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Bock, Franz
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters: oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung (Band 1) — Bonn, 1859

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https://doi.org/10.11588/diglit.26750#0492
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— 412 —

Priesterthum die Weihe und Aufnahme der Priester zum Tempel“
dienste nicht mehr geschah durch Oelung und Salbung, sondern
durch Uebergabe und Anlegung der einzelnen, vorhin beschrie-
benen Gewänder. Die Priester des zweiten Tempels waren dem
Ebengesagten zufolge also keine Priester der Salbung, sondern
Priester der Einkleidung. Durch diese Veränderungen, die nach
dem Baue des zweiten Tempels den Einrichtungen des ersten
Tempels gegenüber eingetreten sind, dürfte auch der Umstand
seine Erklärung finden, dass die Angaben des Flavius Josephus
in Betreff der Form und Beschaffenheit der zu seiner Zeit beim
Tempeldienste gebräuchlichen Gewänder in einzelnen Details nicht
mehr in Einklang zu bringen sind mit den Vorschriften, die
Moses selbst im Buche Exodus auf Geheiss des Herrn anführt.')
Abgesehen davon, dass mehrere der oben beschriebenen Gewän-
der, wie sie das Gesetz Moses ausdrücklich anordnet, im Laufe
der Zeiten ihrer äussern Form nach mehr oder AvenUer modi-

Ö

ficirt worden sind, war im zweiten Tempel die künstlerische An-
fertigung der priesterlichen und hohenpriesterlichen Gewänder einer
besondern Kaste von Kunstwebern und Stickern übertragen, die
anstossend an den Tempel, nämlich an der rechten Seite des Ein-
gangsthores des Nikanors, eine besondere Werkstätte hatten. Die-
selbe wird von ältern Schriftstellern „yvvaüaiov“ oder „textrinum“
genannt. Dieser Manufactur, in welcher nicht nur die priester-
lichen und hohenpriesterlichen Gewänder, sondern auch die Vor-
hänge des Tempels angefertigt wurden, stand vor, wie die Tal-
mudisten das angeben, ein „präfectus templi“ und zwar bezeichnet
als solchen der unten citirte Codex1 2) einen gewissen Pinchas. Die-
ser Pinchas hatte als „vestiarius“ nicht nur, nach Ansicht Einiger,
die Verpflichtung, den Priestern bei Anlegung der h. Gewänder
behülflich zu sein, sondern er trug auch Sorge für die Aufbe-
wahrung nach Ablegung derselben und für die Anfertigung von
neuen. Dieser Ansicht stimmt auch der gelehrte Maimonides3)
bei, indem er anführt, dass dieser Pinchas als Präf'ect gesetzt ge-
wesen sei über jene Künstler, die den nöthigen Tempelbedarf an
gottesdienstlichen Gewändern angefertigt hätten; auch fügt Mai-
monides noch hinzu, \lass derselbe seine Arbeitsstätte unmit-
telbar beim Tempel gehabt habe.

1) In den vorherigen Erklärungen haben wir an der Hand der Vorschriften
Moses’ die liturgischen Gewänder des alten Bundes zu entwickeln gesucht,
unbekümmert um die Veränderungen, die beim zweiten und dritten l’riester-
thume hier eingetreten sind.

2) Cod. Schekalim, cap. V.

3) Hilchot Kele Hammicdasch, cap. VII. sect. ult.
 
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