Bohn, Richard
Die Propylaeen der Akropolis zu Athen — Berlin u.a., 1882

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Erst als die Feinde durch den geheimen Eingang von der Agraulos-
grolte her auf die Burg gekommen, da stürzt sich ein Teil der Athener
von den Mauern herab, um seinen Tod zu finden, ein Zeichen dessen,
wie hoch jene pelasgischen Mauern noch gewesen sein müssen. Und
dass sie von Toren durchbrochen waren, bezeugt die Stelle: ... bpctemro

-poc räs irüXas, Taöra; Se ÄvoESaytec . . .

Inwieweit sich hieran schon eine Zerstörung der Befestigungen
o-eschlossen hat, ist nicht bezeugt. Doch als Athen im folgenden Jahre
zum zweiten Mal Beute der Perser geworden, und dann Mardonius vor
dem vom Isthmus her anrückenden peloponnesischen Heere abermals die
Stadt räumen musste, da berichten uns Herodot und Thukydides
von einer gründlichen Vernichtung alles dessen, was noch vorhanden
oder inzwischen wieder aufgebaut war. Burg und Stadt waren ein grosser
Trümmerhaufen. ^

Sofort nach dem Abzug der Perser begann aber eine flotte Bau-
tätigkeit. Alles was nicht im Kriegsdienst war, musste Hand mit an-
legen; die Ruinen der öffentlichen und privaten Bauten gaben ein reiches
Material, nichts wurde geschont. Schnell wuchs die erweiterte Ring-
mauer aus dem Boden; die wichtigsten Lokale des Kultus und der Be-
hörden wurden notdürftig hergestellt; die Privathäuser einfach und un-
regelmässig ohne einen geordneten Gesammtbauplan. Zwei Männer sind
es vor Allen, welche den Anfang dieser Restauration repräsentieren,
Themistokles, der sein Hauptaugenmerk der Ringmauer und dem
Piräus zuwandte, und Kimon, dessen Name noch heut an der süd-
lichen Mauer der Burg haftet. Dass wir bei dieser Umwallung auch be-
sondere Schutzwerke für den Aufgang voraussetzen müssen, ist sicher,
denn welchen Zweck hätte jene, wäre der einzige Zugang nicht gleich-
zeitig geschützt worden'. Es wird eben eine Ergänzung des Früheren
gewesen sein; oder, wenn eine selbständige neue Festungstoranlage ge-
plant war, so kam sie nicht mehr zur Ausführung, da sich inzwischen
eine ganz andere Anschauung über die Bedeutung der Akropolis geltend
machte. Denn Alles, was vorhanden, verschwand unter dem grossen
Neubau der Propyläen. Es begann, als sich der Wolstand der Stadt
durch Handel schnell hob, unterstützt durch die Beute aus den Perser-
kriegen, jene gewaltige Bautätigkeit, die in dem Namen des Staatsmannes
Perikles und des Künstlers Phidias gipfelt. Neue Gesichtspunkte traten
in den Vordergrund. War die Akropolis bisher eine Burg gewesen, ein
Sitz der herrschenden Gewalt, eine Zufluchtsstätte in den Zeiten der Be-
drängnis, so trat dieses vollständig zurück gegenüber jenem neuen Ge-
danken: die ganze Felshöhe sollte zu einem heiligen Bezirk, zu ,,einem
auf gewaltigem Postament gelagerten Weihgeschenk für die Göttin" her-
gerichtet werden. Der Parthenon, das Werk des Iktinos und Kallikrates,
wurde zu den grossen Panathenäen in Ol. 85. 3. d. h. also im Jahre
438 v. Chr. vollendet; der Poliastempel war im Bau; über die anderen
Heiligtümer, das der Artemis Brauroma und der Athena Ergane wissen
wir nichts Spezielleres, ebensowenig über sonstige kleine Anlagen, welche
mit ersteren beiden in Verbindung standen. Doch werden sich alle diese
zu einem einheitlichen Gesammtplan vereint haben, dessen künstlerischen
Zugang die Propyläen bildeten. In dem vierten Jahre der 85. Olympiade
d. h. im Jahre 437 v. Chr. unter dem Archontat des Euthymenes wurde
der Bau durch Mnesikles begonnen2 und in fünf Jahren d. h. also 432
v. Chr. vollendet. Die ganze circa 55 m breite Westseite der Burg
sollte durch ein in sich gruppiertes Gebäude abgeschlossen werden. So ist
es auch nach einem einheitlichen Plan und aus einem Guss entstanden3.

