Bickell, Ludwig [Editor]
Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel (Band 1): Kreis Gelnhausen: Textband — Marburg, 1901

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Kempfenbrunn. Kirchbracht.

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Ebenso ist nicht festzustellen gewesen, ob die grossen Rundbogenöffnungen des Thurmes etwa Reste
älterer romanischer Arkaden sind.

Die Orgel ist ein unbedeutend modernes Werk. Von den beiden

(i 1 o c k e n hat die ältere 0,59 Durchmesser und 0,46 m Höhe. Um den H als zieht sich die Minuskelinschrit't:
avc f, maxxa • Qvaaa ■ plena • öonünus • tcanu • bcbeitc&icta • tu • in • irtuIuTÜms f

1) 2) 3) 4)

Die Inschrift ist oben mit einem feinen Zähnschnittstab über einem Riemchen nach unten von einem
zierlichen feingegossenen »Spitzbogenfries begrenzt. Die Haube ist oben gradhachig abgeschlossen und hat ein
umgekehrtes Wellenprofil. Die 6 Bügel der Krone sind in scharfem Winkel geknickt, 8seitig, und gegen das
Mittelohr schräg nach oben gestellt. Nach diesen Merkmalen dürfte sie dem Schluss des 15. Jahrhunderts an-
gehören. An den oben mit Zahlen bezeichneten .Stellen steht bei 1) ein kleines Crucitix, bei 2) ein stehender
Löwe, bei 3) eine Glocke, bei 4) eine Rose.

Die jüngere trägt die Inschrift: F.W. R1NKER • ZU • SINN • 1886 • und ist ohne Interesse.

Kirchbracht.

Dorf von 300 Einwohnern, 5!/4 Stunde nördlich von Gelnhausen, im ehemaligen Gericht Reichenbach,
jetzt Birstein; im ehemaligen Gau Wettereiba. Es hat jetzt eine eigene Pfarrei, zu welcher Lichenroth als Filial
gehört, die Dörfer Mauswinkel, Bösgesäss, Unhausen (im Darmstädtischen) eingepfarrt sind. Eine villa Brahtaha
wird schon 850 als Besitz des Klosters Fulda genannt und dabei Güter in loco tibi ferrüm in frmt invenitur1)
erwähnt (cf. Neuschmitten). 929 heisst der Ort Bratapha, 1390 Brachta und von 1402 ab Kirchbrachta. Der
Name ist von brahtun (.— freniere, garrire, strepere) abzuleiten (nach Arnold p. 109) und bedeutet: tosendes
Wasser. Die Form Kirchbracht beweist, dass bereits mindestens um 1400 eine Kirche dort bestand, und 1432
bekunden die Aeltesten der Gemeinde, dass „vorzeiten ein ewiges Licht vor dem heiligen Kreuz in dem Gottes-
haus daselbst gestiftet worden sei" (Archiv von Birstein, Originalurk.).

Die Nicolauskirche.

Im Jahre 1459 wird ein Pfarrer und ein Baumeister der Nicolauscapelle zu Kirchbracht genannt (Arch.
zu Hirstein Msc. Sammlung Nr. 13, 5—6). Ein Nicolausmarkt bestellt noch heute. Die Kirche war Filial von
Reichenbach wie aus dem Competenzregister von 1488 (auf dem Archiv zu Hirstein) hervorgeht, gehörte mit
diesem zu dem Archidiakonat des Johannesstiftes zu Mainz und wurde erst 1590 selbständige Pfarrkirche.

Sie liegt am östlichen Ende des langgestreckten Dorfes auf einer Anhöhe inmitten des befestigten
Kirchhofes, und besteht aus einem rechteckigen nachgedeckten Schiff mit wenig schmälerem, zu einem
quadratischen Thurm ausgebildeten Chor. Beide sind in der Anlage gleichzeitig, und bis zur Höhe des Kaf-
simses, welches den Thurm umzieht und aus einer scharf untersehnittenen Platte (wie an der Marienkirche zu
Gelnhausen) besteht, im Verband aufgeführt. Die wenigen erhaltenen Details sprechen für die Entstehung am
Ende des 14. Jahrhunderts.

Der Chor hat auf allen drei Seiten Fenster, von denen die spitzbögigen nördlich und östlich mit einmal
aligesetzten gerade abgeschrägten Gewänden ihr wohl nur aus einem Kleebogen bestehendes eingesetztes Mass-
werk verloren haben. Das südliche ist im 18. Jahrhundert angelegt, wo sich ursprünglich unter einer Auf-
kröpfung des Kafsimses die alte Chorpforte befand, über der denn auch ein kleines Fenster bestanden haben

') 1390 verglichen sich Johann von Ysenburg und Friedrich von Lissberg wegen Gewinnung des für die beiderseitigen
smitten = Waldschmieden zu Rinderbiegen und Schechirberg erforderlichen Eisensteines bei Brachta (Urk. IV, p. 487).

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