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Zeitschrift des Bayerischen Kunstgewerbe-Vereins zu München: Monatshefte für d. gesammte dekorative Kunst — 1893

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Heft 5/6
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Heigel, Karl Theodor von: Das Grabmal Kaiser Ludwig des Bayern in der Münchener Frauenkirche, [1]: Vortrag, gehalten im Bayer. Kunstgewerbe-Verein am 21. März 1893
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https://doi.org/10.11588/diglit.7908#0039

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•h 55

ta§ Wraömül Maiftk Düöwig des MüZern

in der WnWnK IrauenkirIe.

Vortrag, gehalten im Bayer. Kunstgewerbe-Verein am 2\. März 1.393 von Karl Theodor Izeigel.

Nachdruck verboten.

der junge Goethe zum erstenmal nach den:
Straßburger Riünster giitg, hatte er nach feinen
eigenen Worten „den Kopf voll allgemeiner
Eikenntniß guten Geschmacks." Unter Gothifch
stellte er sich etwas „ganz von Zierrath Erdrücktes", Aeber-
ladenes, Unnatürliches vor.

Doch „mit welcher unerwarteten Empfindung über-
raschte ntich der 2lnblick, als ich davor trat. Ein ganzer,
großer Eindruck füllte meine Seele, den, weil er aus tausend
harmonirenden Einzelheiten bestand, ich wohl schmecken und
genießen, keineswegs aber erkennen und erklären konnte".

Auch in Wahrheit und Dichtung schildert Goethe die
Gewalt, die das größte Denkmal deutscher Baukunst auf
ihn ausgeübt, und wieder spricht er ein goldenes Wort.
„Sehe ich in der neuesten Zeit die Aufmerksamkeit wieder
auf jene Gegenstände hingelenkt, Neigung, ja Leidenschaft
gegen sie hervortreten und blühen, sehe ich tüchtige junge
Leute von ihr ergriffen, Kräfte, Zeit, Sorgfalt, vermögen
diesen Denkmalen einer vergangenen Welt rücksichtslos widmen,
so werde ich mit Vergnügen erinnert, daß das, was ich
sonst wollte und wünschte, einen Werth hatte. Mit Zufrieden-
heit sehe ich, wie man nicht allein das von unseren vor-
vordern Geleistete zu schätzen weiß, sondern wie man sogar
aus vorhandenen unausgeführten Anfängen, wenigstens im
Bilde, die erste Absicht darzustellen sucht, um uns
dadurch mit dem Gedanken, welcher doch das Erste und
Letzte alles Vornehmens bleibt, bekannt zu machen, und eine
verworren scheinende Vergangenheit mit besonderem Ernst
aufzuklären und zu beleben strebt".

Dem berechtigten verlangen, „die erste Absicht wieder
darzustellen", wurde im Jahre 1859 durch die Restauration
der Liebfrauenkirche Rechnung getragen. Gewaltig und
wesentlich waren die Veränderungen, vor Allem wurde
der Bennobogen zwischen Schiff und Ehor ganz entfernt;
das Kleinod unseres Münsters, das Grabinal Kaiser Ludwigs
des Bayern mußte voin hohen Ehor in die Tiefe wandern,
bis es in jüngster Zeit ganz nahe an den Eingang ver-
setzt wurde.*)

Daß das Grabinal an feiner alten Stelle der im Schiffe
knieenden Menge den Blick auf den Hochaltar verwehrte,
daß es in feiner Eigenart nach Entfernung jener Einbauten
und Zuthaten, seit die gothischen Strebepfeiler, die Kapellen,
die Altäre, in ihrer ursprünglichen Einfachheit wieder
hergestellt sind, besser da steht, wo es jetzt steht, mag zuge-
geben werden; daß der erwähnte, unter Wilhelm V. und
Maximilian I. aufgeführte Triumphbogen, der barocke Prunk