In diesem Gedanken4, die Akropolis als einen heiligen Ort zu be-
trachten, traten auch die bisher beobachteten fortifikatorischen Rücksichten
vollständig in den Hintergrund. Die Stadt als solche war durch ihre

1 So urteilt auch C. Wachsmuth a. a. O., pag. 539, Anmkg. 1.

2 Plutarch, Pericl. 13, zä öe tfporcüXaca ivjc olitßomSXewi; l£eipfö:a&7] piv ey weVTasricj
i\lv7]aiyJ,doüg äp/itewtÖDyioc. Harpokrat bei Suidas u. d. W. ffipojuöXäia Taöta — fiepi Se twv
JüponuXaHOv tyjc ay.poitöXews, wc Int E&ä-opiyoos apyovroc oty.oSop.eiy $jp£aVT0 'A^vjvatpt Mvyjaty.Xeooc
ap'YWextoÖVTOc, aXXoi ts ioxöp^xaai r.ai <I>iXo-/opos ey z-ft S\ TiXcdSwpoc 8' ey a' zepi xvjs 'A&yjv^atv
ÄxposöXetög p.e{F eiepa y.ai raörä tpriaiv „ey ereaL p.ev e' iravreXÄC e£e7;on]&7]".

3 Darnach ist auch die Vermutung von Brunn (Gesch.' d. griech. Künstler, II,
pag. 17) abzulehnen, dass der Nordflügel der Propyläen früher entstanden sei als der Haupt-
bau. Dieselbe ist wol nur durch die, wie wir später sehen werden, irrige Voraussetzung
hervorgerufen, dass jener Teil durch Wandgemälde von Polygnotos geschmückt gewesen
sei. (So urteilt auch C. Wachsmuth a. a. O. pag. 546, Anmkg. 1.)

* Vgl. E. Curtius in der Archäolog. Zeitung. 1854. pag. 203.

Ringmauer geschützt und mit den befestigten Häfen verbunden, die ein-
zelnen Heiligtümer bedurften eines besonderen Vertcidigungswalles nicht;
und in dem Augenblick, wo die Akropolis zu einem der Göttin heiligen
Bezirk bestimmt wurde, verlor sie ihren militärischen Charakter. Wol
Hess man die nur wenige Jahrzehnte vorher in ungewissen Kriegszeiten
errichteten Mauern bestehen, dienten sie doch dazu, was der natürliche
Fels allein nicht vermochte, ein scharf und regelmässig begrenztes Plateau
zu schaffen, welches sich durch die nahezu senkrechten Wände in be-
stimmt markierten und klaren Umrissen über dem profanen Treiben der
Unterstadt erhob. Eine Brustwehr mag die gesammte Fläche umhegt
haben, wie wir in der bekannten Nikebalustrade ja noch jetzt einen
Rest dieses Gedankens wiederfinden, der aber mit Rücksicht auf seine
nächste Umgebung eine künstlerische Vollendung erfahren hat. So trat
auch in dem einzigen Zugang das Festungstor zurück; es wurde ein
Festportal, bei dessen Entwurf keine militärischen Rücksichten den Künstler
leiteten \

Man hat nun versucht, eine besondere Befestigung unterhalb der
Propyläen anzunehmen2 in dem Gedanken, dass ein Widerspruch darin
läge, rings die Burg zu umwähren, aber den Zugang nur durch ein fest-
liches Portal zu schliessen. Jedoch technische Merkmale, welche eine
Erklärung hiefür bieten könnten, liegen nicht vor — denn die sog. Beule'-
schen Türme gehören in die Kaiserzeit [vgl. pag. 6 und II, pag. 36 ff).
Und was, wie wir später sehen werden, an Mauern oberhalb noch er-
halten, kann kaum in dem Sinne als Festungswall betrachtet werden.
Und doch muss, vielleicht erst in späterer Zeit entstanden, tiefer unten
eine verteidigungsfähige Linie gewesen sein; denn wie hätte sonst im
Jahre 86 v. Chr. Aristion auch nur wenige Tage die Burg gegen Sullas
Macht halten können? [vgl. pag. 5 f.].

