Boeckler, Albert
Der Codex Wittekindeus — Leipzig, 1938

Page: 9
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/boeckler1938/0013
License: Wahrnehmung der Rechte durch die VG WORT (VGG § 51, 52) Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Die Handschrift theol. lat. fol. 1 der Berliner Staatsbibliothek stammt aus der Kirche
des Dionysius-Stifts in Enger. Seit langem rühmt sich diese, Grabkirche Widukinds zu
sein. Schon im frühen 12. Jahrhundert hndet das seinen Ausdruck in der Errichtung des
bekannten Grabmals mit dem Bildnis des Herzogs. Außerdem ist Enger eine der Cellulae,
die er gestiftet hat*). Mathilde, Gemahlin Heinrichs I. und vonWidukinds Stamm*), hat diese
zum Collegiatstift erweitert, Otto der Große hat es bestätigt und reich beschenkt. Im An-
fang des 15. Jahrhunderts aber wurde das Stift mit allen Vicarien, Rechten und Besitzungen
und mit dem ganzen Kirchenschatz an die Johanneskirche des benachbarten Herford über-
führt, das als oppidum imperiale den nötigen Schutz bot; die freie Lage von Enger be-
deutete ernstliche Gefahr*). Der genannte Kirchenschatz war eine oft beschriebene Sehens-
würdigkeit Herfords*), nicht nur wegen seiner Kostbarkeit, sondern vor allem als „Reliquiae
Wittekindi Magni". Zu dieser Bezeichnung berechtigte die Überlieferung, daß Widukind
seine Cellulae mit Reliquien und sonstigen Utilitates ausgestattet hatte*). Ferner vermutete
man, es habe sich dabei zum Teil um die kostbaren Geschenke gehandelt, die Karl der Große
Widukind nach der Taufe in Attigny gab*). In der Tat befinden sich einTaschenreliquiar
und zwei Buchschließen in dem Schatz, die noch aus dem 8. Jahrhundert stammen.
Zu diesen Reliquiae Wittekindi hat auch das Evangeliar theol. lat. fol. 1 der Staats-
bibliothek gehört, das nach dem Inhalt und dem prunkvollen Schmuck von Text und Ein-
band eine ausgesprochene Schatzhandschrift ist.
Die übrigen Teile des Schatzes wurden im 19. Jahrhundert den Königl. Preußischen
Kunstsammlungen als „Schatz von Enger" zugeführt*). Das Evangeliar dagegen gelangte
schon bedeutend früher nach Berlin. In dem ältesten, 1668 datierten Handschriften-Katalog
der Kurfürstlichen Bibliothek*) führt Joh. Raue es an als Sancta quatuorEvangeliaaCapitulo
Herlordensi accepta, quae traduntur Witikindo primo Francorum regi Christiano a Carolo
M. data esse in baptismatis memoriam (zum Patenpfenning). Die auf der letzten Seite ein-
getragenen Articuli concernentes cerecensuales Angarienses") bestätigen die Herkunft aus
Enger. Genaueres über den Besitzwechsel erfahren wir aus einer nie auf den Wittekindeus
bezogenen Notiz des Berliner Historikers Zacharias Zwanzig. In seinem Ende saec. XVII
zusammengestellten Incrementum domus Brandenburgicae IV,Tit. 3, Kap. 5*°) berichtet er:
„Es waren auch bey dem Dominikaner(!)kloster und dem Grabe Wittekindi zu Engem be-
findlich die vier Evangelisten auf Pergamen geschrieben und zierlich gebunden, welche
Kayser Carolus Magnus demselben bey der Taufe soll geschenket haben. Auf der Schalen
auswärts stehet Caroli Magni Bildnüs in Onix und in Golde eingefasset**), welches Buch
aber von dem Capitulo S. Johannis nunmehr in dieKurfürstl. Brandenburg. Bibi, nach Kölln
an der Spree geschenket und allda zu sehen ist."**) Es handelt sich also um eine Schenkung
des Herforder Capitels.
') M G. SS. X S.576,12 H. q M.G. SS. III S.431,1 ff. und X S.576,17 ff. q Bulle Papst Johanns XXIII., gedruckt
z. B. bei Karl Niemöller, Enger, die Stadt Wittekinds, Bielefeld 1927, S. 147 ff. 4) Joachim Heinr. Hagedorn, Ent-
wurf vom Zustand der Religion vor der Reformation, vornämlich in Absicht der Grafschaft Ravensberg, Bielefeld
1747, S.30-32. - C. L. Storch bei Johann Friedrich Falke, Codex traditionum Corbeiensium, Leipzig 1752, S. 200 ff.
Gust. Heinr. Griese, Minden-Ravensberg, Denkmäler der Geschichte der Kunst und des Altertums, Bünde i.Westf.1934,
S. 92 ff., wo die 1825 verfaßte Beschreibung Leopolds v. Ledebur. q M.G. SS. X S.576,15. q M.G. SS. XVI, S. 497,
37 ff. und 1 S.32. ?) 1803 wurde das Stift säkularisiert, 1840 holte man die sog. Taufschale Widukinds nach Berlin, 1885
erst folgte fast der ganze übrige Schatz (in Abbildungen gut zusammengestellt bei Ludorff, Die Bau- und Kunst-
denkmäler von Westfalen XXIV, Kreis Herford, Münster 1908). q Berlin Ms.-Cat. A. 465, fol. 119'. q Der Eintrag
zeigt eine gotische Minuskel, die versucht, humanistische Schrift nachzuahmen. Das ist vor der zweiten Hälfte saec. XV
nicht möglich. Aber das Capitel hatte ja bei der Übersiedelung nach Herford alle seine Rechte behalten, und die
Einrichtung der Wachszinsigen hielt sich lange (an der Domkirche zu Münster z.B. bis zur französischen Revolution,
vgl. Zeitschrift für Vaterländische Geschichte und Altertumskunde Westfalens, 1887, S.74, Anm. 2). 4") Berlin Ms. Bor.
fol. 16, S.187 und Nicolai 117, S. 194-195. 44) Wir wissen, daß in der Mitte des Einbandes ein großer Onyx mit einem
Kopf war (siehe Anmerkung 18). 4q Gedruckt bei J. Dettmer, Zeitschrift für christliche Kunst, 1888, Kol. 3591. und
Griese 1. c. S. 93.

9
loading ...