Architekten- und Ingenieur-Verein <Frankfurt, Main> [Hrsg.]; Wolff, Carl [Bearb.]
Die Baudenkmäler in Frankfurt am Main (Band 1): Kirchenbauten — Frankfurt a. M., 1896

Seite: 122
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fach auf den Vornamen der gefeierten Stifterin Katharina von Wanebach,
welcher das Liebfrauen-Stift sein Bestehen verdankt.

Das älteste urkundliche Zeugniss von der neuen Liebfrauen-Kapelle
besitzen wir in einem Ablassbriefe vom 8. Februar 1318, den 18 Patriarchen,
Erzbischöfe und Bischöfe in Avignon ausgestellt haben 1). Er zeigt uns
die Kapelle in vollem Baue begriffen: des Ablasses sollen theilhaftig werden
alle, die zum Bau, zur Vollendung, zu Ornamenten und Paramenten bei-
tragen und die die Kapelle bei der Einweihung und an gewissen Festen
besuchen. Dass Wigel und Katharina von Wanebach sowie ihre Tochter
Gisela und deren Gatte Wigel Frosch die Kapelle lediglich aus eigenen Mitteln
und auf eigenem Grund und Boden erbaut haben, scheint zwar durch den
Wortlaut des Ablassbriefes ausgeschlossen, wird aber in einem Briefe des
Frankfurter Propstes Wilhelm aus dem Jahre 1325 ausdrücklich gesagt2).

Drei Jahre später, am 21. April 1321, ertheilte auch der Verweser
des Erzbisthums Mainz den Besuchern weiteren Ablass; die Kapelle war
also vollendet, der Kirchhof wird bereits zu Beerdigungen benutzt. Die
Erbauer der Kapelle, die mit sechs Vikarien ausgestattet war, starben
schon sehr bald: Wigel von Wanebach endete am 18. November 1322 und
wurde in der Kapelle beigesetzt; sein Schwiegersohn Wigel Frosch erlag
1324 dem Fieber auf der Wallfahrt nach S. Jago di Compostella, nach-
dem er in seinem Testamente die Kapelle reich bedacht hatte. Ihrer
beider Andenken lebte noch lange Jahre in dem volksthümlichen Namen
der Kirche und des Stiftes „zu den Wigeln,“ der noch 1516 urkundlich
vorkommt.

Das Werk der Männer setzten die hinterlassenen Frauen fort; sie
wandten der Kapelle reiche Gaben zu und erreichten 1325, trotz des
Widerspruches ihrer Verwandten, die Erhöhung der „libera capella“ zu
einer „ecclesia collegiata“ mit sechs Präbenden. Am 12. April 1325 stimmte
der Propst des Bartholomaeus-Stiftes dieser Erhöhung zu, am 25. April
sprach sie der Erzbischof Matthias von Mainz aus. zwei Tage später wurde
sie beim Hochamte im Dom dem Volke und Clerus feierlich bekannt
gemacht. So hatte die Stadt wenige Jahre nach der Gründung des zweiten
Kollegiatstiftes an St. Maria und Georg das dritte und letzte an der Lieb-
frauen-Kirche erhalten. Die Weihe des neuen Stiftes soll am 26. Juni 1325
erfolgt sein ; zur Erinnerung an dieselbe Hessen die drei ersten Prälaten
im folgenden Jahre das Brustbild des Erzbischofs Matthias von kostbarem

x) In der reich ausgestatteten, mit 18 Siegeln versehenen Urkunde, welche noch
nicht gedruckt ist, heisst es von der Kapelle: „capella, que ad honorem beate Marie
virginis gloriose de novo construitur in Frankevord in loco, qui dicitur of dem
Bossebohel. . ; der Ablass wird verheissen „Omnibus vere penitentibus et confessis,

qui ad eiusdem capeile structuram et consummationem neenon calicem, libros, lumi-
naria, ornamenta et alia dicte capeile necessaria et prespiteris in eadem capella celebran-
tibus manus porrexerint adiutrices et qui illam capellam in dedicatione ipsius . . etc.
2) Böhmer UB 478.
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