben, datz auch in vergangenen Zeiten dauern
Spannungen bestanden haben zwischen den Lebensmittelpreisen und den
schwankenden Münzwert der Leistungsentschädigungen, also zwischen Em
nähme und Ausgabe, weil immer und ewig die Dinge im Flutz sind.



Frühlingsahnen.
Nach, einem Scherenschnitt van Marta Sachse-Schubert.
 
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