Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Sachsen (Band 33,1): Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Stadt Quedlinburg — Halle, 1922

Page: 132
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bkds_bd33_1/0154
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
132

Kreis Stadt Quedlinburg.

schönen Falten sie umgebende Gewand mit der Rechten hebend, die Linke auf
die Brust gelegt, das edle Gesicht zu Jesus wendet. Ihm zur Linken steht in
gebeugter Haltung Johannes mit Buch in der Linken, mit der Rechten das Kinn
berührend. Über dem Kreuz mit Inschrifttafel das Brustbild eines Engels.
Inschrift: CTAYPßCIC. 4. Kreuzabnahme: Zwei Knechte, auf Stühlen
mit gedrechselten Beinen stehend, bemühen sich, den Leichnam abzunehmen;
der eine hat die rechte Hand schon vom Kreuze gelöst und stützt den nun herab-
sinkenden Leib, während die schlaff herabgesunkene Rechte von der Mutter
Maria • ergriffen und geküßt wird, ein ergreifender Zug. Johannes steht in fast
genau derselben Haltung da wie bei der Kreuzigung. Beischrift: 'H ’AIIO-
KAFHAUCIC (das 0 überall durch Hb gegeben). Dies Werk steht einzig da
unter den Elfenbeinarbeiten der Provinz. Der antike Formensinn vereinigt sich
hier mit christlicher Innerlichkeit. Der Meister ist offenbar ein Byzantiner, wie
schon die Beischriften beweisen1). Mit den Figuren des Reliquienschreins der
Äbtissin Agnes (Kr. II, S. 121 ff.) haben diese keine Ähnlichkeit. Dort lagen einem
deutschen Künstler wahrscheinlich byzantinische Muster vor; hier sehen wir
einen mit antiker Bildung vertrauten Bildschnitzer aus eigenem Vermögen
schaffen.
B. Ornament. Der Prunkrahmen, wie der vorige auf silbervergoldetem
Grunde mit Edelsteinen und Goldfiligran geschmückt, das durchweg aus doppelten
Goldstreifen von eckigem Querschnitt besteht, ist hervorragend durch seine klare
Zeichnung und tadellose Technik. Auch sind die Edelsteine so angeordnet, daß
sie den Schwung der Zeichnung nicht
stören. Er ist vierteilig, indem zwei
breite wagerechte Streifen auf zwei
schmälere senkrechte stoßen.
C. An echten Edelsteinen sind
nur 9 vorhanden, und zwar 5 Smaragden,
2 Amethyste, 1 Almandin und 1 un-
geschliffener Rubin; außerdem 4 Perl-
mutter, 29 Perlen und 6 Korallen. An
Imitationen: 4 Rubinen, 1 Smaragd,
4 Saphire (Glasflüsse, 2 Milchglasflüsse)
und 1 schwarzer Glasfluß; 1 Stück
Ebenholz mit 4 Facetten und 1 Lava-
Cabochon. 9 größere und mehrere
kleine Fassungen sind leer.
Der Deckel ist von hohem künst-
lerischen Werte, von keinem anderen
Werke des Schatzes übertroffen. Die
Zeit der Entstehung ist um 1200.
3. Evangelienbuch in Folio mit
dem Vulgatatext der Evangelien für

r \ * > >; ;;
irtnr nimmlua m
Hus.Iw ö?fmpno
pmim farta rft ;ß \ijj
tnfhfrQrfnrnno v

•- • m
ßitica iüftpb o- fhiMcn (rnima
irnnfnnolrm nhV ruht ü
mD (|uf üüratüT bftfclffm n'-ijö*
fh;.' frroieü hut; ö u
tmrrn irfp


Abb. 60. Evangeliar, Handschriften.

!) Kugler a. a, 0., S. 135, vergleicht ihn mit Niccolo Pisano.
loading ...