Dieses Bauprogramm der Propyläen, die Westseite der Burg durch
ein würdiges Festportal zu schliessen, welches zugleich auf die Heilig-
tümer vorbereitete, ist in meisterhafter Weise mit geschickter Terrain-
benutzung gelöst. Die ältere Richtung konnte nicht beibehalten bleiben;
eine neue Axe wurde geschaffen, die mit der Längenentwickelung der
Burg übereinstimmte. Zwischen zwei im Norden und namentlich im
Süden stärker vorspringenden Felskuppen führte eine Terrassenanlage
zu einem durch die nötigen Substruktionen hergerichteten Plateau. Ein
durch vier Stufen emporgehobenes Vestibül vermag eine grosse Anzahl
Eintretender zu fassen, während umlaufende Sitzbänke zum Ausruhen
einladen. Sechs dorische Säulen bilden seine Front, beiderseits ist es
von Mauern geschlossen. Zwei Reihen schlanker ionischer Stützen, die
in ihren charakteristischen Kapitalen dem Kommenden den Weg weisen,
teilen den mittleren Durchgang von den Seitenschiffen ab. Hoch spannt
sich darüber die Felderdecke aus weissem Marmor3. Entsprechend den
fünf Interkolumnien des Hexastyls öffnet sich die wiederum durch fünf
Stufen gehobene Abschlusswand, der eigentliche Kern des Baues, in fünf
Toren; das mittelste gewaltig breit und hoch, beiderseits von je zwei
kleineren Pforten flankiert. Östlich davor liegt eine abermals sechssäulige
Halle, aber von geringerer Tiefe. Und trat man durch sie hinaus auf

1 Ich kann daher den von M. Leake: Topography of Athens. 2. Auflage (übersetzt
von Baiter u. Sauppe. Zürich 1844) pag. 227 ff. und von Bursian im N. Rhein. Mus.
X, pag. 505 f. ausgesprochenen Ansichten nicht beipflichten, dass das Programm der
Propyläen auch von militärischen Gesichtspunkten bedingt sei. Denn zu dem Begriff
eines Verteidigungswerkes gehört vor Allem eine passende und gedeckte Stellung des
Abwehrenden. Nirgends aber finden wir eine solche; der in erster Linie stets angeführte
Nikepyrgos war in seiner jetzigen Gestalt nicht zu diesem Zwecke geschaffen, sondern
in den Propyläenplan eingefügt worden. Und wo soll man sich hier die Kämpfenden
stehend denken? Wie viele finden auf der Westseite in den schmalen Interkolumnien
Platz, wie viele auf dem spitz zulaufenden Dreieck an der Nordseite ? Dabei nach jeder
Richtung hin an der freien Bewegung behindert. Wo soll der ,,Hagel von Geschossen
und Steinen" herkommen, da nur wenige Leute zwischen den Säulen der Flügelbauten
stehen können, die ihrerseits vollständig ohne Deckung ebenso den Pfeilen der in breiter
Flucht anstürmenden Gegner biossgestellt sind. Und weiter widerspricht es allen Regeln
einer fortifikatorischen Anlage, dass den Verteidigern in den Flügelbauten vollständig
der Rückzug abgeschnitten ist, sobald die Angreifenden bis zur Mittelhalle vorgerückt
sind. Und dass dort der Kampf für den Vordringenden viel schwerer sei als für den
Abwehrenden, vermag ich nicht einzusehen; dann die fünf eichenbeschlagenen Türen, die
ihm „entgegenstarren". Wo bleibt der weichende Belagerte? Muss er nicht durch diese
Tore zurück und dringt nicht mit ihm zugleich der Feind nach! Oder soll man glauben,
dass derselbe so lange warten wird, bis der Gegner entwischt ist, und die Tore ver-
rammelt sind. Der Charakter eines Festungstores ist eben ein durchaus anderer.

2 Vgl. E. Beule, l'acropole d'Athenes, pag. gg f.; auch C. Wachsmuth a. a. O.
pag. 546 schliesst sich diesem Gedanken im Prinzip an.

a Pausanias, Attic. 22. 4.
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