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Blätter der Galerie Ferdinand Möller: Das Geistige in der Kunst — Berlin: Galerie Ferdinand Möller, Heft 5.1929

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https://doi.org/10.11588/diglit.48832#0004
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Offenbarungen von Geheimnissen der Natur, der Seele, der Farbe
und des Raums wie die Bilder von Jawlensky, Feininger, Kan-
dinsky und Klee eine durchaus weltfremde Angelegenheit.
Fremd dieser Welt der Warenhausuniversalität, der Sensationen
und Konfektionen: das Beste, was über eine Kunst heute gesagt
werden kann. Die Kunst kann nicht genug Abstand nehmen von
dieser Wirklichkeit. Nicht einem neuen kart pour hart zuliebe.
Nicht, um sich auf dem Mond etwa anzusiedeln. Sie käme dabei
in das Gehege der Filmindustrie von Fritz Lang und Thea von
Harbou, wovor ein gütiges Schicksal sie bewahren möge. Nein,
sondern um den Blick frei zu halten für das ungetrübte Erfassen
jener sinnvollen Ordnung, in der das menschlich Gestaltete mit
dem Strom des Naturgeschehens und mit den großen tragenden
Rhythmen der Weltschöpfung sich wesensgleich verbindet.
Eine verkrampfte Großstadtzivilisation hat uns dieser Lebens-
harmonie in einem Grade entfremdet, daß wir kaum noch wissen,
was wir verloren haben. Ihre Idee durch Werke der Philosophie,
Dichtung und Kunst der irre gewordenen Zeit ins Bewußtsein
zu rufen ist mehr als formaler Geistessport und ästhetisches
Erlebnis. Ist die hohe, um nicht zu sagen: religiöse Mission,
Vorbild und Wunschtraum einer geklärteren Zukunst herauf-
zubeschwören, dem realen Lebenswillen ideale Forderungen und
Wegweiser auf weite Sicht zu stellen.
In solchen Perspektiven leuchtet es auf, was Kandinsky vor
zwanzig Jahren fast „das Geistige in der Kunst“ benannt hat.
Er hat dafür den Verdacht auf sich nehmen müssen, seine Malerei
sei metaphysische Spekulation, vorgefaßtes Problematisieren und
dergleichen. Selbst heute noch versuchen viele, über den Mangel an
eigener unmittelbarer Empfangsbereitschaft sich mit dem Schlag-
wort hinwegzuhelfen, das Künstler wie Kandinsky und Feininger,
Jawlensky und Klee „problematisch“ seien. Freilich haben diese
Bilder der groben praktischen Sinneserfahrung nichts zu sagen.
Aber ihre Geistigkeit bricht durch Sinnliches hervor, schafft
sich im Sinnlichen das notwendige Medium, den Glühstoff sozu-
sagen, um leuchten zu können. Höchste, geistig geschärfte Hell-
sichtigkeit der Sinne bringt diese Farben zum Schwingen, läßt
in tiefgründigen Raumvisionen ein Spiel von feingespannten
Saiten erzittern und deckt hinter Erscheinungen der Natur
rätselhafte Verstrickungen mit anderen Welten auf. Das Sichtbare
wird zum Gleichnis einer Harmonie, in der die geheimsten
Fühler unserer Seele und die letzten Bindungen unseres Daseins

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