*) ©b dabei nur praktische und ästhetische Bedenken maßgebend
wäre» ? Jedenfalls würde Westenrieder die Versetzung nicht gebilligt
haben; noch in seinen ;82^ erschienenen „Hundert Sonberbarfeiten" sagt
er: „Das in presbyterio errichtete kaiserliche Denkmal ist gerade im
Presbyterium das genugthnendste Denkmal für diesen Kaiser, qui tanta
tulit. Und dieses Denkmal nach dem Winkel des alten Taufsteins ver-
bannen wollen, heißt cs aus der Kirche verbannen I"

der Kanzel, der Ehorstühle und Altäre „der ersten Absicht" zu-
widerliefen, muß zugegeben werden. Doch viele Aeltere werden
mir zustimmen, wenn ich behaupte, daß auch das Innere
der Frauenkirche, wie es damals gewesen und heute noch
in unserer Erinnerung steht, trotz alledem „einen ganzen
großen Eindruck" auf die Seele inachte. „Ein unsinniges
Gipsgebilde" nennt der Verfasser der Geschichte der Frauen-
kirche den Bennobogen! „Der in den Formen der italienischen
Hochrenaissance ausgeführte Bogen war zwischen die vier
dem Thor zunächst stehenden Mittelpfeiler eingespannt und
ruhte auf vier kräftigen, ausgekehlten Pfeilern, die Wölbung
war leicht aus Stuck hergestellt und die Stuckornainente
wechselten mit plastischen Gestalten und mit Malereien, die
theils al fresco, theils wie die erhaltenen Stücke zeigen, in
(Del auf holztafeln ausgeführt und zwar von der Hand
Peter Tandid's waren. Den Guß der Bronzen besorgte
der weilhenner Johannes Krümper", (P. Ree.)

Gewiß, zur maßvollen, ja nüchternen Gothik Allbayerns
paßten jene Fruchtgewinde und Wappen, das Schwelgen
in Formen und Farben, der Aufwand von Erz und Ver-
goldung, mit einem Worte, die dekorativen Absichten und
Erfolge nicht, doch an sich betrachtet war der Bennobogen
ein Kunstwerk großen Styls und ganz im Sinne der Er-
bauer und ihres Volkes ein Symbol der triumphirenden
Kirche, die würdige Vorhalle des Kaiserdenkmals auf dem
Thor. Der Gegensatz, der Reigen der himmlischen, die
aus dein Bogen wandelten, und der düstere Prunk des Grabes,
erhöhte nur den Eindruck.

Noch heute empfinde ich den frommen Schauer nach,
mit dem ich als Knabe auf das hochragende Grab mit
seinen vier geharnischten Wächtern blickte. Der gewaltige
Ernst des Kunstwerks und die Erinnerung an den Kaiser,
der für mich eine der erhabensten geschichtlichen Persönlich-
keiten war, wirkten mächtig zusammen. And die Bewunderung
und die warme Theilnahme verloren sich im Laufe der Jahre
nicht, und ihnen gesellte sich der Wunsch, mich über Entstehung
utid Bedeutung des Kunstwerkes gettau zu unterrichten.

Dieser Wunsch wurde um so lebhafter, nachdem ich
das prächtige Werk von Schönherr über das Maximilians-
Grabmal in der Innsbrucker Hofkirche kennen gelernt. So
durchforschte ich denn, was an archivalischem Stoff für
Geschichte unseres Münchener Mausoleums vorhanden, denn
nur durch das Zurückgreifen auf die ältesten Quellen
ließen sich neue Ergebnisse erhoffen; die vielen gedruckten
Beschreibungen siitd eine wie die andere dürftig und ungenau.

And mein Suchen war auch nicht ganz vergeblich!
g)war ein ähnlich reiches Material, wie es Schön Herr aus
dem Innsbrucker Archiv gesammelt und verwerthet hat, ist
in den Münchener Briefgewölben nicht zu finden, aber auch
schon Dank diesen spärlichen Quellen ließ sich feststellen, daß
die Ueberlieferung in manchen Hauptpunkten ungenau und
unrichtig ist, und ich kann Ihnen, aus gewissenhafte Arbeit
gestützt, wesentlich Neues über das Denkmal mittheilen.

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