Bieńkowski, Piotr
Die Darstellungen der Gallier in der hellenistischen Kunst — Wien, 1908

Seite: 77
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Pasquinogruppe bewegten bärtigen Griechen darstellen. Eine (= Clarac-Reinach p. 498, 3) befindet
sich jetzt im Pariser Cabinet d. medailles et des antiques (abg. Babelon, Cat. d. bronzes n. 815),
die andere im kunsthistorischen Hofmuseum in Wien (abg. R. v. Schneider, Antikensammlung,
Taf. XXXII). Ferner rechnete er den bekannten Dresdener Athleten (= Clarac-Reinach p. 529, 2)
zu den großen Figuren der Galliergegner. Abgesehen von anderen Rücksichten ist diese Annahme
schon aus dem Grunde unhaltbar, weil alle diese Gestalten, denen auch ein Bronzefigürchen in
Parma (abg. Arndt-Amelung, Einzelverkauf Nr. 726) zuzurechnen ist, den Stil des V. oder IV.
Jahrhunderts zeigen, jedenfalls älter sind als das attalische Anathem.

Mit anerkennenswerter Zurückhaltung hat Habich (Amazonengruppe, S. 77, Anm. 3) auf eine
als Gladiator mit einem Löwen ergänzte, leider schon zu Claracs Zeit verschollene Figur (Cla-
rac-Reinach 531, 1) hingewiesen, und möchte in ihr den von Bellievre beschriebenen Sieger:
»qui vittam in capite gerit et stat curvus in terram, ac si alium sub se iugularet« erblicken. Un-
zweifelhaft ist sie mit den kleinen Attaliden in vielen Zügen verwandt und der Vergleich mit
einer von uns unten (Nr. 39) in Betracht gezogenen Relieffigur rechtfertigt diese Vermutung. In-
des hat sie einen behelmten Kopf; dagegen spricht Bellievre von einer Haarbinde. Man müßte
also — ohne zwingende Gründe — voraussetzen, daß der echte Kopf der beschriebenen Statuette
verloren gegangen ist und nachher ergänzt wurde. Ferner ist der Gladiator Giustiniani offenbar
ein Grieche. Bei der Bellievreschen Statuette ist aber nicht ausgeschlossen, daß sie einen Gallier
darstellte. Auf etruskischen Urnen finden sich Haarbinden auch auf den Köpfen der Gallier, und
warum sollte nicht einmal ein Gallier als Sieger dargestellt worden sein? So lange man also
darüber nichts weiß, darf man keine Identifikation vornehmen, geschweige denn mit einer Figur,
von der weder die Größe noch die Ergänzungen bekannt sind. Ebenfalls muß ich den Vorschlag
S. Reinachs (Gaulois p. 20) ablehnen, anstatt »vittam« »mitram« zu lesen und die beschriebene
Statuette mit dem vatikanischen Perser zu identifizieren.

Von diesem Stadium der Forschung aus wird es gut sein, auf die oben einzeln hervor-
gehobenen barbarischen Kennzeichen der pergamenischen Gallier noch einen Blick zu werfen
und sie zu einem Gesamtbilde zusammen zu fassen. Vor allem ist mit Nachdruck festzustellen,
daß es sich hier nicht um konventionelle, den Darstellungen der Satyrn und Giganten analoge,
rein phantastische Schöpfungen, sondern um einen ausgesprochenen, der Wirklichkeit abgewon-
nenen, durch die Kunst veredelten Rassentypus handelt. Es ist in erster Linie das Quadratgesicht
mit stark knochigen Wangen, das diesen fremdartigen Eindruck hervorruft. Dazu gesellt sich
bei den Adeligen der Schnurrbart, bei den von niedriger Herkunft auch der Vollbart, bei allen
ohne Unterschied die Art, wie die Augenbrauen mit einem gelinden Bogen in den Nasenrücken
übergehen. Wir finden hier nie jenen scharf gezeichneten rechten Winkel, der für die Griechen
fast noch mehr bezeichnend ist als das regelmäßige Profil. Auch das struppige, um die
Stirn herum emporstehende Haar, das auf den Nacken mähnenartig herunterfällt, erhöht die
Fremdartigkeit der Erscheinung (vgl. Diodor, V, 28). Das Bild wird noch durch die ausgeprägte
Brachycephalie, durch die ungewöhnlich große Entfernung der Kinn- und Nasenspitze, durch die
niedrige Stirn, den dicken und sehnigen Hals, das breite und derbe Kinn vervollständigt. Ebenso
genau ist die gallische Körperform, wenigstens in den großen attalischen Figuren, beobachtet.
Die Gallier sind als mächtige, vierscbrötige Gestalten von saftiger, aber nicht üppiger Leibes-
beschaffenheit dargestellt (vgl. Pausan. X. 20, 4). Ihren Muskeln merkt man an, daß sie nie eine
athletische Schule durchgemacht haben, vielmehr in schwere]- Arbeit und im rauhen Klima stark
geworden sind. Man beachte die massigen Beine und Arme, die starken Knöchel und Handge-
lenke, die schwielichten Hände und Füße, die harte, locker gespannte Haut. Es sind dieselben
Rassenmerkmale, die von S. Beinach (Bronzes figures p. 225) und von J. Strzygowski (Jahres-
hefte, IV. 191 fg,) bei den Keltenbildern der gallo-römischen Kunst, von Hamy (Anthropologie,
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