Braun, Emil
Antike Marmorwerke: 1. u. 2. Decade — Leipzig, 1843

Seite: 21
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Auf dem Sarkophag von Barcelona bei la Borde und Welcker steht Minerva zu dem Pluto in
einem ähnlichen Verhältniss wie anderwärts zu Heroen, die schwere Abenteuer bestehen. Sie kehrt
deshalb in der Darstellung auch zweimal wieder, ebenso wie die Hauptpersonen selbst. Auf dem neapoli-
taner Sarkophag erscheint sie vor dem Wagen der Ceres. Proserpina, die vor ihr auf der Erde kniet,
streckt den Arm gleichsam abwehrend nach ihr aus, indem sie sich gleichzeitig nach dem Pluto rück-
wärts erschrocken umsieht. Beide erscheinen ihr fürchterlich, von Beiden sieht sie sich bedrängt die
verlassene Jungfrau. Ich beziehe auf diesen Moment und auf das gleiche Verhältniss das Fragment
im Douvre, Clarac pl. 111, 246, welches Winckelmann für Aiax und Kassandra nahm.

Unserer Minerva mit Lorberreis entspricht in dem kapitolinischen Marmor die Victoria mit Kranz
und Palme, welche ebenfalls dem Viergespann entgegeneilt, den siegreichen Herrscher begrüssend.
Daher kehrt sie auch auf dem Sarkophag der Villa Giustiniani-Massimi wieder, leider fragmentirt;
zufällig ist ihr Erscheinen nicht.

Bisher nahm man die Pallas, welche dem Viergespann entgegeneilt, immer in dem Sinne, als
wolle sie demselben den Weg verrennen. So auf dem Relief im Saale der Musen des vaticanischen
Museums, und den andern beiden in Villa Medici zu Rom und Palast Rucellai in Florenz. Der frag-
mentirte Zustand dieser Denkmäler war vorzüglich Ursache, dass man die wahre Bedeutung der Göttin
verkannte.

Die Venus kommt in ähnlicher Verbindung auf dem Cavaceppischen Sarkophag vor. Welcker
bemerkt von ihr scharfsinnig, „dass Aphrodite dem fahrenden Pluton voran ist, in Hast, gleichsam das
Liebeswerk zu Ende zu führen". Diese Deutung bestätigt unsere Vorstellung auf das Genügendste.
Artemis ist in solcher Situation, Verbindung und Darstellungsweise einzig. Der Hauptschmuck
bezeichnet sie deutlich. Mit selbigem kommt sie auch auf Vasen und Münzen vor. Dass auch sie an dem
Verrath der beiden andern Göttinnen Theil habe, stellt sich nirgends auf so schlagende Weise heraus.
Weder der Mutter noch der Tochter zeigt sie sich hülfreich. Jene zurückzuhalten, scheint ihr alleiniger
Zweck zu sein. Auf dem Sarkophag im Hofe des Palastes Giustiniani umgeben Venus und Diana-Luna
(so muss ich sie wegen des langen Chitons und der Fackel, die sie zu halten scheint, nennen) die
Hauptgruppe als wollten sie die Cerestochter dem Fürsten der Schatten gleichsam übergeben.

Schriftliche Zeugnisse gibt es für diesen Verrath der Schwestern an der Kora nicht. Claudian I,
229 ff. sagt nur, dass Athene und Artemis die Aphrodite begleiteten, als sie vom Zeus den Befehl
erhalten hatte, den Pluto zu begünstigen. Eine Theilnahme der Intrigue der letzteren ist dadurch auf
keine W^eise angedeutet. Die Stelle des Orphikers (Argon. 1192—96) lässt die Sache unentschieden:

vis tiots üf^ascpov^v rtosv av&sa %£Qol TfJtnovoav
i^cmacpov avv6f.iain.oi av evyv ts y.ai fiiya alaog'
avxaQ MtiuS? uig uiv Tllovrevg, y.vavoT(>i%as mnovg
X,Ev£au£Vos, xovqtjv lneßr}aa.TO daifiovos cuarj,
äonagag (T eipsoev Siä xv/.mros aTQvyiroio.

Da Parallelstellen fehlen und die Worte $&na<pov avv^aifmi recht gut und ungezwungen auf Zeus und
Pluto bezogen werden können, so trete ich der Meinung Schneider's bei, der sie so versteht. Die Einfach-
heit des epischen Sprachgebrauchs macht dies auch wahrscheinlicher, sowie das ganze Colorit der Stelle.

Wenn ich mich bei der Analyse dieses Reliefs habe kurz fassen können, so danke ich dies der
gründlichen und durch treffliche Methode ausgezeichneten Abhandlung Welcker's. Zoega's gewissenhafte
Arbeiten finden sich aufs Beste verwendet. Unser Interpretationsversuch mag vorerst als ein Nachtrag
zu jener Abhandlung betrachtet werden, in der alle Thatsachen so unparteiisch aufgereiht sind, dass
sie, auch wenn unser Vorschlag Billigung finden sollte, ganz denselben Werth behalten.

Auf der Seitenfläche unsers Sarkophags sieht man eine Sphinx mit Stirnkrone, nicht kauernd
wie sonst zumeist, sondern eilig jagend. Sie soll hier wol die Ungeheuer vergegenwärtigen, mit denen
der Vorhof der Hölle angefüllt war und unter denen die Sphinx namhaft gemacht wird.

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