Zeitschrift des Bayerischen Kunstgewerbe-Vereins zu München: Monatshefte für d. gesammte dekorative Kunst — 1892

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■*- 5^ -4'

|er Fremde, welcher der altehrwürdigen panse-
stadt Hamburg einen Besuch abstattet und, in
den Morgenstunden gemüthlich durch die Straßen
schlendernd, zufällig auf den ehemaligen Turnier-
platz der Stadt, den jetzigen Popfenmarkt,
gelangt, wird erstaunt sein über das lebhafte
bunte Marktgewühl, welches sich seinen Augen
darbietet. Freilich, seinem Namen inacht der Platz keine
Ehre, von Hopfen ist auch nicht die Spur zu sehen, dagegen
alle möglichen Gemüsearten und Früchte; denn seinen Ruf
als Bierstadt hat pamburg längst verloren und an unsere
Landsleute im Süden des deutschen Reiches abgeben müssen.
Der ganze Marktverkehr spielt sich iin Gegensatz zu fast allen
andern größeren Städten gänzlich unter freiem Fimmel ab,
und das Erste, was die Aufmerksamkeit des Fremden, welcher
die Reihen der aufgestapelten Maaren durchschreitet, erregt,
sind die eigenartigen Trachten der Bauern, welche von den
verschiedenen Elbinseln kommen, um dort die Erzeugnisse
ihrer heimischen Fluren zu verkaufen.

Besonders ein Rostüm ist auffallend. Das nichts
weniger als zarte „zartere Geschlecht" trägt, wenn unver-
heirathet, Zöpfe, die Frauen dagegen haben das paar
ganz und gar kurz geschoren und darüber eine sich eng an
die Ropfform anschmiegende schwarze Rappe. An dieser
ist hinten eine aus schwarzer Seide gefertigte große Schleife
befestigt, die durch einen Firnißüberzug gesteift ist und sich
fast wie die Flügel einer Windmühle ausnimmt. Auf der
Rappe sitzt dann noch ein aus Stroh geflochtener, wie eine
umgekehrte flache Schaale geformter put. Das Mieder ist
kurz, darunter kommt dann ein ganz glatt um den Rörper
herumliegendes Stück Zeug, an welches sich dann in kleinen

Fältelchen der nur bis zu den Waden reichende Rock schließt.
Die Männer tragen derbe Schuhe, Strümpfe, bis zum Rnie
reichende, schwarze Pumphosen, ganz dunkelviolette Weste
und ebenso gefärbte Jacke, welche beide mit großen silbernen
Rnöpsen besetzt sind und nur bis zur püfte reichen.

Nun gibt es auch noch bedeutend reichere Rostüme,
aber im werktäglichen Marktverkehr wird nur das ein-
fachste Gewand angelegt. Z. B. ist der Brustlatz der
Frauen oft auf das kostbarste verziert durch Silberstickereien
auf Sammt mit dazwischen zerstreuten kleinen Silberplättchen
und buntem Glasfluß. Ebenso sind die Pemdspangen ein
Gegenstand künstlerischer Ausschmückung. An Wochentagen
werden einfache, aus gravirtein Silber verfertigte, getragen,
während die sonntäglichen aus vergoldeten Filigranen und
echten Granaten bestehen. Auch gibt es verschiedene
Rostüme für den Rirchgang, für Pochzeiten, Rindstaufen,
Begräbnisse rc. (Dgl. die Abbildungen auf den S. 2st u. 30.)

Dieselben Gestalten trifft der Fremde auch auf dem
anderen 20 Minuten davon entfernten Gemüsemarkt der
Stadt, dem sogenannten Meßberg, ja, die mitten auf dem
Markt unter einem schmiedeisernen Baldachin stehende
Brunnenfigur aus Sandstein stellt solch eine Bäuerin dar:
das sind „Vierländer Bauern", d. h. Bewohner der vier
Dörfer Turslak, Alten- und Neuengamme und Rirchwärder.
Am Landungsplatz des dicht beim Marktplatz vorbeifließen-
den Elbarmes liegt ein nicht sehr großer, etwas plump
gebauter Dampfer „die Maiblume", das Eigenthum einer
Anzahl vierländer Bauern und dazu bestimmt, den Ver-
kehr ihrer Dörfer mit der Stadt zu vermitteln.

Unter Benützung dieses Schiffes gelangt man nach
etwa einstündiger Fahrt, erst durch den Zollkanal dann
auf dem Pauptstrom, in die sogenannte Gammelbe und
bald darauf in einen noch schmäleren Arm, die dove Elbe.*)
Zetzt erhält das Land ei» viel fruchtbareres Aussehen,
rechts und links liegen die schönsten Wiesengründe, dahinter
ist dann auf beiden Seiten der Deich, dazu bestimmt, das
tiefliegende Marschland vor Ueberschwemmung zu bewahren,
pinter dem Deich, welcher zugleich als Fahrweg dient, lugen
die päuser, die überall zerstreut umherliegen, mit ihren
Giebeln freundlich aus den: umgebenden Grün hervor.
Eines der ältesten dieser päuser stammt noch aus dem
[7. Jahrhundert oder spätestens aus dem Anfänge des
f8. Jahrhunderts. Die Giebelseite des Fachwerk-Baues
ist der Straße zugekehrt und schließt oben mit den bekannten
sich kreuzenden Pferdeköpfen ab, welche zuweilen bis zur
Unkenntlichkeit verschnörkelt sind. Der hervorragende Mittel-

*) Dove — taube Elbe. Der Name rührt daher, daß dieser
Llbarm jetzt bei seinem ursprünglichen Einfluß abgedeicht und daher
ohne durchgehenden Strom ist und nur durch die von unten ein<
strömende Fluth und Ebbe bewegt wird.

Vierländer Bauernhaus.

Gezeichnet von L. Schlotke-tyamburg.

0. Consee
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